Minette Walters und die Abgründe der Seele

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Minette Walters, die in wenigen Jahren zu einer der weltweit erfolgreichsten Krimi-Autorinnen wurde

Stefan Teplan: Sie gelten international als die „Lady des Verbrechens“. Für mich sind Sie eher die „Lady der Psycholgie“: Ihre Krimis führen in die Abgründe der Seele.

Minette Walters: Ja, notwendigerweise. Wenn ich mich an einen neuen Kriminalroman setze, interessiert mich dabei weniger: Wer war der Täter? Mich bewegt die Frage: Warum hat er es getan? Und das führt natürlich immer in psychologische Tiefen.

Stefan Teplan: Wo und wie studieren Sie diese Psychologie?

Minette Walters: Ich besuche regelmäßig Schwerverbrecher in Gefängnissen. Dabei habe ich ein gutes Bild von Menschen, die getötet haben.

Stefan Teplan: Ich vergleiche einige Ihrer Romanfiguren mit Kriegsverbrechern in Bosnien. Man fragt sich dabei: Wie kann ein jahrelang normal funktionierender Mensch plötzlich zum Mörder und Vergewaltiger werden?

Minette Walters: Ein sehr guter Vergleich. Was hier passiert, ist, denke ich, folgendes: Sobald man die für eine Demokratie unerlässlichen Prinzipen von Gerechtigkeit abschafft und es erlaubt, Menschen zu töten oder zu vergewaltigen, tritt ein Zustand der Anarchie ein. In diesem Zustand verliert der Mensch sein ganzes Wertesystem. Dasselbe passiert nicht nur kollektiv im Krieg, sondern unter besonderen Umständen auch dem Individuum.

Stefan Teplan: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit solchen Psychofragen?

Minette Walters: Diese Materie hat mich schon immer interessiert. Und ich wollte auch schon immer Krimi-Schriftstellerin werden.

Stefan Teplan: Warum haben Sie dann erst vor fünf Jahren damit angefangen?

Minette Walters: Als ich 22 war, wollte ich zuerst ein Haus haben. Dafür habe ich viel gearbeitet; habe dann eine Familie gegründet und war als Journalistin und Hausfrau vielbeschäftigt. Mit 43 setzte ich endlich ein Jahr vom Job aus, um ein Buch zu schreiben …

Stefan Teplan: … das auf Anhieb ein Bestseller wurde.

Minette Walters: Der Erfolg kam für mich völlig unerwartet, mit allem, was er mit sich bringt, monatelange Promotion-Reisen und so etwas.

Stefan Teplan: Und was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie als millionenschwere Erfolgsautorin kaum mehr Zeit für Sie haben?

Minette Walters: Ach, ich denke, Ihnen gefällt das viele Geld.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 4, 1998

 

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Kommentare

  • kaviagratsel  On Mai 8, 2009 at 2:17 pm

    Sehr guter Beitrag. Wurde gerne noch weitere Informationen daruber erhalten.
    Besten Dank und gruss

    • Stefan Teplan  On Oktober 5, 2009 at 7:51 am

      Ich habe Minette Walters noch ein weiteres Mal getroffen und sie für eine Home-Story zu Hause in ihrem schlossartigen Herrenhaus (die Krimis verkaufen sich gut!) in England besucht. Bei Gelegenheit stelle ich diese Story auch mal ins Web.

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 5, 2009 at 6:15 pm

    „Minette Walters: Ein sehr guter Vergleich. Was hier passiert, ist, denke ich, folgendes: Sobald man die für eine Demokratie unerlässlichen Prinzipen von Gerechtigkeit abschafft und es erlaubt, Menschen zu töten oder zu vergewaltigen, tritt ein Zustand der Anarchie ein. In diesem Zustand verliert der Mensch sein ganzes Wertesystem. Dasselbe passiert nicht nur kollektiv im Krieg, sondern unter besonderen Umständen auch dem Individuum.“

    Das Böse zu tun ist angenehm. Die Gesellschaft sanktioniert nur einen Teil des Bösen. Den restlichen Teil züchtet sie heran, das er groß und stark wird. Dieser Teil ist die Wurzel von jenem. Unsere Gesellschaft nährt den Neid (durch die Werbung), die Ranglust (durch die Medien, die die oben ständig hoffieren), die Herrschsucht (indem sie nicht mehr zur Demut, das heißt zum Dienen erzieht), die Gier (die Medien feiern die obersten Ansichraffer als Helden der High Society, nagut, ab und an gibt es auch mal Klöppe).

    In uns allen ist auf die Weise die Hölle gut verankert. Sobald sich eine Gelegenheit ergibt, unsre Hölle auszuleben ohne bestraft zu werden, oder dies uns so scheint, leben wir sie aus. Im Kleinen, in dem wir einen uns Niederer erscheinenden anraunzen, oder im Großen mit Mord und Totschlag.

    Hätten wir mehr die Hölle in uns bekämpft und den Platz für die reine Liebe freigemacht, die Himmel ist, würde die Gelegenheit nicht Diebe machen sondern der Liebe ein Betätigungsfeld geben.

    Elisabeth

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