Die Wandlung der Karin Struck

Die deutsche Schriftstellerin Karin Struck (1947-2006) wurde 1973 mit ihrem Debütroman „Klassenliebe“ schlagartig berühmt. Für viel Aufsehen undAnsehen sorgten weitere Bücher wie unter anderem „Die Mutter“ (1975), „lieben“ (1977) oder „“Blaubarts Schatten“ (1991). Für noch mehr Aufsehen freilich sorgte ihre Wandlung von der Atheistin und dem Aushängeschild der linken Szene zu einer überzeugten Katholikin, die plötzlich traditionelle Werte verteidigte. Stefan Teplan hat sie 1996 in ihrem Haus in Westfalen besucht und mit ihr über diese Wandlung gesprochen.

Stefan Teplan: Wie wird man von einer Galionsfigur der alternativen und links-intellektuellen Szene zu einer Vertreterin konservativer werte, zu einer Christin und schließlich überzeugten konvertierten Katholikin?

Karin Struck: Darüber müsste ich ein ganzes Buch aschreiben, weil diese Entwicklung sehr komplex ist. Es ist fast wie die Geschichte des verlorenen Sohns. Die war auch das Motto bei meiner Konversion – bis hin zu den Säuen; dass jemand wirklich im Dreck wühlt, auch moralisch. Ich war ja bei Gott nicht nur ein Engel in den letzten 30 Jahren – da muss man nicht nur an meine Abtreibung denken.

Stefan Teplan: Führt Ihr neuer Status dazu, dass Sie bedingungslos die katholische Sexualmoral vertreten? Selbst viele Katholiken haben ja Probleme damit.

Karin Struck: Ich habe keine Probleme damit. Ich habe es gut, weil ich die Dinge schon so lange durchdacht habe, dass ich sie nicht mehr nur aus dem Bauch heraus, mit irgendwelchen Aggressionen angereichert oder mit irgendwelchen chaotischen Emotionen beladen beurteile. Ich habe in meinen Romanen und Erzählungen ja auch sehr ausführlich über Sexualität geschrieben – nicht nur in Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung. Jetzt ist für mich ein Punkt eingetreten, wo ich das alles neu ordnen muss. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft noch sehr viel verantwortungsvoller, bewusster zum Beispiel mit Themen wie Sexualität in der Literatur, die ich selber sachreibe, umzugehen.

Stefan Teplan: Sind Sie auch allem, was vom Papst kommt, einverstanden?

Karin Struck: Den Papst schätze ich seit vielen Jahren. Den habe ich schon überall verteidigt, vor Stern-Redakteuren – die sind unter den Tisch gefallen vor Entsetzen. Dass es für diese Leute eine solche Provokation ist, das war wirklich ein Erlebnis. Ich denke, der Papst hat einfach eine so grandiose Unabhängigkeit. Er ist von niemand abhängig außer von Gott.

Stefan Teplan: Er hat Mut, gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

Karin Struck: Ich denke, es ist auch ein Opfer von ihm. Das ist für mich auch ein Leiden, dass er sich dem so aussetzt, das hat schon etwas Märtyrerhaftes. Dass er nicht einknickt bei diesen ganzen Angriffen. Man muss ja auch sagen, dass seine Kritiker meistens gar nicht informiert sind. Ich habe noch keinen von diesen ganzen Verhöhnern getroffen, der eine Schrift des Papstes wörtlich von vorne bis hinten gelesen hat. Ihm wird seine Fixierung auf die Sexualität vorgeworfen. Aber wenn ich die Enzykliken lese, finde ich das nicht bestätigt. Mir kommt es im Gegenteil so vor, als sei seine Kritikerschar auf diese Themen unglaublich fixiert. Wenn ich lese, was der Papst zu diesen Themen schreibt, sehe ich, dass er das immer mit den Bereichen Familie, Wert der Frau, Wert des Mannes verbindet – und da ist immer eine Gleichwertigkeit angesprochen.

Stefan Teplan: Widerspricht dem nicht sein Widerstad gegen das Frauenpriestertum?

Karin Struck: Mir kommt die Stellung der Kirche, des Papstes dazu sehr plausibel vor. Unter anderem auch aus Gründen der Herleitung aus dem, was Christus gemacht hat, als er seine zwölf Jünger um sich geschart hat und ihnen das Amt übergeben hat.

Stefan Teplan: Die Pflicht zum Zölibat lässt sich schon weniger biblisch ableiten.

Karin Struck: Das ist richtig. Mir leuchtet aber ein, dass vertreten wird, dass in der Tradition der katholischen Kirche – die ja weit beeindruckender ist als sde der kurzlebigen evangelischen – viels für den Zölibat spricht. Wesentlich für den Zölibat spricht, dass ich mehr Vertrauen zu einem geweihten Priester habe, der für Christus und seelsorgerisch ganz für mich als Gläubigen da sein kann, ohne Abhängigkeit von einer Familie, ohne zum dritten Mal geschieden zu sein. Außerdem kann ein zölibatärer Priester unbestechlich sein, zum Beispiel in totalitären Staaten oder in Zeitgeiststaaten.

Stefan Teplan: Mir ist jetzt immer noch nicht klar, was Sie zu einer so überzeugten Katholikin gemacht hat.

Karin Struck: Gerade durch mein Engagement gegen die Abtreibung, habe ich erfahren, dass die evangelische Kirche keinen Glaubenshalt mehr bietet. Und ich muss sagen: Ich habe selten so viel Hilfsbereitschaft kennengelernt, wie von Katholiken. Diese Vorbilder waren für mich der letzte Auslöser. Ich kann noch so eine tolle Menschheitsideologie haben, die ganze Welt befreien wollen, aber es kann mir durchaus passieren, dass ich den einzelnen Menschen vergesse. Und diese Sorte von leuten habe ich massenweise kennengelernt.

Stefan Teplan: Es gibt aber auch Gläubige, die sagen: Christus ja, Kirche nein.

Karin Struck: Das Problem ist die Glaubenspraxis. Die kann mir nur vermittelt werden durch die Kirche. Ich brauche eine Kirche, die diese Glaubenspraxis für mich unabhängig von politischen Wirren und Zeitströmungen vermittelt. Das ist bei der evangelischen Kirche nicht mehr gegeben.

Stefan Teplan: Jetzt ziehen Sie sich vollends den Zorn der Protestanten zu, wenn Sie sich noch zur Heiligenverehrung bekennen.

Karin Struck: Ich bekenne mich auch dazu. Die katholische Kirche ist kein Warenhaus, wo ich mir einen Artikel nehmen kann und der andere passt mir nicht. Sie stellt für mich eine Ganzheit dar. Maria ist ja keine Konkurrentin von Christus, ich mache da keinen Götzendienst. Heiligenverehrung, Beziehung zur Muttergottes, Rosenkranz – an diese Dinge nähere ich mich allmählich heran – machen für mich Reichtum und Vielfalt dieser Kirche aus.

Copyright: Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“ (heute „Radio Horeb“), 1996

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, Nr. 11/1996

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Kommentare

  • A.Theist  On Juli 29, 2009 at 5:59 pm

    Da kann man nur sagen: Karin Struck auf Irrwegen wie der gesamte Blog. Haarsträubend

  • Tepes  On August 25, 2009 at 4:26 pm

    Habe hier einen sehr gut geschriebenen Artikel über Karin Struck gefunden auch sehr lesenswert http://www.onlinezeitung24.de/article/2161

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 5, 2009 at 8:00 pm

    Wie kann man denn das nur glauben: „Ich denke, der Papst hat einfach eine so grandiose Unabhängigkeit. Er ist von niemand abhängig außer von Gott.“ ?!

    Lebt der Papst auf einer einsamen Insel, wo er sich seinen Lebensunterhalt mit eigner Hand durch Beackern von Land erwirbt? Nein, er ist abhängig von der Arbeit andrer, die dies tun.

    Und selbst wenn er auf einsamer Insel so ein Selbstversorger wäre, da würde er noch vom Rest der Welt abhängen, wenn diese die Umwelt weiter verschmutzen, dh gegen Gottes Ordnung anrennen, dann würden die Meere bald ansteigen und seine Insel überschwemmen. Ein Bild.

    Und wenn er etwas verkündigen würde, was der Kurie nicht paßt – na da wollen wir mal sehen, wie unabhängig er dann noch ist. Ich denke, er ist hineingewachsen in sein enges Korsett und hat sich daran gewöhnt und merkt gar nicht mehr, wie unfrei er ist.

    Er hält an Verschiedenem fest, was heute nicht mehr opportun ist, gut, wo es Gottesworten entspricht, schlecht, wo es diese seit Jahrhunderten mißverstanden hat.

    Etwas ganz andres ist in der katholischen Kirche als lobenswert hervorzuheben: Es wird nicht ganz so leichtfertig verkündet, daß der Mensch nur durch den Glauben gerechtfertigt sei. Ist er nämlich nicht. (Siehe dazu Emanuel Swedenborg, Die wahre christliche Religion).

    Der Mensch muß sich schon an die Arbeit machen, das Böse (die Lieblosigkeit) in sich selbst zu erkennen, es zu bereuen, sich von Gott helfen zu lassen auf dem Weg, es nach und nach hinter sich zu lassen, und das Hand in Hand mit der Tat, dem Helfen in aller gebotenen Weitsicht. (Mit falsch verstandener Nächstenliebe ist schon mehr Schaden angerichtet worden als mit … (gelesen in Jakob Lorber Gegebenem, siehe dazu etwa den SPIEGEL Artikel 2007 (?) wie die Hilfssendungen die afrikanischen Länder immer ärmer und abhängiger machen.)

    Es freut mich, daß Karin Struck wieder Gott suchen gegangen ist.

    10 Jahre nach ihrem Eintritt in die katholische Kirche starb sie nach langem Leiden an Krebs. An Krebs muß man nicht sterben (man lese von John W. Armstrong „Urin, Wasser des Lebens“, oder wende sich an Zdenko Domancic, dem bioenergetischen Heiler in Slowenien, oder … – es gibt viele Möglichkeiten. Besser an Gott glauben als an die Medizintechnik unter der Herrrschaft der Pharmaindustrie. Die negativen Gedanken in sich selbst in den Griff bekommen, sie ersetzen durch gute Gedanken.)

    Wer dem Papst Unfehlbarkeit abnimmt, hätte ihm schon geholfen. Er kann sich diese aber scheint’s nur selber abnehmen. Eines Tages erklären: Angeschmiert, es stimmt gar nicht, ich und alle meine Vorgänger, wir waren stets fehlbar wie ihr alle auch.

    Er erhebt sich über alle Menschen. Während Jesus sagt: Alle Menschen sind Brüder, keiner erhebe sich über den andern. Wer der Größte sein will, sei aller Diener.

    Wenn er wüßte, wie’s im Jenseits weitergeht, würd er vielleicht in sich gehen. Aber solches Wissen kann er sich spätestens angesichts der Kurie nicht leisten. Sonst gings ihm an die Tiara.

    Verzeihung, wenn ich einem wehtue mit diesen Worten. Aber manche Wahrheit schmerzt.

    Man kann natürlich alles umdefinieren und behaupten, der Papst ist der größte Diener seiner Kirchenkinder. Darum auch Küß meinen Pantoffel oder den Ring an meiner Hand oder was…!

    Wäre er seinerzeit, als ich noch zu seiner Herde gehörte, mein Diener gewesen, hätte er mir doch gehorchen müssen!

    Ein kleiner Scherz, nicht wahr. Aber doch mit einem Kern Wahrheit.

    Im Gegensatz zum Papst ist Jesus wirklich der größte Diener aller. Und da, wer ihn sieht, den Vater sieht, freu ich mich schon, eines Tages ihn zu sehen. Da er weitsichtiger ist als ich, wird er mir nicht alle meine Wünsche erfüllen. Das nehme ich hin, da ich von seiner unendlichen Weitsichtigkeit weiß und ebenso von seiner unendlichen reinen Liebe. In meiner Kurzsichtigkeit wünsche ich mir manchmal Gift zum Abendessen, es glänzt so schön und soll auch antörnen. Das bringt mir aber mein Diener Jesus nicht. Darüber freue ich mich dann eines kommenden Tages, an jenem Tag, an dem er mir die schlimmen Nach- oder Nebenwirkungen meines Wunschs entdecken kann, weil ich dafür reif geworden bin, offen geworden bin, …

    Nichts für ungut! Alles für gut!

    Elisabeth

  • Stefan Teplan  On Oktober 6, 2009 at 7:08 am

    „Etwas ganz andres ist in der katholischen Kirche als lobenswert hervorzuheben: Es wird nicht ganz so leichtfertig verkündet, daß der Mensch nur durch den Glauben gerechtfertigt sei. Ist er nämlich nicht. (Siehe dazu Emanuel Swedenborg, Die wahre christliche Religion).“
    Da braucht man gar nicht Swedenborg dazu. Das steht auch im Jakobusbrief im Neuen Testament so: „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben, und ich kann Werke vorweisen. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. Du glaubst: Es gibt nur den einen Gott. Damit hast du recht; auch die Dämonen glauben – und zittern.“
    Liebe Elisabeth, ich sehe, dass Du zu vielen meiner Interviews geschrieben hast. Mich freut Dein Interesse. Ich kann aus Zeitgründen leider nicht sofort auf alle eingehen, aber werde nach und nach jeden auch wieder beantworten.

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 14, 2009 at 8:29 pm

    Klar spricht die ganze Bibel von der Notwendigkeit der Tat. Und warum sind wir so weit davon entfernt? Katholisch erzogen hatte ich keine Ahnung, was den Protestanten im Weg steht, das zu begreifen brauchte ich Swedenborg. Ich rieb mir auch die Augen, waaas? Das glauben die? Daß man gerechtfertigt ist durch den Glauben?

    Und dann schau dir die Erweckungsprediger an. Bekenne dich zu Jesus und schon ist alles in Butter. Willst du dich zu Ihm bekennen, so tritt vor.

    Ich meine, es dürfte doch Zeit sein, den inneren Feind ins Visier zu nehmen.

    Die gute Tat soll sich ja verbergen vor Zuschauern, was natürlich nicht immer geht.

    Vielleicht soll sich auch die gute Tat, den inneren Feind ins Visier zu nehmen, vor Zuschauern verbergen.

    Dir muß ich nichts erzählen. Aber es gibt da Jugendliche, die sind ohne religiöse Instruktion aufgewachsen, zB meine vier Kinder. Mit denen kann ich jetzt nicht anfangen, aber vielleicht mit den Kindern anderer Eltern, die nun herangewachsen sind.

    Du bist womöglich auf der Buchmesse?

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