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Dennis Hope – der Mann, der den Mond verkauft

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Dennis Hope, dem Besitzer des ganzen Sonnensystems


Schon mal jemandem das Blaue vom Himmel versprochen? Der Freundin bei Vollmond ins Ohr gehaucht, ihr die Sterne vom Himmel zu holen? Und jetzt Probleme damit, die leichtfertig gegebenen Versprechen einzulösen? Für solche Fälle gibt es Hoffnung. Die Hoffnung heißt Hope. Dennis Hope. Denn Dennis, 49jähriger Geschäftsmann aus Kalifornien, verkauft das, laut Eigenwerbung, „Romantischste und Symbolhafteste, das man einem Menschen, den man liebt, nur schenken kann“: den Mond. Hope ist rechtmäßiger Besitzer nicht nur des Monds, der um unsere Erde kreist, sondern auch aller weiterer 60 Monde um die übrigen acht Planeten unseres Sonnensystems. Diese Planeten gehören Hope übrigens auch. Und weil Hope ein guter Mann und geschäftstüchtiger Amerikaner ist, lässt er andere an seinem Glück teilhaben. Zu himmlischen Preisen. Lächerliche 16 Dollar verlangt er – in den USA – für sieben Millionen Quadratmeter. Teurer ist’s im deutschen Verrieb „Mondland“: Da kosten 700.00 Quadratmeter 39,90 Mark. Immer noch Ramschpreise, die auch für den Mars, die Venus und den Jupitermond Io gelten. Das All kostet wirklich nicht die Welt. Und Hope kommt bei aller Bescheidenheit immer noch auf seine Kosten. Für den, zugegeben, recht schleppenden Anfang (erst 0,5 Prozent der Mondoberfläche sind verkauft) hat er doch schon eine passable Gewinnspanne erzielt: fünf Millionen Prozent des investierten Kapitals. „So an die 30 Dollar“, erzählt er Weltbild-Redakteur Stefan Teplan, „hat mich das ganze Unternehmen gekostet – mehr oder weniger Portogebühren. Verdient habe ich bisher damit 1,5 Millionen Dollar.“ Das Geschäft blüht; sechs festangestellte Mitarbeiter verkaufen für ihn außerirdische Besitztümer, Hope hat sich inzwischen noch eine Flugzeugverkaufsfirma und ein Chemieunternehmen auf der Erde zugelegt.

Vor seinen zunehmenden Mondeinnahmen freilich hatte der größte Grundstücksbesitzer auf Erden eher Grund zum Heulen: „Vor 19 Jahren ließ ich mich scheiden und hatte so gut wie kein Geld. Ich dachte: Wenn ich viel Grundbesitz hätte, könnte ich von der Bank Geld bekommen.“ Der Mond brachte die Erleuchtung um zwei Uhr nachts. „Ich war spät unterwegs und sah aus dem Autofenster auf den Mond. Und da dachte ich mir: Das ist echt viel Grundbesitz.“

Viel Land, kein Eigentümer? Grund genug, das zu ändern. Hope erinnerte sich an ein altes amerikanisches Gesetz, den Homestead Act von 1862. Es regelt die Inbesitznahme von Land, das offensichtlich niemandem gehört. Solches Land, besagt das Gesetz, fällt dem zu, der als erster Ansprüche anmeldet – wenn nicht nach einer Widerspruchsfrist von acht Jahren jemand Einspruch erhebt. Da musste Hope nicht viel fürchten. Zumindest irdische Vorbesitzer waren ausgeschlossen. Nach Ablauf der achtjährigen Frist konnte ihm auch keiner mehr seine Monde und Planeten streitig machen. Dass nochmal acht Jahre später der Deutsche Martin Jürgens behauptete, König Friedrich der Große habe seinen Urahnen bereits den Mond geschenkt, verdross Hope nicht: Er begann zu verkaufen.

Die Weltraum-Nationen würden ihn möglicherweise am liebsten auf den Mond schießen, aber sie wissen nicht, was sie tun können gegen Hope. Der bewies, dass er nicht hinter dem Mond lebt, um vom Mond zu leben. Hope nutzte nicht nur den Homestead Act, sondern zudem eine juristische Lücke. In einem gemeinsam verabschiedeten Weltraumabkommen, dem „Outer Space Treaty“ von 1967, legten die USA, die damalige Sowjet-Union und eine Reihe weiterer Staaten fest, dass kein Land Territorialansprüche außerhalb der Erde geltend machen dürfe. „Von Privatpersonen aber“, lacht sich Hope ins Fäustchen, „ist nicht die Rede.“ Entnervt muss ihm Walter Thiebaut, Anwalt für Weltraumrecht bei der Europäischen Weltraumbehörde Esa in Paris, Recht geben: „Es gibt keinen Weg, Mr. Hope zu verbieten, was er tut.“

Statt zu verbieten, müssen die Weltraumstaaten noch kostenlos für Hope arbeiten. „Ich bin froh, dass sie ihr Geld ausgeben und ihre Technologien nutzen, um mein Sonnensystem zu erforschen. Das macht es mir auch möglich, die Landkarten zu kriegen, die ich brauche.“ Für so viel Einsatz revanchiert sich Hope: Großzügig verlangt der Mondmann vorerst keine Landerechte und Mieten für Forschungen auf seinen Gestirnen. 1500 miteinander verbundene Grundstücke hat er sogar für wissenschaftliche Zwecke gespendet. Und kalkuliert mit der Gegenleistung: „In zehn bis 15 Jahren sollte man so weit sein, Mondstationen aufzubauen und Mondreisen durchführen zu können. Für den Mars dauert es noch etwas länger. Doch existieren bereits 25 Weltraumreise-Veranstalter.

Schon verkauft Hope – in gehobenerer Preisklasse – Stadtgrundstücke (4.500 Dollar), ja sogar ganze Staaten (42.500 Dollar) auf dem Mond. Einen davon wollen die „Mondianer“, eine Stammtischrunde von Münchner Mond-Grundstücksbesitzern, besiedeln. Helmut Kohl, so ihr Wunsch, soll Mondkanzler werden. Dort oben kann er leben wie der Sonnenkönig, wenn schon sein Stern auf der Erde im Sinken ist. Eine Besitzurkunde mit genauer Angabe seines künftigen Regierungssitzes wurde dem Alt-Bundeskanzler bereits zugeschickt. Geäußert hat sich der Wunschkandidat noch nicht. Mit politischen Perspektiven ist er kaum zu locken. Aber vielleicht reizt ihn ja das Gefühl der Schwerelosigkeit bei Dienstflügen oder das Erlebnis von fünf Sechstel Gewichtsverlust in der Mondsphäre.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 13, 1999

Interview mit Waris Dirie – Der Kampf der Wüstenblume

 

Stefan Teplan mit Waris Dirie - Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Stefan Teplan mit Waris Dirie - von Dirie signierter Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Waris Dirie – internationales Top-Model, UNO-Sonderbotschafterin und Bestseller-Autorin – sprach in New York mit Redakteur Stefan Teplan – mehrere Monate vor dem Erscheinen ihrer Auto-Biographie „Wüstenblume“. „Das wird ein Bestseller“, prophezeite ihr Teplan. „Niemals“, lachte Dirie. „Die deutsche Übersetzung erscheint in unserer Verlagsgruppe – und ich mache PR dafür“, versprach ihr Teplan. „Wüstenblume“  wurde zum meistverkauften Buch des kommenden Jahres. Da kam Dirie nach Deutschland, schlug bei einem öffentlichen Promotion-Termin den Weltbild-Artikel auf, den Teplan über ihr Gespräch gemacht hatte und überreichte ihm eine Dankesnote: „Thank you, Stefan. Waris Dirie“ (s. Bild oben).

 

Stefan Teplan: Eigentlich müssten Sie ja Männer hassen?

Waris Dirie: Warum?

Stefan Teplan: Als Kind wurden Sie missbraucht. Ala Jugendliche vergewaltigt. Mit fünf Jahren wurden Sie brutal beschnitten und Ihrer Weiblichkeit beraubt – alles Auswüchse sexueller Tyrannei der Männerwelt in Ihrer Heimat Somalia. Reicht das nicht?

Waris Dirie: Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich die Männer hasse. Das wäre nicht fair. Nicht alle Männer sind gleich. Ich hatte eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Man muss so etwas hinter sich lassen, denn man kann nicht ein ganzes Leben von Zorn oder Hass erfüllt sein. Und ich will nicht hassen, das ist das alles nicht wert. Nein, wirklich, ich hasse die Männer nicht.

Stefan Teplan: Zumindest lassen Sie in Ihrem Buch den Verdacht aufkommen, dass mit der Männerwelt etwas nicht stimmen kann. Gewaltakte bis zu den Kriegen gehen für Sie auf das Konto der Männer. „Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron“, schreiben Sie in Ihrem Buch, „gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen.“

Waris Dirie: Natürlich kamen, als ich das Buch schrieb, diese Dinge voller Zorn in mir hoch. Ich bedaure auch nichts von dem, was ich geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür. Es ist schließlich nichts als die Wahrheit. Wenn Sie zum Beispiel nur mal in den Fernseher schauen und Sie kriegen diese ganzen Vergewaltigungen mit, dieses ganze Töten – wer macht das alles? Man sieht nie, dass Frauen in den Straßen herumlaufen und von der Polizei gefasst werden, weil sie gerade drei Kinder umgelegt oder ein Gebäude mit Hunderten von Menschen in die Luft gesprengt haben. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was in euch Männern tickt.

Stefan Teplan: Die Männerwelt ist auch schuld daran, dass Sie wie Millionen andere Frauen beschnitten worden sind.

Waris Dirie: Ja, diese ganze Sache mit der Beschneidung ist nur ein reines Männerproblem…

Stefan Teplan: …weil Männer in vielen afrikanischen Ländern Frauen keine sexuelle Lust zugestehen und sicherstellen wollen, dass Mädchen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben.

Waris Dirie: Ja. Es ist alles nur eine Machtdemonstration; die Männer dort wollen zeigen, dass sie in jeder Hinsicht der Boss sind. Die Frauen müssen alles machen, was der Mann will, und wenn sie nicht wollen, dann eben mit Zwang. Sie haben keine freie Wahl. Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus. Nur weil ihr Männer stärker seid als wir, gibt euch das noch kein Recht, brutal zu sein. Das ist schwach, wirklich das Schwächste, was man sich vorstellen kann. Wir haben doch so viel Gutes in der Welt, Gott gab uns so viel. Warum tun so viele Menschen das Verkehrte und entscheiden sich dafür zu hassen anstatt sich an dem Schönen im Leben zu erfreuen?

Waris Dirie und Stefan Teplan in New York.

Top-Model und UNO-Botschafterin Waris Dirie mit Stefan Teplan in New York. Ausschnittt aus dem Magazin WELTBILD

Stefan Teplan: Sie haben Ihr ganzes Leben unter dieser Beschneidung gelitten. Warum haben Sie eigentlich so lange geschwiegen und warum outen Sie sich jetzt?

Waris Dirie: Es ging mir nicht darum, mich zu outen, weil es jetzt vielleicht in ist, sich mit irgendetwas zu outen. Ich hatte die Möglichkeit, dieses Buch zu machen und nutzte sie, über diese Sache mit der Beschneidung zu sprechen – ohne zu wissen, was herauskommen würde oder wie die Menschen darauf reagieren. Ich dachte mir schon, dass ich damit auch ein ziemliches Risiko eingehen würde, be- und verurteilt zu werden, wenn ich öffentlich erzähle, wie schlimm so eine Beschneidung ist, wie ich damit lebe, wenn ich erzähle, was in Afrika – besonders in Somalia, woher ich komm – in dieser Beziehung abläuft. Aber dann habe ich es einfach gewagt und dacht e mir: mal sehen, was passiert.

Stefan Teplan: Es ist sehr viel passiert. Das Medienecho ist schon vor dem Buchstart überwältigend. Hat Sie das überrascht.

Waris Dirie: Oh ja, absolut. Dieses Presseecho hat mich regelrecht schockiert. Nachdem ich mit meiner Geschichte in einem Interview mit der Zeitschrift Marie Claire auspackte, spazierte ich so die Straßen entlang und hatte wirklich Angst, umgebracht zu werden.

Stefan Teplan: Wer sollte Sie umbringen wollen?

 

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Das Interview mit Waris Dirie erschien als Titel-Interview für das erste Weltbild-Magazin in neuem Outfit, mit dem sich Weltbild in einem Relaunch ganz neu auf dem Markt präsentierte (s. Titelbild unten). Als zusätzliche PR-Maßnahme organisierte Stefan Teplan für die PR noch Prominenten-Zitate und einen Meinungsbeitrag von Maria von Welser, Leiterin des TV-Frauenjournals Mona Lisa“. Jener Beitrag von Maria von Welser kann aus Copyright-Gründen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden.

 

Waris Dirie: Wissen Sie, weil diese Beschneidung von Mädchen ein solch brisantes Tabuthema ist, überlegte ich mir plötzlich: Oh Gott, was habe ich da nur gesagt und getan? Aber jetzt bin ich absolut zufrieden mit dem, was herausgekommen ist.

Stefan Teplan: Was ist denn außer den Pressereaktionen noch passiert? Sie wollten doch für eine Kampagne gegen die Beschneidung auch nach Afrika gehen?

Waris Dirie: Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ich gehe zunächst einmal nach Somalia.

Stefan Teplan: Was muss am wirkungsvollsten geschehen, um die Barbarei der Beschneidung von Mädchen zu beenden?

Waris Dirie: Ich weiß selbst noch nicht genau, was man alles tun sollte, um gegen die Beschneidung anzukämpfen. Ich weiß nur, dass es leichter wäre, einen Krieg irgendwo zu beenden als das. Eben weil es so kulturell verwurzelt ist und als Tabu behandelt wird. Wenn Sie jetzt nach Somalia gehen und etwas darüber wissen wollen, wird Ihnen keiner Informationen geben. Sie müssen versteckt arbeiten. Ich belehre die Menschen jetzt auch nicht, indem ich sage: Tut das und das nicht! Aber ich kann sie vielleicht durch mein Beispiel betroffen machen, wenn ich erzähle, was ich mitgemacht habe, was ich fühle. Und ihnen vermittle, wie falsch das ist, was sie Frauen antun, weil auch so viele Frauen, so viele Kinder dabei sterben.

Stefan Teplan: Und dieses Verbrechen an den Frauen, so würde ich es nennen…

Waris Dirie: … ja, da haben Sie völlig recht, es ist ein Verbrechen…

Stefan Teplan: … geschieht rund 6000mal an jedem Tag?

Waris Dirie: Ja. Über zwei Millionen Beschneidungen werden weltweit pro Jahr durchgeführt. Man kann es eigentlich gar nicht richtig zählen, all die Leute im Busch, in der Wüste, die ohne Arzt und ohne jede Hilfe Beschneidungen machen – wie viele dabei sterben. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir uns in der Welt um anderes kümmern sollten als darum, ob ich meine Tochter noch verheiraten kann, weil sie beschnitten ist oder nicht. Wir müssen das Bewusstsein dieser Menschen verändern. Das, was man einem Mädchen bei der Beschneidung antut, ist ein solcher Gewaltakt, auf der anderen Seite ist da ein solches Gefühl von Ohnmacht. Als mir das passierte, wollte ich lieber sterben als so verstümmelt und unter diesen unsagbaren Schmerzen zurückgelassen zu werden. Ich wäre ja beinahe gestorben. Aber dann kommt deine Mutter und sagt dir: Das ist schon alles richtig so, das wirst du alles überstehen. Und du denkst: Wenn Mama das sagt, wird es schon stimmen. Aber viele überstehen es eben nicht. Und die Mütter werden einem auch nicht gerade sagen, wie schlimm es danach weitergeht.

Stefan Teplan: Die Frage ist, ob Ihre Mutter das wirklich für richtig hält.

Waris Dirie: Das glaube ich nicht einmal. Ich weiß, wie schlimm es mir damit geht und sie muss doch dasselbe fühlen. Ich spreche also für jede Frau, mit der das gemacht wurde oder der das noch droht.

Stefan Teplan: Nun haben Sie als Sonderbotschafterin der UNO die besten Möglichkeiten dazu.

Waris Dirie: Und für diese Möglichkeiten bin ich auch sehr dankbar. Auf diese Weise kann ich meine Botschaft am wirkungsvollsten vermitteln. Ich habe die UNO hinter mir.

Stefan Teplan: Ist das für Sie befriedigender als das Leben eines Models?

Waris Dirie: Absolut. Das macht mich vollkommen glücklich. Als ich, nachdem ich über mein Schicksal öffentlich erzählt hatte, von der UNO gefragt wurde, ob ich für sie arbeiten wolle, war das für mich gar keine Frage. Es ist viel besser und schöner, als ein Fotomodell zu sein. Was soll dieses ganze Model-Getue?

Stefan Teplan: Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es verrückt, so viel Geld dafür zu kriegen, dass man nur seinen Körper vor einer Kamera zur Schau stellt.

Waris Dirie: Es ist auch verrückt. Besonders, wenn man, wie ich, von Afrika kommt. Die Leute müssen dort schwer für ihren Lebensunterhalt kämpfen, es ist ein armes Land, auch ich musste sehr schwer dort arbeiten. Besonders bei uns in der Wüste lebte man Tag für Tag nur von der Hand in den Mund. Es ist aber gleichzeitig das schönste, das einfachste und natürlichste Leben, das man führen kann. Wenn dann Leute mit einer Kamera kommen und einen bitten „Stell dich einfach nur da hin, ich mache ein Foto von dir und gebe dir Geld dafür“, muss man das doch für verrückt halten.

Stefan Teplan: Ihr Leben in Afrika und Ihr Leben jetzt könnten nicht gegensätzlicher sein. Sie wuchsen in der Wildnis auf, jetzt leben Sie in diesem verrückten New York mitten in der Glamour-Welt. Sehnen Sie sich oft zurück?

Waris Dirie: Oh, und wie. Wenn ich irgendwo eine Avenue hinunter spaziere, schließe ich oft nur die Augen und tue so, als wäre ich woanders, in der freien Natur. Wenn ich mir bewusst machte, wo ich wirklich bin, und das jeden Tag, dann würde ich verrückt. New York ist kein Platz, an dem ich für immer leben möchte. Ich muss eben jetzt hier sein, um meine Arbeit zu tun und so lange ist es o.k.

Stefan Teplan: Und was für ein anderes Leben schwebt Ihnen vor, wen Sie einmal nicht mehr als Model arbeiten?

Waris Dirie: Ich möchte gerne etwas Humanitäres machen. Das wollte ich schon immer, ich will anderen Menschen helfen. Besonders Kindern. Ich möchte ein Heim oder eine Schule für missbrauchte Kinder aufbauen. Ich möchte auch für die Natur etwas tun, ich gehöre Greenpeace an und will im Umweltschutz aktiver werden. Natürlich werde ich weiter gegen Beschneidungen kämpfen und denke daran, in Afrika eine Art Frauenhaus zu errichten als Zuflucht für Mütter, die mit ihren Töchtern vor dieser unerträglichen Situation fliehen wollen.

Stefan Teplan: Sie kommen demnächst ja auch nach Europa, um Ihr Buch vorzustellen und um gegen Beschneidung zu sprechen.

Waris Dirie: Ich komme unter anderem nach Frankreich, Italien, Holland und nach Deutschland. Ich sage manchmal, die Deutschen sind mir das liebste Volk, weil sie so hinter einer Sache stehen.

Stefan Teplan: Ich denke, es werden dort viele geschockt sein, wenn Sie schildern, welches unsagbare Leid es ist, an den Geschlechtsorganen verstümmelt zu sein. Das kann sich sonst wohl kein Mensch vorstellen.

Waris Dirie: Oh, glauben Sie mir, jede Frau kann sich das vorstellen. Ich muss deswegen nicht Details aus meinem Liebesleben schildern.

Stefan Teplan: Eins würde mich aber schon noch interessieren: Bevor Sie sich geoutet haben, haben sich sicher auch schon viele Männer für Sie interessiert. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Waris Dirie: Ich habe alle abgeblockt. Die meisten dachten von mir mit der Zeit, dass ich lesbisch sei, weil man mich nie mit einem Mann sah und ich über alles andere, nur nicht über Liebe und Sex redete. Ich wies viele Männer ab und gab ihnen einfach keine Chance.

Stefan Teplan: Inzwischen Leben Sie fest mit Ihrem Partner Dana zusammen und haben ein Kind von ihm.

Waris Dirie: Ja, ich bin heute anders als noch vor einem Jahr. Vor allem, weil ich jetzt ein Kind habe. Einem Menschen das Leben zu geben ist unbeschreiblich und wiegt viel Leid auf. Das können Sie als Mann natürlich nicht wissen und werden es nie erfahren. Gott strafe euch Männer! Ha! Aber Scherz beiseite. Ich sehe jetzt einfach im Leben alles ganz anders; ich bin so glücklich.

Stefan Teplan: War es ein Wunschkind?

Waris Dirie: Ja, das war es. Ich habe so viel Liebe in mir, dass ich die ganze Welt damit versorgen könnte. Das Baby ist so etwas, mit dem ich diese Liebe, wie soll ich sagen …

Stefan Teplan: … in etwas kanalisieren kann?

Waris Dirie: Genau, das meine ich. Ich genieße es, morgens aufzustehen und Verantwortung für dieses Kind zu haben. Ich kann wirklich aus Erfahrung sagen: Das Leben wird durch ein eigenes Kind so viel schöner und angenehmer.

Stefan Teplan: Zu Ihrem Glücksgefühlt trägt es jetzt sicher zusätzlich noch bei, dass Sie sich Ihren Schmerz endlich von der Seele geschrieben haben.

Waris Dirie: Stimmt, das kommt auch noch dazu. Es war für mich wirklich hart, dieses Buch zu machen. Es war sehr schmerzlich, es war sehr stressig, es wühlte mich emotional sehr auf. Als ich es abgeschlossen hatte, atmete ich innerlich zuerst einmal tief durch und fühlte mich von so vielem gereinigt. Ich war befreit von etwas, was ich mein Leben lang streng als ein Geheimnis gehütet habe. Dieses Buch war für mich eine Art Therapie. Es hat mir selbst sehr geholfen, und ich hoffe, es hilft auch vielen anderen.

© Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 21, 1998

Minette Walters und die Abgründe der Seele

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Minette Walters, die in wenigen Jahren zu einer der weltweit erfolgreichsten Krimi-Autorinnen wurde

Stefan Teplan: Sie gelten international als die „Lady des Verbrechens“. Für mich sind Sie eher die „Lady der Psycholgie“: Ihre Krimis führen in die Abgründe der Seele.

Minette Walters: Ja, notwendigerweise. Wenn ich mich an einen neuen Kriminalroman setze, interessiert mich dabei weniger: Wer war der Täter? Mich bewegt die Frage: Warum hat er es getan? Und das führt natürlich immer in psychologische Tiefen.

Stefan Teplan: Wo und wie studieren Sie diese Psychologie?

Minette Walters: Ich besuche regelmäßig Schwerverbrecher in Gefängnissen. Dabei habe ich ein gutes Bild von Menschen, die getötet haben.

Stefan Teplan: Ich vergleiche einige Ihrer Romanfiguren mit Kriegsverbrechern in Bosnien. Man fragt sich dabei: Wie kann ein jahrelang normal funktionierender Mensch plötzlich zum Mörder und Vergewaltiger werden?

Minette Walters: Ein sehr guter Vergleich. Was hier passiert, ist, denke ich, folgendes: Sobald man die für eine Demokratie unerlässlichen Prinzipen von Gerechtigkeit abschafft und es erlaubt, Menschen zu töten oder zu vergewaltigen, tritt ein Zustand der Anarchie ein. In diesem Zustand verliert der Mensch sein ganzes Wertesystem. Dasselbe passiert nicht nur kollektiv im Krieg, sondern unter besonderen Umständen auch dem Individuum.

Stefan Teplan: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit solchen Psychofragen?

Minette Walters: Diese Materie hat mich schon immer interessiert. Und ich wollte auch schon immer Krimi-Schriftstellerin werden.

Stefan Teplan: Warum haben Sie dann erst vor fünf Jahren damit angefangen?

Minette Walters: Als ich 22 war, wollte ich zuerst ein Haus haben. Dafür habe ich viel gearbeitet; habe dann eine Familie gegründet und war als Journalistin und Hausfrau vielbeschäftigt. Mit 43 setzte ich endlich ein Jahr vom Job aus, um ein Buch zu schreiben …

Stefan Teplan: … das auf Anhieb ein Bestseller wurde.

Minette Walters: Der Erfolg kam für mich völlig unerwartet, mit allem, was er mit sich bringt, monatelange Promotion-Reisen und so etwas.

Stefan Teplan: Und was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie als millionenschwere Erfolgsautorin kaum mehr Zeit für Sie haben?

Minette Walters: Ach, ich denke, Ihnen gefällt das viele Geld.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 4, 1998

 

Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998

 

Die Macht der Schönheit

Aussehen bedeutet Ansehen. Schöne Menschen genießen Vorteile im Beruf, in Beziehungen, selbst vor Gericht. Was aber ist Schönheit? Und wird der Kult um sie zum Terror? Eine Analyse von Stefan Teplan (mit Interviews von Dietmar Kattinger, Marion Vorbeck, Klaus Kreitmeier und Stefan Teplan mit Ottfried Fischer, Petra Schürmann, Nina Ruge, Chris Roberts, Nancy Friday u.a.)

Schönheit“, besagt ein griechisches Sprichwort, „ist mächtig, Geld allmächtig.“ Dass Schönheit einmal so viel mit Geld zu tun hat wie am Ende des 20. Jahrhunderts, konnten die alten Griechen nicht ahnen. Mehr denn je zahlen die einen dafür, mehr denn je verdienen die anderen damit. Topmodels wie Cindy Crawford und Claudia Schiffer tragen ihre Haut für rund 15 Millionen Mark jährlich zu Markte. Mode- und Lifestyle-Magazine wie Vogue oder Vanity Fair blättern für etwas Entblättern schon einmal 20.000 bis 30.000 Dollar pro Fotosession hin.

Dabei setzen die Schönheiten Maßstäbe, denen die Mehrheit nicht entsprechen kann. Und es dennoch für viel Geld versucht. 1,1 Milliarden Mark, so meldete das Statistische Bundesamt Anfang Juni, gaben Bundesbürger im Jahr 1995 für Schönheitspflege aus. Und neben der Kosmetikindustrie haben auch Schönheitschirurgen Hochkonjunktur. 100.000 Deutsche lassen sich jährlich liften, Falten lasern, Busen füllen, Fettbäuche leeren oder Nasen operieren. 80.000 davon sind Frauen, die der gnadenlose Konkurrenzkampf untereinander teuer zu stehen kommt.

Schuld daran sind die Männer, glaubt der Wiener Ethologe Karl Grammer. Untersuchungen für sein Buch „Die Signale der Liebe“ bestätigen, was das „starke Geschlecht“ selbst nur ungerne zugibt: dass es beim „schwachen Geschlecht“ in erster Linie auf das Äußere sieht. Die 20.000 Männer, die sich für mehr Ansehen durch Aussehen den Chirurgen ans Messer liefern, haben da eine ganz andere Motivation: Sie tun das, wie die Süddeutsche Zeitung herausfand, „nicht, um Frauen zu erobern, sondern um ihrem Chef zu gefallen. Das gegenwärtige Erfolgsimage akzeptiert weder Falten noch Doppelkinn oder Tränensäcke.“

Ob die Rechnung aufgeht? Das wiederum werden Personalchefs ungerne zugeben, aber die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Wer schön ist, hat’s schöner. Das amerikanische „Bureau for Economic Research“ hat die Karrieren von 2000 Uni-Absolventen analysiert. Fazit: Äußere Reize sind wichtiger als alle Bewerbungsunterlagen. Die von einer Jury überwiegend als attraktiv eingestuften Juristen verdienten nach fünf Jahren neun Prozent mehr als ihre Kollegen, nach 15 Jahren sogar 13 Prozent. „Die Tendenz, dass Gutaussehende besser verdienen, nimmt dabei von Jahr zu Jahr zu“ weiß die amerikanische Verhaltens- und Sexualforscherin Nancy Friday (s. auch Interview weiter unten).

Dabei zahlt sich ein schöner Leib beileibe nicht nur im Berufsleben aus: Schöne Menschen genießen auch in anderen Bereichen den Vorteil des so genannten „Nimbus-Effekts“. Das heißt:

–  Sie werden von Haus aus als intelligenter, humorvoller, sensibler, aktiver und netter  eingestuft

Gutaussehende Kriminelle werden seltener festgenommen

Attraktive Straftäter werden vor Gericht milder beurteilt

Schöne Schüler wurden von Lehrern bei Foto-Tests positiver, auch im Hinblick auf einen höheren Abschluss, beurteilt.

Bleibt angesichts dieser Demonstration der Macht der Schönheit die Frage, was Schönheit eigentlich ist. Ein rein subjektives Empfinden? Ein von Medien- und Modeleuten diktatorisch verordnetes Idealbild? Oder ein Image, für das es objektive Kriterien gibt? Dem steht entgegen, dass im Wandel der Zeiten das Schönheitsideal unzählige Male gewechselt hat. Galten in der Antike Harmonie und Symmetrie schlanker Körper als das Maß aller Dinge, durfte es in der Barockzeit schon ein wenig mehr sein: Da war, wie auf den berühmten Gemälden von Rubens zu sehen, Leibesfülle angesagt. In unserem Jahrhundert drückten in den 20er Jahren Frauen mit Bubiköpfen und langen Hemdkleidern Selbstbewusstsein aus, in den 30er und 40er Jahren waren in Deutschland Mädels mit roten Backen und kräftigen Beinen in wadenlangen Kleidern gefragt, in den 50er Jahren symbolisierten Wespentaille und runde Hüften den Zier-Charakter der Frau. In den 60er Jahren trieb kurzzeitig der Twiggy-Look Mädchen an den Rand der Magersucht. Seit den 80er Jahren ist alles möglich: Punks und Popper, Grufties und Grunge, Teds und Techno-Look stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Aber es gibt in der Beurteilung von Schönheit zumindest eine Konstante über alle Modeerscheinungen hinweg: Als attraktiv, so Karl Grammer, wird das symmetrische Durchschnittsgesicht angesehen. Ungewöhnlich schön ist das ungewöhnlich Gewöhnliche (siehe Bilderreihe „Aus 16 mach 1“ weiter unten).

Nicht gewöhnen aber will sich Anselm Grün, Abt der Benediktinerabtei Münsterschwarzach,  an den Gedanken, dass Millionen sich heute dem Schönheitsterror unterwerfen. „Wir müssen aufhören, uns zu vergleichen“, warnt er. „Sonst rennen wir einem äußeren Ideal hinterher und lassen uns von anderen das Ideal aufdrängen, das ja nicht der objektiven Schönheit entspricht. Schönheit ist auch der Durchschein des Göttlichen.“ Der Moraltheologe Bernhard Häring sieht es ähnlich: „Bei mir gehören das schöne, das Gute und Wahre zusammen. Gott ist die Schönheit.“ Häring wehrt sich dagegen, Menschen nach ihrer Attraktivität zu beurteilen: „Da bleibt man am Äußeren hängen und verliert die Tiefe.“

Da müssten die Theologen nicht nur in Bodybuilding-Zentren, Beauty-Farmen und Kosmetiksalons missionieren. Der extremste und makaberste Schönheitskult wird auf der Südseeinsel Oloa getrieben: Dort werden hässliche Babys umgebracht. Wer über 40 ist und an Schönheit verliert, verabschiedet sich mit einem rauschenden Fest. Danach nimmt er tödliches Gift.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

Lesen Sie dazu auch die Interviews mit Prominenten und mit der Sexual- und Verhaltensforscherin Nancy Friday weiter unten!

SCHÖNHEIT ALS VORTEIL,

SCHÖNHEIT ALS FLUCH

Stefan Teplan sprach mit der amerikanischen Verhaltens- und Sexualforscherin (bekannte Bücher: „Die sexuellen Phantasien der Frauen, „Die sexuellen Phantasien der Männer“) über ihr neues Werk „Die Macht der Schönheit“.

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Nancy Friday und ihr Buch „Die Macht der Schönheit“ – Ausschnitt aus dem Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

Stefan Teplan: Sie empfehlen Frauen, die Macht der Schönheit mehr zu nutzen. Halten Sie sich eigentlich immer noch für eine Feministin?

Nancy Friday: Natürlich. Ich gehe nur gegen die männer- und schönheitsfeindliche Haltung vor, die die feministische Bewegung in ihren Anfängen einnahm. Damals war die Botschaft: Wir Frauen wollen Gleichberechtigung, wir wollen als Menschen und nicht als Schönheitsobjekte angesehen werden. Das haben wir zum Großteil erreicht. Aber man muss auch die Realitäten sehen. Und die Macht der Schönheit ist eine Realität.

Stefan Teplan: Inwiefern?

Nancy Friday: Man weiß ja inzwischen, dass schöne Menschen mehr Vorteile haben, im Beruf wie im Alltag. Es ist eine Realität, dass wir Menschen auf das Äußere sehen. Und dass auch in diesem Punkt ein ständiger Konkurrenzkampf herrscht. Nur haben die Feministinnen gesagt: Wir Frauen kämpfen nicht gegeneinander, wie es die Männer tun. Das ist kontraproduktiv, lächerlich und dumm. Wir müssen lernen, Konkurrenz untereinander zu akzeptieren und zu führen.

Stefan Teplan: Feministinnen wollen diese Konkurrenz auch, doch auf intellektuellem und nicht auf äußerem Niveau.

Nancy Friday: Das ist völlig unrealistisch. Arbeitgeber ziehen häufig attraktivere Bewerber vor und bezahlen sie auch besser. Schönheit ist immer ein Trumpf.

Stefan Teplan: Sie führen in Ihrem Buch aber auch einige Kehrseiten der Schönheit an.

Nancy Friday: Ja, dazu kann ich Ihnen gleich etwas Neues sagen. In einer neuen Studie erzählten die meisten attraktiven Frauen um Ende 20, sie empfänden ihre chönheit als einen Fluch. Sie sagten sich: „Hier bin ich mit meinen 27 Jahren, und meine Schönheit verblasst langsam. Und weil ich immer so schön war, habe ich keine anderen Fertigkeiten entwickelt wie manche meiner Freunde. Ich bin nicht so intelligent, nicht so sportlich, es gibt nichts, in dem ich absolut überragend bin.

Stefan Teplan: Und was hinderte diese Frauen daran, andere Talente zu entwickeln?

Nancy Friday: Die Tatsache, dass sie Freundinnen wollten. Die hätten im Wettbewerb nicht mithalten können, wenn ihre Freundin zu ihren äußeren Vorzügen noch besondere intellektuelle Fähigkeiten entwickelt hätte. Also haben sie sich, um nicht Neid zu erregen darauf beschränkt, nur schön zu sein.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

WAS IST FÜR SIE SCHÖN?

Prominenten-Umfrage, Ausschnitt aus Weltbild Nr. 13, 1997

Prominenten-Umfrage – Ausschnitt aus dem Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

(Die Interviews mit den Prominenten führten die Redakteure Dietmar Kattinger, Marion Vorbeck, Klaus Kreitmeier und Stefan Teplan)

Ottfried Fischer, Schauspieler: „Schönheit ist für mich etwas, das auch nach dem ersten Blick noch hält. Schön ist für mich nicht unbedingt nur der oder die klassich Schöne, sondern diejenige Person, die sich die innere und äußere Schönheit durch sein Verhalten mehr als durch sein Aussehen erworben hat. Denn die ganz Schönen, die nur schönen, sind erfahrungsgemäß die größten Luschen.“

Nina Ruge, Moderatorin: „Schönheit ist unglaublich viel. Schönheit ist menschgewordene Sehnsucht des Menschen nach Harmonie: in den Gesichtszügen, im Bau des Körpers, in der Anmut der Bewgungen und der Kraft des Herzens. Leere schönheit lässt mich kalt. Sprich: Schönheit geht nur zusammen, wenn Körper und Seele harmonisch sind – dann alerdings entsteht Magie, auch Macht, auch Einsamkeit. Wen finde ich schön? Emanuelle Béart, Robert Redford, Christie Turlington. Allerdings: Wie stark kann die Leinwand die Stärk des Herzens transportieren? Zumindest so stark, dass Demi Moore für mich nicht zu den Schönen zählt.

Chris Roberts, Schlagersänger: Ich erinnere mich an eine alte Frau, die an der dalmatinischen Küste am Hafen saß. Sie hatte nur einen Zahn, war voller Falten und Runzeln. Und das war mit das Schönste, was ich je gesehen habe – in der Würde, in der sie da saß, in de Würde, in der sie alt wurde, ohne diesen Druck von Jugend und Schönheit, der in der westlichen Gesellschaft vorherrscht.

Britta Steilmann, Modemacherin: „Schönheit kommt von innen und außen. Der schönste Mensch ist für mich Robert Redford. Er verbindetCharisma mit Begabung, Seele, Herz und Leidenschaft mit gutem Aussehen.“

Rudolf Mooshamer, Modeschöpfer: „Ich finde alle Menschen schön, die eine Ausstrahlung und Charisma haben. Schönheit kommt nach Lebensphilosophie und Erfahrung nur von innen.“

KatrinZimmermann, geborene Krabbe, Athletin: „Ein schöner Mensch ist für mich jemand, dn man total gern mag und der für andere vielleicht vom Optischen überhaupt nicht gut aussieht. Ein beispiel dafür ist mein Mann: der ist vom Äußeren gewiss nicht jedermanns Geschmack, obwohl er groß und schlank ist und interessant ausshieht. Für michb ist er aber von seiner Ausstrahlung her ein richtig schöner Mensch.“

Claus Hipp, Unternehmer und Maler: „Im Vergleich zum Hübschsein ist Schönsein etwas, das von innen herauskommt. Es gibt auch wunderschöne alte Menschen. In uns, in er Literatur und in der Bildenden Kunst steckt die Verbindung von schön und gut; wir sind enttäuscht, wenn das schöne nicht gut ist. Für mich ist der Papst schön als Mensch. Er hat so viel Strahlendes an sich, das die scghönheit ausmacht.“

Petra Schürmann, Moderatorin: „Es gibt viele optisch hübsche Gesichter, die keinen Ausdruck haben. Körper und Geist sollen eins sein. Ein Beispiel hierfür ist die Moderatorin Birgit Schrowange. Sie hat eine angenehme Stimme, ein telegenes Gesicht und Ausdruck. Wenn das nicht übereinstimmt, ist man nur eine Barbiepuppe.“

Helmut Bauer, Würzburger Weihbischof: Nach der klassischen definition, der ich mich anschließe, ist Schönheit alles, was wahr und gut ist. Ich möchte das Wort Jesu gebrauchen: Gott allein ist gut, also im weiteren Sinne auch: Gott allein ist schön. Alles ist schön, was Göttliches in dieser Welt durchlässig macht., weil Er letztlich auch im Wahren, Schönen und Guten seine Liebe zum Lebendigen zeigt.

Thomas Maria Renz, Weihbischof Rottenburg-Stuttgart: „Schönheit ist etwas, was anmutig ist, was anspricht und fasziniert. Schönheit hängt mit der Ausstrahlung, der Anziehungskraft zusammen. Schön ist für mich der, der in sich diese Schönheit hat. Schönheit ist nicht nur etwas Äußeres, es gibt ja auch eine innere Schönheit. Und die Theologie spricht davon, dass zum Beispiel in Gott das wahre und Schöne ist. Wer dies ausstrahlt, der hat diese Schönheit.

AUS 16 MACH 1: IDEALGESICHT AUS DEM COMPUTER

Von Stefan Teplan

Idealgesicht, Ausschnitt aus Weltbild Nr. 13, 1997

Idealgesicht – Ausschnitt aus Weltbild Nr. 13, 1997

Schon der Philosoph Immanuel Kant verkündete: „Das Mittelmaß scheint das Grundmaß und die Basis aller Schönheit selbst zu sein.“ Naturforscher Francis Galton bestätigte ihn. Er fand im letzten Jahrhundert heraus, dass Frauengesichter schöner wirken, wenn man mehrere Fotos aufeinander kopiert. Der Ethologe Karl Grammer verfeinerte die „Durchschnitts-Hypothese“ noch: Er ließ computertechnisch übereinander kopierte Porträtbilder zu einem künstlichen Durchschnittsgesicht vereinigen (siehe Fotoreihe oben), das in allen Test als attraktiver beurteilt wurde. Interessanterweise wirkt das Mittelgesicht nur bei Frauen anziehend. Bei Männern werden Besonderheiten wie ein starkes Kinn eher als attraktiv empfunden.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

Sir Cliff Richard – Ritter auf Kreuzzug für Jesus

Stefan Teplan sprach mit Cliff Richard über Gott und die Welt. Cliff Richard ist einer der erfolgreichsten Pop-Stars aller Zeiten, von der Queen geadelter Ritter und bekennender Christ. Im Interview erzählt er, was ihm Gott, Geld und seine Mission bedeuten.

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Cliff Richard imGespräch mit Stefan Teplan – Ausschnitt aus Weltbild Nr. 20, 1995. Das Interview-Bild machte Bernd Harder

Stefan Teplan: Was bedeutet es für Sie, von der Königin von England zum „Sir Cliff“ geadelt worden zu sein?

Cliff Richard: Für mich ist das eine sehr große Ehre. Ich bin sehr stolz darauf, weil das etwas ist, was ich nicht erwartet habe. Wenn ich eine Platte aufnehme, ist es immer möglich, damit einen großen Erfolg zu haben, eine Gold- oder Platinplatte dafür zu bekommen. Aber man kann im Leben nicht so einfach damit rechnen, zum Ritter geschlagen zu werden.

Stefan Teplan: Sie wurden wegen Ihres starken sozialen Engagements zum Ritter geschlagen. Welche Hilfswerke unterstützen Sie?

Cliff Richard: Vor allem engagiere ich mich seit langem für die Organisation „Tear Fund“ – das ist die Abkürzung für „The Evangelical Alliance Relief Fund“ – , die sehr viele Hilfsprojekte in der Dritten Welt betreibt.

Stefan Teplan: Was tun Sie speziell für diese Organisation?

Cliff Richard: Ich besuche persönlich die einzelnen Missionsstationen in der dritten Welt, ich helfe, Geld zu sammeln, ich gebe Gospel-Konzerte, deren Erlös dem „Tear-Fund“ zukommt. Ich unterstütze aber auch noch viele andere Organisationen. Aber ich hätte nie gedacht, deswegen zum Ritter geschlagen zu werden.

Stefan Teplan: Sie sind gläubiger Christ. Und Sie sind ein Pop-Star. Trennen Sie diese Bereiche voneinander oder kann man das nicht?

Cliff Richard: Ja und nein. Ich trenne es, weil ich die Öffentlichkeit nicht verwirren will. Ich hiete es für falsch, vor mein Publikum zu treten, das Pop-Songs erwartet und dann religiöse Lieder zu singen und das Evangelium zu verkünden.. ich kündige immer vorher an: Das ist jetzt eine Gospel-Show, und wenn Sie dafür keine Karten kaufen wollen, ist das in Ordnung. Aber natürlich kann ich persönlich diese Bereiche nicht voneinander trennen. Wenn Sie einmal überzeugter Christ sind, dann beeinflusst Jesus alles in ihrem Leben. Ich achte deswegen auch auf die Texte in meinen Liedern und denke, dass sie so sind, dass Jesus mit Ihnen einverstanden sein kann.

Stefan Teplan: Aber die Texte in Ihren Pop-Songs sind nicht religiös.

Cliff Richard: Nein, das müssen Sie gar nicht sein. Auch ein christlicher Maler muss nicht unbedingt Jesus oder ein Kreuz darstellen. Es kommt darauf an, wie er die Dinge sieht. Er kann eine Szene aus dem Blickwinkel der Liebe und des Mitleids darstellen. Ein nicht-christlicher Maler würde die gleiche Szene völlig anders malen. Und so muss ich eigentlich auch nicht direkt über Jesus singen.

Stefan Teplan: Sie haben aber auch spezielle religiöse Lieder gemacht und Bücher über das Christsein geschrieben.

Cliff Richard: Ich habe eine ganze Reihe religiöser Alben aufgenommen und Bücher geschrieben wie zum Beispiel „You, Me And Jesus“, „Jesus, Me And You“ und „Questions“.

Stefan Teplan: Sie nutzen also Musik und Bücher durchaus für eine Art Mission?

Cliff Richard: Ja, denn die Rock’n’Roll-Welt hat mir die Möglichkeit eröffnet, viele Menschen zu erreichen. Es ist die Pflicht eines Christen, die Botschaft von Gott zu verkünden, wo er nur kann. Und so nutze ich Platten, Konzerte, Bücher, Fernsehen.

Stefan Teplan: Was bedeutet Ihnen eigentlich das Christentum im Vergleich zu anderen Religionen?

Cliff Richard: In allen anderen Religionen versucht der Mensch, zu Gott zu kommen. Im Christentum ist es so, dass Gott zum Menschen kommt und seine Hand nach ihm ausstreckt. Wir müssen nur einen halben Schritt auf ihn zugehen und er nimmt uns schon an. Ich denke. Das ist ein sehr großer Unterschied. Und wir haben im Mittelpunkt unseres Glaubens einen Menschen, der für uns gelebt hat und gestorben ist. Und der unser Leben verändern kann.

Stefan Teplan: Ihr Vermögen wird auf rund 120 Millionen Mark geschätzt. Wie halten Sie es da mit dem Spruch: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein reicher in das Himmelreich“?

Cliff Richard: Ja, das steht in der Bibel. Die Bibel sagt aber nicht, dass ein reicher Mensch überhaupt nicht in das Himmelreich kommen könnte. Es ist für ihn nur viel schwerer. Es kommt immer darauf an, wie wir leben und denken. Wenn wir unser Leben kontrollieren und mit Gott gehen, wird er uns auch zeigen, wie wir unser Geld verdienen und es benützen sollen. Die Gefahr ist, dass das Geld selbst für einen Christen eine große Versuchung werden kann. Und sein wichtigstes Lebensziel wird. Und das darf es nie werden.

Stefan Teplan: Sie spielen demnächst auch in einem Musical?

Cliff Richard: Ja, das Musical basiert auf dem weltberühmten englischen Roman „Wuthering Heights“ („Stürmische Höhen“) von Emily Bronte. Es ist ein musikalisches Porträt von dessen Hauptfigur Sir Heathcliff. Und das ist meine Rolle. Meine neue Single „Misunderstood“ ist bereits ein Auszug aus diesem Musical, das Ende nächsten Jahres in England aufgeführt werden wird. Vorher aber spiele ich es womöglich schon in New York am Broadway.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 20, 1995

Die Wandlung der Karin Struck

Die deutsche Schriftstellerin Karin Struck (1947-2006) wurde 1973 mit ihrem Debütroman „Klassenliebe“ schlagartig berühmt. Für viel Aufsehen undAnsehen sorgten weitere Bücher wie unter anderem „Die Mutter“ (1975), „lieben“ (1977) oder „“Blaubarts Schatten“ (1991). Für noch mehr Aufsehen freilich sorgte ihre Wandlung von der Atheistin und dem Aushängeschild der linken Szene zu einer überzeugten Katholikin, die plötzlich traditionelle Werte verteidigte. Stefan Teplan hat sie 1996 in ihrem Haus in Westfalen besucht und mit ihr über diese Wandlung gesprochen.

Stefan Teplan: Wie wird man von einer Galionsfigur der alternativen und links-intellektuellen Szene zu einer Vertreterin konservativer werte, zu einer Christin und schließlich überzeugten konvertierten Katholikin?

Karin Struck: Darüber müsste ich ein ganzes Buch aschreiben, weil diese Entwicklung sehr komplex ist. Es ist fast wie die Geschichte des verlorenen Sohns. Die war auch das Motto bei meiner Konversion – bis hin zu den Säuen; dass jemand wirklich im Dreck wühlt, auch moralisch. Ich war ja bei Gott nicht nur ein Engel in den letzten 30 Jahren – da muss man nicht nur an meine Abtreibung denken.

Stefan Teplan: Führt Ihr neuer Status dazu, dass Sie bedingungslos die katholische Sexualmoral vertreten? Selbst viele Katholiken haben ja Probleme damit.

Karin Struck: Ich habe keine Probleme damit. Ich habe es gut, weil ich die Dinge schon so lange durchdacht habe, dass ich sie nicht mehr nur aus dem Bauch heraus, mit irgendwelchen Aggressionen angereichert oder mit irgendwelchen chaotischen Emotionen beladen beurteile. Ich habe in meinen Romanen und Erzählungen ja auch sehr ausführlich über Sexualität geschrieben – nicht nur in Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung. Jetzt ist für mich ein Punkt eingetreten, wo ich das alles neu ordnen muss. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft noch sehr viel verantwortungsvoller, bewusster zum Beispiel mit Themen wie Sexualität in der Literatur, die ich selber sachreibe, umzugehen.

Stefan Teplan: Sind Sie auch allem, was vom Papst kommt, einverstanden?

Karin Struck: Den Papst schätze ich seit vielen Jahren. Den habe ich schon überall verteidigt, vor Stern-Redakteuren – die sind unter den Tisch gefallen vor Entsetzen. Dass es für diese Leute eine solche Provokation ist, das war wirklich ein Erlebnis. Ich denke, der Papst hat einfach eine so grandiose Unabhängigkeit. Er ist von niemand abhängig außer von Gott.

Stefan Teplan: Er hat Mut, gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

Karin Struck: Ich denke, es ist auch ein Opfer von ihm. Das ist für mich auch ein Leiden, dass er sich dem so aussetzt, das hat schon etwas Märtyrerhaftes. Dass er nicht einknickt bei diesen ganzen Angriffen. Man muss ja auch sagen, dass seine Kritiker meistens gar nicht informiert sind. Ich habe noch keinen von diesen ganzen Verhöhnern getroffen, der eine Schrift des Papstes wörtlich von vorne bis hinten gelesen hat. Ihm wird seine Fixierung auf die Sexualität vorgeworfen. Aber wenn ich die Enzykliken lese, finde ich das nicht bestätigt. Mir kommt es im Gegenteil so vor, als sei seine Kritikerschar auf diese Themen unglaublich fixiert. Wenn ich lese, was der Papst zu diesen Themen schreibt, sehe ich, dass er das immer mit den Bereichen Familie, Wert der Frau, Wert des Mannes verbindet – und da ist immer eine Gleichwertigkeit angesprochen.

Stefan Teplan: Widerspricht dem nicht sein Widerstad gegen das Frauenpriestertum?

Karin Struck: Mir kommt die Stellung der Kirche, des Papstes dazu sehr plausibel vor. Unter anderem auch aus Gründen der Herleitung aus dem, was Christus gemacht hat, als er seine zwölf Jünger um sich geschart hat und ihnen das Amt übergeben hat.

Stefan Teplan: Die Pflicht zum Zölibat lässt sich schon weniger biblisch ableiten.

Karin Struck: Das ist richtig. Mir leuchtet aber ein, dass vertreten wird, dass in der Tradition der katholischen Kirche – die ja weit beeindruckender ist als sde der kurzlebigen evangelischen – viels für den Zölibat spricht. Wesentlich für den Zölibat spricht, dass ich mehr Vertrauen zu einem geweihten Priester habe, der für Christus und seelsorgerisch ganz für mich als Gläubigen da sein kann, ohne Abhängigkeit von einer Familie, ohne zum dritten Mal geschieden zu sein. Außerdem kann ein zölibatärer Priester unbestechlich sein, zum Beispiel in totalitären Staaten oder in Zeitgeiststaaten.

Stefan Teplan: Mir ist jetzt immer noch nicht klar, was Sie zu einer so überzeugten Katholikin gemacht hat.

Karin Struck: Gerade durch mein Engagement gegen die Abtreibung, habe ich erfahren, dass die evangelische Kirche keinen Glaubenshalt mehr bietet. Und ich muss sagen: Ich habe selten so viel Hilfsbereitschaft kennengelernt, wie von Katholiken. Diese Vorbilder waren für mich der letzte Auslöser. Ich kann noch so eine tolle Menschheitsideologie haben, die ganze Welt befreien wollen, aber es kann mir durchaus passieren, dass ich den einzelnen Menschen vergesse. Und diese Sorte von leuten habe ich massenweise kennengelernt.

Stefan Teplan: Es gibt aber auch Gläubige, die sagen: Christus ja, Kirche nein.

Karin Struck: Das Problem ist die Glaubenspraxis. Die kann mir nur vermittelt werden durch die Kirche. Ich brauche eine Kirche, die diese Glaubenspraxis für mich unabhängig von politischen Wirren und Zeitströmungen vermittelt. Das ist bei der evangelischen Kirche nicht mehr gegeben.

Stefan Teplan: Jetzt ziehen Sie sich vollends den Zorn der Protestanten zu, wenn Sie sich noch zur Heiligenverehrung bekennen.

Karin Struck: Ich bekenne mich auch dazu. Die katholische Kirche ist kein Warenhaus, wo ich mir einen Artikel nehmen kann und der andere passt mir nicht. Sie stellt für mich eine Ganzheit dar. Maria ist ja keine Konkurrentin von Christus, ich mache da keinen Götzendienst. Heiligenverehrung, Beziehung zur Muttergottes, Rosenkranz – an diese Dinge nähere ich mich allmählich heran – machen für mich Reichtum und Vielfalt dieser Kirche aus.

Copyright: Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“ (heute „Radio Horeb“), 1996

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, Nr. 11/1996

Gertrud Fussenegger: „Wir waren früher emotional reicher“

Besuch bei der alten Dame: Die Redakteure Stefan Teplan und Michael Ragg sprachen mit der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in  ihrem Haus in Tirol. In ihren Büchern kämpft Fussenegger als Anwältin der Menschlichkeit und christlicher Werte

 

Besonders linke Kreise haben Ihnen Ihre Jugendsünden, unter anderem Ihre NSDAP-Mitgliedschaft, nie verziehen. Greift man aber nicht in Wahrheit eher Sie als Vertreterin christlicher Werte an?

Ich glaube, wenn ich mich in der Nachkriegszeit auf die linke Seite geschlagen hätte, wäre alles vergessen und vergeben worden. Das ist das große Pflaster,  das alles zudeckt. Nun habe ich mich auf dieses Pflaster nicht eingelassen, sondern bin eine bemühte Tochter der Kirche geworden. Ein Intellektueller, der sich zur Kirche bekennt, ist für die Linken einfach ein Ärgernis.

Die Kirche selbst ist heute vielen ein Ärgernis, wie an der Zahl der Austritte unschwer abzulesen ist. Worin sehen Sie die Gründe?

Die Kirchenaustritte kommen daher, dass die Leute nichts mehr anzufangen wissen. Unsere Gehirne werden auf lauter rationale Denkprozesse eingeschliffen. Das mythische, das religiöse Denken ist ein ganz anderes. Das sind andere wahrheitsbegriffe. Die Symbole wollen doch verstanden sein, damit man sie nachvollziehen kann. Was sollen die Flammen des Heiligen Geistes, wenn man sich nur Flammen aus Bunsenbrennern vorstellen kann? Es ist eine solche Banalisierung des Menschenbildes erfolgt, dass der hohe Anspruch der Religion gar nicht mehr nachvollziehbar wird.

Was müsste die Kirche tun, um wieder mehr Menschen anzusprechen?

Sie müsste wieder mehr Mut zu sich selber haben. Aber die Herren Geistliche sind immer alle so weichgesonnen. Diejenigen, dien diese weiche Tour nicht mitmachen, haben einen schweren Stand. Die Kirche sollte auch etwas sein, woran man sich reibt.

Man reibt sich doch an kirchlichen Fragen, zum Beispiel am Papst und am Zölibat. Wie sehen Sie das?

Die  Kirche ist ein großes System. Wenn man mit anderen Systemen da hinein fuhrwerkt, wird sie anders. Wenn dem Priester die Verpflichtung zum Zölibat weggenommen wird, wird er ganz automatisch ein Kirchenbeamter. Wenn wir nun dem Priester einen anderen Status geben als bislang, vielleicht die Frau noch zur Priesterin weihen, wird die Kirche eine andere werden. Man will wirklich Wesentliches verändern und auflösen.

Schwingt da nun Frauenfeindlichkeit in der Kirche mit?

Die Kirche hat niemals geleugnet, dass die frau religiöses Charisma haben kann. Da ist schon einmal die dominante Figur der Gottesmutter. Da sind dann diese vielen heiligen  Frauen. Da hat die Kirche schon ganz anders gehandelt als alle anderen Religionsgemeinschaften, die viel mehr auf den Mann ausgerichtet sind.

Was halten Sie vom obersten Mann der Kirche, dem Papst?

Ich halte Johannes Paul II. für einen großen Glücksfall für die katholische Kirche. Er hat mit einem ungeheuren Charisma begonnen und so viel an Anhängerschaft verloren. Jeder glaubt, an ihm rütteln zu dürfen. Der Mann ist aller Ehren wert.

Sie haben fünf Kinder unter schwierigen Bedingungen zur Welt gebracht. Was denken Sie, wenn Sie heute in der Abtreibungsdebatte von sozialer Notlage und Fristenlösung hören?

Ich denke, dass es eine große Barbarei ist, es dem Menschen freizustellen, dass er das Wesen, das ihm am nächsten sein sollte, töten darf oder nicht. Da ist ein Bruch in unserer Zivilisation. Aber man will eben dem Menschen nicht zumuten, dass er sich auf etwas einlässt, was er nicht von vorneherein geplant hat. Diese Omnipotenz, die sich der Mensch da herausnimmt, führt ihn dazu, dass er diese furchtbare Freiheit bekommt.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, in schwierigen Zeiten mit einer großen Familie zu leben und gleichzeitig Bücher zu schreiben?

Wir waren zu elft in drei kleinen Zimmern, und in der Küche habe ich nachts meine Bücher geschrieben. Ich habe immer einen Tag bis halb zwei oder zwei Uhr nachts geschrieben – morgens um sieben musste ich aufstehen – und bin eine Nacht später um zwei Uhr aufgestanden und habe dann bis gegen drei das Geschriebene korrigiert.

Selbstverwirklichung und eine intakte Familie trotz Belastungen – so etwas erscheint heute oft unmöglich. Warum zerbrechen so viele Ehen?

Ich bewundere ja die Kirche, dass sie immer noch den Mut aufbringt, alle Paare zu trauen, denen schon von weitem anzusehen ist, dass es nur ein Vergnügen auf Zeit sein wird. Viel liegt an dem Anspruch: Du bist dazu da, glücklich zu werden und dich selber zu verwirklichen. Ich weiß überhaupt nicht, was das heißt, sich selber zu verwirklichen. Ich glaube ja, dass ich schon ein Mensch bin, von dem andere Leute meinen, dass er sich selbst verwirklicht hat. Und ich habe das eine oder andere verwirklicht, aber mich selber? Das wäre mir viel zu öde vorgekommen. Das sind pubertäre Vorstellungen. Aber mit diesen Vorstellungen geht der Mensch heute in das Leben hinein: Ich nehme Dich als meinen Ehemann, damit Du mich glücklich machst, nicht damit ich dich glücklich mache. Diese Einstellungen sind keine guten Voraussetzungen für eine Ehe.

Sie sind Zeitzeugin fast des gesamten 20. Jahrhunderts. Ist denn die Menschheit seit 1912 besser geworden?

Sicherlich geht es uns Mitteleuropäern heute sehr viel besser als das jemals vorstellbar war. Ich sage immer: Der deutsche Arbeiter lebt komfortabler und schmerzfreier als der deutsche Kaiser im Mittelalter. Ob die Menschen besser geworden sind, das ist nun eine Frage, da kommt es so sehr auf den Blickpunkt an, für den man sich entscheidet. Emotional waren wir vielleicht reicher. Der Mensch war gebundener in alten Traditionen, die ihm aber doch sehr viel Gefühlswärme vermittelt haben. Heute sind wir mehr oder minder alle Rationalisten, fühlen uns in dieser Haut aber nicht besonders wohl.

Und auch in unserer Umwelt zunehmend weniger.

Wir sind selbst vielfach an der Zerstörung unserer Umwelt schuld. Jeder glaubt, er muss ein Auto haben, in die Ferien auf die Malediven oder noch viel weiter fliegen, jeder glaubt, er sei sich das schuldig, dass er möglichst alles hat – und zwar möglichst sofort. Ein wenig Selbstbesinnung und Demut könnten vieles retten.

Copyright: Michael Ragg und Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“, April 1997; Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 9, 1997

Christopher Lee – der Dracula als Pharao

Bei der Weltpremiere des Bibelfilms „Josef“ – Teil der Mammut-Verfilmung des gesamten Alten Testaments durch die Kirch-Gruppe – sprach Stefan Teplan mit Hollywood-Star Christopher Lee, der in einem anderen Bibelfilm („Moses“) mitspielt.

Christopher Lee mit Stefan Teplan beim Interview. Foto: Marian Günther

Christopher Lee im Gespräch mit Stefan Teplan. Foto: Marian Günther


Stefan Teplan: Was hat Sie bewogen, in einem Bibelfilm mitzuspielen?

Christopher Lee: Ich würde mich nicht als sonderlich religiös bezeichnen; mich fasziniert vor alle der historische Stoff. Ich spiele in „Moses“ den Pharao Ramses II. – eine faszinierende Gestalt. Er war der berühmteste Pharao, herrschte 67 Jahre lang über Ägypten und wurde 92 Jahre alt. Fasziniert hat mich aber auch, dass die ganze Bibel überhaupt ein großer Stoff ist. Und sie ist ein Buch, das fast jeder kennt, ob Jude, Christ oder Moslem. Bevor ich ein Angebot annehme, frage ich mich: Wie ist die Rolle? Wie ist das Drehbuch? Wie ist der Regisseur? Bei „Moses“ hat das für mich alles gestimmt.

Stefan Teplan: Was halten Sie von den anderen Bibelfilmen der Kirch-Gruppe, etwa „Josef“, den Sie heute gesehen haben?

Christopher Lee: Ich finde sehr beeindruckend, was bisher produziert wurde. Ich sehe höchstens ein Problem: Die großen Massenszenen sind eigentlich typische Kinoszenen, die eine große Leinwand erfordern. Im Fernsehen werden die Menschen dann klein wie Ameisen –ähnlich, wie wenn „Lawrence von Arabien“ im Fernsehen sehen. Aber die Qualität der Filme ist hoch. Es wären im Grunde alles sehr gute Kinofilme, wenn sie nicht so lang wären (jeder der Bibelfilme dauert rund drei Stunden – Anm. d. Red.). Von den Dreharbeiten zu Moses war ich so angetan, dass ich jederzeit wieder in eine der Kirch-Bibelfilme mitspielen würde.

Stefan Teplan: Regt es Sie eigentlich nicht auf, dass Sie so oft mit Ihren „Dracula“-Filmen identifiziert werden?

Christopher Lee: Ach, wissen Sie, ich finde, dass das mehr eine Erfindung der Journalisten ist. Das Publikum sieht das anders. Das ist ja, als würde man Sean Connery nur mit James Bond oder Peter Sellers nur mit Inspektor Clouseau identifizieren. Ich habe in rund 250 Filmen gespielt, mit den größten Regisseuren gearbeitet, darunter Steven Spielberg, Orson Welles und Billy Wilder. Und ich kann deswegen nicht glauben, dass die Kinogänger mich nur als Dracula sehen.

Copyright Text: Stefan Teplan

Copyright Foto: Marian Günther

Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1996

Isabel Allende – die Liebe, der Schmerz und der Tod

Stationen eines Leidenswegs: Am 6. Dezember 1991 erkrankte Paula, 28jährige Tochter der weltbekannten Autorin Isabel Allende, an einer Stoffwechselkrankheit. Zwei Tage später fällt sie ins Koma. Und erwacht daraus nie mehr. Am 6. Dezember 1992 ist Paula tot. Isabel Allende schreibt gegen die Verzweiflung an, lässt ihr Leben Revue passieren, reflektiert über das Schicksal ihrer Tochter. Dem Redakteur Stefan Teplan erzählte Isabel Allende – kurz vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung  ihres Buches „Paula“ – wie sie das Leiden und den Tod ihrer Tochter bewältigt hat.

Stefan Teplan: Ist es für Sie schwer, über Paulas Tod zu sprechen?

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde. Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995 

 

Isabel Allende: Das Schreiben hat mir geholfen. Aber auch meine Familie hat mir sehr geholfen. Ich kann jetzt schon darüber sprechen. Aber es fällt mir noch schwer, mit Fremden der Presse darüber zu reden. Das ist einer der Gründe, warum ich es abgelehnt habe, nach Europa auf eine Promotion-Tour zu gehen. Ich konnte es aber nicht vermeiden, in einigen Interviews Fragen über Paulas Tod zu beantworten.

Stefan Teplan: Sie zeigten in diesen Interviews ihre tiefsten Gefühle erstaunlich offen.

Isabel Allende: Ja, ich gehe damit sehr offen um, weil ich aus einem Kulturkreis komme, in dem der Tod kein Tabu ist wie etwa in den USA. Hier sprechen die Leute nicht über Schmerz, Versagen, Krankheit oder Tod. Ich dagegen komme aus einem Land, wo man sich vor solchen Dingen nicht versteckt.

Stefan Teplan: Sie haben sich vor Fragen nach Leben und Tod nicht versteckt, während Paula im Koma lag. Waren das auch Fragen nach Gott?

Isabel Allende: Mein Leben war schon immer sehr spirituell bestimmt. Doch zu der Zeit, als Paula im Koma lag und auch in der Zeit nach ihrem Tod habe ich noch mehr zu meiner eigenen persönlichen Spiritualität gefunden. Ich bin eigentlich kein religiöser Mensch. Ich gehe nicht in die Kirche. Ich fühle mich keiner religiösen Organisation zugehörig. Doch ich fühle mich dem Heiligen sehr nahe… und ich wurde auch sehr katholisch erzogen. Ich komme aus einer katholischen Familie und wurde mit der Bibel groß.

Stefan Teplan: Was bedeutet Ihnen die Bibel?

Isabel Allende: Ich habe die Bibel sehr gründlich gelesen und finde, dass sie ein faszinierendes Buch ist. Ich nehme sie des Öfteren auch wieder zur Hand, weil ich finde, dass sie wunderbare Geschichten enthält. Man kann immer wieder etwas aus ihnen lernen. Während der Zeit, zu der Paula im Krankenhaus lag, suchte ich Hoffnung aus meiner Religion zu finden  das heißt, aus der katholischen Religion, aus der ich komme. Aber ich fand diese Hoffnung darin nicht. Ich begleitete meine Mutter in die Kirche, doch ich fühlte mich dabei nicht wohl. Wenn ich die Bibel aufschlug, konnte ich darin keinen Trist finden. Ich fand aber viel mehr Hoffnung und Stärke in meiner Liebe zu Paula und in meiner engen Bindung an die Familie.

Stefan Teplan: Sie schreiben, Sie haben damals öfter gebetet. Zu welchem Gott?

Isabel Allende: Ich stelle mir einen spirituellen Ozean vor, einen gemeinsamen Geist, ein gemeinsames Bewusstsein. Und wir alle sind tropfen in diesem einzigartigen Meer. Auf dieser erde sollen wir alle durch unsere Sinne, Sehnsüchte und durch Leid etwas lernen. Dieser Tropfen, der wir sind, kehrt dann zur Ganzheit des gemeinsamen Ozeans zurück. Und das, denke ich, tat Paula. Und das werde ich tun, wenn ich sterbe. Ich werde in ein Ganzes integriert werden. Wenn ich bete, versuche ich, ganz still zu sein und mich mit dieser Ganzheit, von der ich ein Teil bin, zu verbinden.

Stefan Teplan: Sie schreiben über Paula: „Sie fragte nach einem Sinn im Leben und ließ mich mit der Aufgabe allein, die Antwort zu finden.“ Welche Antwort haben Sie gefunden?

Isabel Allende: Ich fand mehrere Antworten, aber die wichtigste ist vielleicht diese: Das einzige, was ich habe, ist die Liebe, die ich gebe. Nicht die Liebe, die ich erhalte. Als Paula im Koma lag, konnte sie gar nichts zurückgeben. Doch ich schenkte ihr meine ganze Liebe, bedingungslose Liebe ohne irgendwelche Erwartungen oder Wünsche, Liebe um der Liebe willen. Als sie starb, dachte ich, ich hätte alles verloren. Ich verlor ihre Gesellschaft, ihre Gegenwart, ihren Körper, ihre Seele, ihre Intelligenz. Dann erkannte ich, dass ich all die Liebe, , die ich ihr gab und für sie empfinde, immer noch habe. Das war für mich die wichtigste Lektion: Ich habe nichts als die Liebe, die ich anderen gebe. Das hält mich am Leben und das macht mich reich.

Stefan Teplan: Ihr Leid macht Sie nicht verbittert?

Isabel Allende: Aus Leid kann man lernen. Wie kann ich verbittert sein? Leid lehrt mich eine Lektion, die ich lernen muss.

Stefan Teplan: Sie sind in Ihrem Buch so schonungslos ehrlich, dass ich Ihren Mut, es zu veröffentlichen, bewundere.

Isabel Allende: Ich war mir in der Tat lange unklar, ob ich es veröffentlichen sollte. Nicht weil ich Angst davor hatte, mich zu entblößen, sondern wegen anderer Menschen; die ich darin ebenfalls entblöße: meinen früheren Mann, meine Eltern und viele andere. Ich sprach mit ihnen, und sie alle rieten mir, das Buch zu veröffentlichen. Und ich tat es, um mein Leid mit anderen zu teilen. Die Briefe, die ich seit dem Erscheinen der spanischen Originalausgabe erhalten habe, bestätigen mich. Viele, die ebenfalls gelitten haben, fühlen sich mit mir verbunden. Die Botschaft, dass man das Leid annehmen und für wertvoll halten kann, ist für viele Menschen wichtig. Aber dieses Buch geht nicht nur um Leid. Es geht um Freundschaft, es ist ein Buch über die Liebe, über das Leben.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, April 1995

 

Eine glückliche Bezeiehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995