Saint-Exupéry – Victor Hugo der Lüfte

Stefan Teplan über Antoine Saint-Exupéry

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 25/1998)

Von zwei großen Leidenschaften war er besessen. Die eine kostete ihn das Leben. Die andere machte ihn unsterblich. Fliegen und Schreiben füllten das kurze, nur 44jährige und doch so unermesslich reiche Leben Antoine Saint-Exupérys vollkommen aus. Wobei wie Umberto Eco rätselt, es ungewiss ist, „ob Saint-Exupéry flog, um zu schreiben, oder schrieb, um zu fliegen.“ Eco löst das Rätsel nicht auf. Vielleicht hätte er den Schlüssel bei „Saint-Ex“, wie dessen Freunde ihn nannten, selbst suchen sollen. Der fliegende Dichter und dichtende Flieger ermahnte seine Leser immer wieder eindringlich, nicht auf das Äußere zu sehen, sondern hinter die Dinge – eine Sicht, die nicht zuletzt bei der Betrachtung seines eigenen Lebens und Werks angebracht ist. Das zeigt, von außen, Saint-Exupéry „nur“ als Schriftsteller und Piloten. Doch betrieb er weder das eine noch das andere als Selbstzweck. „Mir geht es nicht um die Sache der Fliegerei“, bekannte er einmal. „Für mich ist das Flugzeug kein Zweck, es ist ein Mittel. Mit dem Flugzeug verlässt man die Städte und ihre seelenlose Rechnerei und findet auf anderem Wege die bäuerliche Wahrheit wieder. Man lebt mit Winden, Sternen, Nacht und Sand, arbeitet als Mensch und sorgt sich als Mensch. Man misst sich mit den Kräften der Natur und wartet auf den neuen Tag wie der Gärtner aufs Frühjahr. Man ersehnt den Flughafen wie ein  gelobtes Land und sucht seine Wahrheit in den Sternen.“

Saint-Exupéry blieb zeitlebens ein Suchender. Fliegen war seine Form der Meditation, das Flugzeug sein Mittel auf dem Weg des Strebens nach Wahrheit. Das Schreiben war seine Form, die über den Wolken gewonnene Erkenntnis zu verbreiten – mit dem Ziel, das einzige Problem zu lösen, das er in der Welt sah: in einem seelenlosen, materiell orientierten Zeitalter „dem menschlichen Leben wieder einen geistigen Sinn zu geben.“

Während seiner Kindheit und Jugend wurde er früh dazu angetrieben, nach solchen Werten zu suchen. Saint-Exupéry – im Jahr 1900 in Lyon geboren – wuchs als drittes von fünf Kindern einer Adelsfamilie zunächst auf zwei Schlössern seiner Familie auf, ab seinem 14. Lebensjahr besuchte er diverse Jesuitenschulen und Internate. Sein Vater starb 1904, seine künstlerisch talentierte Mutter Marie, die malte und dichtete, erzog ihn ohne strenge Regeln, mit – wie sämtliche Biographien betonen – Herzenswärme. Auch weckte sie in ihm die Liebe zu Literatur und Musik. Eine andere, lebensentscheidende Liebe entdeckte Saint-Exupéry mit zwölf Jahren: Ein Pilot nahm ihn auf einen kurzen Flug mit; von da an fühlte sich der Junge als „Victor Hugo der Lüfte“ berufen. Gleich nach der Landung begann der Zwölfjährige zu dichten: „Die Flügel erbebten unter dem Atem des Abends/Die schlummernde Seele wiegte des Motors Gesang/Erblassend strich die Sonne an uns entlang.“

Dabei stellten die, die damals über sein Sprachtalent urteilten, den angehenden Schriftsteller nicht das beste Zeugnis aus: Saint-Exupéry galt als undisziplinierter Schüler und fiel 1919 bei der Aufnahmeprüfung zur Ècole Navale durch. Seine Stunde schlug, als er 1921 der französischen Luftwaffe beitrat, bei der er ab 1926 als Pilot die Linien Toulouse-Casablanca und Dakar-Casablanca übernahm. 1927 wurde er Postenchef des Flugplatzes Cap Juby in der spanischen Sahara, mitten im marokkanischen Aufstandsgebiet. Saint-Exupéry lernte Arabisch und gewann das Vertrauen der Beduinen, die ihm gestatteten, mit seinem Flugzeug in bis dahin unentdeckte Gebiete vorzudringen. „Nach und nach“, schreibt sein Biograph Frédéric d’Agay über diese Zeit, „verfällt der Saint-Exupéry der Wüste und ihrer Mystik. In seiner Klause und in den Zelten des Scheichs entwickelt er seinen Hang zur Ruhe, seine Neigung zum Schweigen, seine Fähigkeit zum Träumen.“ All diese Erfahrungen fließen in seinen ersten Roman ein (er rang sich die Stunden des Schreibens nachts vom Schlaf ab): „Südkurier“ erschien im Juli 1929 und wurde von der Kritik und von Schriftstellerkollegen wie André Gide begeistert aufgenommen. Sein zweites Buch „Nachtflug“ (1930) machte ihn berühmt: Saint-Exupéry verarbeitet darin seine Erlebnisse als Pilot und Luftpost-Direktor in Buenos Aires, wozu er 1928 berufen worden war. Das Buch, das Fragen nach Sinn des Lebens, Verantwortung und Pflicht thematisiert, erreichte innerhalb weniger Monate eine sechsstellige Auflage und wurde 1932 mit Clark Gable in der Hauptrolle verfilmt. 1935 stürzte Saint-Exupéry mit seinem Mechaniker Prévot über der lybischen Wüste ab. Wie durch ein Wunder überlebten die beiden, kämpften tagelang gegen Hunger, Hitze und Durst, entzündeten Signalfeuer, bis sie schließlich ein Araber fand und rettete. In dem Werk „Wind, Sand und Sterne“ (1939) kehrt diese Episode wieder, ein Buch, für das Saint-Exupéry mit dem Großen Preis der Académie Francaise geehrt und das in den USA zum „Book Of The Month“ gekürt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs emigrierte Saint-Exupéry in die USA. Dort entstanden sein Buch „Flug nach Arras“ und das weise Märchen für Erwachsene, dessen Erfolg noch heute seinen Weltruhm begründet: die mittlerweile in 50 Sprachen übersetzte Parabel „Der kleine Prinz.“

© Stefan Teplan

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • Dr. Michael Pätel  On November 23, 2009 at 8:17 am

    Ein interessanter Artikel. Leider ist die Zahl der Übersetzungen des Buchs „Der Kleine Prinz“ in andere Sprachen nicht mehr aktuell. Es sind weit über 200 Sprachen und Dialekte

  • Stefan Teplan  On November 23, 2009 at 8:47 am

    Vielen Dank für den Hinweis, Herr Dr.Pätel. Die angegebene Zahl war der Stand der Recherchen, als mein Artikel über Saint-Exupéry erstmals erschien. Ich habe derweil im Internet nachgeforscht; demnach muss auch wikipedia upgedatet werden: Dort ist noch von 180 Sprachen und Dialekten die Rede. Im Internet stieß ich zu diesem Thema ferner auf Ihre hervorragende Seite, die ich an dieser Stelle jedem Interessierten zur Vertiefung empfehlen möchte:
    http://www.fotodesignerin.de/prinz/index.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: