John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

© Stefan Teplan

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