Interview mit Waris Dirie – Der Kampf der Wüstenblume

 

Stefan Teplan mit Waris Dirie - Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Stefan Teplan mit Waris Dirie - von Dirie signierter Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Waris Dirie – internationales Top-Model, UNO-Sonderbotschafterin und Bestseller-Autorin – sprach in New York mit Redakteur Stefan Teplan – mehrere Monate vor dem Erscheinen ihrer Auto-Biographie „Wüstenblume“. „Das wird ein Bestseller“, prophezeite ihr Teplan. „Niemals“, lachte Dirie. „Die deutsche Übersetzung erscheint in unserer Verlagsgruppe – und ich mache PR dafür“, versprach ihr Teplan. „Wüstenblume“  wurde zum meistverkauften Buch des kommenden Jahres. Da kam Dirie nach Deutschland, schlug bei einem öffentlichen Promotion-Termin den Weltbild-Artikel auf, den Teplan über ihr Gespräch gemacht hatte und überreichte ihm eine Dankesnote: „Thank you, Stefan. Waris Dirie“ (s. Bild oben).

 

Stefan Teplan: Eigentlich müssten Sie ja Männer hassen?

Waris Dirie: Warum?

Stefan Teplan: Als Kind wurden Sie missbraucht. Ala Jugendliche vergewaltigt. Mit fünf Jahren wurden Sie brutal beschnitten und Ihrer Weiblichkeit beraubt – alles Auswüchse sexueller Tyrannei der Männerwelt in Ihrer Heimat Somalia. Reicht das nicht?

Waris Dirie: Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich die Männer hasse. Das wäre nicht fair. Nicht alle Männer sind gleich. Ich hatte eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Man muss so etwas hinter sich lassen, denn man kann nicht ein ganzes Leben von Zorn oder Hass erfüllt sein. Und ich will nicht hassen, das ist das alles nicht wert. Nein, wirklich, ich hasse die Männer nicht.

Stefan Teplan: Zumindest lassen Sie in Ihrem Buch den Verdacht aufkommen, dass mit der Männerwelt etwas nicht stimmen kann. Gewaltakte bis zu den Kriegen gehen für Sie auf das Konto der Männer. „Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron“, schreiben Sie in Ihrem Buch, „gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen.“

Waris Dirie: Natürlich kamen, als ich das Buch schrieb, diese Dinge voller Zorn in mir hoch. Ich bedaure auch nichts von dem, was ich geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür. Es ist schließlich nichts als die Wahrheit. Wenn Sie zum Beispiel nur mal in den Fernseher schauen und Sie kriegen diese ganzen Vergewaltigungen mit, dieses ganze Töten – wer macht das alles? Man sieht nie, dass Frauen in den Straßen herumlaufen und von der Polizei gefasst werden, weil sie gerade drei Kinder umgelegt oder ein Gebäude mit Hunderten von Menschen in die Luft gesprengt haben. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was in euch Männern tickt.

Stefan Teplan: Die Männerwelt ist auch schuld daran, dass Sie wie Millionen andere Frauen beschnitten worden sind.

Waris Dirie: Ja, diese ganze Sache mit der Beschneidung ist nur ein reines Männerproblem…

Stefan Teplan: …weil Männer in vielen afrikanischen Ländern Frauen keine sexuelle Lust zugestehen und sicherstellen wollen, dass Mädchen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben.

Waris Dirie: Ja. Es ist alles nur eine Machtdemonstration; die Männer dort wollen zeigen, dass sie in jeder Hinsicht der Boss sind. Die Frauen müssen alles machen, was der Mann will, und wenn sie nicht wollen, dann eben mit Zwang. Sie haben keine freie Wahl. Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus. Nur weil ihr Männer stärker seid als wir, gibt euch das noch kein Recht, brutal zu sein. Das ist schwach, wirklich das Schwächste, was man sich vorstellen kann. Wir haben doch so viel Gutes in der Welt, Gott gab uns so viel. Warum tun so viele Menschen das Verkehrte und entscheiden sich dafür zu hassen anstatt sich an dem Schönen im Leben zu erfreuen?

Waris Dirie und Stefan Teplan in New York.

Top-Model und UNO-Botschafterin Waris Dirie mit Stefan Teplan in New York. Ausschnittt aus dem Magazin WELTBILD

Stefan Teplan: Sie haben Ihr ganzes Leben unter dieser Beschneidung gelitten. Warum haben Sie eigentlich so lange geschwiegen und warum outen Sie sich jetzt?

Waris Dirie: Es ging mir nicht darum, mich zu outen, weil es jetzt vielleicht in ist, sich mit irgendetwas zu outen. Ich hatte die Möglichkeit, dieses Buch zu machen und nutzte sie, über diese Sache mit der Beschneidung zu sprechen – ohne zu wissen, was herauskommen würde oder wie die Menschen darauf reagieren. Ich dachte mir schon, dass ich damit auch ein ziemliches Risiko eingehen würde, be- und verurteilt zu werden, wenn ich öffentlich erzähle, wie schlimm so eine Beschneidung ist, wie ich damit lebe, wenn ich erzähle, was in Afrika – besonders in Somalia, woher ich komm – in dieser Beziehung abläuft. Aber dann habe ich es einfach gewagt und dacht e mir: mal sehen, was passiert.

Stefan Teplan: Es ist sehr viel passiert. Das Medienecho ist schon vor dem Buchstart überwältigend. Hat Sie das überrascht.

Waris Dirie: Oh ja, absolut. Dieses Presseecho hat mich regelrecht schockiert. Nachdem ich mit meiner Geschichte in einem Interview mit der Zeitschrift Marie Claire auspackte, spazierte ich so die Straßen entlang und hatte wirklich Angst, umgebracht zu werden.

Stefan Teplan: Wer sollte Sie umbringen wollen?

 

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Das Interview mit Waris Dirie erschien als Titel-Interview für das erste Weltbild-Magazin in neuem Outfit, mit dem sich Weltbild in einem Relaunch ganz neu auf dem Markt präsentierte (s. Titelbild unten). Als zusätzliche PR-Maßnahme organisierte Stefan Teplan für die PR noch Prominenten-Zitate und einen Meinungsbeitrag von Maria von Welser, Leiterin des TV-Frauenjournals Mona Lisa“. Jener Beitrag von Maria von Welser kann aus Copyright-Gründen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden.

 

Waris Dirie: Wissen Sie, weil diese Beschneidung von Mädchen ein solch brisantes Tabuthema ist, überlegte ich mir plötzlich: Oh Gott, was habe ich da nur gesagt und getan? Aber jetzt bin ich absolut zufrieden mit dem, was herausgekommen ist.

Stefan Teplan: Was ist denn außer den Pressereaktionen noch passiert? Sie wollten doch für eine Kampagne gegen die Beschneidung auch nach Afrika gehen?

Waris Dirie: Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ich gehe zunächst einmal nach Somalia.

Stefan Teplan: Was muss am wirkungsvollsten geschehen, um die Barbarei der Beschneidung von Mädchen zu beenden?

Waris Dirie: Ich weiß selbst noch nicht genau, was man alles tun sollte, um gegen die Beschneidung anzukämpfen. Ich weiß nur, dass es leichter wäre, einen Krieg irgendwo zu beenden als das. Eben weil es so kulturell verwurzelt ist und als Tabu behandelt wird. Wenn Sie jetzt nach Somalia gehen und etwas darüber wissen wollen, wird Ihnen keiner Informationen geben. Sie müssen versteckt arbeiten. Ich belehre die Menschen jetzt auch nicht, indem ich sage: Tut das und das nicht! Aber ich kann sie vielleicht durch mein Beispiel betroffen machen, wenn ich erzähle, was ich mitgemacht habe, was ich fühle. Und ihnen vermittle, wie falsch das ist, was sie Frauen antun, weil auch so viele Frauen, so viele Kinder dabei sterben.

Stefan Teplan: Und dieses Verbrechen an den Frauen, so würde ich es nennen…

Waris Dirie: … ja, da haben Sie völlig recht, es ist ein Verbrechen…

Stefan Teplan: … geschieht rund 6000mal an jedem Tag?

Waris Dirie: Ja. Über zwei Millionen Beschneidungen werden weltweit pro Jahr durchgeführt. Man kann es eigentlich gar nicht richtig zählen, all die Leute im Busch, in der Wüste, die ohne Arzt und ohne jede Hilfe Beschneidungen machen – wie viele dabei sterben. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir uns in der Welt um anderes kümmern sollten als darum, ob ich meine Tochter noch verheiraten kann, weil sie beschnitten ist oder nicht. Wir müssen das Bewusstsein dieser Menschen verändern. Das, was man einem Mädchen bei der Beschneidung antut, ist ein solcher Gewaltakt, auf der anderen Seite ist da ein solches Gefühl von Ohnmacht. Als mir das passierte, wollte ich lieber sterben als so verstümmelt und unter diesen unsagbaren Schmerzen zurückgelassen zu werden. Ich wäre ja beinahe gestorben. Aber dann kommt deine Mutter und sagt dir: Das ist schon alles richtig so, das wirst du alles überstehen. Und du denkst: Wenn Mama das sagt, wird es schon stimmen. Aber viele überstehen es eben nicht. Und die Mütter werden einem auch nicht gerade sagen, wie schlimm es danach weitergeht.

Stefan Teplan: Die Frage ist, ob Ihre Mutter das wirklich für richtig hält.

Waris Dirie: Das glaube ich nicht einmal. Ich weiß, wie schlimm es mir damit geht und sie muss doch dasselbe fühlen. Ich spreche also für jede Frau, mit der das gemacht wurde oder der das noch droht.

Stefan Teplan: Nun haben Sie als Sonderbotschafterin der UNO die besten Möglichkeiten dazu.

Waris Dirie: Und für diese Möglichkeiten bin ich auch sehr dankbar. Auf diese Weise kann ich meine Botschaft am wirkungsvollsten vermitteln. Ich habe die UNO hinter mir.

Stefan Teplan: Ist das für Sie befriedigender als das Leben eines Models?

Waris Dirie: Absolut. Das macht mich vollkommen glücklich. Als ich, nachdem ich über mein Schicksal öffentlich erzählt hatte, von der UNO gefragt wurde, ob ich für sie arbeiten wolle, war das für mich gar keine Frage. Es ist viel besser und schöner, als ein Fotomodell zu sein. Was soll dieses ganze Model-Getue?

Stefan Teplan: Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es verrückt, so viel Geld dafür zu kriegen, dass man nur seinen Körper vor einer Kamera zur Schau stellt.

Waris Dirie: Es ist auch verrückt. Besonders, wenn man, wie ich, von Afrika kommt. Die Leute müssen dort schwer für ihren Lebensunterhalt kämpfen, es ist ein armes Land, auch ich musste sehr schwer dort arbeiten. Besonders bei uns in der Wüste lebte man Tag für Tag nur von der Hand in den Mund. Es ist aber gleichzeitig das schönste, das einfachste und natürlichste Leben, das man führen kann. Wenn dann Leute mit einer Kamera kommen und einen bitten „Stell dich einfach nur da hin, ich mache ein Foto von dir und gebe dir Geld dafür“, muss man das doch für verrückt halten.

Stefan Teplan: Ihr Leben in Afrika und Ihr Leben jetzt könnten nicht gegensätzlicher sein. Sie wuchsen in der Wildnis auf, jetzt leben Sie in diesem verrückten New York mitten in der Glamour-Welt. Sehnen Sie sich oft zurück?

Waris Dirie: Oh, und wie. Wenn ich irgendwo eine Avenue hinunter spaziere, schließe ich oft nur die Augen und tue so, als wäre ich woanders, in der freien Natur. Wenn ich mir bewusst machte, wo ich wirklich bin, und das jeden Tag, dann würde ich verrückt. New York ist kein Platz, an dem ich für immer leben möchte. Ich muss eben jetzt hier sein, um meine Arbeit zu tun und so lange ist es o.k.

Stefan Teplan: Und was für ein anderes Leben schwebt Ihnen vor, wen Sie einmal nicht mehr als Model arbeiten?

Waris Dirie: Ich möchte gerne etwas Humanitäres machen. Das wollte ich schon immer, ich will anderen Menschen helfen. Besonders Kindern. Ich möchte ein Heim oder eine Schule für missbrauchte Kinder aufbauen. Ich möchte auch für die Natur etwas tun, ich gehöre Greenpeace an und will im Umweltschutz aktiver werden. Natürlich werde ich weiter gegen Beschneidungen kämpfen und denke daran, in Afrika eine Art Frauenhaus zu errichten als Zuflucht für Mütter, die mit ihren Töchtern vor dieser unerträglichen Situation fliehen wollen.

Stefan Teplan: Sie kommen demnächst ja auch nach Europa, um Ihr Buch vorzustellen und um gegen Beschneidung zu sprechen.

Waris Dirie: Ich komme unter anderem nach Frankreich, Italien, Holland und nach Deutschland. Ich sage manchmal, die Deutschen sind mir das liebste Volk, weil sie so hinter einer Sache stehen.

Stefan Teplan: Ich denke, es werden dort viele geschockt sein, wenn Sie schildern, welches unsagbare Leid es ist, an den Geschlechtsorganen verstümmelt zu sein. Das kann sich sonst wohl kein Mensch vorstellen.

Waris Dirie: Oh, glauben Sie mir, jede Frau kann sich das vorstellen. Ich muss deswegen nicht Details aus meinem Liebesleben schildern.

Stefan Teplan: Eins würde mich aber schon noch interessieren: Bevor Sie sich geoutet haben, haben sich sicher auch schon viele Männer für Sie interessiert. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Waris Dirie: Ich habe alle abgeblockt. Die meisten dachten von mir mit der Zeit, dass ich lesbisch sei, weil man mich nie mit einem Mann sah und ich über alles andere, nur nicht über Liebe und Sex redete. Ich wies viele Männer ab und gab ihnen einfach keine Chance.

Stefan Teplan: Inzwischen Leben Sie fest mit Ihrem Partner Dana zusammen und haben ein Kind von ihm.

Waris Dirie: Ja, ich bin heute anders als noch vor einem Jahr. Vor allem, weil ich jetzt ein Kind habe. Einem Menschen das Leben zu geben ist unbeschreiblich und wiegt viel Leid auf. Das können Sie als Mann natürlich nicht wissen und werden es nie erfahren. Gott strafe euch Männer! Ha! Aber Scherz beiseite. Ich sehe jetzt einfach im Leben alles ganz anders; ich bin so glücklich.

Stefan Teplan: War es ein Wunschkind?

Waris Dirie: Ja, das war es. Ich habe so viel Liebe in mir, dass ich die ganze Welt damit versorgen könnte. Das Baby ist so etwas, mit dem ich diese Liebe, wie soll ich sagen …

Stefan Teplan: … in etwas kanalisieren kann?

Waris Dirie: Genau, das meine ich. Ich genieße es, morgens aufzustehen und Verantwortung für dieses Kind zu haben. Ich kann wirklich aus Erfahrung sagen: Das Leben wird durch ein eigenes Kind so viel schöner und angenehmer.

Stefan Teplan: Zu Ihrem Glücksgefühlt trägt es jetzt sicher zusätzlich noch bei, dass Sie sich Ihren Schmerz endlich von der Seele geschrieben haben.

Waris Dirie: Stimmt, das kommt auch noch dazu. Es war für mich wirklich hart, dieses Buch zu machen. Es war sehr schmerzlich, es war sehr stressig, es wühlte mich emotional sehr auf. Als ich es abgeschlossen hatte, atmete ich innerlich zuerst einmal tief durch und fühlte mich von so vielem gereinigt. Ich war befreit von etwas, was ich mein Leben lang streng als ein Geheimnis gehütet habe. Dieses Buch war für mich eine Art Therapie. Es hat mir selbst sehr geholfen, und ich hoffe, es hilft auch vielen anderen.

© Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 21, 1998

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Kommentare

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 5, 2009 at 5:28 pm

    Dies zu lesen hat mich sehr berührt. Ganz herzlichen Dank an den Interviewer Stefan Teplan und die Interviewte Waries Dirie.

    Wenn dazu Zeit bleibt, gehen Sie auf „meist gesehen“ in meinem youtube Kanal. – Wie kann ich mich denn sonst bedanken als damit!

    Ich glaube, bei Ihnen, Stefan, kann ich viel lernen. Insbesondere meine Vorurteile aufheben gegen Menschen, die Erfolg haben. Denn ich mache es mir doch noch immer leicht und denke, die sind einfach mit der Welt verheiratet anstatt mit Gott. Es stimmt nicht. Ich war zulang mit der Welt verheiratet und habe noch immer zu schaffen, dieses üble Bündnis loszuwerden.

    Herzlich
    Elisabeth
    069-449796
    Frankfurt am Main

  • Stefan Teplan  On Oktober 6, 2009 at 6:27 am

    Danke Elisabeth für Deine netten Zeilen. Ich werde mir Deine youtube-Seite heute abend einmal ansehen.
    Ja, mit den Vorurteilen ist das so eine Sache. Vor dieser menschlichen Schwäche sind wir alle nicht gefeit, aber im Grunde meines Herzens denke ich: Keiner von uns hat das Recht, über einen anderen zu urteilen. Wie Jesus sagte: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Gott hat andere Maßstäbe; Er sieht auf das Herz und nicht darauf, ob jemand erfolgreich oder (nach weltlichen Maßstäben) erfolglos ist. Können wir denn so in die Seele(n) hineinschauen wie Er? Nein? Dann sollten wir es auch unterlassen, über andere Seelen zu urteilen.
    Du bekennt ganz offen, dass Du Vorurteile hattest gegen Menschen, die Erfolg haben. Aber sie sind doch alle Deine Brüder und Schwestern.
    Wenn Du in das Evangelium siehst: Jesus machte keine Unterschiede zwischen den Menschen, er sprach mit Armen und Reichen, mit den Gestzeslehrern wie mit Huren und Zöllnern, mit Juden und mit Samaritern, mit Männern und Frauen. Und er verurteilte die Sünder nicht, sondern sprach beispielsweise zur Ehebrecherin: „Auch ich verurteile dich nicht. Gehe hin und sündige nicht mehr.“ Daraus kann man lernen: Verurteile die Sünde, aber nicht den Sünder.
    Über das Urteilen gibt es auch einen sehr schönen Satz des heiligen Don Bosco, den ich jetzt leider nur aus dem Gedächtnis und daher nicht ganz wörtlich zitieren kann: „Ich maße mir nicht an über jemanden zu urteilen, dem Gott schon längst vergeben hat.“

  • Elisabeth Steffen  On Oktober 14, 2009 at 7:54 pm

    Vielleicht ist es deshalb so schwer für mich, diese klar faßbaren und leicht gut zu heißenden Empfehlungen wirklich im tiefsten, im allertiefsten Herzen zu beherzigen, weil ich mit „Licht unterm Scheffel“ zu leben gewohnt bin, aber nicht – im Tiefsten -, weil ich etwa nicht um (meine?) Kräfte wüßte, die mir einen bestimmten Auftrag geben, insbesondere nicht, weil ich etwa aus reiner Liebe zur Demut neigte, ganz im Gegenteil. Ich meine dann doch, daß ich was Besseres sei, daß mir mehr Achtung gebühre als andern. Mir falle es per se zu, über andre erhoben zu werden, dafür müsse ich gar nichts tun oder gar hart arbeiten, wie es die ordentlichen Erfolgshaber tun müssen. Daß sie aber dann Erfolg einheimsen, sehe ich mit einem insgeheimen perfiden Neid, der Mich dazu bringt, ihren Erfolg abzutun, als Weltgedöns. Als ein Nachlaufen der Welt, womit er schon null und nichtig erklärt ist.

    Es ist aber wie gesagt nicht die LIEBE der Motor solchen Argwohns in mir weltlichem Erfolg gegenüber, sondern Rivalität, blasser Neid, Mißgunst. Es kommt mir da nur gut zu statten, daß Gott, die LIEBE, selber sagt: Alles, was groß ist vor der Welt, ist vor mir klein!

    Nun schaut er aber ins Herz („in eine Seele“) und wir -je schwächer unsre Liebe ist, desto weniger sind wir imstande, ins Herz der Menschen zu schauen.

    Ich mit meinem Neid bin es am allerwenigsten. Es überrascht dann, wenn einer wie du kommt und eine Herzenstür aufmacht, wenigstens einen Spalt breit, daß man einen Blick hineinwerfen kann. Da sehe ich dann plötzlich, daß ich nicht der einzige Mensch auf der Erde bin, sondern da sind noch viele Freitage, und es schmerzt, nicht die gleiche Sprache zu sprechen. Ich möchte mich ihnen mitteilen, um Verzeihung bitten, daß ich sie so lange verachtet habe, gerichtet habe, im Bad meines Vorurteils ertränkte.

    Dann aber ist da die Barriere ihres Erfolgs. Der Erfolg hat Stacheln. Er macht unnahbar. Wär ich ein Bodyguard, so könnte ich vielleicht in diesem oder jenem Fall die physische Barriere durchbrechen. Aber ich antizipiere, daß ich als Bodyguard wieder für den Erfolgshaber ein Nichts wäre.

    Der Mensch kann nur wenige gute wirkliche Freunde in seinem Leben haben, höre ich. Und stehe da. Die Plätze sind schon alle belegt. Ich bin die dreizehnte Fee. Es waren nur 12 Teller da.

    In frühen Jahren lobte mich der Vater vor den Geschwistern.
    Es war Unrecht und ich wußte es und schämte mich seines Lobs vor den Geschwistern.
    Es weckte ihren Neid und sie schlossen mich bei manchem aus. Vielleicht muß ich deshalb undercover leben.
    Darf nicht daran denken, die Straße des Erfolgs zu betreten, und denke darum ständig daran. Wo ist mein Erfolg? Wo Kind , Erfolg genannt, bist du?
    Ich habe keine Geduld mit meinem Kind. Ich will es nicht länger nähren. Es ist nicht schnell genug groß geworden. Ich mache ein neues Kind. Vielleicht ist dieses schnellwüchsiger?
    Darf ich sterben wie jeder andre, einfach sang und klanglos fortgehen, keiner hat mich gesehen? Keiner kennt mich, keiner erinnert sich meiner?
    Ich war gar nicht da! Wie gekommen so gegangen. Nichts erledigt habend in dem Zeitraum dazwischen.
    Das Geschenk mißachtend. Die Gelegenheit ließ ich vorbeigehen. Nahm sie nicht wahr.
    Ich bin das Kind meines Vaters und ich will nicht sein Lob und
    ich will sein Lob. Ich bin der Widerspuch.
    Der Widerspruch kann nicht
    einen Schritt tun.

    Ich stehe auf dem Fleck und komme nicht weiter. Gott hat Geduld mit mir. Mein leiblicher Vater hatte wenig Geduld.
    Ich bin schon weitergekommen: Ich starre entsetzt auf den Fleck.
    Das ist neu.
    Die ganze Zeit bin ich nur im Kreis gegangen. Die Wüste ist nicht durchquert. Ich bin noch mittendrin. Sand, Sand und nochmal Sand. Nichts als Sand.
    War da nicht eine Insel mitten im Meer und darauf Spuren von Freitag? Nichts als Sand.
    Warum sollte ich denn was ganz Besondres werden?
    Ist denn nicht jeder etwas ganz Besonderes ohne es erst werden zu müssen?
    Ich suche die vergrabenen Talente. Wo hatte ich sie nochmal vergraben? War es hier? Nein, hier ist nichts. War es dort? Auch nichts. Wo war es nochmal?
    Ich war noch ein Kind. Wie sollte ich noch wíssen, wo ich die Talente vergrub, damit mich meine Geschwister nicht länger ausschlossen?
    Ich habe sie gar nicht vergraben. Ich habe zu schreiben begonnen. Vollkommen blödsinnig wie nur immer so ein heranwachsendes Kind zu schreiben beginnt, wenn es etwas sagen will, aber es weder sich selbst noch jemandem andern sagen kann. Wie hätte ich auch beschreiben können die Hölle, in die ich mich hineinversetzt fand: Den Kampf jedes gegen jeden. Den Kampf um die Liebe der Mutter und die Liebe des Vaters. Wie darf sich denn das Liebe nennen, was auf solche Weise erobert wird?
    Das Gebäude bricht zusammen, was sich Liebe nannte. Ich stehe vor dem Schutthaufen und weine. Ein leises Weinen, unstillbar. Es nimmt mich wer an die Hand und wischt mir die Tränen weg und sagt: Na hör mal. Was soll denn das. Da gibts doch nix zu weinen. Was nix ist, ist halt nix. Wo keine Liebe ist, ist halt keine. Na und! Was nicht ist, kann noch werden. Es dauert halt ein bisjen. Ein zwei Leben vielleicht, vielleicht auch mehr, aber dann ham wir’s gepackt. Von nix kommt nix.. Es braucht seine Zeit.
    Ich schaue hoch und sage Danke! Was täte ich nur ohne DICH!
    Wenn du den Erfolg mehr liebst als MICH, dann mußt du halt den Erfolg suchen gehen und MICH stehen lassen!
    Ich schaue IHN ungläubig an: DICH stehen lassen? Für den Erfolg? Na hör mal. Ich dachte, du schickst mich eines Tages vor den Kaiser wie den Paulus. Muß ja nicht gleich sein. – Ja und wenn ICH dich aber vor den Dergard schicke, und nicht vor den Kaiser, was sagst du dann?
    Ich bin verdutzt. DU willst mich vor den Dergard schicken, und nicht vor den Kaiser?
    Mein Gesicht beginnt sich aufzuhellen. Den Dergard? Naja. Dem hast DU die Frau genommen und in wenigen Wochen noch vier weitere nahe Verwandte. Jetzt ist er wieder hier in seinem Heimatland und spricht seine Muttersprache nur noch mühsam. Er hat WENIG Falten am Bauch, die Fett verraten, WEIL er jeden Tag entsetzlich weit läuft, um sein Essen von seinem Leib abzuhalten. Seine Nähe wäre mir schon recht. Und das Gespräch mit ihm auch. Und wenn er darüber das andere vergäße, wie man es den Wassermännern nachsagt, dann, …, na gut, dann kannst du den Kaiser jemandem andern zum Vor ihn treten geben. Meinst DU wirklich, ich soll meinen ganzen Erfolg in den Wind schreiben?

    Ich habe heute den Erfolg in den Wind geschrieben. Der Wind nahm das E und trug es weit weg. Dann nahm er das r und trug es weit weg. Dann das f, dann das o, dann das l, zuletzt das g. Und los gehts. Auf ein Leben ohne Erfolg zu! Aber nicht mehr wie bisher ohne Liebe, sondern nun mit Liebe. Wie kann man alle lieben, wenn man nicht mal einen lieben kann! Also, erstmal einen lieben lernen.
    Ich stand auf der Brücke und nahm den Ton des einen auf. Der Verkehrslärm brandete neben uns, im Rhythmus der Ampelschaltungen kam er kurzzeitig zum Erliegen. Rot glühte der Himmel unter dunklen Wolkengebilden. Ich verglich das Rot des Himmels mit dem Rot auf dem Display. Es war ein Versuch den zu täuschen, der womöglich ein Kandidat für ein Leben ohne Erfolg werden würde. Bemerke bitte nicht, daß ich alle deine Worte festhalte und den Ton deiner Stimme auch. Sieh hier, es geht um das Rot des Himmels, um weiter nichts … ! Ich nahm seine Stimme mit nach hause. Es war inzwischen so dunkle Nacht, daß außer den Lichtern nichts mehr auf dem Display war. Die Schwäne im Fluß waren weniger dunkles Schwarz auf dunklem Schwarz…
    Ich bin noch immer in der Wüste, denn ich habe angefangen ein Haus auf Sand zu bauen. Auf eine Lüge.

    Werde ich diesen Kandidaten lieben können? Ohne ihn eines Tages doch zu verjagen, weil er meinem verabschiedeten Erfolg im Weg steht?

    DU hast mir schon mal einen geschickt, der wieder her in sein Heimatland gekommen ist und seine Muttersprache sehr viel mehr verlernt hatte als dieser. Ich konnte nicht mit ihm reden. Wenn ich es begann, landeten wir auf dem Fußboden, uns gegenseitig die Haare ziehend und uns beißend. Lockere deinen Griff!, fauchte ich ihn an! Ich biß zu, daß er seinen Griff lockere. Er biß zu, weil ich zubiß. Er ließ mich nicht gehen, wenn ich gehen wollte. Ich wartete – voller Angst vor ihm – auf der Toilette sitzend, am ganzen Leib zitternd, daß er einschlafe, und ich mich dann davonstehlen könne zur Polizei, ihn anzuzeigen. Er ist eingeschlafen. Ich schlich mich irgendwann hin und stellte es fest und nahm die wenigen Dinge, die ich brauchte, und verließ meine Wohnung, ihn in ihr zurücklassend. Entfloh. Ich war nicht bereit gewesen, alles für ihn zu sein. Ich wollte auch noch etwas für mich und meinen Erfolg sein. Ich fühlte mich wie ein Fluß, der dabei ist, zu versanden, statt ins Meer zu fließen. Er schrie zu viel und zu laut. Er gefährdete meine neue Wohnung. Ich gefährdete sie auch. Aber das stand auf einem anderen Blatt.

    Ich kann nicht sagen, daß ich ihn nicht lieb hatte. Ich habe ihn noch immer lieb. Aber meinen Erfolg habe ich auch lieb. Wer versteht das schon! Und DICH habe ich lieb, wenn ich dir zuhöre, wie DU mich Deine Worte vorlesen läßt. Obwohl DU doch gesagt hast: Man kann nicht zwei Herren lieben, MICH und den Mammon.

    Den Mammon – mein ich – liebe ich nicht. Dafür bin ich schon zu alt. Ich durchschaue ihn. Er kann mich nicht mehr täuschen.

    Jener, den ich noch immer lieb habe, hatte mich getäuscht, er liebe DICH, hatte das Buch mit DEINEN Worten in zweifacher Ausführung mitgebracht, ordentlich mit vielen Strichen, mit Lineal gezogen und in verschiedenen Farben waren sichtbar die Spuren seiner Beschäftigung mit ihnen. Aber er hatte nichts begriffen. Man hatte ihm nur die äußere Oberfläche beigebracht. Die Formen, die Rituale, und eine gewisse Bedeutung. Daß man dies Buch nicht o h n e die LIEBE lesen dürfe, begriffen wir beide nicht. Woher sollten wir wissen, was Liebe ist? Wir sprangen ins kalte Wasser und uns wurde kalt. Wir waren ohne Überlegung einfach gesprungen. Ich hatte mein deutliches Unbehagen dabei – beiseitegeschoben. Ich kannte i h n nicht. Er kannte m i c h nicht. Ich hatte Mitleid mit ihm. Er suchte eine Frau aus seinem Heimatland. Ich einen Gefährten mit seiner starken Hand. Aber er legte die Hand still, als er mich nicht mehr begriff. Ich war überrascht. Er war nicht der, den ich erwartete. Ich wollte ihm nicht alles anheimstellen. Ihm nicht alles schenken. Ich konnte mich nicht seiner Führung überlassen. Er atmete Schaden und ich atmete, in seiner Gegenwart ebenfalls Schaden. Ich wollte mich ihm nicht opfern. Nicht sterben für ihn. Nicht alles hinnehmen, um bei ihm zu sein, in seiner Nähe. Ich wollte noch nicht sterben, noch nicht so bald. Ich wollte noch nach meinen Talenten sehen, schauen, wo ich sie vergraben hätte, und sie vermehren, bevor ich sie dem Geber, DIR, zurückgeben würde. DU warst nur verreist. Das wußte ich nun. DU würdest wiederkommen und nach den Talenten fragen, die DU mir zur Obhut gegeben hattest. Ich habe sie gut verscharrt, würde ich sagen, daß sie auch kein Dieb fände. Ich selbst fand sie auch nicht mehr! Lange Zeit. Und als ich anfangen wollte, sie zu suchen, hast DU mir diesen Mann geschickt, der mich ganz von der Suche abbrachte. Nun, hast du gelernt, ihn zu lieben, würdest DU fragen. Ich habe gelernt, ihn zu ertragen, wenn DU das meinst!, würde ich antworten. Aber meine Herrschsucht ist mir immer wieder quergekommen. Die hab ich nie wirklich verloren. Man kann sie auch nicht verlieren, würdest DU sagen. Man kann sie nur bekämpfen und überwinden. Du hast sie also nicht bekämpft und überwunden! – Wie hätte ich das tun können, sie sprang ganz unvermutet auf, wo ich nicht mit ihr rechnete, und schon hatte sie mich in ihrem Griff. Und ich schrie den Mann an, weil er etwas gesagt hatte, was nicht soviel Einsicht zeigte, wie ich sie besaß, und dabei aber keinen Zweifel an sich ließ.

    Ja, meine Liebe, würdest DU sagen, so habe ICH ihn gemacht. Vielleicht warst du voreilig in deiner Wahl. Oder es bewegte dich Gier nach Genuß? Und ich würde kleinlaut zugeben: Ja, das letztere spielte mit, als ich mein Unbehagen beiseiteschob.

    Du bist noch immer die Alte, würdest DU seufzen. Nun willst du den nächsten Kandidaten verzehren. Du überlegst schon, zu was er dir nutze sein könnte. Du packst die Sache falsch an. Nur weil er auf der Straße stehen blieb, als sein Freund schon weggegangen war, wegen dem er stehengeblieben war! Du checktest ab, wie und wo er dir nützen könne, noch bevor ihr euch das erste Mal wieder trenntet. Alle Welt soll dir dienen. Will sie dir nicht dienen, dann mißachtest du sie. Du kannst doch nicht behaupten, daß ICH dir d a s vorlebte?! – Nein, werde ich noch kleinlauter zugeben. Da siehst du, du hast MICH auch noch nicht lieber als dich selber!
    Du bist in Gedanken verstrickt, wie du dich diesem am vorteilhaftesten präsentieren kannst, über das unpassende Alter hinweghebend. Zum Beispiel denkst du, du könntest ihm diesen Text vorlesen, um ihn deine Pfunde und das Altern vergessen zu machen. Einen Wassermann, meinst du, kann man so ködern. Und er, er köderte dich seinerseits mit den eingestreuten Informationen, er habe alle nur denkbaren Führerscheine. Zuletzt habe er einen Wagen nach Paris überführt. Die Rückreise sei ihm bezahlt worden, habe allemal nur 43 € gekostet. Ihr seid mir Helden!

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