Michael Walsh – Casablanca mon amour

Mit seinem Roman „Für immer Casablanca“ schreibt US-Autor Michael Walsh die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts fort. Kann die Geschichte um Rick und Ilsa aus dem Hollywood-Melodram „Casablanca“, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, überzeugend weitergehen? „Wie lange dauert eine große Liebe?“ (Slogan des Schneekluth-Verlags für den Buchstart). Stefan Teplan ging der Frage auf den Grund und sprach mit Michael Walsh auf dessen Feriensitz in Irland.

Wie lange dauert eine große Liebe? Sechs Jahre – bis zum verflixten siebten? 50 Jahre – bis zur goldenen Hochzeit? Ein Leben lang – bis der Tod sie scheidet? Natürlich lebt sie ewig. Warum? Weil sie auch nicht einen Tag nur eine Chance erhält. Die größten Liebesgeschichten sind immer noch die, in denen sich die Verliebten nie kriegen. Geschichten, die ein Happy-End verbieten, weil ihre Endstation Sehnsucht und nicht Erfüllung heißt. Eine große Liebe muss tragisch sein. Unmöglich, dass sie in der Banalität einer alltäglichen Beziehung endet. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Julia je von Romeo zur Schnecke gemacht wird, weil sie wieder einmal Marmelade auf den Küchenboden gekleckert hat?

Herz, das wusste schon Shakespeare, reimt sich auf Schmerz. Das wussten auch die Schreiber der größten Love-Story unseres Jahrhunderts, des Evergreen-Melodrams um Rick und Ilsa in dem Leinwandopus, das seit 56 Jahren – trotz Spielberg, trotz Redford, ja Spielberg und Redford zum Trotz – die Hitliste der größten Kinofilme aller Zeiten anführt: Casablanca! Ein Name, der längst für mehr steht als für eine Stadt in Marokko oder einen Film aus Hollywood, ein Begriff, der zu einem Synonym für Sehnsucht und unerfüllte Liebe geworden ist.

Über das Geheimnis seines magischen Charmes wurde schon viel gerätselt. Die plausibelste Lösung kommt von einem, der es wissen muss, schließlich war er dabei: Leonid Kinskey. Kein Begriff? Als Kinskey vielleicht nicht, doch als Sascha kennt ihn jeder: Er spielte den Barkeeper in Casablancas berühmtem „Rick’s Café Americain“ Seine Version des Erfolgsrezepts: Der unwiderstehliche Reiz des Films bestehe darin, dass „Rick und Ilsa genau wissen, dass sie sich am Ende nicht bekommen werden! Schlimmer noch, dass sie sich nie wiedersehen werden!“

Das alles haben wir jahrzehntelang brav geglaubt. Dass eine große Liebe kurz sein muss, um lange zu dauern. Doch Gott sei Dank hat sich Kinskey geirrt. Rick und Ilsa sehen sich wieder! Casablanca geht weiter! Zunächst als Roman, bald aber mit Sicherheit auch als Film. US-Autor Michael Walsh sorgte mit seinem 416-Seiten-Buch „Für immer Casablanca“ (Schneekluth Verlag, 44 Mark) –es erscheint soeben in 15 Ländern mit einer Startauflage von insgesamt einer Million – für die Sensation des Herbstes auf dem Medienmarkt. Walsh ist nicht der erste, der sich an einer Fortsetzung des Traumfabrik-Stoffs versucht hat. Aber er ist der erste, dem dies überzeugend gelungen ist.

Alle Bedenken, einen Mythos zu zerstören, räumt er selbstbewusst aus. „was Kinskey erzählt hat, mag für 1941 (als Casablanca gedreht wurde – Anm. des Autors) gegolten haben“, erzählt er. „Aber jetzt haben wir 1998. Da sieht vieles eben anders aus.“

Wie Wals das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hat, erscheint so simpel und klar, dass man sich wundern muss, wieso nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. „Ich bin diese Geschichte einfach ganz logisch angegangen. Es ist ja im Film schon so vieles fertig vorgegeben, was man nur konsequent weiter entwickeln muss. Ich musste keine Charaktere mehr erfinden, ich wusste, wer und wie Rick und Ilsa und Viktor Laszlo sind, wie sie aussehen, wie sie handeln, in welche Zeit sie gestellt waren. Also musste ich die Handlung nur in die historische Situation einbetten.“

Die historische Situation bildet den Auftakt zum Buch: „7. Dezember 1941… Krieg! Von der Sahara bis zu den Steppen Zentralasiens steht Europa in Flammen! … Das leidende Europa blickt gen Himmel und hat nur eine Frage auf den Lippen: Kann irgendjemand die Deutschen aufhalten?“

Das liest sich zunächst nicht gerade nach der Fortsetzung der Liebesgeschichte des Jahrhunderts. Aber schließlich ist Casablanca noch etwas mehr als das. „Es ist“, so Walsh, „ebenso ein Thriller mit nicht allzu viel Action, ein Kriegsdrama mit Nazis, Spionen, Transitvisa und all dem.“

Die Fortsetzung hält sich auch darin an die Vorlage: Sie ist faszinierende Love-Story und atemberaubender Polit-Thriller in einem. Ilsas Ehemann Viktor Laszlo ist Als tschechischer Widerstandskämpfer eine der meistgesuchten Männer des Dritten Reichs. Er flieht – Schluss-Szene Casablanca – mit Ilsa nach Lissabon. Von dort – Fortsetzung Walsh – hetzt er weiter nach London , um mit Ilsa einen Auftrag zu erfüllen, der „gefährlicher ist als alles, was ich jemals gemacht habe.“ Er wird einer der Drahtzieher in einem entscheidenden Attentat des Dritten Reichs. Gleichzeitig ist auch Ricks Zeit in Casablanca abgelaufen. Seine Flucht ist allerdings weniger politisch motiviert: Er will, er muss Ilsa nachreisen.

Wo wird er ihr wieder in die Augen sehen.? In Lissabon, in London, in Prag? In Paris, wo ihre große Liebe begann? Die Erleuchtung kam Michael Walsh kurioserweise nicht, während er am heimischen Schreibtisch brütete, sondern – auf einem Parkplatz. „Ich wartete dort vor einem Supermarkt auf meine Frau. Plötzlich hatte ich den Geistesblitz, wusste genau, wer Rick war, warum er nicht in dien USA zurück konnte, und wie es mit ihm weitergehen musste. Wie gesagt, gibt es in dem Film genügend Hinweise auf eine mögliche Fortsetzung. Ich musste das alles nur wie ein Puzzle zusammen setzen. Casablanca spielt am Vorabend des Angriffs der Japaner auf Pearl Harbour. Und es symbolisiert auch den Eintritt der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg, dass Rick in meinem Buch in das Kriegsgeschehen verwickelt wird. Er konnte nicht immer in Casablanca sitzen.“

So wie Walsh nicht sein Leben lang in Redaktionsstuben sitzen wollte. Der Journalist – er schreibt seit 1981 für das US-Magazin TIME – fasste vor drei Jahren einen Entschluss: „Ich wollte als Schriftsteller leben. Als ich 45 wurde, dachte ich mir: Wenn du jetzt nicht damit anfängst, wird das nie etwas. Ich schrieb dann meinen ersten Roman, den Spionage-Thriller ‚Exchange Alley‘. „ Der fand zwar beim Publikum nicht allzu große Aufmerksamkeit, dafür aber bei Lektoren des Verlags Warner Books. Das Tochterunternehmen des Filmimperiums Warner Bros. Suchte gerade einen Autor für eine Fortsetzung von Casablanca. Walsh konnte ihnen genau das liefern, was sie wollten.

Warner Books und Warner Bros. Haben schon vor sieben Jahren einen modernen Klassiker recycelt: „Scarlett“, die Fortsetzung des Bestsellers „Vom Winde verweht“., geht auf ihr Konto. Der Film wurde ein Flop, die Kritik nicht müde, über das Sakrileg zu wettern, sich an einem Klassiker zu vergreifen. Packt da Walsh nicht die Angst, es könnte ihm ähnlich gehen? Er bleib t gelassen: „Der Film wurde ein Flop, das Buch ein Verkaufsschlager. Die Autorin Alexandra Ripley verdiente damit fünf Millionen Dollar. Einen solchen ‚Flop‘ würde ich auch gerne landen.“

Die Zeichen stehen auf Erfolg. Während das Geschäft mit dem Buch in den USA relativ bescheiden anläuft, meldet der Schneekluth Verlag, der für die deutschen rechte rund eine Million Mark bezahlte, einen neuen Rekord: Schon vor dem Buchstart (Erstauflage 150.000) gingen 170.000 Vorbestellungen ein. Eine Resonanz, wie man sie selten in der Geschichte des deutschen Buchmarkts erlebt hat – nicht zuletzt danke einer ausgetüftelten Werbekampagne des Verlags, der seit Monaten Appetit auf eine Fortsetzung gemacht hatte, unter anderem mit dem Plakat-Slogan „Wie lange dauert eine große Liebe?“

Schon schreibt Walsh an seinem dritten Roman, über einen berühmten Gangster der Unterwelt-Geschichte. Wie auch immer sie ausgeht, ein Happy-End steht bombensicher fest: die große Liebe zwischen Walsh und seinen Verlegern.

Copyright ©: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung: Magazin WELTBILD Nr. 21, 1998

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