Gertrud Fussenegger: „Wir waren früher emotional reicher“

Besuch bei der alten Dame: Die Redakteure Stefan Teplan und Michael Ragg sprachen mit der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in  ihrem Haus in Tirol. In ihren Büchern kämpft Fussenegger als Anwältin der Menschlichkeit und christlicher Werte

 

Besonders linke Kreise haben Ihnen Ihre Jugendsünden, unter anderem Ihre NSDAP-Mitgliedschaft, nie verziehen. Greift man aber nicht in Wahrheit eher Sie als Vertreterin christlicher Werte an?

Ich glaube, wenn ich mich in der Nachkriegszeit auf die linke Seite geschlagen hätte, wäre alles vergessen und vergeben worden. Das ist das große Pflaster,  das alles zudeckt. Nun habe ich mich auf dieses Pflaster nicht eingelassen, sondern bin eine bemühte Tochter der Kirche geworden. Ein Intellektueller, der sich zur Kirche bekennt, ist für die Linken einfach ein Ärgernis.

Die Kirche selbst ist heute vielen ein Ärgernis, wie an der Zahl der Austritte unschwer abzulesen ist. Worin sehen Sie die Gründe?

Die Kirchenaustritte kommen daher, dass die Leute nichts mehr anzufangen wissen. Unsere Gehirne werden auf lauter rationale Denkprozesse eingeschliffen. Das mythische, das religiöse Denken ist ein ganz anderes. Das sind andere wahrheitsbegriffe. Die Symbole wollen doch verstanden sein, damit man sie nachvollziehen kann. Was sollen die Flammen des Heiligen Geistes, wenn man sich nur Flammen aus Bunsenbrennern vorstellen kann? Es ist eine solche Banalisierung des Menschenbildes erfolgt, dass der hohe Anspruch der Religion gar nicht mehr nachvollziehbar wird.

Was müsste die Kirche tun, um wieder mehr Menschen anzusprechen?

Sie müsste wieder mehr Mut zu sich selber haben. Aber die Herren Geistliche sind immer alle so weichgesonnen. Diejenigen, dien diese weiche Tour nicht mitmachen, haben einen schweren Stand. Die Kirche sollte auch etwas sein, woran man sich reibt.

Man reibt sich doch an kirchlichen Fragen, zum Beispiel am Papst und am Zölibat. Wie sehen Sie das?

Die  Kirche ist ein großes System. Wenn man mit anderen Systemen da hinein fuhrwerkt, wird sie anders. Wenn dem Priester die Verpflichtung zum Zölibat weggenommen wird, wird er ganz automatisch ein Kirchenbeamter. Wenn wir nun dem Priester einen anderen Status geben als bislang, vielleicht die Frau noch zur Priesterin weihen, wird die Kirche eine andere werden. Man will wirklich Wesentliches verändern und auflösen.

Schwingt da nun Frauenfeindlichkeit in der Kirche mit?

Die Kirche hat niemals geleugnet, dass die frau religiöses Charisma haben kann. Da ist schon einmal die dominante Figur der Gottesmutter. Da sind dann diese vielen heiligen  Frauen. Da hat die Kirche schon ganz anders gehandelt als alle anderen Religionsgemeinschaften, die viel mehr auf den Mann ausgerichtet sind.

Was halten Sie vom obersten Mann der Kirche, dem Papst?

Ich halte Johannes Paul II. für einen großen Glücksfall für die katholische Kirche. Er hat mit einem ungeheuren Charisma begonnen und so viel an Anhängerschaft verloren. Jeder glaubt, an ihm rütteln zu dürfen. Der Mann ist aller Ehren wert.

Sie haben fünf Kinder unter schwierigen Bedingungen zur Welt gebracht. Was denken Sie, wenn Sie heute in der Abtreibungsdebatte von sozialer Notlage und Fristenlösung hören?

Ich denke, dass es eine große Barbarei ist, es dem Menschen freizustellen, dass er das Wesen, das ihm am nächsten sein sollte, töten darf oder nicht. Da ist ein Bruch in unserer Zivilisation. Aber man will eben dem Menschen nicht zumuten, dass er sich auf etwas einlässt, was er nicht von vorneherein geplant hat. Diese Omnipotenz, die sich der Mensch da herausnimmt, führt ihn dazu, dass er diese furchtbare Freiheit bekommt.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, in schwierigen Zeiten mit einer großen Familie zu leben und gleichzeitig Bücher zu schreiben?

Wir waren zu elft in drei kleinen Zimmern, und in der Küche habe ich nachts meine Bücher geschrieben. Ich habe immer einen Tag bis halb zwei oder zwei Uhr nachts geschrieben – morgens um sieben musste ich aufstehen – und bin eine Nacht später um zwei Uhr aufgestanden und habe dann bis gegen drei das Geschriebene korrigiert.

Selbstverwirklichung und eine intakte Familie trotz Belastungen – so etwas erscheint heute oft unmöglich. Warum zerbrechen so viele Ehen?

Ich bewundere ja die Kirche, dass sie immer noch den Mut aufbringt, alle Paare zu trauen, denen schon von weitem anzusehen ist, dass es nur ein Vergnügen auf Zeit sein wird. Viel liegt an dem Anspruch: Du bist dazu da, glücklich zu werden und dich selber zu verwirklichen. Ich weiß überhaupt nicht, was das heißt, sich selber zu verwirklichen. Ich glaube ja, dass ich schon ein Mensch bin, von dem andere Leute meinen, dass er sich selbst verwirklicht hat. Und ich habe das eine oder andere verwirklicht, aber mich selber? Das wäre mir viel zu öde vorgekommen. Das sind pubertäre Vorstellungen. Aber mit diesen Vorstellungen geht der Mensch heute in das Leben hinein: Ich nehme Dich als meinen Ehemann, damit Du mich glücklich machst, nicht damit ich dich glücklich mache. Diese Einstellungen sind keine guten Voraussetzungen für eine Ehe.

Sie sind Zeitzeugin fast des gesamten 20. Jahrhunderts. Ist denn die Menschheit seit 1912 besser geworden?

Sicherlich geht es uns Mitteleuropäern heute sehr viel besser als das jemals vorstellbar war. Ich sage immer: Der deutsche Arbeiter lebt komfortabler und schmerzfreier als der deutsche Kaiser im Mittelalter. Ob die Menschen besser geworden sind, das ist nun eine Frage, da kommt es so sehr auf den Blickpunkt an, für den man sich entscheidet. Emotional waren wir vielleicht reicher. Der Mensch war gebundener in alten Traditionen, die ihm aber doch sehr viel Gefühlswärme vermittelt haben. Heute sind wir mehr oder minder alle Rationalisten, fühlen uns in dieser Haut aber nicht besonders wohl.

Und auch in unserer Umwelt zunehmend weniger.

Wir sind selbst vielfach an der Zerstörung unserer Umwelt schuld. Jeder glaubt, er muss ein Auto haben, in die Ferien auf die Malediven oder noch viel weiter fliegen, jeder glaubt, er sei sich das schuldig, dass er möglichst alles hat – und zwar möglichst sofort. Ein wenig Selbstbesinnung und Demut könnten vieles retten.

Copyright: Michael Ragg und Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“, April 1997; Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 9, 1997

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Kommentare

  • A.Theist  On Juli 29, 2009 at 6:02 pm

    Bei diesen Aussagen eines kann einem ja nur Angst und Bange werden. Sie sind wirklich entlarvend. Was für ein aufgeblasener Aberglaube.

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 5, 2009 at 9:07 pm

    „Was müsste die Kirche tun, um wieder mehr Menschen anzusprechen?“

    – Was müßte Gott tun, um wieder mehr Menschen an sich zu ziehen?
    – ER müßte sich noch einmal ganz ordentlich erklären!

    Ja, das hat ER getan. Aber kein Kirchenhahn kräht danach! Gott ist die Liebe. Das weiß sogar der Papst zu sagen. Aber kein falsches Zeugnis von Gott zu geben, dh die Liebe zu leben, ist ein andres. Das weiß ich aus Erfahrung mit mir selber. Da bin ich im Prinzip nicht viel besser dran als der Papst.

    Gott verdammt niemanden auf ewig. Dämmerte das nicht inzwischen sogar dem Papst? Mir ist, als hätt ich sowas läuten gehört. Schön wär’s jedenfalls. Aber warum reißen sich die Päpste nicht seit über hundert Jahren um Gottes neue Durchgaben? Es paßt ihnen nicht in den Kram. Da wischen sie lieber einer steinernen Madonna die Wundertränen vom Gesicht. Nein, nein, nicht wegwischen, sonst kommt ja keiner mehr, sie zu bewundern und Geschäfte können dann auch nicht mehr gemacht werden rundum!

    Also, sie stecken ganz schön in der Zwickmühle, die Päpste und ihre Mannen. Demut ist leicht predigen, aber schwer vorleben. Trotzdem sagt Jesus dem Jakob Lorber, soll ich der Kirche dankbar sein, weil sie meine erste geistige Nährmutter war. Man tötet seine Mutter nicht! Und inzwischen schaffe ich das auch halbwegs, ihr dafür dankbar zu sein. Aber es schmerzt auch, die Mutter so halsstarrig im selbstgeschaffenen geistigen Elend zu sehen. Da schau ich weg. Da muß Gott selber sehen, wie er damit klar kommt. Und er weiß ja immer Wege. Die Freiheit des Menschen unangetastet. Und er hat eine ewige Geduld. Eines fernen „Tages“ (im Jenseits gibt es nicht mehr Tag und Nacht, was da leuchtet wie eine Sonne, schwach oder stärker oder gar nicht, ist die eigene Liebe im Herzen oder ihr Fehlen) hat er auch die Päpste usw wieder im Schoß. Im Himmel der Liebe. Ob die Weltkirche auf der Erde dann noch existiert, weiß ich nicht. Gottes Worte jedenfalls werden noch existieren in alle Ewigkeit, auf der Erde, im Jenseits, auf andern Gestirnen im ganzen Weltall … , das weiß ich. Hat ER ja gesagt.

    Lieber Stefan Teplan, interview doch auch mal den lieben Gott. Oder sollte er nicht bekannt genug sein, nicht berühmt genug?

    Ein wunderschöner Satz: „Still – wir schauen in eine Seele“ – sowas hat Kafka gesagt? War er gläubig?

    Nebenbei: kennst du den Kinofilm von Yann Arthus-Bertrand „HOME“?
    Der Produzent hat ihn freigegeben, es gibt ihn in verschiedenen Sprachen am Stück in youtube. ZB in Englisch mit deutschen Untertiteln. Mit deutschem Ton noch nicht am Stück, aber schon als Serie von etlichen Teilen. Links dazu in meinem youtube Favoritenordner unter den Jüngeren Einträgen, aber zum deutschen Ton muß man zurückblättern.

    Schön, daß ich dich heute kennenlernen durfte. Schade, wenn es nicht auf Gegenseitigkeit beruhen sollte!

    Ich mag ja in gewisser Weise als dein Feind angesehen werden können, aber Feinde soll man lieben, vergiß das nicht!

  • Stefan Teplan  On Oktober 6, 2009 at 7:00 am

    Aber hallo! Wieso solltest Du als mein Feind angesehen werden? Ich betrachte niemanden als Feind, der eine andere Meinung – ob zum Papst oder wozu immer – hat als ich. Es wäre doch langweilig, wenn wir alle gleich wären.
    Den Kinofilm von Yann Arthus-Bertrand kenne ich nicht. Kann ihnn bei Gelegenheit mal ansehen.
    Zu Kafka: Kafka war gläubiger Jude, aber er hatte seine Probleme damit, die liebe und Barmherzigkeit Gottes zu erkennen und befand sich in einem ständigen Geisteszustand der Ausgeliefertheit an eine unsichtbare Übermacht, wie das in vielen seiner Bücher zum Ausdruck kommt. Den Ausdruck „Still wir schauen in seine Seele hinein“ hat nicht er kreiert (der Ausdruck stammt von einem chinesischen Dichter), aber er hat ihn gerne zitiert, wenn er Freunden laut vorlas.
    Deine Anregung, Gott einmal zu interviewen, werde ich gerne aufgreifen. Ich habe ja einen ganz guten Draht zu Ihm.

  • Stefan Teplan  On Juni 7, 2010 at 6:41 pm

    Dieses Interview wird aufgeführt im Buch
    Helmut Salfinger: Gertrud Fussenegger. Bibliographie. Böhlau, Wien u.a. 2002, ISBN 978-3-205-99461-9
    siehe auch weblinks: http://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_Fussenegger
    und http://books.google.de/books?id=kwcIYm8JtRwC&pg=PA99&lpg=PA99&dq=kurier+stefan+teplan&source=bl&ots=b_qzjYh0xu&sig=3N_7nCL8pBs_vj8zk7kh57wTihE&hl=de&ei=3zoNTI3bFeKJOIeksSU&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=2&ved=0CBoQ6AEwAQ#

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