Monthly Archives: Juni 2010

Nordlicht

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998)

Aufmacher-Seite zur Home-Story von Stefan Teplan über Leena Lander - Ausriss aus Weltbild Nr. 23, 1998

Die finnische Star-Autorin Leena Lander zieht mehr und mehr Leser in ihren Bann. Spätestens seit ihren Romanen „Mag der Sturm kommen und „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Gegenwartsliteratur. Stefan Teplan besuchte Leena Lander in ihrem Landhaus in Finnland und sprach mit ihr über Licht und Dunkel, Leiden und Schreiben.

Leena Lander - Titelbild-Entwurf zu Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

„Ein aufgehender Stern am Literaturhimmel“, rühmte der Norddeutsche Rundfunk. Eine Schriftstellerin mit erstaunlichem Geschick, „von einer Erzählebene auf die andere zu wechseln“, bewunderte die Süddeutsche Zeitung. Eine Dichterin, deren Werk „wunderbar komponiert“ ist, schwärmte die italienische Lire. Lobeshymnen überall für Leena Lander, vielfach preisgekrönte, in 13 Sprachen übersetzte Star-Autorin aus Finnland.

Spätestens seit ihrem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenem Roman „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ ist sie auch hierzulande vom Geheimtipp zur festen Größe der europäischen Gegenwartsliteratur avanciert. Hollywood hat die filmrechte für diesen Roman gekauft, ein weiterer („Mag der Sturm kommen“) soll demnächst in Skandinavien für das Kino produziert werden.

Leena Lander ist der neueste Shooting-Star innerhalb des seit Jahren anhaltenden Skandinavien-Booms in der Bücherwelt. Ob der Norweger Jostein Gåarder mit „Sofies Welt“, der Däne Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Schwedin Marianne Fredriksson mit „Hannas Töchter“ – all diese Nordlichter zeigten, was heute gute Belletristik ausmacht: Sie ist unterhaltsam, ohne in Kitsch abzugleiten, spannend, ohne in einer Flut von Action-Szenen zu ertrinken, niveauvoll, ohne belehrend zu wirken, und sinnlich, ohne peinlich zu werden. Und noch ein Skandinavier, der Norweger Lars Saabye Christensen, der in seinem Roman „Yesterday“ den Mythos der 60er Jahre beschwört, nötigte der Zeit die höhnische Frage ab, „warum noch kein deutscher Autor solch einen hervorragenden Roman über diese Zeit geschrieben naht.“

Die Antwort weiß nur der Wind. Einfacher ist da die Erklärung bei Leena Lander. Romane wie die ihren könnte ein deutscher Autor überhaupt nicht schreiben. Ihr Werk ist durch und durch finnisch, schöpft aus der Tradition und den Symbolen der alten finnischen Mythen, arbeitet die Geschichte des Landes – vor allem deren dunkle und bislang tabuisierte Seiten – auf und spiegelt, neben ihrer eigenen düsteren Kindheit, unvergleichlich treffend das Wesen der finnischen Seele wider. Jene unerträgliche Schwere des Seins, die die Menschen im Land der Lander überfällt, wenn das Licht schwindet und der nordische Winter hereinbricht wie eine lange, nicht endenwollende Nacht. Was die hohe Selbstmordrate – Finnland hält den traurigen Rekord in Europa – erklären mag. Dann andererseits jene exzessive Lebenslust, der sich die Menschen dort hingeben, wenn nach Monaten die Sonne wieder kommt, mit der sie sich in den kurzen Sommer stürzen wie in einen Rausch. Was wiederum ganz andere, nicht minder makabre „Rekorde“ erklärt. „Darin halten wir den Europarekord, im Morden aus Eifersucht“, schreibt Lander in ihrem Roman Mag der Sturm kommen“. In ihrem Landhaus, am Ortsrand eines Dorfes bei Turku, erzählt sie mir: „Besonders unter Alkoholeinfluss lassen viele Männer hier ihrer Eifersucht freien Lauf und verprügeln ihre Frauen. Oder töten sie gleich. Oder den Nebenbuhler.“ Oder auch nur den vermeintlichen.

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 22, 1998

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan

Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wie leicht so etwas gehen kann, hat sie im eigenen Verwandtenkreis bitter erfahren. „Mein Schwager wurde auf dem Heimweg in einem Park von einer Frau angesprochen. Sie wollte nur eine Auskunft. Ihrem stark angetrunkenen Begleiter ging das schon zu weit. Er schlug meinen Schwager zusammen, dann strangulierte er ihn mit einem Gürtel, bis er tot war.“

Ein weiterer Schock im Leben der Lander, das durch eine traumatische Kindheit ohnehin genug belastet ist. Eine Kindheit, die, wie sie überzeugt ist, sie erst zur Dichterin gemacht hat: „Sie werden keinen Schriftsteller mit einer normalen Kindheit finden.“ Nicht normal, das heißt im Fall von Leena Lander aufzuwachsen in einem Heim für kriminelle Jugendliche: Sie ist die zweite Tochter des strengen und übermächtigen Heimleiters. Unter der emotionalen Kälte ihres Vaters leidet sie ebenso wie unter dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören und immer Außenseiterin zu sein. Und die Erlebnisse ihrer Kindheit graben sich traumatisch in ihre Seele: mit anzusehen, wie zwei Jungen einen Neuling mit einem heißen Eisen malträtieren. Nachts die Schreie zu hören, wenn ungehorsame Zöglinge geschlagen werden. Zu erfahren, dass Jungs ausgebrochen sind und ein Mädchen vergewaltigt oder jemanden totgeschlagen haben. „Der Ort, an dem ich aufwuchs“, fasst Leena Lander zusammen, „War ein Ort des Schreckens. Es war ein sehr isolierter Platz. Wir erhielten keinen Besuch von der Außenwelt, und wir konnten nie raus.“

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem ehemaligen Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WLTBILD Nr. 23, 1998

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wer ihr persönlich begegnet, kann es nicht glauben, dieselbe Person vor sich zu haben, die eine so traurige Kindheit hinter sich hat und deren Bücher derart tiefe seelische Abgründe ausloten. Leena Lander ist charmant, schlagfertig, witzig, lebenslustig, unkompliziert. Alles andere als eine weltfremde Künstlerin, die vergeistigt in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Obwohl sie sich jeden Tag eisern in ihrer Arbeitsklause verbirgt und regelmäßig von 9.30 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags schreibt.  Aber anschließend zeigt sich ihre praktische Seite: Sie arbeitet im Garten (das sei, wie sie mir schelmisch mit einem englischen Wortspiel erklärt, ihr Wechsel vom „Avantgardener“ zum „gardener“). Die geht mit ihren Hunden Amanda und Santtu joggen. Sie macht Handwerksarbeiten (ihr Wohnhaus hat sie selbst getüncht, eine Garage für die Mopeds ihrer Söhne alleine gezimmert). Ja, und natürlich ist sie dann vor allem für ihre Familie da, ihren Mann, den Fernsehjournalisten Esa und ihre drei Söhne Joaa, Jirka und Jael, die am Spätnachmittag aus der Schule zurückkommen.

Woher sie die Kraft nimmt, die langen finnischen Winter hindurch die Einsamkeit zu ertragen? Sich in ihrer, wie sie es nennt, „Einzelhaft“ zu verbarrikadieren und Selbstgespräche mit ihren Romanfiguren zu führen? Die „Angst, manchmal wirklich verrückt zu werden“, auszuhalten? Zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben? Ganz einfach: Leena Lander kann gar nicht anders. „Ich bin vom Schreiben besessen. Das war ich schon als junges Mädchen. Lesen und Schreiben – das war meine Flucht aus der traurigen Situation, in der ich aufwuchs.“

Während der Zeit im Heim war ihr nur der nahe gelegene Friedhof als Zufluchtsstätte vor dem ganz alltäglichen Horror geblieben. Die Grabinschriften regten sie dazu an, Geschichten über die Toten zu erfinden. „Ich konnte schließlich nicht mehr davon lassen, Geschichten zu erfinden, die ich in meine Tagebücher schrieb. Bis ich 15 war.“ Da warf sie ihre Tagebücher nach einem Streit mit dem Vater weg. Der hatte keinen Sinn für ihre „Träumereien“ und forderte sie auf, „etwas Sinnvolles“ zu machen.

Das „unerzogene“ Mädchen „pflegt Umgang mit Toten und Steinen und Büchern, erlernt das Leben gleichsam vom falschen Ende her, vom Ende zum Anfang“, porträtierte die Lander Jahre später sich selbst (im Roman „Mag der Sturm kommen“). Nach dem Streit mit dem Vater schlug sie zunächst eine „sinnvolle“ Bahn ein, studierte Geschichte, jobbte dazwischen auf dem Friedhof ihrer Kindheit als Gärtnerin, heiratete.

Aber so einfach wird man eine Besessenheit nicht los. Oft sind es die eigenartigsten Auslöser, die eine Sucht wieder in Gang setzen. Ein Ehestreit etwa. Eigentlich wollte Landers Mann immer Schriftsteller werden. Als er wiederholt davon sprach, einen großen Roman zu schreiben, fuhr Leena ihn einmal an: „Wenn ich du wäre, würde ich weniger davon reden und mehr schreiben.“ Esas Antwort: „Dann mach’s doch du.“ Sie nahm ihn beim Wort.

Leena Lander - zweiter Titelbild-Entwurf für Magazin Weltbild Nr. 23, 1998

Nach sechs Romanen, die in früheren Jahrhunderten spielen, fand sie zur Gegenwart und zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Ihre Mutter überreichte ihr plötzlich die verloren geglaubten, aus dem Müll geretteten Tagebücher. Lander setzte sich noch einmal mit dem Alptraum ihrer Kindheit auseinander und verarbeitete ihn zu einem Roman: „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“., Auftakt einer Trilogie, die sie mit „Mag der Sturm kommen fortsetzte – der dritte Teil wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen.

Diese Romane freilich nur als autobiographische Vergangenheitsbewältigung zu sehen, hieße ihr ungeheuer breites Themenspektrum zu verleugnen. Dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte verknüpft Lander geschickt mit dunklen Kapiteln der Geschichte Finnlands – so den Kampf der halbfaschistischen Lapua-Bewegung gegen die Kommunisten oder die weithin geleugnete Existenz von Konzentrationslagern im Finnland der 30er Jahre. Von aktuellen Fragen wie der Atommüll-Lagerung oder dem hinter der schönen Fassade gar nicht so tollen Lebensgefühl der Finnen unter dem Ex-Präsident Kekkonen holt sie aus zu uralten Mythen und kreist dabei gleichzeitig um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Mann-Frau-Beziehungen, Schuld, Sühne und Tod. Das größte Kunststück innerhalb all dieser Komplexität: ihre stilistisch brillanten, durch inneren Monolog und ständige Perspektiven- und Zeitwechsel geprägten Romane, die durch die Aufklärung rätselhafter Mordfälle den Leser an einer detektivischen Recherche teilnehmen lassen, bleiben vom Anfang bis zum Ende spannende Thriller. „Ich möchte den Leser verführen“, nimmt sie sich bei jedem Buch vor. Und das ist ihr noch jedes Mal gelungen.

Enttäuscht werden höchstens die, die eine allzu simple Verführung erwarten. Leichte Kost schätzen. Eine deutsche Journalistin etwa, erzählt Lander schmunzelnd, habe sie kürzlich gefragt, warum es in ihren Büchern eigentlich kein Happy-End gebe. Womöglich hat sie die Lander mit einer jener Unterhaltungsautorinnen verwechselt, die Bestseller produzieren, aber keine Dichtung. Landers Romane jedenfalls sind ohne Zweifel Literatur in dem Sinne, in dem Franz Kafka – der wie Leena Lander zeitlebens an einem übermächtigen Vaterbild litt – Literatur definiert hat: „Ein gutes Buch“, schrieb er in seinen Tagebüchern, „muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Leena Landers Romane schlagen wie eine Axt ein in das Geflecht aus Bosheit, verrat, Lügen und überbordender Triebhaftigkeit, aber nicht im Sinn einer kafkaesken Ausweglosigkeit, sondern einer reinigenden Katharsis. Denn erst, wenn dieses Eis bricht, sind wir wieder fähig, das Licht nach dem langen Dunkel zu sehen. Und das ist doch irgendwie auch ein Happy-End.

© Stefan Teplan Media

Advertisements

Mythos Indianer

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung als Titelgeschichte des Magazins WELTBILD Nr. 26, 1996)


Cover des Magazins Weltbild Nr. 26, 1996

Mit ihrer jüngsten Weissagung scheinen die Zeugen Jehovas, die bei der Berechnung des Weltuntergangs schon öfters ein unglückliches Händchen bewiesen, endlich einmal ins Schwarze zu treffen: Die Indianer, orakelte die Sekte im September in ihrem Blatt „Erwachet“, „werden wiederkommen.“ Drei Monate später sind sie da – wenn auch nicht im neuen, von den Zeugen Jehovas erwarteten irdischen Paradies, so doch in den Schaufenstern und Katalogen von Buch- und Musikgeschäften, in Kinos und Videotheken, in Mode- und Schmuckläden. Vom Armreif bis zum Zauberamulett – das Geschäft mit den Rothäuten sorgt allerorten für schwarze Zahlen.

Walt Disney vermarktete die Geschichte der Indianerprinzessin „Pocahontas“. Nach dem Kinoerfolg gehen in den Kaufhäusern Pocahontas-Tassen und -T-Shirts weg wie warme Semmeln. Hollywoodstar Kevin Costner, der vor Jahren mit dem Vierstunden-Leinwandepos „Der mit dem Wolf tanzt“ Verständnis für Indianer weckte, präsentiert jetzt in einer Filmreihe „500 Nations – Die Geschichte der Indianer“. Der Titel – nach dem Buch von Alwin M. Josephy – ist Hinweis auf einen der größten Völkermorde der Geschichte: 500 Nationen lebten auf dem amerikanischen Kontinent, bevor „zivilisierte“ Europäer ihr Land stahlen und ihr Leben zerstörten.

Jetzt sehnen sich die Zivilisierten nach dem ursprünglichen Leben zurück, das niemand besser verkörpert als die Indianer. Und diese Sehnsucht schwingt mit in jedem Stück Federschmuck oder Amulett, das gekauft wird. „Der Indianertrend“, urteilt Plattenmanager Peter Gerasch, „hat damit zu tun, dass wir in unserer Gesellschaft, im Werteverfall mehr und mehr unsere eigenen Wurzeln oder überhaupt die Wurzeln der ganzen Menschheit suchen.“ Zum gleichen Ergebnis kommt Ellen Daniel-John, wenn sie erklärt, wieso in ihrem Laden „Silbereck“ im Münchner Stachus-Einkaufszentrum Indianerkleidung, -schmuck und -accessoires die Renner der Saison sind: „Die Leute leben heute sehr oberflächlich und wollen sich damit das Echte und Ursprüngliche wieder holen.“

Daniel-John, die Wert darauf legt, nur Originalschmuck und keinen Kitsch zu verkaufen, will demnächst mit Veranstaltungen indianische Kultur den Menschen näherbringen. Sie wird auf einem Bauernhof in Oberbayern eine Indianergruppe auftreten lassen, die auch in einer Westernstadt bei Nürnberg ihre Musik und Tänze vorführte.

Indes holt ZDF-Unterhaltungschef Claus Beling Indianerlegende Winnetou aus den ewigen Jagdgründen zurück. Für einen neuen Zweiteiler steht Pierre Brice vor der Kamera wieder in der Rolle, die ihm vor drei Jahrzehnten Weltruhm einbrachte: als Apachen-Häuptling Winnetou. Das, glaubt Beling, „wird das TV-Ereignis des Jahres.“ Daran hat auch Brice keine Zweifel. Weil es bei der Indianer-Story um „wahre Werte und Botschaften“ gehe.

Indianische Werte und Spiritualität empfiehlt sogar die Zeitschrift „natur“ in ihrer aktuellen Ausgabe – gegen die Umweltzerstörung. Soviel ist klar: Wir stressgeplagten Bleichgesichter müssen von den Indianern lernen, was es heißt zu leben, nicht sie von uns. So wie Manager Gerasch sich an neue Rhythmen gewöhnen muss, wenn er mit seinem Shooting-Star Jerry Alfred (siehe Interview weiter unten) in Kanada Termine absprechen will. „Ich versuche seit 14 Tagen, dich zu erreichen, Jerry“, klagte er kürzlich am Telefon. „Wo hast du gesteckt?“ Jerry: „Ich war zwei Wochen im Busch. Elche jagen.“

© Stefan Teplan Media

Interview:

„Immer eins mit der Natur“

Stefan Teplan sprach mit dem Indianer Jerry Alfred vom Stamm der Tutchone in Yukon (Kanada), der in der Welt der Bleichgesichter jetzt als Musiker Furore macht

Interview mit Jerry Alfred - Ausriss aus Weltbild Nr. 22, 1996

Interview mit Jerry Alfred - Ausriss aus Weltbild Nr. 22, 1996

Stefan Teplan: Sie wurden 1996 mit Ihrer ersten CD schlagartig populär. Überrascht?

Jerry Alfred: Sicher. Ich habe bisher nur für meinen Stamm Musik gemacht wie schon mein Vater und Großvater. Aber als ich ein Kind war, prophezeite mir ein Medizinmann, meine Musik würde über die ganze Welt gehen.

Stefan Teplan: Und das erfüllt sich jetzt?

Jerry Alfred: Sieht so aus. Für meine CD habe ich zusammen mit der Rocksängerin Alanis Morissette die höchste Musikauszeichnung Kanadas, den Juno Award, erhalten. Ich gehe im nächsten Jahr auf Tournee, komme auch nach Australien und Deutschland. Und die UNO übernahm mein Lied „Generation Hand Down“ als Hymne zu ihrem 50jährigen Jubiläum.

Stefan Teplan: Aber Sie leben trotzdem mehr in der Wildnis als in Tonstudios und Hotles.

Jerry Alfred: Die meiste Zeit verbringe ich in der Natur, fange Lachse, jage, lebe mit meiner Familie in einem Gebiet, das kein Reservat, sondern seit zehntausend Jahren nur Indianerland ist.

Stefan Teplan: Haben Sie deswegen auch ein lukratives Angebot der EMI ausgeschlagen?

Jerry Alfred: Genau. Die EMI (eine der größten Plattenfirmen der Welt – Anm. d. Red.) hätte mich total vermarktet und wollte, dass ich in die Stadt – nach Vancouver – ziehe. Bei „Sattva Music“ bleibt meine Musik ursprünglich.

Stefan Teplan: Die Bewahrung der Tradition ist Ihnen also wichtiger als viel Geld?

Jerry Alfred: Unsere Tradition am Leben zu erhalten ist meine Aufgabe von Kindheit an. Nur deswegen mache ich Musik.

Stefan Teplan: Wie, glauben Sie, kann indianische Kultur in diesem Zeitalter überleben?

Jerry Alfred: Nur durch Weitergeben der Geschichten und Lieder von den Älteren an die Jüngeren. Und durch Erhalt des Wissens, dass wir immer eins mit der Natur sind.

Jerry Alfred and Stefan Teplan during their interview. © Stefan Teplan

© Stefan Teplan Media

BEKENNTNISSE – Nina Hagen mit Ernst-Faktor

Von Stefan Teplan

Nina Hagen 2010. Foto Stefan Teplan

Nina Hagen - bekennende Christin, Musikerin mit Spaß- , Autorin mit "Ernst"-Faktor. Foto Stefan Teplan

Ein Klassiker der christlichen Literatur findet einen Nachfolger unter gleichem Titel. Nach den „Bekenntnissen“ von Augustinus musste die Christenheit rund eineinhalb Jahrtausende warten, bis neue „Bekenntnisse“ den – wie bei Augustinus – langen, von zahlreichen Umwegen und Dornen gezeichneten Weg einer Seele zu Gott beschreiben: Die berühmte – wegen spektakulärer Auftritte in manchen TV-Shows ebenso berüchtigte – Sängerin Nina Hagen beschreibt ihren Weg von Ost nach West, vom DDR-Show-Sternchen zur BRD-  und US-Rock- und Punkröhre, zur Ufologin, Drogenkonsumentin, Sinnsuchenden in indischen Ashrams und anderswo zum christlichen dreifaltigen Gott, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist, in dessen Namen sie sich vor einem Jahr taufen ließ. „Unruhig ist das Herz, bis es ruhet in Gott“, schrieb Augustinus und dieser Satz könnte als Motto ebenso über Nina Hagens spirituellem Weg stehen.

Wer sich hier – wie von Nina Hagen gewohnt – Schrilles und Spektakuläres erwartet, wird, je nach Interpretation, bitter enttäuscht oder freudig überrascht. Nina Hagens „Bekenntnisse“ (Pattloch Verlag, 280 Seiten, 18.- Euro) sind ein Wort für Wort ehrliches, durch und durch authentisches, ernst zu nehmendes Buch, das jedem Christen empfohlen werden kann ebenso wie jedem, der Sinn suchend durch den Dschungel der Angebote der Religionen und esoterischen Richtungen irrt und nach der wirklichen Wahrheit sucht. Die ist eben nur in Gott zu finden und nur in dem einen und einzigen, der existiert. Nina Hagen räumt denn auch mit der polytheistischen Vielgötterei des Hinduismus auf, die sie in Indien erlebt hat.

Das Buch ist so geschrieben wie Nina Hagen spricht (da kann auch nur das von ihr selbst gesprochene Hörbuch ebenso nur wärmstens empfohlen werden), nichts anderes war zu erwarten: Nina Hagen ist immer echt und man spürt bei jedem Satz, dass sie stets hundertprozentig meint, was sie sagt.

Nina Hagen im Gespräch mit Stefan Teplan. Ausriss aus TELE-Welt Nr. 1, 1997, Verlag Weltbild

Der Autor, der zahlreiche Interviews mit Prominenten zu ihrem religiösen Weltbild und inneren Werte-System geführt hat (u.a. Cliff Richard, Paul Anka, Norman Mailer, Waris Dirie, Michael York), erinnert sich an ein Interview, das ihm auch Nina Hagen vor vierzehn Jahren zum Thema Religion und Ufos gab. Sie spielte damals eine Rolle im ARD-Krimi „Tatort“ mit dem Serientitel „Tod im All“, in dem TV-Kommissarin Ulrike Folkerts rätselt, ob ein Vermisster von Ufos entführt wurde. Damals schrieb der Autor – dem sie, ganz Missionarin, mit persönlicher Widmung ein Buch über Ufos schenkte mit der Bedingung, er müsse es „unbedingt lesen“ (was er brav tat) – für das (im Verlag WELTBILD herausgegebene) Magazin TELE-WELT:

Sie hat, erzählt sie Stefan Teplan von der TELE-WELT, „am Strand von Malibu schon selbst ein Ufo gesehen.“ Und weiß, dass es „gute und böse Außerirdische“ gibt. Da kann sie „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts bei der Täterjagd im All gleich zur Seite stehen. Nina Hagens Ufo, weiß sie, „war sicher kein böses, denn ich war unbeschreiblich glücklich bei der ganzen Sache.“ So einfach ist das zu unterscheiden. Die schrille Nina hat aber auch keine Angst vor den bösen: „Denn ich bin gläubige Christin, Buddhistin und Jüdin.“ Wie das alles zusammenpasst? „Gott ist überinternational.“ Und will, dass wir den Krieg unter uns abschaffen und uns auf die intergalaktische Reise vorbereiten.“ Alles klar, Frau Kommissar?  (Auszug aus Artikel des Magazins TELE-WELT Nr. 1, 1997).

Alles klar ist aber erst jetzt. Von den anderen Religionen distanziert sich Nina Hagen in ihren „Bekenntnissen“ und erkennt allein in Jesus Christus das allein seligmachende Heil. Eben: „Unruhig ist das Herz bis es ruhet in Gott.“

© Stefan Teplan Media