Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998

 

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: