Paul Anka und die Gretchenfrage

Als Show-Star kennen ihn Millionen. Als Christ nur wenige. Paul Anka „outete“ sich in einem Gespräch mit WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan während Filmaufnahmen in Österreich. Dieses Gespräch  wurde erklärtermaßen zum Lieblings-Interview des Welt-Stars. Es war ihm unverkennbar ein Anliegen, über seine innersten Überzeugungen zu sprechen; nur hatte ihm noch keiner die richtigen Fragen gestellt. „Noch kein Journalist hat ein so gutes  Interview mit mir geführt“, bekannte er denn auch nach dem Treffen – das er vor Begeisterung zum Ärger einer ganzen Film-Crew maßlos zeitlich überzog.

Paul Anka mit Stefan Teplan

Paul Anka mit Stefan Teplan. Handschriftliche spontane Anka-Widmung: „To Teplan. It was a great talk. Thank you till next time. Paul Anka“

(Ausriss aus WELTBILD Nr. 10/1996. Das Foto machte S.e.t.)


„Ort des Geschehens: Schloss Prielau bei Zell am See. Domizil des amerikanischen Weltstars und Multimillionärs Paul Anka während zweitägiger Dreharbeiten für eine TV-Show. Fünf Minuten waren für das Interview unseres Kollegen Teplan eingeplant, kurze Fragen, die knappe Antworten hinterlassen. Zweimal kam der Regisseur ins Zimmer, um den Star auf Drehplan und Kamerateam aufmerksam zu machen. Doch das störte den Meister nicht. So wurden aus den fünf Minuten 40; und danach bedankte sich nicht nur Teplan, sondern auch der Interviewte ausdrücklich für das „wundervolle“ Gespräch.“

(WELTBILD-Chefredakteur Peter Goldmann in der Haus-Mitteilung „Aus der Redaktion“, Magazin WELTBILD, Nr. 10/ 1996 (s. folgenden Foto-Ausriss; das Foto machte S.e.t.

***

Stefan Teplan: Unter den Superstars sind Sie fast ein Unikum: Man hat nie etwas von Skandalen, Affären, Drogen oder Allüren bei Ihnen gehört. Was für eine Lebensphilosophie haben Sie?

Paul Anka: Diese Welt ist nicht perfekt. Und man muss sich entscheiden, was man will. Ich habe mich dafür entschieden, dass ich die Menschen, die mir in meinem Leben wichtig sind, behalten will. Ich habe sehr jung im Show-Geschäft angefangen. Ich war 16. Und ich habe ein starkes Verantwortungsgefühl. Wenn ich eine Verpflichtung eingehe, dann halte ich sie auch ein. Das habe ich gelernt. Ich habe viele Werte zu schätzen gelernt in den Jahren, in denen ich in diesem Geschäft bin – als ich begann, steckte der Rock’n’Roll ja noch in seinen Kinderschuhen. Diese Werte geb ich nicht auf. Darin bin ich konsequent.

Stefan Teplan: Von welchen Werten sprechen Sie?

Paul Anka: Es kommt darauf an, richtig zu leben. Das ist in diesem Geschäft sehr schwer. Aber mir war es über alles wichtig, eine Familie zu haben, ihr immer nahe zu sein. Ohne sie wäre vieles von dem, was ich mit meinen Talenten erreicht habe, bedeutungslos. Dafür will ich immer dankbar sein. Denn als ich in Show-Business angefangen habe, hatte ich nichts außer einem Zugticket nach New York und 100 Dollar in der Tasche. Doch ich habe mich vor langer Zeit entschlossen, hart zu arbeiten und erfolgreich in dieser Branche zu sein.

Stefan Teplan: Andere Erfolgreiche heben oft ab und haben selten gut funktionierende Beziehungen. Aber Sie wirken so völlig normal und einfach.

Paul Anka: Ich weiß, es gibt sehr wenige, die so leben. Ob das jetzt Leute im Show-Business oder Banker oder was immer sind. Aber ich kann nur wiederholen: Die Familie hat für mich den höchsten Wert. Absolut.

paul-anka-interview-weltid-nr-10-1996

Ausschnitt aus Paul-Anka-Interview in WELTBILD Nr. 10 / 1996

Stefan Teplan: Da wir von Werten sprechen: Sind Sie eigentlich religiös?

Paul Anka: Ja; ich glaube an Gott. Und je älter ich werde, umso mehr befasse ich mich damit, will mehr hinter die Dinge sehen, warum ich hier bin und was es außer dieser Welt noch gibt.

Stefan Teplan: Welcher Religion hängen Sie an?

Paul Anka: Ich bin gläubiger Christ. Meine Frau ist römisch-katholisch und wir erziehen unsere Kinder auch römisch-katholisch. Ich habe fünf Töchter. Eine lebt hier in Europa. Sie hat einen Deutsch-Schweizer geheiratet.

Stefan Teplan: Dann hat also der katholische Glaube einen großen Einfluss auf Ihr leben, besonders auf Ihr Familienleben?

Paul Anka: Man muss etwas haben, an das man glauben, worauf man vertrauen kann. Und man muss etwas haben, was seinem Leben ein Gerüst verleiht, das einen Moral und andere Dinge lehrt. Und das tut die Religion. Das kann für den einen hilfreicher und wichtiger sein als für den anderen. Aber ich denke, Religion und Familie gehören zu den wenigen Dingen, die wir haben, wenn wir in den Wirrnissen des Lebens einen Halt haben wollen.

Stefan Teplan: Dann ist es sicher auf Ihre religiöse Haltung zurück zu führen, dass Sie mit Ihrem Nummer-1-Hit „You’re Having A Baby“ gegen Abtreibung Stellung bezogen?

Paul Anka: „You’re Having A Baby” war ein sehr persönliches Lied. Und in diesem Lied überlasse ich der Frau die Wahl. Was Abtreibung betrifft, so glaube ich, dass man die Menschen mehr erziehen muss. Dazu erziehen, ihre Verantwortung überhaupt zu sehen und zu begreifen, was es heißt, ein Kind zur Welt zu bringen.

Stefan Teplan: Empfinden Sie als Idol eine besondere Verantwortung?

Paul Anka: Ich denke schon, dass ich da eine besondere Verantwortung habe. Sänger, Fernseh-, Kinostars erreichen schließlich sehr viele Menschen. Ich mag zwar keine Beschränkungen, ich will meine Meinung frei sagen können. Aber irgendwie müssen wir im Show-Geschäft auch Verantwortung empfinden, weil wir einen großen Einfluss haben. Und ich glaube, wenn man Talente bekommen hat, muss man sich Gedanken machen, was man damit bewirkt. Man kann ja sehr viel Gutes damit erreichen. Und man lebt nun einmal in einer besonderen Stellung. Dessen muss man sich bewusst sein. Wenn man das aus dem Auge verleirt, wie das viele Künstler tun, zerstört man sich selbst. Viele, die Sie und ich heute kennen, haben Probleme bekommen, die letztlich auch ihre Karriere kaputt gemacht haben.

Stefan Teplan: Sie gelten als einer der reichsten Show-Stars überhaupt. Wie gehen Sie als Christ mit Geld um?

Paul Anka: Ich habe andere Begriffe von Reichtum. Mein Reichtum sind die Leute in meinem Leben. Zum Geld: Ich bin sicher, dass jeder im Show-Business sehr viel verdient. Aber das liegt in der Natur dieser Branche. Man wird damit eben sehr leicht reich. Wenn man das ist, muss man damit aber auch richtig leben können. Was mir Probleme bereitet, ist die Tatsache, dass wirklich sehr viele überbezahlt sind und nicht damit umgehen können, dass sie keinen Respekt mehr vor ihren Machern und Managern haben. Ich habe gesehen, wie schlecht sie ihre Fans behandeln. Ich glaube, sie kriegen einfsach zu viel Geld. Aber manche von ihnen haben ja auch kein Problem mit dem Erfolg.

Stefan Teplan: Spenden Sie auch für wohltätige Zwecke?

Paul Anka: Ich tue das seit vielen Jahren. Ich tue viele Dinge, von denen Sie nie lesen. Ich unterstütze Einzelpersonen, Organisationen, ich spende viel. Das gehört für mich dazu, wenn man viel Geld verdient. Ich finde, man muss auch zurückzahlen. Und das habe ich immer getan.

Stefan Teplan: Wie sieht eigentlich Ihr ganz normales Alltagsleben aus?

Paul Anka: Es ist ein anderes Leben als das vieler Menschen – von außen betrachtet. Von innen betrachtet ist es aber nichts anders als das Ihre – was die Hingabe an den Beruf betrifft. Ich mache das schon so lange, dass es mir zur zweiten Natur geworden ist. Ich habe einen sehr vollen Terminkalender. Ich toure mit meinem Team rund 35 Wochen im Jahr rund um die Welt. Ich trete in las Vegas auf, gebe Konzerte in Casinos, in anderen US-Städten, in Asien, in Südamerika. Die letzten Monate hatte ich sehr viel Arbeit mit einem amerikanisch-spanischen Album, in dem ich viele verschiedene Leute zusammengebracht habe, unter anderem die BeeGees, Julio Iglesias und Tom Jones. Es war eine Riesenarbeit, meine Songs für diese Leute zu bearbeiten. Außerdem habe ich gerade einen Film mit Richard Dreyfuss gemacht, der im Herbst in die Kinos kommt. Ich glaube, dass viele Leute gar nicht ahnen, wie viel Arbeit in unserem Geschäft geleistet werden muss und dass nicht alles nur Glamour ist. Die meisten würden wahrscheinlich Todesängste ausstehen, wenn sie selbst einmal auf einer großen Bühne stehen müssten. Wer das aber kann, sollte sein Talent auch dazu nutzen, den Menschen etwas Gutes zu vermitteln. Ein Star zu sein hat für mich auch immer eins bedeutet: mich als Mensch zu präsentieren. So dass die Leute fühlen: An dir ist etwas Echtes dran.

Stefan Teplan: Vielleicht erklärt das ihren Erfolg, sich über vier Jahrzehnte hindurch an der Spitze zu halten.

Paul Anka: Ja, ich denke, es ist wichtig, mit sich selbst ehrlich zu sein. Denn wenn man das nicht ist, wird einem auch sonst niemand glauben. De Leute erkennen sehr wohl, wer echt und professionell ist und wer nicht. Sie wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Der Wichtigste für den Künstler ist immer der, der ihn im Radio hört, seine Platten kauft, über ihn in der Zeitung liest, der ihn letztlich bezahlt. Ich habe jetzt 39 Jahre lang große Erfolge gehabt und mische immer noch ganz gut mit. Ich empfinde es als große Ehre, dass ich das so lange tun darf. Denn viele, mit denen ich zusammen groß wurde, Elvis Presley und die ganzen Rock’n’Roll-Stars leben nicht mehr oder sind weg vom Fenster, haben sich teilweise selbst zerstört. Aber man hat eine Verantwortung für sein Leben.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1996

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Kommentare

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 5, 2009 at 10:56 pm

    Danke schön, einen Paul Anka kannte ich noch nicht mal dem Namen nach. Die katholische Familie mit 12 Kindern, in der ich als drittes Kind aufwuchs, lebte doch wohl einigermaßen hinterm Mond. Ich meine, das hat ja nun auch nicht geschadet. Lern ich den Namen und Sänger halt jetzt als fast 61-jährige kennen. Und wär er mir hier entgangen, hätt ich den Geist vielleicht mal im Jenseits gesprochen, wo alles noch wieder anders aussieht.

    Also, hat mich gefreut. Habe ihn mir in youtube angeschaut und angehört.

    Elisabeth

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