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Barbara Wussow: „Jetzt habe ich meine Traumrolle“

Aufmacher des Wussow-Fortell-Interviews, Ausschnitt aus WELTBILD Nr. 20, 1997

Barbara Wussow wird Mutter. WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan besuchte sie und ihren Mann, den Schauspieler Albert Fortell, in Wien und sprach mit ihnen über die Schwangerschaft, über Kirche und Papst, über Moral und Beziehungen.

 (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr: 20/1997)

 

Stefan Teplan: Sie sagten einmal: Meine Traumrolle ist, Mutter zu sein. Jetzt erwarten Sie ein Kind. Wie fühlen Sie sich bei den Vorbereitungen auf die Traumrolle?

Barbara Wussow: Ich fühle mich wunderbar und bereite mich so gründlich darauf vor, wie ich mich immer auf meine Rollen vorbereite. Und auf diese Traumrolle ganz besonders.

Stefan Teplan: Nur dass Sie mit dieser Rolle nicht im Rampenlicht stehen wollen.

Barbara Wussow: Ich bitte darum, es zu respektieren, dass ich mich in den nächsten Wochen etwas mehr von den Medien und der Presse distanzieren möchte. Ich will mich zurückziehen, was nicht böse gemeint ist, sondern ich tue das, um diese Ruhe, die ich jetzt brauche, und das Auf-mich-selbst-Besinnen in dieser besonderen Zeit mehr genießen zu können. Und ich möchte meine Schwangerschaft nicht zer- und bereden.

Stefan Teplan: Haben Sie jetzt auch Ihre Lebenspläne als Schauspielerin geändert?

Barbara Wussow: Nein, das nicht. Ich will in der ersten zeit etwas zurückstecken und gar nichts machen. Wie ich mich nachher fühle, werde ich sehen,. Ich weiß von so vielen Kolleginnen, die in dieser Situation sehr wohl gearbeitet haben. Meine Mutter stand bis zum siebten Monat auf der Bühne.

Stefan Teplan: Sie empfinden das Kind nicht als Karrierebremse? Es gibt ja Frauen, die behaupten, ein Kind stünde ihrer Selbstverwirklichung im Wege.

Albert Fortell: Es ist wirklich unglaublich, was man da mitbekommt. Ich weiß von einem Fall, dass eine Frau abgetrieben hat, nur weil sie in Urlaub gehen wollte.

Barbara Wussow: In der heutigen Zeit kann ein mündiger erwachsener Mensch, wenn er so reif ist, dass er mit einem Partner ins Bett geht, auch so verantwortungsbewusst sein, dass er weiß, was daraus entstehen kann. Das hat er verantwortungsvoll zu respektieren. 

Interview mit Wussow und Fortell, Ausschnitt aus Weltbild 20, 1997

Stefan Teplan: Sie sind beide populär, vertreten aber unpopuläre Ansichten. Ihr Eintreten gegen Abtreibung und Ihre Papsttreue lassen Sie in den Augen mancher als altmodisch erscheinen.

Albert Fortell: Ich glaube allerdings gar nicht, dass wir unpopuläre Ansichten vertreten, sondern nur Ansichten, die eine laute Minderheit nicht mag.

Stefan Teplan: Dann wird das Bild von den Medien verzerrt?

Barbara Wussow: Ich glaube ja. Es ist nur eine laute Minorität, die in den Zeitungen und in den Talkshows zu Wort kommt und die wir alle hören. Wir hören aber nicht die vielen Millionen Menschen, die mit dem Papst und der Kirche einverstanden sind. 99 Prozent der Post, die wir bekommen, bestärkt uns in unserer Haltung. Was die Abtreibung betrifft, so bin ich völlig einer Meinung mit unserer sehr verehrten und geliebten Mutter Teresa: Abtreibung ist Mord. Wenn es möglich ist, dass eine Mutter ihr Kind umbringen lässt, steuert die Menschheit einem Abgrund entgegen. Und ich stehe zu meinem Satz: Mein bauch gehört mir, aber nicht der Inhalt. In dem Moment, in dem neues Leben in mir entsteht, ist es für mich undenkbar zu sagen, in den ersten Wochen oder drei Monaten ist es noch nichts. Was ist es dann? Das ist von der ersten Sekunde an, in der es entsteht, ein eigenständiges Leben, dem ich die Chance nicht verwehren darf, auf die Welt zu kommen.

Stefan Teplan: Gerade solche Sätze und Ihr Bekenntnis, Sie seien mit dem Papst in allem einig, machen Sie in bestimmten Kreisen unbeliebt, weil sie gegen den Zeitgeist gerichtet sind.

Barbara Wussow: Aber war Mutter Teresa unbeliebt? Und sie war mit dem Papst in allem einig. Wer hätte es gewagt, sie anzugreifen? Wenn man sie angegriffen hat, waren das Irre, die ihr zu wenig politische Haltung vorgeworfen haben.

Barbara Fortell: Das ist ja jetzt auch vereinzelt passiert. Weil man gar nichts mehr findet, hat man gesagt, sie hat nicht dazu beigetragen, die indische Gesellschaft zu verändern. Und da hat sie völlig richtig gesagt: Das haben auch die indischen Politiker nicht geschafft, und in der Zeit habe ich aber Hunderttausenden von Menschen das Leben gerettet.

Stefan Teplan: Erkennen Sie denn die Autorität des Papstes wirklich in allen Fragen an?

Barbara Wussow: ich finde, dass der Papst Richtlinien vorgeben und die moralische Höchstlatte in bestimmten Fragen ansetzen muss: zum Beispiel vor der Ehe keinen Verkehr zu haben, die Pille nicht zu nehmen, keine Kondome zu nehmen. Obwohl letzteres ein Punkt ist, gegen den ich mich in Zeiten von Aids sträube. Ich würde absolut Kondome empfehlen, bevor Menschen sterben. Ich kann mir vorstellen, dass die Kirche ihren Standpunkt dazu ändern wird – auch wenn es nicht im Sinne unserer Religion ist, weil es auch Leben verhindert.

Stefan Teplan: Sie können diese moralischen Richtlinien aber nicht aus der Bibel ableiten. Die sind von der Kirche gemacht.

Albert Fortell: Ich kann ableiten, dass die Kirche aus der Bibel ableitbar ist. Man sollte eines nicht vergessen: Die Kirche und besonders unser Papst machen es sich nicht so einfach. Es ist sicher schwieriger, seine Position zu halten als sich dem Zeitgeist anzupassen. Er könnte es sich leichter machen.

Barbara Wussow: Es gab Päpste, die haben es sich angenehmer gemacht im Leben und sind weniger angeeckt. Dieser Papst hat vieles erlebt, körperlich und seelisch, und musste durch viele Mühen gehen. Nicht umsonst ist er derart gebeugt unter der Last, die er getragen hat.

Stefan Teplan: Frau Wussow, haben Sie eigentlich wegen ihrer religiösen Einstellung schon einmal eine Rolle abgelehnt?

Barbara Wussow: Ich würde keine Rolle spielen, die gegen meinen Glauben gehen würde. Aber so ein Angebot hat es noch nicht gegeben. Ich habe mich auch schon für den Film ausgezogen. Wenn es dramaturgisch richtig ist und diese Szene nicht anders machbar und keine Effekthascherei ist, gehört das dazu. Der Körper ist auch nur ein Kostüm.

Stefan Teplan:  Ihre Rolle in der aktuellen ZDF-Serie „Singles“ entspricht nicht gerade Ihrem Image.

Barbara Wussow: Image ist so eine subjektive Geschichte. Das kriegt man von der letzten Rolle weg verpasst. Ich hatte ein zeitlang ein liebes, braves Mäderl-Image. Da bin ich nun wirklich schon etwas darüber hinweg.

Stefan Teplan:  Sie sagten ja schon vor Jahren, jede seelische Falte würde Ihrem Schauspiel mehr Tiefe verleihen.

Barbara Wussow: Ich bin froh über jedes Jahr, das ich älter werde. Ich war selig, als ich 30 wurde. Ich will ja nicht eine seelische Maske, eine schöne Larve bleiben. Ich möchte Knitter und Narben und Falten haben, denn von ihnen  profitiert mein beruf, aber auch mein Leben und mein Charakter und mein Weiterkommen als Mensch. Man braucht Probleme, um wachsen zu können.

Stefan Teplan:  Wieder unpopuläre Ansichten. Heute soll alles schön und glatt sein. Wer aus dem Jugendalter herauskommt, dem wird eine Krise unterstellt.

Barbara Wussow: Alles Quatsch. Ich war diesbezüglich noch nie in einer Krise.

Stefan Teplan: Sie sind auch noch nicht alt genug.

Barbara Wussow: Aber Kolleginnen von mir hatten mit 30 eine Krise. Ich sagte nur: Seid ihr wahnsinnig? Ich kriege sie vielleicht, aber auch nicht sicher mit 90. Das ist auch ein Zeichen unserer leichtlebigen und schnelllebigen Zeit, dass man nicht altern darf, in einer Gesellschaft, die nicht zugibt, dass ein Mann ein reifer Mann werden darf und eine Frau eine weise reife Frau. Nein, sie muss jugendlich sein und Miniröcke anhaben. Wenn sie es machen möchte, dann soll sie es machen. Wenn nicht, dann soll man sie bitte doch lassen und sie nicht scheel anschauen, dass sie 60, 70, 80 wird, Falten kriegt und sich nicht mehr anzieht wie ein Girlie.

Stefan Teplan: Die Kurzlebigkeit unserer Zeit spiegelt sich auch in den Beziehungen. Warum zerbrechen heute so viele Partnerschaften und Ehen?

Barbara Wussow: Wir sind zu einer Wegwerfgesellschaft geworden. Auch in Bezug auf den Menschen, auf Beziehungen, auf Gefühle. Wenn es zu schwierig und zu problematisch wird, steht man nichts mehr durch. Man hat auch nicht einmal mehr den Anstand, wenigstens den Schein zu wahren und einen Partner in einer Beziehung zu schützen. Es hat zu Zeiten meiner Groß- und Urgroßeltern ebenfalls Seitensprünge und Nebeneinanderbeziehungen gegeben. Nur hat man es dezenter, diskreter und feiner abgehandelt. Heute ist man ja stolz darauf, wenn man das macht.

© Stefan Teplan 1997

Simone Thomalla alias Kinderärztin Leah

Stefan Teplan sprach mit der Schauspielerin Simone Thomalla über ihre neue Rolle als TV-Ärztin Leah in der ARD-Reihe „Ärzte“

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23/1997)

Stefan Teplan: Sie spielen jetzt als TV-Ärztin in einem Genre, das gewöhnlich von Klischees trieft.

Simone Thomalla: Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich auch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: Oh nein, bloß keine Arzt-Reihe. Aber dann erinnerte ich mich bei dieser ARD-„Ärzte“-Serie an eine Reihe von Filmen zum Beispiel mit Senta Berger und Friedrich von Thun , die auf sehr hohem Niveau stehen. Daraufhin ließ ich mir doch mal das Drehbuch zuschicken. Und mich hat bei dem Stoff überzeugt, dass eben keine Klischees darin vorkommen und die Ärzte nicht als Götter in Weiß dargestellt werden wie in so vielen schlechten Filmen. Dann wusste ich, dass ein sehr guter Regisseur drehen wird und dass der Südwestfunk seine Projekte sehr sorgfältig betreut. Daher habe ich schließlich zugesagt.

Stefan Teplan: Was macht Arzt-Serien trotz oder wegen der Klischees so populär?

Simone Thomalla: Mit Krankheit und Krankenhaus wurde wohl jeder Mensch schon konfrontiert. Und es tauchen darin auch immer wieder Probleme auf, sie die Menschen bewegen und die zu ihrem Alltag gehören. Arzt-Serien sind sicher deswegen so beliebt, weil die Zuschauer die Ereignisse aus eigener Erfahrung nachvollziehen können, Situationen etwa wie Angst um jemanden anderen zu haben. Bei einem Krimi ist das nicht so, da schaut man halt einfach nur, was passiert.

Stefan Teplan: Was ist an Ihrer Rolle anders als an den Kitschrollen?

Simone Thomalla: Wir haben während der ganzen Dreharbeiten immer einen erfahrenen Arzt als Berater an unserer Seite gehabt. Es wurde wirklich nicht ein Handgriff getan, den dieser Arzt nicht gutgeheißen hätte. Es ist also schon einmal sichergestellt, dass im Film alles korrekt und realistisch dargestellt ist.

Stefan Teplan: Als TV-Ärztin Leah haben Sie mit Sterbehilfe und dem Sektenmilieu zu tun. Wie haben Sie selbst sich mit dieser Problematik auseinandergesetzt?

Simone Thomalla: Was Sterbehilfe betrifft, muss man sicher von Fall zu Fall abwägen. Aber wenn jemand wirklich nur noch an Maschinen hängt und nichts Lebenswürdiges mehr für den Einzelnen da ist, sollte man, denke ich, schon helfen. Zu den Sekten: Solange es noch so einen Schwachsinn gibt, der viele Menschen fesselt – und das sind ja nicht immer nur dumme Menschen, die diesen Sekten zum Opfer fallen -, kann und sollte man viel mehr darüber aufklären.

Stefan Teplan: Sie sagten vor Jahren einmal, Sie wollen kein „Serien-Hasi“ – nur eine Frau als Begleiterin von Männern – werden. Haben Sie jetzt die Rollen, von denen Sie träumten?

Simone Thomalla: Das mit dem Serien-Hasi ist mir gelungen. Das hat sicher auch mit dem Alter zu tun. Vor ein paar Jahren war ich halt nur das Salatblatt, sozusagen als Garnierung. Wünsche nach guten Drehbüchern habe ich natürlich offen. Ich würde gerne etwas spielen, was nicht meinem Naturell entspricht. Vielleicht hat jemand mal den Mut, der mich immer nur sympathisch, positiv und kraftvoll gesehen hat, mir zum Beispiel etwas Zwiespältiges oder Dekadentes anzubieten. Ich würde gerne auch einmal eine Frau spielen, die schwach ist, nicht immer nur Power an den Tag legt. Und die aus der Schwäche heraus etwas schafft.

© Stefan Teplan

Arthur Hailey – Ungläubiger Bibelkenner

Stefan Teplan sprach mit Arthur Hailey, der mit einer Gesamtauflage von über hundert Millionen, vielfach verfilmten („Hotel“, „Airport“)  Romanen zu den erfolgreichsten Autoren der Welt gehört.

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23/1997)

 

Stefan Teplan: Was hat Ihre letzte Herzoperation im August in Ihrem Leben verändert?

Arthur Hailey: Meine Erwartungen an die Zukunft. Ich fand mich schon damit ab, dass ich bald sterben müsste. Das beunruhigte mich in keinster Weise. Ich habe in meinem Leben – alles in allem ein sehr schönes Leben – weit mehr als die meisten anderen Menschen erreicht. Warum sollte ich mich also beklagen, wenn es dem Ende zugeht? Aber nachdem meine Operation erfolgreich verlaufen war, erwachte neuer Lebenswille in mir. Ich frage mich nur, wie ich die Zeit, die mir geschenkt worden ist, nutzen soll. Ich werde die nächste Zeit jedenfalls kein Buch mehr schreiben. Vielleicht gebe ich etwas von dem Geld aus, das ich mit meinen Büchern verdient habe und mache eine Weltreise.

Stefan Teplan: Sie gelten als Meister der „faction“, der Vermischung von Fakten und Fiktion. Wie viel ist an Ihrem neuen Buch „Der Ermittler“ authentisch, wie viel Fiktion?

Arthur Hailey: Für meinen neuen Roman habe ich zwei Jahre lang recherchiert. Alles in diesem Buch beruht auf Fakten, und jedes darin geschilderte Verbrechen ist tatsächlich geschehen. Es passiert auf einer Polizeistation wie der von Miami – um die geht es im Buch – einfach so viel, dass man als Autor gar nichts erfinden muss.

Stefan Teplan: Aber Sie haben sicher schon aus Datenschutzgründen etwas verändert oder dazu erfunden.

Arthur Hailey: Ich habe alle Namen geändert und sehr viele Hintergrundbeschreibungen, damit keine Person und kein tatsächlich geschehenes Ereignis identifiziert werden kann. Aber davon abgesehen, ist alles wirklich authentisch.

Stefan Teplan: In Ihrem Roman verliert ein Priester seinen Glauben und wird Polizist. Spiegeln sich darin auch Ihre eigenen Glaubenszweifel wider?

Arthur Hailey: Ich wollte etwas von meiner eigenen Lebensphilosophie in das Buch einfließen lassen. Dass Malcolm Ainslie (der Held des Buches – Anm. d. Red.) seinen Glauben an Gott und an die Göttlichkeit Jesu verliert, gibt schon meine eigenen Ansichten wider. Auch seine Erfahrungen, wie er dazu kommt, haben Parallelen mit meiner eigenen Lebensgeschichte.

Stefan Teplan: Sie haben also zumindest einmal an Gott geglaubt?

Arthur Hailey: Ich komme nicht aus einer religiösen Familie, meine Eltern waren an Religion nicht interessiert. Aber sie haben akzeptiert, dass ich als Junge den Gottesdienst besuchen wollte. Damals habe ich einfach alles geglaubt, was über Gott und Jesu Gottessohnschaft gepredigt wurde. Aber nur oberflächlich. Ich habe mich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt und bin nur aus Gewohnheit in die Kirche gegangen. Das machen die meisten Kirchgänger wohl  auch heute noch so. Es war, glaube ich, im Jahr 1944, als mir, während ich das Credo betete, bewusst wurde, dass ich nicht ein Wort davon glaubte. Und das war das letzte Mal, dass ich einen Gottesdienst besucht habe – wenn man davon absieht, dass ich aus Höflichkeitsgründen bei einigen Beerdigungen dabei war.

Stefan Teplan: Sie müssen sich aber als Ungläubiger noch viel mit der Bibel beschäftigt haben. Sonst hätten Sie Ihr Buch nicht so schreiben können.

Arthur Hailey: Auch nachdem ich keinen Gottesdienst mehr besucht hatte, habe ich nie aufgehört, mich mit religiöser Literatur zu beschäftigen. Ich weiß viel über biblische Forschungen und neue Übersetzungen der Bibel – dieses Wissen fließt in mehreren Stellen in den „Ermittler“ ein. Besonders die Tatsache, dass nach der Kreuzigung Jesu, die historisch nachweisbar tatsächlich stattgefunden hat, 50 Jahre lang nichts Schriftliches über seinen Tod aufgezeichnet wurde, was alle theologischen Gelehrten bestätigen. Das lässt mit großer Sicherheit darauf schließen, dass die Auferstehung nur eine rein mündlich überlieferte Legende ist und Jesus nicht „Christus“ oder der Sohn Gottes war (das kommt auf Seite 265 in meinem Buch vor).

Stefan Teplan: Wollen Sie jetzt den Christen die Kernpunkte Ihres Glaubens nehmen?

Arthur Hailey: Ich halte es mit der religiösen Freiheit. Das schließt auch die Freiheit ein, keine Religion zu haben. Und ich halte es mit Voltaires Credo: „Ich werde auf den Tod bekämpfen, was di glaubst. Aber ich werde mit meinem Leben dein Recht verteidigen, deinen Glauben zu äußern.“

Stefan Teplan: Wie erklären Sie sich, dass so viele an das glauben, wovon Sie selbst nichts halten?

Arthur Hailey: Viele wollen sich nicht damit abfinden, dass ihre Existenz eines Tages ein Ende hat. Sie wollen lieber das Gegenteil von dem glauben, was in der Bibel im Buch Kohelet steht: „Menschen und Tiere haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es nicht.“ Außerdem denke ich, dass viele arme und unterprivilegierte Menschen ein so elendes Leben führen, dass sie einfach auf etwas Besseres im Jenseits hoffen müssen.

© Stefan Teplan

Deutsche: Ein Volk ohne Zivilcourage?

Stefan Teplan sprach mit der ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz über ihr Buch „Jetzt mal ehrlich“. Die Deutschen bezeichnet sie als „Weltmeister im Kritiseren und Bevormunden ganzer Weltreligionen“ – ein Thema, das zu Zeiten von Sarrazin und der Integrationsdebatte neue Aktualität gewinnt.

(Erstveröffentlichung Magazin WELTBILD Nr. 11/ 1996)

Buchcover

Nach fünf Büchern über Russland jetzt ein "offenes Wort über Deutschland": Unter dem Titel "Jetzt mal ehrlich" (ECON Verlag, 240 Seiten) prangert die ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz Misstände in Deutschland an.

Stefan Teplan: Sind die Deutschen ein Volk von angepassten Jasagern, Duckmäusern und Verdrängern?

Gabriele Krone-Schmalz: Zivilcourage kann man jedenfalls mit der Lupe suchen, obwohl doch gerade die westdeutschen diese mit Vorliebe von den Bürgern der ehemaligen DDR forder; ohne offenbar ein Gespür dafür zu entwickeln, dass sie selbst nicht einmal in einem Rechtsstaat dazu in er Lage sind, in dem sie damit kaum etwas riskieren. Bloß nicht unangenehm auffallen, „in“ und „political correct“ sein, mit dem Strom schwimmen. Die Angst, wegen irgendwelcher offener Worte in der falschen Schublade landen zu können, scheint mir bei Deutschen nahezu pathologisch.

Stefan Teplan: Im Klappentext zu Ihrem neuen Buch heißt es, die Deutschen seien „Weltmeister im Kritisieren“. Bestätigen Sie mit Ihren Texten nicht genau das, was Sie attackieren?

Gabriele Krone-Schmalz: Nein, überhaupt nicht. Im Klappentext heißt es nämlich: „Weltmeister im Kritisieren und Bevormunden ganzer Weltreligionen“, und ich kritisiere als Deutsche uns, die Deutschen.

Stefan Teplan: Wer meckert, muss auch Gegenrezepte bieten können. Haben Sie welche?

Gabriele Krone-Schmalz: Patentrezepte nicht – wer hat die schon? Aber rezepttaugliche Anregungen finden Sie sehr wohl in meinem Buch, zum Beispiel zu den Themen Gesundheits- und Steuersystem. Ansonsten bin ich nicht Ihrer Meinung. Mir ist auch klar, dass es leichter ist „herumzumeckern“ als dinge funktionsfähig zu verändern. Aber wenn Sie jedem das Kritisieren und Meckern verbieten wollen, der keine fertigen Gegenrezepte parat hat, dann führt das zu einer stagnierenden Gesellschaft, in der die Jasager und Duckmäuser die Oberhand gewinnen. Das ist ein Teufelskreis.

Stefan Teplan: Was würden Sie am liebsten in Deutschland verändern?

Gabriele Krone-Schmalz: Das Wetter. Nein, im Ernst: aus einer harten Entweder-Oder-Gesellschaft eine menschliche Sowohl-als-auch-Gesellschaft machen. Leben und leben lassen.

Stefan Teplan: Was würden Sie unverändert lassen?

Gabriele Krone-Schmalz: Im Wesentlichen das Grundgesetz.

© Stefan Teplan Media

John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

© Stefan Teplan

Ben Kingsley als „Held wider Willen“

Interview von Stefan Teplan mit Oscar-Preisträger Ben Kingsley

WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan sprach mit dem Weltstar über desen Rolle als Moses in der Mammut-Verfilmung der Bibel durch die Leo-Kirch-Gruppe

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 27/1996


Ausriss aus Weltbild Nr. 27/1996 - Stefan Teplan mit Ben Kingsley bei der Premiere des Films "Moses"

Stefan Teplan: Sie haben den Ruf, sich wie kein anderer Schauspieler in Ihre Rollen einzuleben und sich damit zu identifizieren. Wie ist es Ihnen da mit Moses gegangen?

Ben Kingsley: Das ist eine der bekanntesten Fehleinschätzungen überhaupt. Ich kann Ihnen das auch nachsehen. Aber die Schauspielerei ist etwas, was ich tue, um mein Geld zu verdienen, um meine vier Kinder und meine Frau zu ernähren – mehr ist es nicht. Dass ich mich in einen Rolle versetzen muss, ist eine reine Vorgabe. Ich stelle einfach etwas dar. Das ist ein Handwerk, das man erlernen kann und in dem man vorgibt, jemand anderer zu sein. Es ist etwas, wo man einen bestimmten Charakter darstellt…

Stefan Teplan: … der einen aber, wenn man sich in ihn vollständig einfühlt, vielleicht auch selbst verändern kann.

Ben Kingsley: Das ist eigentlich eine ganz einfache Aufgabe, diese Handlung umzusetzen, die einem vorgegeben wird. Und das führt nicht unbedingt zu einer Veränderung. Das ist nur Energie, eine Kraft, die ich sehr stark in einen bestimmten Charakter konzentriere, so dass dieser Charakter durch mich lebt. Aber auf die Psyche hat das überhaupt keine Auswirkungen. Ich sitze hier als Ben und werde auch weiterhin als Ben hier sitzen. Sie können das vergleichen mit einem Maler, der ein Porträt malt. Er hat eine gewisse Distanz; er muss ja nicht die Person werden, die er auf dem Bild darstellt. Genauso ist die Distanz auch zwischen mir und dem Charakter. Diese Distanz ist immer gegeben.

Stefan Teplan: Wollen Sie jetzt Ihren Ruf zerstören?

Ben Kingsley: Ich möchte den Mythos meiner minutiösen Vorbereitung auf eine Rolle nicht allzu sehr zerstören; das schmeichelt mir ja auch irgendwie. Aber ich muss so ehrlich sein und Ihnen sagen, meine Hauptaufgabe als Schauspieler ist es, voll da zu sein, mich auf die Situation einzustellen. Ich muss am Drehort selbst ein Bewusstsein für die Situation haben, die gerade gedreht wird. Ich muss auf meine Kollegen eingehen können, ich muss auf die Kamera eingehen können, auf die Tausende von Marokkanern (der Film „Moses“ wurde in Marokko gedreht – Anm. d. Red.), die an dem Film mitgewirkt haben, von denen die meisten meinen Namen kennen und mir guten Morgen wünschten – es sind übrigens ganz phantastische Leute – , und es ist dieser Druck, den ich verspüre, wenn Aufnahmen gemacht werden. Das alles führt dann dazu, dass ich mich an die Situation anpassen kann.

Stefan Teplan: Also Spontanität vor Rollenpauken?

Ben Kingsley: Ich kann natürlich auch zu Hause in meinem Haus in England sitzen und in Büchern mir eine Vorstellung davon anlesen, wie es wohl ist, wenn man bei brütender Hitze in einer Wüste ist und Tausende von Leuten um sich herum hat. Aber das ist natürlich nicht das Gleiche, als wenn ich in der Wüste selbst da bin und dann fühle, wie die Sonne auf mich einbrennt. Dann bin ich da, da bin ich ich selbst und das ist die beste Vorbereitung.

Stefan Teplan: Hatte die Verfilmung des Moses zumindest einen Einfluss auf Ihre Lebensphilosophie?

Ben Kingsley: Es ist eigentlich eine Minimierung von Handlungen, die man für einen Film vornimmt. Denn man versucht, eine gewisse Realität zu projizieren. Ich habe 15 Jahre lang Shakespeare gespielt, und ich bin dabei in Theatern aufgetreten, die nicht größer waren als dieser Raum hier. Und ich musste in diesen Theatern die Personen, die ich dargestellt hatte, bis in die hinterste Ecke des Raumes projizieren. Das hat auch eine gewisse Energie vorausgesetzt. Beim Film ist das ganz anders. Dort ist es die Kamera, die mich sucht, mich findet und dann das aufnimmt, was ich in einen Charakter investiere.

Stefan Teplan: Also ist Moses für sie eine Rolle wie jede andere? Oder gibt es etwas, was Sie daran besonders fasziniert?

Ben Kingsley: Das Moses ist gewissermaßen ein Held wider Willen, er will eigentlich gar kein Held sein. Außerdem hat er Probleme beim Sprechen, richtige Kommunikationsprobleme. Und dieser Held wider Willen mit Kommunikationsproblemen ist die große Herausforderung für den Schauspieler, eine Herausforderung, die ich auch jetzt noch verspüre, wenn ich Ihnen das erläutere. Es ist diese Tatsache, dass da ein Mensch ist, der zu Gott sagt: „Du hast den falschen erwählt. Ich bin nicht der richtige Mann, um diese Aufgabe wahrzunehmen.“ Und der es dann doch schafft, zum Führer und Sprecher eines Volkes zu werden. Gerade diese Dynamik, die sich aus dem Charakter ergibt, ist auch für den Schauspieler etwas ganz Besonderes, weil er merkt, dass er auch das Bewusstsein der Zuschauer entsprechend beeinflussen kann. Moses ist die Geschichte eines verlassenen, ausgestoßenen Kindes, das als Mann zum Führer eines Volkes wird und im Blickpunkt aller Handlungen seines Volkes steht. Und diese Entwicklung verleiht diesem Film seine ganz besondere Dynamik. Es ist wirklich einfach außerordentlich, diese Entwicklung zu sehen.

Stefan Teplan: Sie haben jetzt mit „Joseph“ und „Moses“ in zwei Bibelfilmen mitgespielt. Sind Sie selbst religiös?

Ben Kingsley: Darauf möchte ich nicht öffentlich eingehen. Das ist eine sehr persönliche Sache, die nur mich allein betrifft. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

Stefan Teplan: Gehören Sie denn einer Kirche oder einer religiösen Gemeinschaft an?

Ben Kingsley: Nein.

Stefan Teplan: Immerhin aber mussten Sie sich schon rein beruflich mit der Bibel beschäftigen. Was für ein Verhältnis haben Sie zu ihr?

Ben Kingsley: Wahrscheinlich habe ich zu ihr dasselbe Verhältnis wie Sie. Vielleicht habe ich inzwischen nur etwas mehr Einblick, wie sich dieser Exodus der Israeliten aus Ägyptenabgespielt haben muss. So eine Reise, die 40 Jahre lang dauert, ist natürlich, besonders für uns heute, unfassbar – noch dazu eine Reise, die man mit äußerst ungeduldigen Menschen unternimmt, die jeden Tag meckern und an einem etwas auszusetzen haben. Ich denke, ich habe jetzt eine Beziehung zu dieser Geschichte. Es ist einfach so, dass ich jetzt Gesichter sehe. Ich weiß jetzt, wie die Charaktere sind, ich weiß jetzt, wer Miriam ist, ich kenne Aaron oder den Pharao. Das sind Leute, die mussten ganz schreckliche Entscheidungen treffen, und ich hatte einfach in zwei Monaten das nachgestellt, was diese Leute in 40 Jahren erlebt haben. Ich habe inzwischen ein persönliches Verhältnis zu diesem Teil der Bibel, und ich halte die Bibel für ein ganz besonderes Buch.

© Stefan Teplan Media

Dennis Hope – der Mann, der den Mond verkauft

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Dennis Hope, dem Besitzer des ganzen Sonnensystems


Schon mal jemandem das Blaue vom Himmel versprochen? Der Freundin bei Vollmond ins Ohr gehaucht, ihr die Sterne vom Himmel zu holen? Und jetzt Probleme damit, die leichtfertig gegebenen Versprechen einzulösen? Für solche Fälle gibt es Hoffnung. Die Hoffnung heißt Hope. Dennis Hope. Denn Dennis, 49jähriger Geschäftsmann aus Kalifornien, verkauft das, laut Eigenwerbung, „Romantischste und Symbolhafteste, das man einem Menschen, den man liebt, nur schenken kann“: den Mond. Hope ist rechtmäßiger Besitzer nicht nur des Monds, der um unsere Erde kreist, sondern auch aller weiterer 60 Monde um die übrigen acht Planeten unseres Sonnensystems. Diese Planeten gehören Hope übrigens auch. Und weil Hope ein guter Mann und geschäftstüchtiger Amerikaner ist, lässt er andere an seinem Glück teilhaben. Zu himmlischen Preisen. Lächerliche 16 Dollar verlangt er – in den USA – für sieben Millionen Quadratmeter. Teurer ist’s im deutschen Verrieb „Mondland“: Da kosten 700.00 Quadratmeter 39,90 Mark. Immer noch Ramschpreise, die auch für den Mars, die Venus und den Jupitermond Io gelten. Das All kostet wirklich nicht die Welt. Und Hope kommt bei aller Bescheidenheit immer noch auf seine Kosten. Für den, zugegeben, recht schleppenden Anfang (erst 0,5 Prozent der Mondoberfläche sind verkauft) hat er doch schon eine passable Gewinnspanne erzielt: fünf Millionen Prozent des investierten Kapitals. „So an die 30 Dollar“, erzählt er Weltbild-Redakteur Stefan Teplan, „hat mich das ganze Unternehmen gekostet – mehr oder weniger Portogebühren. Verdient habe ich bisher damit 1,5 Millionen Dollar.“ Das Geschäft blüht; sechs festangestellte Mitarbeiter verkaufen für ihn außerirdische Besitztümer, Hope hat sich inzwischen noch eine Flugzeugverkaufsfirma und ein Chemieunternehmen auf der Erde zugelegt.

Vor seinen zunehmenden Mondeinnahmen freilich hatte der größte Grundstücksbesitzer auf Erden eher Grund zum Heulen: „Vor 19 Jahren ließ ich mich scheiden und hatte so gut wie kein Geld. Ich dachte: Wenn ich viel Grundbesitz hätte, könnte ich von der Bank Geld bekommen.“ Der Mond brachte die Erleuchtung um zwei Uhr nachts. „Ich war spät unterwegs und sah aus dem Autofenster auf den Mond. Und da dachte ich mir: Das ist echt viel Grundbesitz.“

Viel Land, kein Eigentümer? Grund genug, das zu ändern. Hope erinnerte sich an ein altes amerikanisches Gesetz, den Homestead Act von 1862. Es regelt die Inbesitznahme von Land, das offensichtlich niemandem gehört. Solches Land, besagt das Gesetz, fällt dem zu, der als erster Ansprüche anmeldet – wenn nicht nach einer Widerspruchsfrist von acht Jahren jemand Einspruch erhebt. Da musste Hope nicht viel fürchten. Zumindest irdische Vorbesitzer waren ausgeschlossen. Nach Ablauf der achtjährigen Frist konnte ihm auch keiner mehr seine Monde und Planeten streitig machen. Dass nochmal acht Jahre später der Deutsche Martin Jürgens behauptete, König Friedrich der Große habe seinen Urahnen bereits den Mond geschenkt, verdross Hope nicht: Er begann zu verkaufen.

Die Weltraum-Nationen würden ihn möglicherweise am liebsten auf den Mond schießen, aber sie wissen nicht, was sie tun können gegen Hope. Der bewies, dass er nicht hinter dem Mond lebt, um vom Mond zu leben. Hope nutzte nicht nur den Homestead Act, sondern zudem eine juristische Lücke. In einem gemeinsam verabschiedeten Weltraumabkommen, dem „Outer Space Treaty“ von 1967, legten die USA, die damalige Sowjet-Union und eine Reihe weiterer Staaten fest, dass kein Land Territorialansprüche außerhalb der Erde geltend machen dürfe. „Von Privatpersonen aber“, lacht sich Hope ins Fäustchen, „ist nicht die Rede.“ Entnervt muss ihm Walter Thiebaut, Anwalt für Weltraumrecht bei der Europäischen Weltraumbehörde Esa in Paris, Recht geben: „Es gibt keinen Weg, Mr. Hope zu verbieten, was er tut.“

Statt zu verbieten, müssen die Weltraumstaaten noch kostenlos für Hope arbeiten. „Ich bin froh, dass sie ihr Geld ausgeben und ihre Technologien nutzen, um mein Sonnensystem zu erforschen. Das macht es mir auch möglich, die Landkarten zu kriegen, die ich brauche.“ Für so viel Einsatz revanchiert sich Hope: Großzügig verlangt der Mondmann vorerst keine Landerechte und Mieten für Forschungen auf seinen Gestirnen. 1500 miteinander verbundene Grundstücke hat er sogar für wissenschaftliche Zwecke gespendet. Und kalkuliert mit der Gegenleistung: „In zehn bis 15 Jahren sollte man so weit sein, Mondstationen aufzubauen und Mondreisen durchführen zu können. Für den Mars dauert es noch etwas länger. Doch existieren bereits 25 Weltraumreise-Veranstalter.

Schon verkauft Hope – in gehobenerer Preisklasse – Stadtgrundstücke (4.500 Dollar), ja sogar ganze Staaten (42.500 Dollar) auf dem Mond. Einen davon wollen die „Mondianer“, eine Stammtischrunde von Münchner Mond-Grundstücksbesitzern, besiedeln. Helmut Kohl, so ihr Wunsch, soll Mondkanzler werden. Dort oben kann er leben wie der Sonnenkönig, wenn schon sein Stern auf der Erde im Sinken ist. Eine Besitzurkunde mit genauer Angabe seines künftigen Regierungssitzes wurde dem Alt-Bundeskanzler bereits zugeschickt. Geäußert hat sich der Wunschkandidat noch nicht. Mit politischen Perspektiven ist er kaum zu locken. Aber vielleicht reizt ihn ja das Gefühl der Schwerelosigkeit bei Dienstflügen oder das Erlebnis von fünf Sechstel Gewichtsverlust in der Mondsphäre.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 13, 1999

Interview mit Waris Dirie – Der Kampf der Wüstenblume

 

Stefan Teplan mit Waris Dirie - Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Stefan Teplan mit Waris Dirie - von Dirie signierter Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Waris Dirie – internationales Top-Model, UNO-Sonderbotschafterin und Bestseller-Autorin – sprach in New York mit Redakteur Stefan Teplan – mehrere Monate vor dem Erscheinen ihrer Auto-Biographie „Wüstenblume“. „Das wird ein Bestseller“, prophezeite ihr Teplan. „Niemals“, lachte Dirie. „Die deutsche Übersetzung erscheint in unserer Verlagsgruppe – und ich mache PR dafür“, versprach ihr Teplan. „Wüstenblume“  wurde zum meistverkauften Buch des kommenden Jahres. Da kam Dirie nach Deutschland, schlug bei einem öffentlichen Promotion-Termin den Weltbild-Artikel auf, den Teplan über ihr Gespräch gemacht hatte und überreichte ihm eine Dankesnote: „Thank you, Stefan. Waris Dirie“ (s. Bild oben).

 

Stefan Teplan: Eigentlich müssten Sie ja Männer hassen?

Waris Dirie: Warum?

Stefan Teplan: Als Kind wurden Sie missbraucht. Ala Jugendliche vergewaltigt. Mit fünf Jahren wurden Sie brutal beschnitten und Ihrer Weiblichkeit beraubt – alles Auswüchse sexueller Tyrannei der Männerwelt in Ihrer Heimat Somalia. Reicht das nicht?

Waris Dirie: Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich die Männer hasse. Das wäre nicht fair. Nicht alle Männer sind gleich. Ich hatte eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Man muss so etwas hinter sich lassen, denn man kann nicht ein ganzes Leben von Zorn oder Hass erfüllt sein. Und ich will nicht hassen, das ist das alles nicht wert. Nein, wirklich, ich hasse die Männer nicht.

Stefan Teplan: Zumindest lassen Sie in Ihrem Buch den Verdacht aufkommen, dass mit der Männerwelt etwas nicht stimmen kann. Gewaltakte bis zu den Kriegen gehen für Sie auf das Konto der Männer. „Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron“, schreiben Sie in Ihrem Buch, „gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen.“

Waris Dirie: Natürlich kamen, als ich das Buch schrieb, diese Dinge voller Zorn in mir hoch. Ich bedaure auch nichts von dem, was ich geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür. Es ist schließlich nichts als die Wahrheit. Wenn Sie zum Beispiel nur mal in den Fernseher schauen und Sie kriegen diese ganzen Vergewaltigungen mit, dieses ganze Töten – wer macht das alles? Man sieht nie, dass Frauen in den Straßen herumlaufen und von der Polizei gefasst werden, weil sie gerade drei Kinder umgelegt oder ein Gebäude mit Hunderten von Menschen in die Luft gesprengt haben. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was in euch Männern tickt.

Stefan Teplan: Die Männerwelt ist auch schuld daran, dass Sie wie Millionen andere Frauen beschnitten worden sind.

Waris Dirie: Ja, diese ganze Sache mit der Beschneidung ist nur ein reines Männerproblem…

Stefan Teplan: …weil Männer in vielen afrikanischen Ländern Frauen keine sexuelle Lust zugestehen und sicherstellen wollen, dass Mädchen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben.

Waris Dirie: Ja. Es ist alles nur eine Machtdemonstration; die Männer dort wollen zeigen, dass sie in jeder Hinsicht der Boss sind. Die Frauen müssen alles machen, was der Mann will, und wenn sie nicht wollen, dann eben mit Zwang. Sie haben keine freie Wahl. Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus. Nur weil ihr Männer stärker seid als wir, gibt euch das noch kein Recht, brutal zu sein. Das ist schwach, wirklich das Schwächste, was man sich vorstellen kann. Wir haben doch so viel Gutes in der Welt, Gott gab uns so viel. Warum tun so viele Menschen das Verkehrte und entscheiden sich dafür zu hassen anstatt sich an dem Schönen im Leben zu erfreuen?

Waris Dirie und Stefan Teplan in New York.

Top-Model und UNO-Botschafterin Waris Dirie mit Stefan Teplan in New York. Ausschnittt aus dem Magazin WELTBILD

Stefan Teplan: Sie haben Ihr ganzes Leben unter dieser Beschneidung gelitten. Warum haben Sie eigentlich so lange geschwiegen und warum outen Sie sich jetzt?

Waris Dirie: Es ging mir nicht darum, mich zu outen, weil es jetzt vielleicht in ist, sich mit irgendetwas zu outen. Ich hatte die Möglichkeit, dieses Buch zu machen und nutzte sie, über diese Sache mit der Beschneidung zu sprechen – ohne zu wissen, was herauskommen würde oder wie die Menschen darauf reagieren. Ich dachte mir schon, dass ich damit auch ein ziemliches Risiko eingehen würde, be- und verurteilt zu werden, wenn ich öffentlich erzähle, wie schlimm so eine Beschneidung ist, wie ich damit lebe, wenn ich erzähle, was in Afrika – besonders in Somalia, woher ich komm – in dieser Beziehung abläuft. Aber dann habe ich es einfach gewagt und dacht e mir: mal sehen, was passiert.

Stefan Teplan: Es ist sehr viel passiert. Das Medienecho ist schon vor dem Buchstart überwältigend. Hat Sie das überrascht.

Waris Dirie: Oh ja, absolut. Dieses Presseecho hat mich regelrecht schockiert. Nachdem ich mit meiner Geschichte in einem Interview mit der Zeitschrift Marie Claire auspackte, spazierte ich so die Straßen entlang und hatte wirklich Angst, umgebracht zu werden.

Stefan Teplan: Wer sollte Sie umbringen wollen?

 

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Das Interview mit Waris Dirie erschien als Titel-Interview für das erste Weltbild-Magazin in neuem Outfit, mit dem sich Weltbild in einem Relaunch ganz neu auf dem Markt präsentierte (s. Titelbild unten). Als zusätzliche PR-Maßnahme organisierte Stefan Teplan für die PR noch Prominenten-Zitate und einen Meinungsbeitrag von Maria von Welser, Leiterin des TV-Frauenjournals Mona Lisa“. Jener Beitrag von Maria von Welser kann aus Copyright-Gründen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden.

 

Waris Dirie: Wissen Sie, weil diese Beschneidung von Mädchen ein solch brisantes Tabuthema ist, überlegte ich mir plötzlich: Oh Gott, was habe ich da nur gesagt und getan? Aber jetzt bin ich absolut zufrieden mit dem, was herausgekommen ist.

Stefan Teplan: Was ist denn außer den Pressereaktionen noch passiert? Sie wollten doch für eine Kampagne gegen die Beschneidung auch nach Afrika gehen?

Waris Dirie: Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ich gehe zunächst einmal nach Somalia.

Stefan Teplan: Was muss am wirkungsvollsten geschehen, um die Barbarei der Beschneidung von Mädchen zu beenden?

Waris Dirie: Ich weiß selbst noch nicht genau, was man alles tun sollte, um gegen die Beschneidung anzukämpfen. Ich weiß nur, dass es leichter wäre, einen Krieg irgendwo zu beenden als das. Eben weil es so kulturell verwurzelt ist und als Tabu behandelt wird. Wenn Sie jetzt nach Somalia gehen und etwas darüber wissen wollen, wird Ihnen keiner Informationen geben. Sie müssen versteckt arbeiten. Ich belehre die Menschen jetzt auch nicht, indem ich sage: Tut das und das nicht! Aber ich kann sie vielleicht durch mein Beispiel betroffen machen, wenn ich erzähle, was ich mitgemacht habe, was ich fühle. Und ihnen vermittle, wie falsch das ist, was sie Frauen antun, weil auch so viele Frauen, so viele Kinder dabei sterben.

Stefan Teplan: Und dieses Verbrechen an den Frauen, so würde ich es nennen…

Waris Dirie: … ja, da haben Sie völlig recht, es ist ein Verbrechen…

Stefan Teplan: … geschieht rund 6000mal an jedem Tag?

Waris Dirie: Ja. Über zwei Millionen Beschneidungen werden weltweit pro Jahr durchgeführt. Man kann es eigentlich gar nicht richtig zählen, all die Leute im Busch, in der Wüste, die ohne Arzt und ohne jede Hilfe Beschneidungen machen – wie viele dabei sterben. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir uns in der Welt um anderes kümmern sollten als darum, ob ich meine Tochter noch verheiraten kann, weil sie beschnitten ist oder nicht. Wir müssen das Bewusstsein dieser Menschen verändern. Das, was man einem Mädchen bei der Beschneidung antut, ist ein solcher Gewaltakt, auf der anderen Seite ist da ein solches Gefühl von Ohnmacht. Als mir das passierte, wollte ich lieber sterben als so verstümmelt und unter diesen unsagbaren Schmerzen zurückgelassen zu werden. Ich wäre ja beinahe gestorben. Aber dann kommt deine Mutter und sagt dir: Das ist schon alles richtig so, das wirst du alles überstehen. Und du denkst: Wenn Mama das sagt, wird es schon stimmen. Aber viele überstehen es eben nicht. Und die Mütter werden einem auch nicht gerade sagen, wie schlimm es danach weitergeht.

Stefan Teplan: Die Frage ist, ob Ihre Mutter das wirklich für richtig hält.

Waris Dirie: Das glaube ich nicht einmal. Ich weiß, wie schlimm es mir damit geht und sie muss doch dasselbe fühlen. Ich spreche also für jede Frau, mit der das gemacht wurde oder der das noch droht.

Stefan Teplan: Nun haben Sie als Sonderbotschafterin der UNO die besten Möglichkeiten dazu.

Waris Dirie: Und für diese Möglichkeiten bin ich auch sehr dankbar. Auf diese Weise kann ich meine Botschaft am wirkungsvollsten vermitteln. Ich habe die UNO hinter mir.

Stefan Teplan: Ist das für Sie befriedigender als das Leben eines Models?

Waris Dirie: Absolut. Das macht mich vollkommen glücklich. Als ich, nachdem ich über mein Schicksal öffentlich erzählt hatte, von der UNO gefragt wurde, ob ich für sie arbeiten wolle, war das für mich gar keine Frage. Es ist viel besser und schöner, als ein Fotomodell zu sein. Was soll dieses ganze Model-Getue?

Stefan Teplan: Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es verrückt, so viel Geld dafür zu kriegen, dass man nur seinen Körper vor einer Kamera zur Schau stellt.

Waris Dirie: Es ist auch verrückt. Besonders, wenn man, wie ich, von Afrika kommt. Die Leute müssen dort schwer für ihren Lebensunterhalt kämpfen, es ist ein armes Land, auch ich musste sehr schwer dort arbeiten. Besonders bei uns in der Wüste lebte man Tag für Tag nur von der Hand in den Mund. Es ist aber gleichzeitig das schönste, das einfachste und natürlichste Leben, das man führen kann. Wenn dann Leute mit einer Kamera kommen und einen bitten „Stell dich einfach nur da hin, ich mache ein Foto von dir und gebe dir Geld dafür“, muss man das doch für verrückt halten.

Stefan Teplan: Ihr Leben in Afrika und Ihr Leben jetzt könnten nicht gegensätzlicher sein. Sie wuchsen in der Wildnis auf, jetzt leben Sie in diesem verrückten New York mitten in der Glamour-Welt. Sehnen Sie sich oft zurück?

Waris Dirie: Oh, und wie. Wenn ich irgendwo eine Avenue hinunter spaziere, schließe ich oft nur die Augen und tue so, als wäre ich woanders, in der freien Natur. Wenn ich mir bewusst machte, wo ich wirklich bin, und das jeden Tag, dann würde ich verrückt. New York ist kein Platz, an dem ich für immer leben möchte. Ich muss eben jetzt hier sein, um meine Arbeit zu tun und so lange ist es o.k.

Stefan Teplan: Und was für ein anderes Leben schwebt Ihnen vor, wen Sie einmal nicht mehr als Model arbeiten?

Waris Dirie: Ich möchte gerne etwas Humanitäres machen. Das wollte ich schon immer, ich will anderen Menschen helfen. Besonders Kindern. Ich möchte ein Heim oder eine Schule für missbrauchte Kinder aufbauen. Ich möchte auch für die Natur etwas tun, ich gehöre Greenpeace an und will im Umweltschutz aktiver werden. Natürlich werde ich weiter gegen Beschneidungen kämpfen und denke daran, in Afrika eine Art Frauenhaus zu errichten als Zuflucht für Mütter, die mit ihren Töchtern vor dieser unerträglichen Situation fliehen wollen.

Stefan Teplan: Sie kommen demnächst ja auch nach Europa, um Ihr Buch vorzustellen und um gegen Beschneidung zu sprechen.

Waris Dirie: Ich komme unter anderem nach Frankreich, Italien, Holland und nach Deutschland. Ich sage manchmal, die Deutschen sind mir das liebste Volk, weil sie so hinter einer Sache stehen.

Stefan Teplan: Ich denke, es werden dort viele geschockt sein, wenn Sie schildern, welches unsagbare Leid es ist, an den Geschlechtsorganen verstümmelt zu sein. Das kann sich sonst wohl kein Mensch vorstellen.

Waris Dirie: Oh, glauben Sie mir, jede Frau kann sich das vorstellen. Ich muss deswegen nicht Details aus meinem Liebesleben schildern.

Stefan Teplan: Eins würde mich aber schon noch interessieren: Bevor Sie sich geoutet haben, haben sich sicher auch schon viele Männer für Sie interessiert. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Waris Dirie: Ich habe alle abgeblockt. Die meisten dachten von mir mit der Zeit, dass ich lesbisch sei, weil man mich nie mit einem Mann sah und ich über alles andere, nur nicht über Liebe und Sex redete. Ich wies viele Männer ab und gab ihnen einfach keine Chance.

Stefan Teplan: Inzwischen Leben Sie fest mit Ihrem Partner Dana zusammen und haben ein Kind von ihm.

Waris Dirie: Ja, ich bin heute anders als noch vor einem Jahr. Vor allem, weil ich jetzt ein Kind habe. Einem Menschen das Leben zu geben ist unbeschreiblich und wiegt viel Leid auf. Das können Sie als Mann natürlich nicht wissen und werden es nie erfahren. Gott strafe euch Männer! Ha! Aber Scherz beiseite. Ich sehe jetzt einfach im Leben alles ganz anders; ich bin so glücklich.

Stefan Teplan: War es ein Wunschkind?

Waris Dirie: Ja, das war es. Ich habe so viel Liebe in mir, dass ich die ganze Welt damit versorgen könnte. Das Baby ist so etwas, mit dem ich diese Liebe, wie soll ich sagen …

Stefan Teplan: … in etwas kanalisieren kann?

Waris Dirie: Genau, das meine ich. Ich genieße es, morgens aufzustehen und Verantwortung für dieses Kind zu haben. Ich kann wirklich aus Erfahrung sagen: Das Leben wird durch ein eigenes Kind so viel schöner und angenehmer.

Stefan Teplan: Zu Ihrem Glücksgefühlt trägt es jetzt sicher zusätzlich noch bei, dass Sie sich Ihren Schmerz endlich von der Seele geschrieben haben.

Waris Dirie: Stimmt, das kommt auch noch dazu. Es war für mich wirklich hart, dieses Buch zu machen. Es war sehr schmerzlich, es war sehr stressig, es wühlte mich emotional sehr auf. Als ich es abgeschlossen hatte, atmete ich innerlich zuerst einmal tief durch und fühlte mich von so vielem gereinigt. Ich war befreit von etwas, was ich mein Leben lang streng als ein Geheimnis gehütet habe. Dieses Buch war für mich eine Art Therapie. Es hat mir selbst sehr geholfen, und ich hoffe, es hilft auch vielen anderen.

© Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 21, 1998

Minette Walters und die Abgründe der Seele

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Minette Walters, die in wenigen Jahren zu einer der weltweit erfolgreichsten Krimi-Autorinnen wurde

Stefan Teplan: Sie gelten international als die „Lady des Verbrechens“. Für mich sind Sie eher die „Lady der Psycholgie“: Ihre Krimis führen in die Abgründe der Seele.

Minette Walters: Ja, notwendigerweise. Wenn ich mich an einen neuen Kriminalroman setze, interessiert mich dabei weniger: Wer war der Täter? Mich bewegt die Frage: Warum hat er es getan? Und das führt natürlich immer in psychologische Tiefen.

Stefan Teplan: Wo und wie studieren Sie diese Psychologie?

Minette Walters: Ich besuche regelmäßig Schwerverbrecher in Gefängnissen. Dabei habe ich ein gutes Bild von Menschen, die getötet haben.

Stefan Teplan: Ich vergleiche einige Ihrer Romanfiguren mit Kriegsverbrechern in Bosnien. Man fragt sich dabei: Wie kann ein jahrelang normal funktionierender Mensch plötzlich zum Mörder und Vergewaltiger werden?

Minette Walters: Ein sehr guter Vergleich. Was hier passiert, ist, denke ich, folgendes: Sobald man die für eine Demokratie unerlässlichen Prinzipen von Gerechtigkeit abschafft und es erlaubt, Menschen zu töten oder zu vergewaltigen, tritt ein Zustand der Anarchie ein. In diesem Zustand verliert der Mensch sein ganzes Wertesystem. Dasselbe passiert nicht nur kollektiv im Krieg, sondern unter besonderen Umständen auch dem Individuum.

Stefan Teplan: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit solchen Psychofragen?

Minette Walters: Diese Materie hat mich schon immer interessiert. Und ich wollte auch schon immer Krimi-Schriftstellerin werden.

Stefan Teplan: Warum haben Sie dann erst vor fünf Jahren damit angefangen?

Minette Walters: Als ich 22 war, wollte ich zuerst ein Haus haben. Dafür habe ich viel gearbeitet; habe dann eine Familie gegründet und war als Journalistin und Hausfrau vielbeschäftigt. Mit 43 setzte ich endlich ein Jahr vom Job aus, um ein Buch zu schreiben …

Stefan Teplan: … das auf Anhieb ein Bestseller wurde.

Minette Walters: Der Erfolg kam für mich völlig unerwartet, mit allem, was er mit sich bringt, monatelange Promotion-Reisen und so etwas.

Stefan Teplan: Und was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie als millionenschwere Erfolgsautorin kaum mehr Zeit für Sie haben?

Minette Walters: Ach, ich denke, Ihnen gefällt das viele Geld.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 4, 1998

 

Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998