Author Archives: Stefan Teplan

Editor, journalist and photographer for German magazines and newspapers like SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, WELTBILD, BILD FUNK and more as well as for radio station „Rundfunk Neues Europa“, author of books in German and English language. Lot of travel-writing, book-reviews, interviews and encounters with Paulo Coelho, Isabel Allende, Norman Mailer, Paul Anka, Waris Dirie, Michael York, Little Richard, Angela Merkel, John Irving, Minette Walters, Barbara Wussow, Nicholas Evans, Nicholas Sparks and much more. Published books in German and in English language.

Barbara Wussow: „Jetzt habe ich meine Traumrolle“

Aufmacher des Wussow-Fortell-Interviews, Ausschnitt aus WELTBILD Nr. 20, 1997

Barbara Wussow wird Mutter. WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan besuchte sie und ihren Mann, den Schauspieler Albert Fortell, in Wien und sprach mit ihnen über die Schwangerschaft, über Kirche und Papst, über Moral und Beziehungen.

 (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr: 20/1997)

 

Stefan Teplan: Sie sagten einmal: Meine Traumrolle ist, Mutter zu sein. Jetzt erwarten Sie ein Kind. Wie fühlen Sie sich bei den Vorbereitungen auf die Traumrolle?

Barbara Wussow: Ich fühle mich wunderbar und bereite mich so gründlich darauf vor, wie ich mich immer auf meine Rollen vorbereite. Und auf diese Traumrolle ganz besonders.

Stefan Teplan: Nur dass Sie mit dieser Rolle nicht im Rampenlicht stehen wollen.

Barbara Wussow: Ich bitte darum, es zu respektieren, dass ich mich in den nächsten Wochen etwas mehr von den Medien und der Presse distanzieren möchte. Ich will mich zurückziehen, was nicht böse gemeint ist, sondern ich tue das, um diese Ruhe, die ich jetzt brauche, und das Auf-mich-selbst-Besinnen in dieser besonderen Zeit mehr genießen zu können. Und ich möchte meine Schwangerschaft nicht zer- und bereden.

Stefan Teplan: Haben Sie jetzt auch Ihre Lebenspläne als Schauspielerin geändert?

Barbara Wussow: Nein, das nicht. Ich will in der ersten zeit etwas zurückstecken und gar nichts machen. Wie ich mich nachher fühle, werde ich sehen,. Ich weiß von so vielen Kolleginnen, die in dieser Situation sehr wohl gearbeitet haben. Meine Mutter stand bis zum siebten Monat auf der Bühne.

Stefan Teplan: Sie empfinden das Kind nicht als Karrierebremse? Es gibt ja Frauen, die behaupten, ein Kind stünde ihrer Selbstverwirklichung im Wege.

Albert Fortell: Es ist wirklich unglaublich, was man da mitbekommt. Ich weiß von einem Fall, dass eine Frau abgetrieben hat, nur weil sie in Urlaub gehen wollte.

Barbara Wussow: In der heutigen Zeit kann ein mündiger erwachsener Mensch, wenn er so reif ist, dass er mit einem Partner ins Bett geht, auch so verantwortungsbewusst sein, dass er weiß, was daraus entstehen kann. Das hat er verantwortungsvoll zu respektieren. 

Interview mit Wussow und Fortell, Ausschnitt aus Weltbild 20, 1997

Stefan Teplan: Sie sind beide populär, vertreten aber unpopuläre Ansichten. Ihr Eintreten gegen Abtreibung und Ihre Papsttreue lassen Sie in den Augen mancher als altmodisch erscheinen.

Albert Fortell: Ich glaube allerdings gar nicht, dass wir unpopuläre Ansichten vertreten, sondern nur Ansichten, die eine laute Minderheit nicht mag.

Stefan Teplan: Dann wird das Bild von den Medien verzerrt?

Barbara Wussow: Ich glaube ja. Es ist nur eine laute Minorität, die in den Zeitungen und in den Talkshows zu Wort kommt und die wir alle hören. Wir hören aber nicht die vielen Millionen Menschen, die mit dem Papst und der Kirche einverstanden sind. 99 Prozent der Post, die wir bekommen, bestärkt uns in unserer Haltung. Was die Abtreibung betrifft, so bin ich völlig einer Meinung mit unserer sehr verehrten und geliebten Mutter Teresa: Abtreibung ist Mord. Wenn es möglich ist, dass eine Mutter ihr Kind umbringen lässt, steuert die Menschheit einem Abgrund entgegen. Und ich stehe zu meinem Satz: Mein bauch gehört mir, aber nicht der Inhalt. In dem Moment, in dem neues Leben in mir entsteht, ist es für mich undenkbar zu sagen, in den ersten Wochen oder drei Monaten ist es noch nichts. Was ist es dann? Das ist von der ersten Sekunde an, in der es entsteht, ein eigenständiges Leben, dem ich die Chance nicht verwehren darf, auf die Welt zu kommen.

Stefan Teplan: Gerade solche Sätze und Ihr Bekenntnis, Sie seien mit dem Papst in allem einig, machen Sie in bestimmten Kreisen unbeliebt, weil sie gegen den Zeitgeist gerichtet sind.

Barbara Wussow: Aber war Mutter Teresa unbeliebt? Und sie war mit dem Papst in allem einig. Wer hätte es gewagt, sie anzugreifen? Wenn man sie angegriffen hat, waren das Irre, die ihr zu wenig politische Haltung vorgeworfen haben.

Barbara Fortell: Das ist ja jetzt auch vereinzelt passiert. Weil man gar nichts mehr findet, hat man gesagt, sie hat nicht dazu beigetragen, die indische Gesellschaft zu verändern. Und da hat sie völlig richtig gesagt: Das haben auch die indischen Politiker nicht geschafft, und in der Zeit habe ich aber Hunderttausenden von Menschen das Leben gerettet.

Stefan Teplan: Erkennen Sie denn die Autorität des Papstes wirklich in allen Fragen an?

Barbara Wussow: ich finde, dass der Papst Richtlinien vorgeben und die moralische Höchstlatte in bestimmten Fragen ansetzen muss: zum Beispiel vor der Ehe keinen Verkehr zu haben, die Pille nicht zu nehmen, keine Kondome zu nehmen. Obwohl letzteres ein Punkt ist, gegen den ich mich in Zeiten von Aids sträube. Ich würde absolut Kondome empfehlen, bevor Menschen sterben. Ich kann mir vorstellen, dass die Kirche ihren Standpunkt dazu ändern wird – auch wenn es nicht im Sinne unserer Religion ist, weil es auch Leben verhindert.

Stefan Teplan: Sie können diese moralischen Richtlinien aber nicht aus der Bibel ableiten. Die sind von der Kirche gemacht.

Albert Fortell: Ich kann ableiten, dass die Kirche aus der Bibel ableitbar ist. Man sollte eines nicht vergessen: Die Kirche und besonders unser Papst machen es sich nicht so einfach. Es ist sicher schwieriger, seine Position zu halten als sich dem Zeitgeist anzupassen. Er könnte es sich leichter machen.

Barbara Wussow: Es gab Päpste, die haben es sich angenehmer gemacht im Leben und sind weniger angeeckt. Dieser Papst hat vieles erlebt, körperlich und seelisch, und musste durch viele Mühen gehen. Nicht umsonst ist er derart gebeugt unter der Last, die er getragen hat.

Stefan Teplan: Frau Wussow, haben Sie eigentlich wegen ihrer religiösen Einstellung schon einmal eine Rolle abgelehnt?

Barbara Wussow: Ich würde keine Rolle spielen, die gegen meinen Glauben gehen würde. Aber so ein Angebot hat es noch nicht gegeben. Ich habe mich auch schon für den Film ausgezogen. Wenn es dramaturgisch richtig ist und diese Szene nicht anders machbar und keine Effekthascherei ist, gehört das dazu. Der Körper ist auch nur ein Kostüm.

Stefan Teplan:  Ihre Rolle in der aktuellen ZDF-Serie „Singles“ entspricht nicht gerade Ihrem Image.

Barbara Wussow: Image ist so eine subjektive Geschichte. Das kriegt man von der letzten Rolle weg verpasst. Ich hatte ein zeitlang ein liebes, braves Mäderl-Image. Da bin ich nun wirklich schon etwas darüber hinweg.

Stefan Teplan:  Sie sagten ja schon vor Jahren, jede seelische Falte würde Ihrem Schauspiel mehr Tiefe verleihen.

Barbara Wussow: Ich bin froh über jedes Jahr, das ich älter werde. Ich war selig, als ich 30 wurde. Ich will ja nicht eine seelische Maske, eine schöne Larve bleiben. Ich möchte Knitter und Narben und Falten haben, denn von ihnen  profitiert mein beruf, aber auch mein Leben und mein Charakter und mein Weiterkommen als Mensch. Man braucht Probleme, um wachsen zu können.

Stefan Teplan:  Wieder unpopuläre Ansichten. Heute soll alles schön und glatt sein. Wer aus dem Jugendalter herauskommt, dem wird eine Krise unterstellt.

Barbara Wussow: Alles Quatsch. Ich war diesbezüglich noch nie in einer Krise.

Stefan Teplan: Sie sind auch noch nicht alt genug.

Barbara Wussow: Aber Kolleginnen von mir hatten mit 30 eine Krise. Ich sagte nur: Seid ihr wahnsinnig? Ich kriege sie vielleicht, aber auch nicht sicher mit 90. Das ist auch ein Zeichen unserer leichtlebigen und schnelllebigen Zeit, dass man nicht altern darf, in einer Gesellschaft, die nicht zugibt, dass ein Mann ein reifer Mann werden darf und eine Frau eine weise reife Frau. Nein, sie muss jugendlich sein und Miniröcke anhaben. Wenn sie es machen möchte, dann soll sie es machen. Wenn nicht, dann soll man sie bitte doch lassen und sie nicht scheel anschauen, dass sie 60, 70, 80 wird, Falten kriegt und sich nicht mehr anzieht wie ein Girlie.

Stefan Teplan: Die Kurzlebigkeit unserer Zeit spiegelt sich auch in den Beziehungen. Warum zerbrechen heute so viele Partnerschaften und Ehen?

Barbara Wussow: Wir sind zu einer Wegwerfgesellschaft geworden. Auch in Bezug auf den Menschen, auf Beziehungen, auf Gefühle. Wenn es zu schwierig und zu problematisch wird, steht man nichts mehr durch. Man hat auch nicht einmal mehr den Anstand, wenigstens den Schein zu wahren und einen Partner in einer Beziehung zu schützen. Es hat zu Zeiten meiner Groß- und Urgroßeltern ebenfalls Seitensprünge und Nebeneinanderbeziehungen gegeben. Nur hat man es dezenter, diskreter und feiner abgehandelt. Heute ist man ja stolz darauf, wenn man das macht.

© Stefan Teplan 1997

Carmen Rohrbach – Eine Frau für jedes Abenteuer

Carmen Rohrbach kennt die  halbe Welt. Doch sie ist nie als Touristin unterwegs. Viele Länder durchquert sie zu Fuß und ganz allein. Und immer ist sie auf der Suche nach Herausforderungen. Stefan Teplan, selbst begeisterter Abenteurer und Trekking-Reisender, besuchte die Globetrotterin bei einem ihrer raren Aufenthalte in ihrer Wohnung im bayerischen Hofstetten – dort wo sie ausnahmsweise mal nicht unter freiem Himmel nächtigt.

(Erstveröffentlichung: Magazin WELTBILD Nr. 15/2000)

Mit 15 Jahren büxte sie eines Abends aus. Als Carmen Rohrbach erst zum Frühstück wieder zu Hause auftauchte, hatten ihre Eltern bereits wildeste Spekulationen angestellt, wo das pubertäre Gör wohl die Nacht verbracht haben könnte. Die Beichte des Mädchens trug auch nicht gerade zur Beruhigung der Eltern bei, eher fühlten sie sich auf den Arm genommen. „Ich habe“, bekannte Carmen, „allein im Wald geschlafen.“

So unglaubwürdig es für Mutter und Vater Rohrbach auch klingen musste – die 15-Jährige hatte tatsächlich keine heiße Nacht mit einem ersten Liebhaber verbracht, sondern allein im Dickicht einem kalten Morgen entgegengefröstelt, an dem der Tag feucht durch die Kleidung drang. Carmen selbst freilich fand das ganz heiß.

Abgekühlt hat sie sich immer noch nicht. 35 Jahre sind seit ihrem ersten Abenteuer vergangen, doch mit 50 wie mit 15 zieht Carmen ein Bett im Kornfeld, im Wüstensand oder auf Felsgestein jeder Luxusliege vor und ist in der Natur lieber mutterseelenallein als „selbst mit dem nettesten sympathischsten Menschen“ zusammen. Bis heute hat sie mehr freie Nächte unter freiem Himmel verbracht als in den vier Wänden einer Wohnung oder eines Hotels.

Der erste nächtliche Ausflug zu Jugendzeiten war der Auftakt zu einem Leben, bei dem ungewöhnliche Abenteuer die Regel und gewöhnlicher Alltag die Ausnahme sind. Zu Fuß und, in den meisten Fällen, allein durchquerte Carmen Rohrbach mittlerweile die halbe Welt. Von den Anden bis Zimbabwe, von den Philippinen bis Feuerland, von den Tiefen des Atlantik bis zu den Gipfeln des Himalaya und des Kilimandscharo – wo immer das Abenteuer lockt, ist Carmen Rohrbach nicht mehr zu halten.

Zu halten war sie noch nie, obwohl (oder weil?) sie in einem Staat aufwuchs, der genau dies versuchte und die denkbar ungünstigsten Bedingungen für ihren Freiheitsdrang bot: in der ehemaligen DDR. „Ich musste da raus. Denn seit meinem elften Lebensjahr war ich wie elektrisiert. Damals war dieser Film im Kino unserer Kleinstadt gelaufen; schwarze Reptilien, weißgischtige Brandungswellen, eine bizarre Lavaküste, rot glühende Vulkane: Galapagos. Mir war, als würde ich dorthin gerufen. Auf so etwas wie die Wiedervereinigung konnte ich nicht warten“, erzählt sie mir in ihrer Wohnung im bayerischen Hofstetten bei Landsberg, dem Ruhepunkt zwischen den 1000 Welten, in denen sie sich bewegt. „Nachdem alle Versuche, auf normalem Weg von der DDR aus exotische Länder und Völker kennen zu lernen, scheiterten, gab es für mich nur mehr eine Lösung: die Flucht.“

Ausriss aus dem Original-Artikel im Magazin WELTBILD, Nr. 15/2000.

Vorher hatte sie durchaus nach anderen Möglichkeiten gesucht. Carmen Rohrbach studierte Biologie und hoffte, im „sozialistischen Bruderland“ Kuba einen Forschungsauftrag zu bekommen. Als es weder damit klappte noch später mit einem Projekt-Auftrag für die Mongolei, für den sie sich ebenso beworben hatte, machte die inzwischen 25-Jährige, was sie schon mit 15 gemacht hatte: Sie büxte aus.

Diesmal nicht nur für eine Nacht. 36 Stunden schwamm sie sich in der Ostsee von Rostock aus in Richtung Schweden frei. Eine sportliche Rekordleistung. Die Hoheitsgewässer der DDR hatte sie bereits verlassen, als sie, am Ende ihrer Kräfte, von einem Schiff aufgelesen wurde. Unglücklicherweise war es ein ostdeutsches. Die Frau, die alle Grenzen der Erde überschreiten wollte, scheiterte an der ersten, der eigenen Landesgrenze: Carmen Rohrbach kam in der DDR ins Gefängnis. Zwei Jahre später durfte sie dann doch die Grenzen übertreten, diesmal ganz legal: Sie wurde von der Bundesrepublik freigekauft. Ihre erste Anlaufstation in der freien Welt war das bayerische Seewiesen. Noch nicht gerade die Galapagos-Inseln. Aber immerhin das Tor dazu. „In Seewiesen sitzt das Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung. Dort durfte ich zunächst meine Studien fortsetzen – und dann meinen Lebenstraum wahrmachen: Ich konnte für ein Jahr Forschungen auf Galapagos anstellen, der Inselwelt, für die mein Herz entbrannt war, seit ich als Elfjährige diesen Film darüber gesehen hatte. Mehrere Monate lang lebte ich wie Robinson Crusoe ganz allein auf einer Insel, zeitweise wurden mir Assistenten für die Beobachtung der Meerechsen zugeteilt. Einsam gefühlt habe ich mich dabei nie. In der Natur fühle ich mich nie allein. Eigentlich stört mich dort jeder andere Mensch.“

Das hat nichts mit Menschenhass zu tun. Carmen Rohrbach möchte vielmehr Natur  ganz pur erleben, staunen über unberührte Landschaften, Tier- und Pflanzenwelten. „Schon der Kommentar eines Mitreisenden, selbst wenn er durchaus qualifiziert ist, würde mich da stören. Nur wenn ich alleine bin, kann ich in die Natur richtig eintauchen, mich ihr ausgesetzt fühlen.“ Außerdem, so die Abenteuerin, sei ihre Art zu reisen so schnell niemandem zuzumuten. Wer könne schon über Monate in abgelegenster Wildnis das Zusammensein mit einer Frau ertragen, die Gefahren und Mühsalen nicht aus dem Weg geht,  sondern sie geradezu sucht? Carmen Rohrbach ist dafür allerdings auch bestens „ausgerüstet“: Sie kann tauchen, jagen, bergsteigen, felsklettern und hat Überlebenstrainings gemacht. „Beschwerlichkeit und Ungewissheit“, gibt sie zu, „genieße ich regelrecht. Alles, was andere bei einer Reise negativ empfinden, verschafft mir Wohlbehagen. Auch darum kann ich niemanden mitnehmen. Dann kann es auch kein Gemeckere geben. Es fällt mir zum Beispiel nicht schwer, das Essen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, wenn die Vorräte knapp werden. Anderen schon. Allein kann ich es eben besser.“ Das weiß Carmen spätestens seit 1978. Damals nämlich zog sie allein fünf Wochen lang durch die Highlands von Schottland, bewusst sparsam ausgerüstet. Die Schottlandreise sieht sie für sich als den Durchbruch, denn danach war ihr endgültig klar: „Ich komme mit primitivster Ausrüstung, wenig Nahrungsvorräten und mit der Einsamkeit bestens zurecht.“

Dennoch besteht Carmen Rohrbachs Reisegesellschaft nicht nur aus Seelöwen – wie auf Galapagos, als die zahm gewordenen Meerestiere sich mit ihr den Platz unter der Sonnenplane teilten – oder Wesen wie Al Wasim, dem Dromedar, mit dem sie durch das zerklüftete Bergland Jemens zog. Sie interessiert sich unterwegs durchaus auch für Menschen. Naturvölkern bringt sie das gleiche Forscherinteresse entgegen wie der Flora und Fauna. Wenn die Biologin bei solchen Begegnungen zur Anthropologin wird, nimmt sie die Gewohnheiten und den Rhythmus der ursprünglich lebenden Menschen an, so wie sich dem Rhythmus und den Bedingungen der Natur fügt. Als sie auf einer Insel im Südpazifik vor Eingeborenen gewarnt wurde, die noch bis vor kurzem als Kopfjäger galten, reizte sie das erst recht. Sie suchte die „Wilden“ und lebte mit ihnen wochenlang zusammen, als würde sie seit Jahren zum Stamm gehören. „Mit den barfuß durch den Dschungel laufenden Männern ging ich auf die Jagd, mit den Frauen verrichtete ich schwere Feldarbeit.“

Nach so viel Exotik machte sie sich vor einiger Zeit auf eine Safari in ihrer Heimat: Sie wanderte entlang der Isar von der Quelle bis zur Mündung, schlief dabei selbstverständlich im Freien und lebte auch sonst wie in der Wildnis.

Kennt Carmen Rohrbach überhaupt Angst? „Angst ja, Panik nein. Aber ich habe, so unglaublich es klingt, trotz meiner vielen Reisen noch nie richtig Angst machende, negative Situationen erlebt.“ Einmal, ja, in den Anden, da war etwas. In einem Eukalyptuswald in Ecuador stürmten plötzlich zwei maskierte Männer mit langen Messern auf sie zu. Geistesgegenwärtig tut Carmen Rohrbach so, als wären Freunde von ihr nicht weit. „Alfredo, Ricardo, ayudame – helft mir!“, schreit sie laut. Einer der Männer entreißt ihr schnell die Fototasche und verschwindet mit seinem Komplizen im Wald. „Das war ärgerlich. Aber es hätte schlimmer kommen können“, meint Carmen lakonisch. Abgeschreckt hat sie dieses Erlebnis nicht. Doch was sie immer wieder antreibt, kann sie selbst nicht genau sagen: „Ich kann mich in diese Vorstellungen von anderen Leuten hier schlecht hineinversetzen, weil ich nie wie sie gelebt habe. So lange allein zu sein, der Natur ausgesetzt zu sein, mag für andere Menschen beängstigend wirken, für mich ist es normal. Ich weiß nur, dass diese abenteuerliche Veranlagung schon als Kind in mir gesteckt hat und ich mir nie ein anderes Leben hätte vorstellen können. Wenn ich nicht aus der DDR rausgekommen wäre, hätte ich das nicht überlebt. Deswegen konnte ich ruhig auch mein Leben riskieren, um die Flucht zu wagen. Ich dachte mir: Entweder stirbst du – oder du gewinnst ein neues Leben.“

Das Leben, das sie gewonnen hat, lässt vielleicht viele neidisch werden, die tagaus, tagein hinter Bürowänden ihren allenfalls 30 Urlaubstagen entgegenarbeiten. Allerdings hat auch der Lebensstil Carmen Rohrbachs einen Preis, den nicht jeder zahlen würde. „UM meine Träume leben zu können, habe ich es von Anfang an in Kauf genommen, auf das zu verzichten, was für viele Menschen oberstes Lebensziel ist: finanzielle Sicherheit und eine Familie. Dazu war und bin ich bereit und habe es noch nie auch nur eine Sekunde bereut. Unterwegs auf meinem Lebensweg möchte ich Menschen begegnen, aber ich kann niemandem folgen und will keinem erlauben, mir zu folgen. Auf meinen Reisen komme ich immer mehr auch mir selbst auf die Spur. Entdecke meine tiefe Geborgenheit im Leben, jenseits von Versicherungen und so genannten finanziellen Sicherheiten. Das ist wirkliche Freiheit.“

Ein paar Monate im Jahr muss freilich auch die Frau, die das Abenteuer in der Ferne sucht, zu Hause arbeiten. Jede neue Tour nämlich finanziert sie mit der vorhergehenden. Dann sitzt sie in ihrem Arbeitszimmer in Hofstetten, um Reisebücher und Reportagen zu schreiben. Außerdem präsentiert sie öffentlich ihre Dias und Filme und hält Vorträge, zuletzt über ihre Jemen-Reise, bei der sie auf Karawanenwegen das Reich der Königin von Saba durchquerte. Wenn Carmen zu Hause wohnt und arbeitet, wird ihr bewusst, dass sie sich „als Grenzgängerin in beiden Welten“ eigentlich ganz wohl fühlt. „Ich mag den Kontrast, genieße die vielen Vorteile wie etwa den Luxus, plötzlich warmes Wasser zu haben, aus Büchern und Zeitschriften unheimlich viele Informationen zu bekommen, beim Kochen nicht erst umständlich Holz zu sammeln und ein Feuer entzünden zu müssen.“

Länger als ein paar Monate hält die Freude an solchem Luxus allerdings nie an: „Trotz allem nicht. Mir fällt es einfach leichter wegzufahren als wieder anzukommen.“

© Stefan Teplan

Simone Thomalla alias Kinderärztin Leah

Stefan Teplan sprach mit der Schauspielerin Simone Thomalla über ihre neue Rolle als TV-Ärztin Leah in der ARD-Reihe „Ärzte“

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23/1997)

Stefan Teplan: Sie spielen jetzt als TV-Ärztin in einem Genre, das gewöhnlich von Klischees trieft.

Simone Thomalla: Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich auch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: Oh nein, bloß keine Arzt-Reihe. Aber dann erinnerte ich mich bei dieser ARD-„Ärzte“-Serie an eine Reihe von Filmen zum Beispiel mit Senta Berger und Friedrich von Thun , die auf sehr hohem Niveau stehen. Daraufhin ließ ich mir doch mal das Drehbuch zuschicken. Und mich hat bei dem Stoff überzeugt, dass eben keine Klischees darin vorkommen und die Ärzte nicht als Götter in Weiß dargestellt werden wie in so vielen schlechten Filmen. Dann wusste ich, dass ein sehr guter Regisseur drehen wird und dass der Südwestfunk seine Projekte sehr sorgfältig betreut. Daher habe ich schließlich zugesagt.

Stefan Teplan: Was macht Arzt-Serien trotz oder wegen der Klischees so populär?

Simone Thomalla: Mit Krankheit und Krankenhaus wurde wohl jeder Mensch schon konfrontiert. Und es tauchen darin auch immer wieder Probleme auf, sie die Menschen bewegen und die zu ihrem Alltag gehören. Arzt-Serien sind sicher deswegen so beliebt, weil die Zuschauer die Ereignisse aus eigener Erfahrung nachvollziehen können, Situationen etwa wie Angst um jemanden anderen zu haben. Bei einem Krimi ist das nicht so, da schaut man halt einfach nur, was passiert.

Stefan Teplan: Was ist an Ihrer Rolle anders als an den Kitschrollen?

Simone Thomalla: Wir haben während der ganzen Dreharbeiten immer einen erfahrenen Arzt als Berater an unserer Seite gehabt. Es wurde wirklich nicht ein Handgriff getan, den dieser Arzt nicht gutgeheißen hätte. Es ist also schon einmal sichergestellt, dass im Film alles korrekt und realistisch dargestellt ist.

Stefan Teplan: Als TV-Ärztin Leah haben Sie mit Sterbehilfe und dem Sektenmilieu zu tun. Wie haben Sie selbst sich mit dieser Problematik auseinandergesetzt?

Simone Thomalla: Was Sterbehilfe betrifft, muss man sicher von Fall zu Fall abwägen. Aber wenn jemand wirklich nur noch an Maschinen hängt und nichts Lebenswürdiges mehr für den Einzelnen da ist, sollte man, denke ich, schon helfen. Zu den Sekten: Solange es noch so einen Schwachsinn gibt, der viele Menschen fesselt – und das sind ja nicht immer nur dumme Menschen, die diesen Sekten zum Opfer fallen -, kann und sollte man viel mehr darüber aufklären.

Stefan Teplan: Sie sagten vor Jahren einmal, Sie wollen kein „Serien-Hasi“ – nur eine Frau als Begleiterin von Männern – werden. Haben Sie jetzt die Rollen, von denen Sie träumten?

Simone Thomalla: Das mit dem Serien-Hasi ist mir gelungen. Das hat sicher auch mit dem Alter zu tun. Vor ein paar Jahren war ich halt nur das Salatblatt, sozusagen als Garnierung. Wünsche nach guten Drehbüchern habe ich natürlich offen. Ich würde gerne etwas spielen, was nicht meinem Naturell entspricht. Vielleicht hat jemand mal den Mut, der mich immer nur sympathisch, positiv und kraftvoll gesehen hat, mir zum Beispiel etwas Zwiespältiges oder Dekadentes anzubieten. Ich würde gerne auch einmal eine Frau spielen, die schwach ist, nicht immer nur Power an den Tag legt. Und die aus der Schwäche heraus etwas schafft.

© Stefan Teplan

Arthur Hailey – Ungläubiger Bibelkenner

Stefan Teplan sprach mit Arthur Hailey, der mit einer Gesamtauflage von über hundert Millionen, vielfach verfilmten („Hotel“, „Airport“)  Romanen zu den erfolgreichsten Autoren der Welt gehört.

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23/1997)

 

Stefan Teplan: Was hat Ihre letzte Herzoperation im August in Ihrem Leben verändert?

Arthur Hailey: Meine Erwartungen an die Zukunft. Ich fand mich schon damit ab, dass ich bald sterben müsste. Das beunruhigte mich in keinster Weise. Ich habe in meinem Leben – alles in allem ein sehr schönes Leben – weit mehr als die meisten anderen Menschen erreicht. Warum sollte ich mich also beklagen, wenn es dem Ende zugeht? Aber nachdem meine Operation erfolgreich verlaufen war, erwachte neuer Lebenswille in mir. Ich frage mich nur, wie ich die Zeit, die mir geschenkt worden ist, nutzen soll. Ich werde die nächste Zeit jedenfalls kein Buch mehr schreiben. Vielleicht gebe ich etwas von dem Geld aus, das ich mit meinen Büchern verdient habe und mache eine Weltreise.

Stefan Teplan: Sie gelten als Meister der „faction“, der Vermischung von Fakten und Fiktion. Wie viel ist an Ihrem neuen Buch „Der Ermittler“ authentisch, wie viel Fiktion?

Arthur Hailey: Für meinen neuen Roman habe ich zwei Jahre lang recherchiert. Alles in diesem Buch beruht auf Fakten, und jedes darin geschilderte Verbrechen ist tatsächlich geschehen. Es passiert auf einer Polizeistation wie der von Miami – um die geht es im Buch – einfach so viel, dass man als Autor gar nichts erfinden muss.

Stefan Teplan: Aber Sie haben sicher schon aus Datenschutzgründen etwas verändert oder dazu erfunden.

Arthur Hailey: Ich habe alle Namen geändert und sehr viele Hintergrundbeschreibungen, damit keine Person und kein tatsächlich geschehenes Ereignis identifiziert werden kann. Aber davon abgesehen, ist alles wirklich authentisch.

Stefan Teplan: In Ihrem Roman verliert ein Priester seinen Glauben und wird Polizist. Spiegeln sich darin auch Ihre eigenen Glaubenszweifel wider?

Arthur Hailey: Ich wollte etwas von meiner eigenen Lebensphilosophie in das Buch einfließen lassen. Dass Malcolm Ainslie (der Held des Buches – Anm. d. Red.) seinen Glauben an Gott und an die Göttlichkeit Jesu verliert, gibt schon meine eigenen Ansichten wider. Auch seine Erfahrungen, wie er dazu kommt, haben Parallelen mit meiner eigenen Lebensgeschichte.

Stefan Teplan: Sie haben also zumindest einmal an Gott geglaubt?

Arthur Hailey: Ich komme nicht aus einer religiösen Familie, meine Eltern waren an Religion nicht interessiert. Aber sie haben akzeptiert, dass ich als Junge den Gottesdienst besuchen wollte. Damals habe ich einfach alles geglaubt, was über Gott und Jesu Gottessohnschaft gepredigt wurde. Aber nur oberflächlich. Ich habe mich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt und bin nur aus Gewohnheit in die Kirche gegangen. Das machen die meisten Kirchgänger wohl  auch heute noch so. Es war, glaube ich, im Jahr 1944, als mir, während ich das Credo betete, bewusst wurde, dass ich nicht ein Wort davon glaubte. Und das war das letzte Mal, dass ich einen Gottesdienst besucht habe – wenn man davon absieht, dass ich aus Höflichkeitsgründen bei einigen Beerdigungen dabei war.

Stefan Teplan: Sie müssen sich aber als Ungläubiger noch viel mit der Bibel beschäftigt haben. Sonst hätten Sie Ihr Buch nicht so schreiben können.

Arthur Hailey: Auch nachdem ich keinen Gottesdienst mehr besucht hatte, habe ich nie aufgehört, mich mit religiöser Literatur zu beschäftigen. Ich weiß viel über biblische Forschungen und neue Übersetzungen der Bibel – dieses Wissen fließt in mehreren Stellen in den „Ermittler“ ein. Besonders die Tatsache, dass nach der Kreuzigung Jesu, die historisch nachweisbar tatsächlich stattgefunden hat, 50 Jahre lang nichts Schriftliches über seinen Tod aufgezeichnet wurde, was alle theologischen Gelehrten bestätigen. Das lässt mit großer Sicherheit darauf schließen, dass die Auferstehung nur eine rein mündlich überlieferte Legende ist und Jesus nicht „Christus“ oder der Sohn Gottes war (das kommt auf Seite 265 in meinem Buch vor).

Stefan Teplan: Wollen Sie jetzt den Christen die Kernpunkte Ihres Glaubens nehmen?

Arthur Hailey: Ich halte es mit der religiösen Freiheit. Das schließt auch die Freiheit ein, keine Religion zu haben. Und ich halte es mit Voltaires Credo: „Ich werde auf den Tod bekämpfen, was di glaubst. Aber ich werde mit meinem Leben dein Recht verteidigen, deinen Glauben zu äußern.“

Stefan Teplan: Wie erklären Sie sich, dass so viele an das glauben, wovon Sie selbst nichts halten?

Arthur Hailey: Viele wollen sich nicht damit abfinden, dass ihre Existenz eines Tages ein Ende hat. Sie wollen lieber das Gegenteil von dem glauben, was in der Bibel im Buch Kohelet steht: „Menschen und Tiere haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es nicht.“ Außerdem denke ich, dass viele arme und unterprivilegierte Menschen ein so elendes Leben führen, dass sie einfach auf etwas Besseres im Jenseits hoffen müssen.

© Stefan Teplan

Deutsche: Ein Volk ohne Zivilcourage?

Stefan Teplan sprach mit der ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz über ihr Buch „Jetzt mal ehrlich“. Die Deutschen bezeichnet sie als „Weltmeister im Kritiseren und Bevormunden ganzer Weltreligionen“ – ein Thema, das zu Zeiten von Sarrazin und der Integrationsdebatte neue Aktualität gewinnt.

(Erstveröffentlichung Magazin WELTBILD Nr. 11/ 1996)

Buchcover

Nach fünf Büchern über Russland jetzt ein "offenes Wort über Deutschland": Unter dem Titel "Jetzt mal ehrlich" (ECON Verlag, 240 Seiten) prangert die ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz Misstände in Deutschland an.

Stefan Teplan: Sind die Deutschen ein Volk von angepassten Jasagern, Duckmäusern und Verdrängern?

Gabriele Krone-Schmalz: Zivilcourage kann man jedenfalls mit der Lupe suchen, obwohl doch gerade die westdeutschen diese mit Vorliebe von den Bürgern der ehemaligen DDR forder; ohne offenbar ein Gespür dafür zu entwickeln, dass sie selbst nicht einmal in einem Rechtsstaat dazu in er Lage sind, in dem sie damit kaum etwas riskieren. Bloß nicht unangenehm auffallen, „in“ und „political correct“ sein, mit dem Strom schwimmen. Die Angst, wegen irgendwelcher offener Worte in der falschen Schublade landen zu können, scheint mir bei Deutschen nahezu pathologisch.

Stefan Teplan: Im Klappentext zu Ihrem neuen Buch heißt es, die Deutschen seien „Weltmeister im Kritisieren“. Bestätigen Sie mit Ihren Texten nicht genau das, was Sie attackieren?

Gabriele Krone-Schmalz: Nein, überhaupt nicht. Im Klappentext heißt es nämlich: „Weltmeister im Kritisieren und Bevormunden ganzer Weltreligionen“, und ich kritisiere als Deutsche uns, die Deutschen.

Stefan Teplan: Wer meckert, muss auch Gegenrezepte bieten können. Haben Sie welche?

Gabriele Krone-Schmalz: Patentrezepte nicht – wer hat die schon? Aber rezepttaugliche Anregungen finden Sie sehr wohl in meinem Buch, zum Beispiel zu den Themen Gesundheits- und Steuersystem. Ansonsten bin ich nicht Ihrer Meinung. Mir ist auch klar, dass es leichter ist „herumzumeckern“ als dinge funktionsfähig zu verändern. Aber wenn Sie jedem das Kritisieren und Meckern verbieten wollen, der keine fertigen Gegenrezepte parat hat, dann führt das zu einer stagnierenden Gesellschaft, in der die Jasager und Duckmäuser die Oberhand gewinnen. Das ist ein Teufelskreis.

Stefan Teplan: Was würden Sie am liebsten in Deutschland verändern?

Gabriele Krone-Schmalz: Das Wetter. Nein, im Ernst: aus einer harten Entweder-Oder-Gesellschaft eine menschliche Sowohl-als-auch-Gesellschaft machen. Leben und leben lassen.

Stefan Teplan: Was würden Sie unverändert lassen?

Gabriele Krone-Schmalz: Im Wesentlichen das Grundgesetz.

© Stefan Teplan Media

Das große Leben des kleinen Mannes

Stefan Teplan porträtiert  Heinz Rühmann zu dessen 90. Geburtstag

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 6, 1992)

Lange genug hat Heinz Rühmann der Öffentlichkeit ihren Tribut gezollt, war – von seinem ersten Spielfilm 1926 bis zu seinem 102. (!) 1976 – für Millionen, für drei Generationen, ein Wegbegleiter, ein Tröster, Mahner und glänzender Unterhalter. Wenn er sich zu seinem 90. Geburtstag von den zahllosen Fans, die ihn verehren, und den Journalisten, die ihn bedrängen, noch etwas wünscht, dann, dass sie beherzigen, was der chinesische Dichter Meng Hsiä so schön schrieb: „Wenn einer alt geworden ist und das seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie niemandes Wohnung.“

Seit elf Jahren lebt Rühmann zurückgezogen in seinem Haus am Starnberger See, um dessentwillen er seine Villa im lauten München verließ, gibt kaum noch Interviews, verlässt nur gelegentlich seine Zuflucht, um in Kirchen Weihnachtsgeschichten des flämischen Dichters Felix Timmermanns oder aus dem Lukas-Evangelium zu lesen.

Ganz still, in kleinem Rahmen, beging der Star auch seine letzten Geburtstage. „Nur der 90. Wird wieder gefeiert“, kündigte er vor Jahren an. Und er hält Wort. Für seine Verehrer steht er am 7. März noch einmal dort, wohin es ihn schon lange nicht mehr zieht: im Rampenlicht. Sein Freund, Filmproduzent Prof. Gyula Trebitsch, organisiert für das DF in den Münchner Kammerspielen eine große Geburtstagsgala. Freunde und Bekannte aus dem Show-Business kommen, um einen Mann zu ehren, der zu Lebzeiten zur Filmlegende geworden ist. „Das war’s“, betitelte er seine vor zehn Jahren erschienenen Memoiren. As war’s freilich nur für den öffentlichen Rühmann. Der Privatmann genießt es seitdem, sich seinen Hobbys, dem Golf, der Jagd, der Literatur und der Musik zu widmen oder einfach sinnierend am Seerosenteich in seinem Garten zu sitzen. Sein liebstes Steckenpferd, das Fliegen, gab er erst vor wenigen Jahren auf. Noch mit 80 saß er selbst am Steuerknüppel seiner Sportmaschine.

Vor drei Jahren wagte er sich für die „Showgeschichten“ von TV-Moderator Gerhard Schmitt-Thiel wieder einmal vor eine Kamera, eröffnete das Gespräch aber gleich: „Ich stand 60 Jahre auf der Bühne, habe 50 Jahre lang Filme gemacht und zwei Bücher geschrieben – was kann ich da noch erzählen?“

Über ihn gäbe es natürlich einen ganzen Roman zu erzählen. Der große Schauspieler hätte eigentlich, wie sein Vater und Großvater, Hotelier werden sollen. Ihn aber zieht es zum Theater. Dass er Talent für die Bühne hat, zeigt sich schon zu seinen Schulzeiten. Mehr als 20 Jahre, bevor er in er „Feuerzangenbowle“ (1944) Lehrer veräppelt, gibt er als junger Pennäler eine Kostprobe seines Könnens und imitiert vor johlenden Klassenkameraden täuschend echt einen seiner „Pauker“.

Ein Jahr vor den Abiturprüfungen verlässt er das Gymnasium, meldet sich bei Regisseur Fritz Basil als Schauspielschüler an. Für 80 Mark Tagesgage spielt er erstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ernste Rollen, klassische Rollen. 1926 steht er für seinen ersten, ebenfalls ernsten, Film vor der Kamera: „Das deutsche Mutterherz“. Dass sein Talent in der Komik liegt, erkennt er erst Jahre später. Mit „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) beginnt der kometenhafte Aufstieg des größten Komikers der deutschen Filmgeschichte.

Rühmann selbst kann es nicht hören, dass man über seine Filme nur lacht. „Komik“, sagt er, „braucht Tragik als Hintergrund.“ Seine Komik ist eine tiefsinnige, entspringt einer weisen, heiteren Überlegenheit über die Härten des Lebens, einer Schlitzohrigkeit, die man sich oft erst durch bittere Lebenserfahrung erkämpfen muss. Der melancholische Clown, der Pfiffikus, der mit Witz Schicksalschläge meistert, der kleine Mann, er allen Widrigkeiten trotzt, werden zu typischen „Rühmann-Rollen“.

Nach den „Drei von der Tankstelle“ (mit Willy Fritsch) geht es steil aufwärts. „Bomben auf Monte Carlo“ (mit Hans Albers), „13 Stühle“ (mit Hans Moser), „Quax der Bruchpilot“ und „Die Feuerzangenbowle“ (beide mit Karin Himboldt) werden zu Klassikern.

Trotz allen Erfolgs –es geht Rühmann im Leben nicht anders als in seinen Filmen. Die Sonnenseiten werden immer wieder von düsteren Ereignissen überschattet. Er heiratet die Jüdin Maria Bernheim. Bald besteht die Ehe nur mehr auf dem Papier. Die Nationalsozialisten drängen ihn zur Scheidung. Auf Rühmanns Intervention bei Göring gelingt seiner Frau die Aussiedlung nach Schweden. Rühmann heiratet wieder. Am 1. Juli 1939 tritt er mit seiner Filmpartnerin Hertha Feiler vor den Traualtar. Zwei Monate später bricht der Weltkrieg aus. Dann muss er um Hertha bangen: Die Nationalsozialisten haben herausgefunden, dass sie Vierteljüdin ist. Einflussreiche setzen sich schließlich mit Erfolg bei Goebbels für sie ein.

Angepasst hat Rühmann, trotz aller Beziehungen, während des Dritten Reichs nie gelebt; er weigerte sich hartnäckig, der NSDAP beizutreten, mit „Heil Hitler“ zu grüßen und kämpfte wie ein Löwe gegen das vom Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung verhängte Verbot der „Feuerzangenbowle“. Dass er während Hitlers Diktatur trotzdem zum großen Star wurde, hat er allein seinem schauspielerischen Genie zu verdanken – und der Tatsache, dass die Nationalsozialisten seine heiteren Filme als willkommene Ablenkung des Volkes vom Grauen ringsum betrachteten.

Nach Kriegsende kommen harte Zeiten auf Rühmann zu. Er steht zunächst nicht für Rollen zur Verfügung, sondern gründet, zusammen mit Produzent Alf Teich, eine eigene Filmfirma. Das Unternehmen geht pleite. Der große Star ist hochverschuldet. Bis heute hat er nicht vergessen, wie Leute, die ihn einst hofiert hatten, fallen ließen: „Vorbei die Zeit der Starpostkarten. Der Gerichtsvollzieher kam fast täglich. So genannte Freunde sahen über mich hinweg wie über den letzten Dreck.“ Sieben magere Jahre muss er durchstehen, bis seine Schulden getilgt sind. Er verdient sein Geld mit neuen Rollen – und feiert ein Riesen-Comeback. „Charleys Tante“, „Der Hauptmann von Köpenick“ (beide 1956), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) lassen ihn in neuem Glanz erstrahlen. Der Filmheld er 30er und 40er Jahre begeistert die Generation der 50er und 60er Jahre. Rühmann ist zeitlos, weil das, was er darstellt, zeitlos und absolut ehrlich gespielt ist. „Je älter ich wurde“, erinnert er sich, „desto lieber habe ich die Menschen am Rande unserer Gesellschaftsordnung dargestellt. Wahrscheinlich, weil ich mit deren Schicksal meine bitteren, aber auch guten Erfahrungen besser ausdrücken kann.“

Es gab noch viele bittere und viele gute Erfahrungen in Rühmanns Leben – bis heute. Tief getroffen hat ihn der Tod seiner Frau 1970 und der zeitweise Bruch mit seinem Sohn Peter, der die dritte Frau seines Vaters (1974 heiratete Heinz Rühmann die Ex-Verlegersgattin Hertha Droemer) lange nicht akzeptieren wollte. Trotz aller Schicksalsschläge und Missstimmungen – heute bekennt Heinz Rühmann: „Ich bin dem leben dankbar.“ Und zeiht, ganz de Meister der leisen Töne, Bilanz: „Ich glaube, ein Schauspielerleben ist das immerwährende Ringen um Einfachheit. Wahrscheinlich ist es das, was man unter dem Wort ,Demut‘ zu verstehen hat.“

© Stefan Teplan Media

Nordlicht

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998)

Aufmacher-Seite zur Home-Story von Stefan Teplan über Leena Lander - Ausriss aus Weltbild Nr. 23, 1998

Die finnische Star-Autorin Leena Lander zieht mehr und mehr Leser in ihren Bann. Spätestens seit ihren Romanen „Mag der Sturm kommen und „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Gegenwartsliteratur. Stefan Teplan besuchte Leena Lander in ihrem Landhaus in Finnland und sprach mit ihr über Licht und Dunkel, Leiden und Schreiben.

Leena Lander - Titelbild-Entwurf zu Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

„Ein aufgehender Stern am Literaturhimmel“, rühmte der Norddeutsche Rundfunk. Eine Schriftstellerin mit erstaunlichem Geschick, „von einer Erzählebene auf die andere zu wechseln“, bewunderte die Süddeutsche Zeitung. Eine Dichterin, deren Werk „wunderbar komponiert“ ist, schwärmte die italienische Lire. Lobeshymnen überall für Leena Lander, vielfach preisgekrönte, in 13 Sprachen übersetzte Star-Autorin aus Finnland.

Spätestens seit ihrem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenem Roman „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ ist sie auch hierzulande vom Geheimtipp zur festen Größe der europäischen Gegenwartsliteratur avanciert. Hollywood hat die filmrechte für diesen Roman gekauft, ein weiterer („Mag der Sturm kommen“) soll demnächst in Skandinavien für das Kino produziert werden.

Leena Lander ist der neueste Shooting-Star innerhalb des seit Jahren anhaltenden Skandinavien-Booms in der Bücherwelt. Ob der Norweger Jostein Gåarder mit „Sofies Welt“, der Däne Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Schwedin Marianne Fredriksson mit „Hannas Töchter“ – all diese Nordlichter zeigten, was heute gute Belletristik ausmacht: Sie ist unterhaltsam, ohne in Kitsch abzugleiten, spannend, ohne in einer Flut von Action-Szenen zu ertrinken, niveauvoll, ohne belehrend zu wirken, und sinnlich, ohne peinlich zu werden. Und noch ein Skandinavier, der Norweger Lars Saabye Christensen, der in seinem Roman „Yesterday“ den Mythos der 60er Jahre beschwört, nötigte der Zeit die höhnische Frage ab, „warum noch kein deutscher Autor solch einen hervorragenden Roman über diese Zeit geschrieben naht.“

Die Antwort weiß nur der Wind. Einfacher ist da die Erklärung bei Leena Lander. Romane wie die ihren könnte ein deutscher Autor überhaupt nicht schreiben. Ihr Werk ist durch und durch finnisch, schöpft aus der Tradition und den Symbolen der alten finnischen Mythen, arbeitet die Geschichte des Landes – vor allem deren dunkle und bislang tabuisierte Seiten – auf und spiegelt, neben ihrer eigenen düsteren Kindheit, unvergleichlich treffend das Wesen der finnischen Seele wider. Jene unerträgliche Schwere des Seins, die die Menschen im Land der Lander überfällt, wenn das Licht schwindet und der nordische Winter hereinbricht wie eine lange, nicht endenwollende Nacht. Was die hohe Selbstmordrate – Finnland hält den traurigen Rekord in Europa – erklären mag. Dann andererseits jene exzessive Lebenslust, der sich die Menschen dort hingeben, wenn nach Monaten die Sonne wieder kommt, mit der sie sich in den kurzen Sommer stürzen wie in einen Rausch. Was wiederum ganz andere, nicht minder makabre „Rekorde“ erklärt. „Darin halten wir den Europarekord, im Morden aus Eifersucht“, schreibt Lander in ihrem Roman Mag der Sturm kommen“. In ihrem Landhaus, am Ortsrand eines Dorfes bei Turku, erzählt sie mir: „Besonders unter Alkoholeinfluss lassen viele Männer hier ihrer Eifersucht freien Lauf und verprügeln ihre Frauen. Oder töten sie gleich. Oder den Nebenbuhler.“ Oder auch nur den vermeintlichen.

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 22, 1998

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan

Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wie leicht so etwas gehen kann, hat sie im eigenen Verwandtenkreis bitter erfahren. „Mein Schwager wurde auf dem Heimweg in einem Park von einer Frau angesprochen. Sie wollte nur eine Auskunft. Ihrem stark angetrunkenen Begleiter ging das schon zu weit. Er schlug meinen Schwager zusammen, dann strangulierte er ihn mit einem Gürtel, bis er tot war.“

Ein weiterer Schock im Leben der Lander, das durch eine traumatische Kindheit ohnehin genug belastet ist. Eine Kindheit, die, wie sie überzeugt ist, sie erst zur Dichterin gemacht hat: „Sie werden keinen Schriftsteller mit einer normalen Kindheit finden.“ Nicht normal, das heißt im Fall von Leena Lander aufzuwachsen in einem Heim für kriminelle Jugendliche: Sie ist die zweite Tochter des strengen und übermächtigen Heimleiters. Unter der emotionalen Kälte ihres Vaters leidet sie ebenso wie unter dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören und immer Außenseiterin zu sein. Und die Erlebnisse ihrer Kindheit graben sich traumatisch in ihre Seele: mit anzusehen, wie zwei Jungen einen Neuling mit einem heißen Eisen malträtieren. Nachts die Schreie zu hören, wenn ungehorsame Zöglinge geschlagen werden. Zu erfahren, dass Jungs ausgebrochen sind und ein Mädchen vergewaltigt oder jemanden totgeschlagen haben. „Der Ort, an dem ich aufwuchs“, fasst Leena Lander zusammen, „War ein Ort des Schreckens. Es war ein sehr isolierter Platz. Wir erhielten keinen Besuch von der Außenwelt, und wir konnten nie raus.“

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem ehemaligen Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WLTBILD Nr. 23, 1998

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wer ihr persönlich begegnet, kann es nicht glauben, dieselbe Person vor sich zu haben, die eine so traurige Kindheit hinter sich hat und deren Bücher derart tiefe seelische Abgründe ausloten. Leena Lander ist charmant, schlagfertig, witzig, lebenslustig, unkompliziert. Alles andere als eine weltfremde Künstlerin, die vergeistigt in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Obwohl sie sich jeden Tag eisern in ihrer Arbeitsklause verbirgt und regelmäßig von 9.30 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags schreibt.  Aber anschließend zeigt sich ihre praktische Seite: Sie arbeitet im Garten (das sei, wie sie mir schelmisch mit einem englischen Wortspiel erklärt, ihr Wechsel vom „Avantgardener“ zum „gardener“). Die geht mit ihren Hunden Amanda und Santtu joggen. Sie macht Handwerksarbeiten (ihr Wohnhaus hat sie selbst getüncht, eine Garage für die Mopeds ihrer Söhne alleine gezimmert). Ja, und natürlich ist sie dann vor allem für ihre Familie da, ihren Mann, den Fernsehjournalisten Esa und ihre drei Söhne Joaa, Jirka und Jael, die am Spätnachmittag aus der Schule zurückkommen.

Woher sie die Kraft nimmt, die langen finnischen Winter hindurch die Einsamkeit zu ertragen? Sich in ihrer, wie sie es nennt, „Einzelhaft“ zu verbarrikadieren und Selbstgespräche mit ihren Romanfiguren zu führen? Die „Angst, manchmal wirklich verrückt zu werden“, auszuhalten? Zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben? Ganz einfach: Leena Lander kann gar nicht anders. „Ich bin vom Schreiben besessen. Das war ich schon als junges Mädchen. Lesen und Schreiben – das war meine Flucht aus der traurigen Situation, in der ich aufwuchs.“

Während der Zeit im Heim war ihr nur der nahe gelegene Friedhof als Zufluchtsstätte vor dem ganz alltäglichen Horror geblieben. Die Grabinschriften regten sie dazu an, Geschichten über die Toten zu erfinden. „Ich konnte schließlich nicht mehr davon lassen, Geschichten zu erfinden, die ich in meine Tagebücher schrieb. Bis ich 15 war.“ Da warf sie ihre Tagebücher nach einem Streit mit dem Vater weg. Der hatte keinen Sinn für ihre „Träumereien“ und forderte sie auf, „etwas Sinnvolles“ zu machen.

Das „unerzogene“ Mädchen „pflegt Umgang mit Toten und Steinen und Büchern, erlernt das Leben gleichsam vom falschen Ende her, vom Ende zum Anfang“, porträtierte die Lander Jahre später sich selbst (im Roman „Mag der Sturm kommen“). Nach dem Streit mit dem Vater schlug sie zunächst eine „sinnvolle“ Bahn ein, studierte Geschichte, jobbte dazwischen auf dem Friedhof ihrer Kindheit als Gärtnerin, heiratete.

Aber so einfach wird man eine Besessenheit nicht los. Oft sind es die eigenartigsten Auslöser, die eine Sucht wieder in Gang setzen. Ein Ehestreit etwa. Eigentlich wollte Landers Mann immer Schriftsteller werden. Als er wiederholt davon sprach, einen großen Roman zu schreiben, fuhr Leena ihn einmal an: „Wenn ich du wäre, würde ich weniger davon reden und mehr schreiben.“ Esas Antwort: „Dann mach’s doch du.“ Sie nahm ihn beim Wort.

Leena Lander - zweiter Titelbild-Entwurf für Magazin Weltbild Nr. 23, 1998

Nach sechs Romanen, die in früheren Jahrhunderten spielen, fand sie zur Gegenwart und zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Ihre Mutter überreichte ihr plötzlich die verloren geglaubten, aus dem Müll geretteten Tagebücher. Lander setzte sich noch einmal mit dem Alptraum ihrer Kindheit auseinander und verarbeitete ihn zu einem Roman: „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“., Auftakt einer Trilogie, die sie mit „Mag der Sturm kommen fortsetzte – der dritte Teil wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen.

Diese Romane freilich nur als autobiographische Vergangenheitsbewältigung zu sehen, hieße ihr ungeheuer breites Themenspektrum zu verleugnen. Dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte verknüpft Lander geschickt mit dunklen Kapiteln der Geschichte Finnlands – so den Kampf der halbfaschistischen Lapua-Bewegung gegen die Kommunisten oder die weithin geleugnete Existenz von Konzentrationslagern im Finnland der 30er Jahre. Von aktuellen Fragen wie der Atommüll-Lagerung oder dem hinter der schönen Fassade gar nicht so tollen Lebensgefühl der Finnen unter dem Ex-Präsident Kekkonen holt sie aus zu uralten Mythen und kreist dabei gleichzeitig um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Mann-Frau-Beziehungen, Schuld, Sühne und Tod. Das größte Kunststück innerhalb all dieser Komplexität: ihre stilistisch brillanten, durch inneren Monolog und ständige Perspektiven- und Zeitwechsel geprägten Romane, die durch die Aufklärung rätselhafter Mordfälle den Leser an einer detektivischen Recherche teilnehmen lassen, bleiben vom Anfang bis zum Ende spannende Thriller. „Ich möchte den Leser verführen“, nimmt sie sich bei jedem Buch vor. Und das ist ihr noch jedes Mal gelungen.

Enttäuscht werden höchstens die, die eine allzu simple Verführung erwarten. Leichte Kost schätzen. Eine deutsche Journalistin etwa, erzählt Lander schmunzelnd, habe sie kürzlich gefragt, warum es in ihren Büchern eigentlich kein Happy-End gebe. Womöglich hat sie die Lander mit einer jener Unterhaltungsautorinnen verwechselt, die Bestseller produzieren, aber keine Dichtung. Landers Romane jedenfalls sind ohne Zweifel Literatur in dem Sinne, in dem Franz Kafka – der wie Leena Lander zeitlebens an einem übermächtigen Vaterbild litt – Literatur definiert hat: „Ein gutes Buch“, schrieb er in seinen Tagebüchern, „muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Leena Landers Romane schlagen wie eine Axt ein in das Geflecht aus Bosheit, verrat, Lügen und überbordender Triebhaftigkeit, aber nicht im Sinn einer kafkaesken Ausweglosigkeit, sondern einer reinigenden Katharsis. Denn erst, wenn dieses Eis bricht, sind wir wieder fähig, das Licht nach dem langen Dunkel zu sehen. Und das ist doch irgendwie auch ein Happy-End.

© Stefan Teplan Media

Mythos Indianer

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung als Titelgeschichte des Magazins WELTBILD Nr. 26, 1996)


Cover des Magazins Weltbild Nr. 26, 1996

Mit ihrer jüngsten Weissagung scheinen die Zeugen Jehovas, die bei der Berechnung des Weltuntergangs schon öfters ein unglückliches Händchen bewiesen, endlich einmal ins Schwarze zu treffen: Die Indianer, orakelte die Sekte im September in ihrem Blatt „Erwachet“, „werden wiederkommen.“ Drei Monate später sind sie da – wenn auch nicht im neuen, von den Zeugen Jehovas erwarteten irdischen Paradies, so doch in den Schaufenstern und Katalogen von Buch- und Musikgeschäften, in Kinos und Videotheken, in Mode- und Schmuckläden. Vom Armreif bis zum Zauberamulett – das Geschäft mit den Rothäuten sorgt allerorten für schwarze Zahlen.

Walt Disney vermarktete die Geschichte der Indianerprinzessin „Pocahontas“. Nach dem Kinoerfolg gehen in den Kaufhäusern Pocahontas-Tassen und -T-Shirts weg wie warme Semmeln. Hollywoodstar Kevin Costner, der vor Jahren mit dem Vierstunden-Leinwandepos „Der mit dem Wolf tanzt“ Verständnis für Indianer weckte, präsentiert jetzt in einer Filmreihe „500 Nations – Die Geschichte der Indianer“. Der Titel – nach dem Buch von Alwin M. Josephy – ist Hinweis auf einen der größten Völkermorde der Geschichte: 500 Nationen lebten auf dem amerikanischen Kontinent, bevor „zivilisierte“ Europäer ihr Land stahlen und ihr Leben zerstörten.

Jetzt sehnen sich die Zivilisierten nach dem ursprünglichen Leben zurück, das niemand besser verkörpert als die Indianer. Und diese Sehnsucht schwingt mit in jedem Stück Federschmuck oder Amulett, das gekauft wird. „Der Indianertrend“, urteilt Plattenmanager Peter Gerasch, „hat damit zu tun, dass wir in unserer Gesellschaft, im Werteverfall mehr und mehr unsere eigenen Wurzeln oder überhaupt die Wurzeln der ganzen Menschheit suchen.“ Zum gleichen Ergebnis kommt Ellen Daniel-John, wenn sie erklärt, wieso in ihrem Laden „Silbereck“ im Münchner Stachus-Einkaufszentrum Indianerkleidung, -schmuck und -accessoires die Renner der Saison sind: „Die Leute leben heute sehr oberflächlich und wollen sich damit das Echte und Ursprüngliche wieder holen.“

Daniel-John, die Wert darauf legt, nur Originalschmuck und keinen Kitsch zu verkaufen, will demnächst mit Veranstaltungen indianische Kultur den Menschen näherbringen. Sie wird auf einem Bauernhof in Oberbayern eine Indianergruppe auftreten lassen, die auch in einer Westernstadt bei Nürnberg ihre Musik und Tänze vorführte.

Indes holt ZDF-Unterhaltungschef Claus Beling Indianerlegende Winnetou aus den ewigen Jagdgründen zurück. Für einen neuen Zweiteiler steht Pierre Brice vor der Kamera wieder in der Rolle, die ihm vor drei Jahrzehnten Weltruhm einbrachte: als Apachen-Häuptling Winnetou. Das, glaubt Beling, „wird das TV-Ereignis des Jahres.“ Daran hat auch Brice keine Zweifel. Weil es bei der Indianer-Story um „wahre Werte und Botschaften“ gehe.

Indianische Werte und Spiritualität empfiehlt sogar die Zeitschrift „natur“ in ihrer aktuellen Ausgabe – gegen die Umweltzerstörung. Soviel ist klar: Wir stressgeplagten Bleichgesichter müssen von den Indianern lernen, was es heißt zu leben, nicht sie von uns. So wie Manager Gerasch sich an neue Rhythmen gewöhnen muss, wenn er mit seinem Shooting-Star Jerry Alfred (siehe Interview weiter unten) in Kanada Termine absprechen will. „Ich versuche seit 14 Tagen, dich zu erreichen, Jerry“, klagte er kürzlich am Telefon. „Wo hast du gesteckt?“ Jerry: „Ich war zwei Wochen im Busch. Elche jagen.“

© Stefan Teplan Media

Interview:

„Immer eins mit der Natur“

Stefan Teplan sprach mit dem Indianer Jerry Alfred vom Stamm der Tutchone in Yukon (Kanada), der in der Welt der Bleichgesichter jetzt als Musiker Furore macht

Interview mit Jerry Alfred - Ausriss aus Weltbild Nr. 22, 1996

Interview mit Jerry Alfred - Ausriss aus Weltbild Nr. 22, 1996

Stefan Teplan: Sie wurden 1996 mit Ihrer ersten CD schlagartig populär. Überrascht?

Jerry Alfred: Sicher. Ich habe bisher nur für meinen Stamm Musik gemacht wie schon mein Vater und Großvater. Aber als ich ein Kind war, prophezeite mir ein Medizinmann, meine Musik würde über die ganze Welt gehen.

Stefan Teplan: Und das erfüllt sich jetzt?

Jerry Alfred: Sieht so aus. Für meine CD habe ich zusammen mit der Rocksängerin Alanis Morissette die höchste Musikauszeichnung Kanadas, den Juno Award, erhalten. Ich gehe im nächsten Jahr auf Tournee, komme auch nach Australien und Deutschland. Und die UNO übernahm mein Lied „Generation Hand Down“ als Hymne zu ihrem 50jährigen Jubiläum.

Stefan Teplan: Aber Sie leben trotzdem mehr in der Wildnis als in Tonstudios und Hotles.

Jerry Alfred: Die meiste Zeit verbringe ich in der Natur, fange Lachse, jage, lebe mit meiner Familie in einem Gebiet, das kein Reservat, sondern seit zehntausend Jahren nur Indianerland ist.

Stefan Teplan: Haben Sie deswegen auch ein lukratives Angebot der EMI ausgeschlagen?

Jerry Alfred: Genau. Die EMI (eine der größten Plattenfirmen der Welt – Anm. d. Red.) hätte mich total vermarktet und wollte, dass ich in die Stadt – nach Vancouver – ziehe. Bei „Sattva Music“ bleibt meine Musik ursprünglich.

Stefan Teplan: Die Bewahrung der Tradition ist Ihnen also wichtiger als viel Geld?

Jerry Alfred: Unsere Tradition am Leben zu erhalten ist meine Aufgabe von Kindheit an. Nur deswegen mache ich Musik.

Stefan Teplan: Wie, glauben Sie, kann indianische Kultur in diesem Zeitalter überleben?

Jerry Alfred: Nur durch Weitergeben der Geschichten und Lieder von den Älteren an die Jüngeren. Und durch Erhalt des Wissens, dass wir immer eins mit der Natur sind.

Jerry Alfred and Stefan Teplan during their interview. © Stefan Teplan

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BEKENNTNISSE – Nina Hagen mit Ernst-Faktor

Von Stefan Teplan

Nina Hagen 2010. Foto Stefan Teplan

Nina Hagen - bekennende Christin, Musikerin mit Spaß- , Autorin mit "Ernst"-Faktor. Foto Stefan Teplan

Ein Klassiker der christlichen Literatur findet einen Nachfolger unter gleichem Titel. Nach den „Bekenntnissen“ von Augustinus musste die Christenheit rund eineinhalb Jahrtausende warten, bis neue „Bekenntnisse“ den – wie bei Augustinus – langen, von zahlreichen Umwegen und Dornen gezeichneten Weg einer Seele zu Gott beschreiben: Die berühmte – wegen spektakulärer Auftritte in manchen TV-Shows ebenso berüchtigte – Sängerin Nina Hagen beschreibt ihren Weg von Ost nach West, vom DDR-Show-Sternchen zur BRD-  und US-Rock- und Punkröhre, zur Ufologin, Drogenkonsumentin, Sinnsuchenden in indischen Ashrams und anderswo zum christlichen dreifaltigen Gott, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist, in dessen Namen sie sich vor einem Jahr taufen ließ. „Unruhig ist das Herz, bis es ruhet in Gott“, schrieb Augustinus und dieser Satz könnte als Motto ebenso über Nina Hagens spirituellem Weg stehen.

Wer sich hier – wie von Nina Hagen gewohnt – Schrilles und Spektakuläres erwartet, wird, je nach Interpretation, bitter enttäuscht oder freudig überrascht. Nina Hagens „Bekenntnisse“ (Pattloch Verlag, 280 Seiten, 18.- Euro) sind ein Wort für Wort ehrliches, durch und durch authentisches, ernst zu nehmendes Buch, das jedem Christen empfohlen werden kann ebenso wie jedem, der Sinn suchend durch den Dschungel der Angebote der Religionen und esoterischen Richtungen irrt und nach der wirklichen Wahrheit sucht. Die ist eben nur in Gott zu finden und nur in dem einen und einzigen, der existiert. Nina Hagen räumt denn auch mit der polytheistischen Vielgötterei des Hinduismus auf, die sie in Indien erlebt hat.

Das Buch ist so geschrieben wie Nina Hagen spricht (da kann auch nur das von ihr selbst gesprochene Hörbuch ebenso nur wärmstens empfohlen werden), nichts anderes war zu erwarten: Nina Hagen ist immer echt und man spürt bei jedem Satz, dass sie stets hundertprozentig meint, was sie sagt.

Nina Hagen im Gespräch mit Stefan Teplan. Ausriss aus TELE-Welt Nr. 1, 1997, Verlag Weltbild

Der Autor, der zahlreiche Interviews mit Prominenten zu ihrem religiösen Weltbild und inneren Werte-System geführt hat (u.a. Cliff Richard, Paul Anka, Norman Mailer, Waris Dirie, Michael York), erinnert sich an ein Interview, das ihm auch Nina Hagen vor vierzehn Jahren zum Thema Religion und Ufos gab. Sie spielte damals eine Rolle im ARD-Krimi „Tatort“ mit dem Serientitel „Tod im All“, in dem TV-Kommissarin Ulrike Folkerts rätselt, ob ein Vermisster von Ufos entführt wurde. Damals schrieb der Autor – dem sie, ganz Missionarin, mit persönlicher Widmung ein Buch über Ufos schenkte mit der Bedingung, er müsse es „unbedingt lesen“ (was er brav tat) – für das (im Verlag WELTBILD herausgegebene) Magazin TELE-WELT:

Sie hat, erzählt sie Stefan Teplan von der TELE-WELT, „am Strand von Malibu schon selbst ein Ufo gesehen.“ Und weiß, dass es „gute und böse Außerirdische“ gibt. Da kann sie „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts bei der Täterjagd im All gleich zur Seite stehen. Nina Hagens Ufo, weiß sie, „war sicher kein böses, denn ich war unbeschreiblich glücklich bei der ganzen Sache.“ So einfach ist das zu unterscheiden. Die schrille Nina hat aber auch keine Angst vor den bösen: „Denn ich bin gläubige Christin, Buddhistin und Jüdin.“ Wie das alles zusammenpasst? „Gott ist überinternational.“ Und will, dass wir den Krieg unter uns abschaffen und uns auf die intergalaktische Reise vorbereiten.“ Alles klar, Frau Kommissar?  (Auszug aus Artikel des Magazins TELE-WELT Nr. 1, 1997).

Alles klar ist aber erst jetzt. Von den anderen Religionen distanziert sich Nina Hagen in ihren „Bekenntnissen“ und erkennt allein in Jesus Christus das allein seligmachende Heil. Eben: „Unruhig ist das Herz bis es ruhet in Gott.“

© Stefan Teplan Media

Christopher Reeve – Immer noch ich

Stefan Teplan über Christopher Reeves zweites Leben nach dessen tragischem Unfall

(Erstveröffentlichung als Titelstory des Magazins WELTBILD Nr. 2/1999)

Weltbild-Titel Nr. 2, 1999. Ausriss

Superman war er nicht nur im Film. Stand er nicht vor Kameras, so flog er als Held der Lüfte in alten Doppeldeckern aus dem Ersten Weltkrieg, unternahm Soloflüge über den Atlantik und Nordamerika, konnte drachenfliegen, segeln, sportreiten, tauchen – seiner Abenteuerlust und seinem sportlichen Ehrgeiz schienen keine Grenzen gesetzt. Und als hätte er geahnt, was ihm bevorsteht, schärfte er seiner Mutter Barbara ein: „Wenn ich einmal nicht mehr reiten, schwimmen oder segeln kann, dann ist das Leben für mich nicht mehr lebenswert. Wenn mir je so etwas passiert, dann lass mich abschalten und nicht an Schläuchen hängen.“

Am 27. Mai 1995 war es soweit. Superman Christopher Reeve brach sich das Genick. Bei einem Reitturnier in Culpeper im US-Staat Virginia stürzte er kopfüber von seinem Hengst Buck. Drei Minuten konnte er nicht mehr atmen. Nach vier Minuten wären ernsthafte Hirnschäden eingetreten. Doch von Glück im Unglück zu sprechen, wäre hier makaber, als zu schwer erwiesen sich die Verletzungen, die Reeve bei seinem Unfall erlitt.

Der erste und zweite Halswirbel waren gebrochen. Das hieß: Vom Hals an würde der Schauspieler lebenslang gelähmt bleiben, wahrscheinlich auch nie mehr ohne künstliche Geräte atmen können. Nie mehr reiten, nie mehr schwimmen oder segeln. Für Barbara Reeve war der Fall damit klar. Sie stürmte in das Krankenhaus und forderte, ihren Sohn augenblicklich von den ihn am Leben erhaltenden Schläuchen abzutrennen. Natürlich hörte niemand auf sie. Nach drei Tagen erwachte Reeve aus dem Koma – und wollte Selbstmord begehen. „Vielleicht“, sagte er zu seiner Frau Dana, „wäre es besser, mich gehen zu lassen?“ Unter Dänen brachte Dana hervor: „Ich werde dir zur Seite stehen, egal, was du tun willst, weil es dein Leben und deine Entscheidung ist. Aber  ich möchte, dass du weißt, dass ich bereit bin, den ganzen langen Weg mit dir zu gehen, komme, was wolle.“ Und sie fügte ihren Worten hinzu: „Du bist immer noch du und ich liebe dich.“ „Das war der Satz“, sollte Reeve später schreiben, „der mir das Leben rettete.“

Reeve erinnert sich an diese Szene in seiner Autobiographie „Immer noch ich“, die am 10. Februar in Deutschland erschien. Die Doppelbedeutung des Titels „Still Me“ kommt nur im englischen Original zum Tragen. Er greift, wie die deutsche Übersetzung, die Worte von Reeves Frau auf, heißt aber gleichzeitig auch: „Ich Bewegungsloser“. Als solcher führt Reeve seit jenem Unfall im Mai 1995 das, was er sein zweites Leben nennt. Fünfeinhalb Stunden vergehen jeden Tag allein damit, dass er für den Tag hergerichtet und abends wieder zu Bett gebracht werden kann. Zwei Pfleger müssen ihm beim Aufstehen helfen, zwei beim Zubettgehen. Ein Beatmungsschlauch führt zu einem künstlichen Schlitz in der Luftröhre. Sein Bett ist zugleich seine Toilette, der Stuhlgang muss künstlich eingeleitet werden. Dreimal pro Woche heben ihn Krankenschwestern mit Hilfe eines Tragriemens auf einen Spezialtisch, der von der Horizontalen bis fast zur Vertikalen gekippt werden kann. Ein Gurt über seiner Brust, auf der einst das scharlachrote „S“ für Superman prangte, hält ihn fest, ein weiterer Riemen ist über seine Hüfte gebunden, ein dritter umschließt seine leblosen Knie. Dann geht im Zeitlupentempo sein Kopf leicht nach oben, seine Füße berühren allmählich den Boden. Der Tisch neigt sich um zehn Grad, dann machen die Schwestern eine Pause. 20 Grad, nächste Pause. Den wachsenden Druck seiner 11o Kilo Körpergewicht auf seine zusammengebundenen Beine spürt der gelähmte Reeve nicht. Aber er spürt, je mehr er Tisch sich neigt, verstärkt den Sauerstoffmangel und Druck auf seine Lungen. Trotz des Beatmungsschlauchs schwitzt und keucht er, als der Tisch um 80 Grad gekippt wird. Querschnittsgelähmte müssen diese Prozedur nicht unbedingt auf sich nehmen; aber Reeve besteht darauf. Sie soll in Fällen wie dem seinen vor drohendem Muskelschwund und Osteoporose schützen.

Die Geschichte efolgte zum Buchstart von Reeves Buch "Still Me - Immer noch ich", das in WELTBILD vorabgedruckt wurde. Ausriss aus Weltbild Nr. 2, 1999

Dass er in solchen Momenten ein Bild tiefsten Elends abgibt, weiß Reeve selbst. Aber das ist es sicher nicht, was er mit „zweitem Leben“ meint. Das begann mit der Liebeserklärung seiner Frau an dem Krankenbett, das er bereits für sein Totenlager hielt. Der Erklärung, die ihm so viel Kraft verlieh, dass er – sämtlichen medizinischen Erkenntnissen zum Trotz – felsenfest behauptet: „Ich kann in ein paar Jahren wieder gehen.“ So in drei vielleicht, meint er. Spätestens aber in fünf. Mittlerweile hält ihn niemand mehr deswegen für verrückt. Denn Reeves unglaublicher Überlebenswille hat jetzt schon Berge versetzt.

Lähmungen durch ein gebrochenes Rückgrat galten bislang als irreparabel. Dass hier innerhalb weniger Jahre die Wissenschaft umdenkt, hat Reeve fast im Alleingang geschafft. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem nichts unmöglich ist“, verkündet er. Auch nicht das, was man bisher für unmöglich hielt. Dann hatte eben die Wissenschaft nur noch nicht die richtigen Mittel entdeckt. Vielleicht, weil ihr selbst Mittel fehlten? Reeve beschloss, ihr auf die Sprünge zu helfen.

Er sammelte Geld. „Wenn Sie viel für die Erforschung einer Krankheit ausgeben“, erklärt er, „werden Sie auch die Möglichkeit zu ihrer Heilung finden. Wissenschaftler wollen nicht im Verborgenen arbeiten und nicht unterbezahlt werden. Sie wollen Geld verdienen, sie wollen beachtet werden, vielleicht den Nobelpreis gewinnen.“ Mit einer schier unglaublichen Vitalität und unerschütterlichem Optimismus ging Reeve auf Missionsreisen, sammelte, seine Popularität nutzend, Spendengelder in Millionenhöhe, gründete das Reeve-Irvine-Forschungszentrum. An MEDIZINER UND Biologen in aller Welt appelliert er: „Dies ist eine Herausforderung, die ich mit der vergleiche, die John F. Kennedy an die Wissenschaftler gestellt hat, als er sie aufforderte, es möglich zu machen, dass bald ein Mensch auf dem Mond gehen kann.“

Weltbild-Artikel über Christopher Reeve. Ausriss aus Weltbild Nr. 2, 1999

Erster erfolg der Reeve-Mission: Im September 1996 fand der Schweizer Martin Schwab von der Universität Zürich einen Weg, Moleküle zu stoppen, die das Zentralnervensystem hemmen. Ihm wurde die Christopher-Reeve-Forschungsmedaille verliehen – dotiert mit einem Preisgeld von 50.000 Dollar. Dann gelang es schwedischen Wissenschaftlern bei Tierversuchen, durchtrennte Rückenmarkteile mit neuen Nervenbrücken zumindest teilweise zu regenerieren. In wenigen Jahren, hoffen sie, könne man diese Methode auch bei Menschen anwenden. Harlan Weinberg, einer der Ärzte, die Reeve behandeln, zeigt sich bereits vom Optimismus seines prominenten Patienten angesteckt: „Reeves Hoffnungen“, glaubt er, „sind nicht übertrieben. Die Rückenmark-Forschung ist einen großen Schritt weitergekommen.“

Prompt witzelte Schauspielerkollege Paul Newman bei einem Besuch Reeves: „Weißt di was? 1906 bekam ein Wissenschaftler den Nobelpreis für seinen ,Beweis‘, dass Rückenmarkgewebe sich nicht regenerieren kann. Wenn der noch am Leben wäre, müssten wir ihn finden und ihm den Preis wieder abnehmen.“

Leute wie Newman trifft Reeve noch laufend. Hollywood hat „Superman“ nicht abgeschrieben. Obwohl er mit nichts als seinem Gesicht spielen kann, war er in einer Neuverfilmung des Hitchcock-Thrillers „Das Fenster zum Hof“ im letzten Jahr wieder vor der Kamera – mit glänzenden Kritiken nach der TV-Erstausstrahlung im November 1998. Ein Jahr vorher gab er für den Fernsehfilm „In The Gloaming“ sein Debüt als Filmchef hinter der Kamera. Unter der Leitung des Regisseurs im Rollstuhl „arbeitetet jeder in der Crew übereifrig. Und nie kam jemand zu spät“, staunte Reeve. Seitdem gibt er Unternehmern einen entscheidenden Rat: „Setzt einen Menschen mit einer Behinderung ein in den Mittelpunkt eurer Belegschaft. Und eure Arbeiter werden sich weniger beschweren und noch viel produktiver sein. Stellt Menschen mit einer Behinderung ein! Sie motivieren den Rest eures Personals zu Höchstleistungen.“

Seit Christopher Reeve im Rollstuhl sitzt, verleiht der bekannte Mensch mit einer Behinderung den vielen unbekannten Leidensgenossen, denen er auch sein Buch gewidmet hat, eine Stimme: „Ich kämpfe unter anderem dafür, dass Krankenversicherungen di Deckungssumme bei Behinderungen erhöhen.“ Dass das Limit von einer Million Dollar zu niedrig ist weiß er aus eigener Erfahrung: Allein seine Behandlung kostet 350.000 Dollar pro Jahr. Außerdem wirbt er unermüdlich dafür, dass Menschen mit einer Behinderung realistisch in Filmrollen dargestellt werden. „Meistens sind sie im Fernsehen nur Kranke oder Böswichte“, klagte er kürzlich bei einem Vortrag in Toronto vor 6000 TV-Chefs aus aller Welt. „Wir brauchen ein paar Menschen mit einer Behinderung, die im Film eine Vorbildfunktion übernehmen.“ Er selbst sei nur einer von „49 Millionen Menschen mit einer Behinderung und einer Viertelmillion Querschnittsgelähmten auf der Welt. Wenn mein Unfall zu etwas gut war, dann dazu, dass ich mit den Wissenschaftlern in aller Welt an einer äußerst wichtigen Sache arbeite. Und das tue ich nicht für mich allein. Ich tue es für alle Menschen mit einer Behinderung auf der ganzen Erde.“

Aber er hat noch andere Gründe. Befragt nach seinem größten Wunsch äußert er spontan: „Ich möchte meine Frau Dana umarmen. Und meinen jüngsten Sohn Will Ich finde, darauf hat er ein Recht.“

Von Stefan Teplan alias Daniel Dopplan (s. dazu Erklärung im Kommentar)

© Stefan Teplan