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Deutsche: Ein Volk ohne Zivilcourage?

Stefan Teplan sprach mit der ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz über ihr Buch „Jetzt mal ehrlich“. Die Deutschen bezeichnet sie als „Weltmeister im Kritiseren und Bevormunden ganzer Weltreligionen“ – ein Thema, das zu Zeiten von Sarrazin und der Integrationsdebatte neue Aktualität gewinnt.

(Erstveröffentlichung Magazin WELTBILD Nr. 11/ 1996)

Buchcover

Nach fünf Büchern über Russland jetzt ein "offenes Wort über Deutschland": Unter dem Titel "Jetzt mal ehrlich" (ECON Verlag, 240 Seiten) prangert die ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz Misstände in Deutschland an.

Stefan Teplan: Sind die Deutschen ein Volk von angepassten Jasagern, Duckmäusern und Verdrängern?

Gabriele Krone-Schmalz: Zivilcourage kann man jedenfalls mit der Lupe suchen, obwohl doch gerade die westdeutschen diese mit Vorliebe von den Bürgern der ehemaligen DDR forder; ohne offenbar ein Gespür dafür zu entwickeln, dass sie selbst nicht einmal in einem Rechtsstaat dazu in er Lage sind, in dem sie damit kaum etwas riskieren. Bloß nicht unangenehm auffallen, „in“ und „political correct“ sein, mit dem Strom schwimmen. Die Angst, wegen irgendwelcher offener Worte in der falschen Schublade landen zu können, scheint mir bei Deutschen nahezu pathologisch.

Stefan Teplan: Im Klappentext zu Ihrem neuen Buch heißt es, die Deutschen seien „Weltmeister im Kritisieren“. Bestätigen Sie mit Ihren Texten nicht genau das, was Sie attackieren?

Gabriele Krone-Schmalz: Nein, überhaupt nicht. Im Klappentext heißt es nämlich: „Weltmeister im Kritisieren und Bevormunden ganzer Weltreligionen“, und ich kritisiere als Deutsche uns, die Deutschen.

Stefan Teplan: Wer meckert, muss auch Gegenrezepte bieten können. Haben Sie welche?

Gabriele Krone-Schmalz: Patentrezepte nicht – wer hat die schon? Aber rezepttaugliche Anregungen finden Sie sehr wohl in meinem Buch, zum Beispiel zu den Themen Gesundheits- und Steuersystem. Ansonsten bin ich nicht Ihrer Meinung. Mir ist auch klar, dass es leichter ist „herumzumeckern“ als dinge funktionsfähig zu verändern. Aber wenn Sie jedem das Kritisieren und Meckern verbieten wollen, der keine fertigen Gegenrezepte parat hat, dann führt das zu einer stagnierenden Gesellschaft, in der die Jasager und Duckmäuser die Oberhand gewinnen. Das ist ein Teufelskreis.

Stefan Teplan: Was würden Sie am liebsten in Deutschland verändern?

Gabriele Krone-Schmalz: Das Wetter. Nein, im Ernst: aus einer harten Entweder-Oder-Gesellschaft eine menschliche Sowohl-als-auch-Gesellschaft machen. Leben und leben lassen.

Stefan Teplan: Was würden Sie unverändert lassen?

Gabriele Krone-Schmalz: Im Wesentlichen das Grundgesetz.

© Stefan Teplan Media

Nordlicht

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998)

Aufmacher-Seite zur Home-Story von Stefan Teplan über Leena Lander - Ausriss aus Weltbild Nr. 23, 1998

Die finnische Star-Autorin Leena Lander zieht mehr und mehr Leser in ihren Bann. Spätestens seit ihren Romanen „Mag der Sturm kommen und „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Gegenwartsliteratur. Stefan Teplan besuchte Leena Lander in ihrem Landhaus in Finnland und sprach mit ihr über Licht und Dunkel, Leiden und Schreiben.

Leena Lander - Titelbild-Entwurf zu Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

„Ein aufgehender Stern am Literaturhimmel“, rühmte der Norddeutsche Rundfunk. Eine Schriftstellerin mit erstaunlichem Geschick, „von einer Erzählebene auf die andere zu wechseln“, bewunderte die Süddeutsche Zeitung. Eine Dichterin, deren Werk „wunderbar komponiert“ ist, schwärmte die italienische Lire. Lobeshymnen überall für Leena Lander, vielfach preisgekrönte, in 13 Sprachen übersetzte Star-Autorin aus Finnland.

Spätestens seit ihrem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenem Roman „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ ist sie auch hierzulande vom Geheimtipp zur festen Größe der europäischen Gegenwartsliteratur avanciert. Hollywood hat die filmrechte für diesen Roman gekauft, ein weiterer („Mag der Sturm kommen“) soll demnächst in Skandinavien für das Kino produziert werden.

Leena Lander ist der neueste Shooting-Star innerhalb des seit Jahren anhaltenden Skandinavien-Booms in der Bücherwelt. Ob der Norweger Jostein Gåarder mit „Sofies Welt“, der Däne Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Schwedin Marianne Fredriksson mit „Hannas Töchter“ – all diese Nordlichter zeigten, was heute gute Belletristik ausmacht: Sie ist unterhaltsam, ohne in Kitsch abzugleiten, spannend, ohne in einer Flut von Action-Szenen zu ertrinken, niveauvoll, ohne belehrend zu wirken, und sinnlich, ohne peinlich zu werden. Und noch ein Skandinavier, der Norweger Lars Saabye Christensen, der in seinem Roman „Yesterday“ den Mythos der 60er Jahre beschwört, nötigte der Zeit die höhnische Frage ab, „warum noch kein deutscher Autor solch einen hervorragenden Roman über diese Zeit geschrieben naht.“

Die Antwort weiß nur der Wind. Einfacher ist da die Erklärung bei Leena Lander. Romane wie die ihren könnte ein deutscher Autor überhaupt nicht schreiben. Ihr Werk ist durch und durch finnisch, schöpft aus der Tradition und den Symbolen der alten finnischen Mythen, arbeitet die Geschichte des Landes – vor allem deren dunkle und bislang tabuisierte Seiten – auf und spiegelt, neben ihrer eigenen düsteren Kindheit, unvergleichlich treffend das Wesen der finnischen Seele wider. Jene unerträgliche Schwere des Seins, die die Menschen im Land der Lander überfällt, wenn das Licht schwindet und der nordische Winter hereinbricht wie eine lange, nicht endenwollende Nacht. Was die hohe Selbstmordrate – Finnland hält den traurigen Rekord in Europa – erklären mag. Dann andererseits jene exzessive Lebenslust, der sich die Menschen dort hingeben, wenn nach Monaten die Sonne wieder kommt, mit der sie sich in den kurzen Sommer stürzen wie in einen Rausch. Was wiederum ganz andere, nicht minder makabre „Rekorde“ erklärt. „Darin halten wir den Europarekord, im Morden aus Eifersucht“, schreibt Lander in ihrem Roman Mag der Sturm kommen“. In ihrem Landhaus, am Ortsrand eines Dorfes bei Turku, erzählt sie mir: „Besonders unter Alkoholeinfluss lassen viele Männer hier ihrer Eifersucht freien Lauf und verprügeln ihre Frauen. Oder töten sie gleich. Oder den Nebenbuhler.“ Oder auch nur den vermeintlichen.

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 22, 1998

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan

Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wie leicht so etwas gehen kann, hat sie im eigenen Verwandtenkreis bitter erfahren. „Mein Schwager wurde auf dem Heimweg in einem Park von einer Frau angesprochen. Sie wollte nur eine Auskunft. Ihrem stark angetrunkenen Begleiter ging das schon zu weit. Er schlug meinen Schwager zusammen, dann strangulierte er ihn mit einem Gürtel, bis er tot war.“

Ein weiterer Schock im Leben der Lander, das durch eine traumatische Kindheit ohnehin genug belastet ist. Eine Kindheit, die, wie sie überzeugt ist, sie erst zur Dichterin gemacht hat: „Sie werden keinen Schriftsteller mit einer normalen Kindheit finden.“ Nicht normal, das heißt im Fall von Leena Lander aufzuwachsen in einem Heim für kriminelle Jugendliche: Sie ist die zweite Tochter des strengen und übermächtigen Heimleiters. Unter der emotionalen Kälte ihres Vaters leidet sie ebenso wie unter dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören und immer Außenseiterin zu sein. Und die Erlebnisse ihrer Kindheit graben sich traumatisch in ihre Seele: mit anzusehen, wie zwei Jungen einen Neuling mit einem heißen Eisen malträtieren. Nachts die Schreie zu hören, wenn ungehorsame Zöglinge geschlagen werden. Zu erfahren, dass Jungs ausgebrochen sind und ein Mädchen vergewaltigt oder jemanden totgeschlagen haben. „Der Ort, an dem ich aufwuchs“, fasst Leena Lander zusammen, „War ein Ort des Schreckens. Es war ein sehr isolierter Platz. Wir erhielten keinen Besuch von der Außenwelt, und wir konnten nie raus.“

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem ehemaligen Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WLTBILD Nr. 23, 1998

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wer ihr persönlich begegnet, kann es nicht glauben, dieselbe Person vor sich zu haben, die eine so traurige Kindheit hinter sich hat und deren Bücher derart tiefe seelische Abgründe ausloten. Leena Lander ist charmant, schlagfertig, witzig, lebenslustig, unkompliziert. Alles andere als eine weltfremde Künstlerin, die vergeistigt in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Obwohl sie sich jeden Tag eisern in ihrer Arbeitsklause verbirgt und regelmäßig von 9.30 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags schreibt.  Aber anschließend zeigt sich ihre praktische Seite: Sie arbeitet im Garten (das sei, wie sie mir schelmisch mit einem englischen Wortspiel erklärt, ihr Wechsel vom „Avantgardener“ zum „gardener“). Die geht mit ihren Hunden Amanda und Santtu joggen. Sie macht Handwerksarbeiten (ihr Wohnhaus hat sie selbst getüncht, eine Garage für die Mopeds ihrer Söhne alleine gezimmert). Ja, und natürlich ist sie dann vor allem für ihre Familie da, ihren Mann, den Fernsehjournalisten Esa und ihre drei Söhne Joaa, Jirka und Jael, die am Spätnachmittag aus der Schule zurückkommen.

Woher sie die Kraft nimmt, die langen finnischen Winter hindurch die Einsamkeit zu ertragen? Sich in ihrer, wie sie es nennt, „Einzelhaft“ zu verbarrikadieren und Selbstgespräche mit ihren Romanfiguren zu führen? Die „Angst, manchmal wirklich verrückt zu werden“, auszuhalten? Zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben? Ganz einfach: Leena Lander kann gar nicht anders. „Ich bin vom Schreiben besessen. Das war ich schon als junges Mädchen. Lesen und Schreiben – das war meine Flucht aus der traurigen Situation, in der ich aufwuchs.“

Während der Zeit im Heim war ihr nur der nahe gelegene Friedhof als Zufluchtsstätte vor dem ganz alltäglichen Horror geblieben. Die Grabinschriften regten sie dazu an, Geschichten über die Toten zu erfinden. „Ich konnte schließlich nicht mehr davon lassen, Geschichten zu erfinden, die ich in meine Tagebücher schrieb. Bis ich 15 war.“ Da warf sie ihre Tagebücher nach einem Streit mit dem Vater weg. Der hatte keinen Sinn für ihre „Träumereien“ und forderte sie auf, „etwas Sinnvolles“ zu machen.

Das „unerzogene“ Mädchen „pflegt Umgang mit Toten und Steinen und Büchern, erlernt das Leben gleichsam vom falschen Ende her, vom Ende zum Anfang“, porträtierte die Lander Jahre später sich selbst (im Roman „Mag der Sturm kommen“). Nach dem Streit mit dem Vater schlug sie zunächst eine „sinnvolle“ Bahn ein, studierte Geschichte, jobbte dazwischen auf dem Friedhof ihrer Kindheit als Gärtnerin, heiratete.

Aber so einfach wird man eine Besessenheit nicht los. Oft sind es die eigenartigsten Auslöser, die eine Sucht wieder in Gang setzen. Ein Ehestreit etwa. Eigentlich wollte Landers Mann immer Schriftsteller werden. Als er wiederholt davon sprach, einen großen Roman zu schreiben, fuhr Leena ihn einmal an: „Wenn ich du wäre, würde ich weniger davon reden und mehr schreiben.“ Esas Antwort: „Dann mach’s doch du.“ Sie nahm ihn beim Wort.

Leena Lander - zweiter Titelbild-Entwurf für Magazin Weltbild Nr. 23, 1998

Nach sechs Romanen, die in früheren Jahrhunderten spielen, fand sie zur Gegenwart und zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Ihre Mutter überreichte ihr plötzlich die verloren geglaubten, aus dem Müll geretteten Tagebücher. Lander setzte sich noch einmal mit dem Alptraum ihrer Kindheit auseinander und verarbeitete ihn zu einem Roman: „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“., Auftakt einer Trilogie, die sie mit „Mag der Sturm kommen fortsetzte – der dritte Teil wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen.

Diese Romane freilich nur als autobiographische Vergangenheitsbewältigung zu sehen, hieße ihr ungeheuer breites Themenspektrum zu verleugnen. Dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte verknüpft Lander geschickt mit dunklen Kapiteln der Geschichte Finnlands – so den Kampf der halbfaschistischen Lapua-Bewegung gegen die Kommunisten oder die weithin geleugnete Existenz von Konzentrationslagern im Finnland der 30er Jahre. Von aktuellen Fragen wie der Atommüll-Lagerung oder dem hinter der schönen Fassade gar nicht so tollen Lebensgefühl der Finnen unter dem Ex-Präsident Kekkonen holt sie aus zu uralten Mythen und kreist dabei gleichzeitig um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Mann-Frau-Beziehungen, Schuld, Sühne und Tod. Das größte Kunststück innerhalb all dieser Komplexität: ihre stilistisch brillanten, durch inneren Monolog und ständige Perspektiven- und Zeitwechsel geprägten Romane, die durch die Aufklärung rätselhafter Mordfälle den Leser an einer detektivischen Recherche teilnehmen lassen, bleiben vom Anfang bis zum Ende spannende Thriller. „Ich möchte den Leser verführen“, nimmt sie sich bei jedem Buch vor. Und das ist ihr noch jedes Mal gelungen.

Enttäuscht werden höchstens die, die eine allzu simple Verführung erwarten. Leichte Kost schätzen. Eine deutsche Journalistin etwa, erzählt Lander schmunzelnd, habe sie kürzlich gefragt, warum es in ihren Büchern eigentlich kein Happy-End gebe. Womöglich hat sie die Lander mit einer jener Unterhaltungsautorinnen verwechselt, die Bestseller produzieren, aber keine Dichtung. Landers Romane jedenfalls sind ohne Zweifel Literatur in dem Sinne, in dem Franz Kafka – der wie Leena Lander zeitlebens an einem übermächtigen Vaterbild litt – Literatur definiert hat: „Ein gutes Buch“, schrieb er in seinen Tagebüchern, „muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Leena Landers Romane schlagen wie eine Axt ein in das Geflecht aus Bosheit, verrat, Lügen und überbordender Triebhaftigkeit, aber nicht im Sinn einer kafkaesken Ausweglosigkeit, sondern einer reinigenden Katharsis. Denn erst, wenn dieses Eis bricht, sind wir wieder fähig, das Licht nach dem langen Dunkel zu sehen. Und das ist doch irgendwie auch ein Happy-End.

© Stefan Teplan Media

John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

© Stefan Teplan

Saint-Exupéry – Victor Hugo der Lüfte

Stefan Teplan über Antoine Saint-Exupéry

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 25/1998)

Von zwei großen Leidenschaften war er besessen. Die eine kostete ihn das Leben. Die andere machte ihn unsterblich. Fliegen und Schreiben füllten das kurze, nur 44jährige und doch so unermesslich reiche Leben Antoine Saint-Exupérys vollkommen aus. Wobei wie Umberto Eco rätselt, es ungewiss ist, „ob Saint-Exupéry flog, um zu schreiben, oder schrieb, um zu fliegen.“ Eco löst das Rätsel nicht auf. Vielleicht hätte er den Schlüssel bei „Saint-Ex“, wie dessen Freunde ihn nannten, selbst suchen sollen. Der fliegende Dichter und dichtende Flieger ermahnte seine Leser immer wieder eindringlich, nicht auf das Äußere zu sehen, sondern hinter die Dinge – eine Sicht, die nicht zuletzt bei der Betrachtung seines eigenen Lebens und Werks angebracht ist. Das zeigt, von außen, Saint-Exupéry „nur“ als Schriftsteller und Piloten. Doch betrieb er weder das eine noch das andere als Selbstzweck. „Mir geht es nicht um die Sache der Fliegerei“, bekannte er einmal. „Für mich ist das Flugzeug kein Zweck, es ist ein Mittel. Mit dem Flugzeug verlässt man die Städte und ihre seelenlose Rechnerei und findet auf anderem Wege die bäuerliche Wahrheit wieder. Man lebt mit Winden, Sternen, Nacht und Sand, arbeitet als Mensch und sorgt sich als Mensch. Man misst sich mit den Kräften der Natur und wartet auf den neuen Tag wie der Gärtner aufs Frühjahr. Man ersehnt den Flughafen wie ein  gelobtes Land und sucht seine Wahrheit in den Sternen.“

Saint-Exupéry blieb zeitlebens ein Suchender. Fliegen war seine Form der Meditation, das Flugzeug sein Mittel auf dem Weg des Strebens nach Wahrheit. Das Schreiben war seine Form, die über den Wolken gewonnene Erkenntnis zu verbreiten – mit dem Ziel, das einzige Problem zu lösen, das er in der Welt sah: in einem seelenlosen, materiell orientierten Zeitalter „dem menschlichen Leben wieder einen geistigen Sinn zu geben.“

Während seiner Kindheit und Jugend wurde er früh dazu angetrieben, nach solchen Werten zu suchen. Saint-Exupéry – im Jahr 1900 in Lyon geboren – wuchs als drittes von fünf Kindern einer Adelsfamilie zunächst auf zwei Schlössern seiner Familie auf, ab seinem 14. Lebensjahr besuchte er diverse Jesuitenschulen und Internate. Sein Vater starb 1904, seine künstlerisch talentierte Mutter Marie, die malte und dichtete, erzog ihn ohne strenge Regeln, mit – wie sämtliche Biographien betonen – Herzenswärme. Auch weckte sie in ihm die Liebe zu Literatur und Musik. Eine andere, lebensentscheidende Liebe entdeckte Saint-Exupéry mit zwölf Jahren: Ein Pilot nahm ihn auf einen kurzen Flug mit; von da an fühlte sich der Junge als „Victor Hugo der Lüfte“ berufen. Gleich nach der Landung begann der Zwölfjährige zu dichten: „Die Flügel erbebten unter dem Atem des Abends/Die schlummernde Seele wiegte des Motors Gesang/Erblassend strich die Sonne an uns entlang.“

Dabei stellten die, die damals über sein Sprachtalent urteilten, den angehenden Schriftsteller nicht das beste Zeugnis aus: Saint-Exupéry galt als undisziplinierter Schüler und fiel 1919 bei der Aufnahmeprüfung zur Ècole Navale durch. Seine Stunde schlug, als er 1921 der französischen Luftwaffe beitrat, bei der er ab 1926 als Pilot die Linien Toulouse-Casablanca und Dakar-Casablanca übernahm. 1927 wurde er Postenchef des Flugplatzes Cap Juby in der spanischen Sahara, mitten im marokkanischen Aufstandsgebiet. Saint-Exupéry lernte Arabisch und gewann das Vertrauen der Beduinen, die ihm gestatteten, mit seinem Flugzeug in bis dahin unentdeckte Gebiete vorzudringen. „Nach und nach“, schreibt sein Biograph Frédéric d’Agay über diese Zeit, „verfällt der Saint-Exupéry der Wüste und ihrer Mystik. In seiner Klause und in den Zelten des Scheichs entwickelt er seinen Hang zur Ruhe, seine Neigung zum Schweigen, seine Fähigkeit zum Träumen.“ All diese Erfahrungen fließen in seinen ersten Roman ein (er rang sich die Stunden des Schreibens nachts vom Schlaf ab): „Südkurier“ erschien im Juli 1929 und wurde von der Kritik und von Schriftstellerkollegen wie André Gide begeistert aufgenommen. Sein zweites Buch „Nachtflug“ (1930) machte ihn berühmt: Saint-Exupéry verarbeitet darin seine Erlebnisse als Pilot und Luftpost-Direktor in Buenos Aires, wozu er 1928 berufen worden war. Das Buch, das Fragen nach Sinn des Lebens, Verantwortung und Pflicht thematisiert, erreichte innerhalb weniger Monate eine sechsstellige Auflage und wurde 1932 mit Clark Gable in der Hauptrolle verfilmt. 1935 stürzte Saint-Exupéry mit seinem Mechaniker Prévot über der lybischen Wüste ab. Wie durch ein Wunder überlebten die beiden, kämpften tagelang gegen Hunger, Hitze und Durst, entzündeten Signalfeuer, bis sie schließlich ein Araber fand und rettete. In dem Werk „Wind, Sand und Sterne“ (1939) kehrt diese Episode wieder, ein Buch, für das Saint-Exupéry mit dem Großen Preis der Académie Francaise geehrt und das in den USA zum „Book Of The Month“ gekürt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs emigrierte Saint-Exupéry in die USA. Dort entstanden sein Buch „Flug nach Arras“ und das weise Märchen für Erwachsene, dessen Erfolg noch heute seinen Weltruhm begründet: die mittlerweile in 50 Sprachen übersetzte Parabel „Der kleine Prinz.“

© Stefan Teplan

Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998

 

Michael Walsh – Casablanca mon amour

Mit seinem Roman „Für immer Casablanca“ schreibt US-Autor Michael Walsh die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts fort. Kann die Geschichte um Rick und Ilsa aus dem Hollywood-Melodram „Casablanca“, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, überzeugend weitergehen? „Wie lange dauert eine große Liebe?“ (Slogan des Schneekluth-Verlags für den Buchstart). Stefan Teplan ging der Frage auf den Grund und sprach mit Michael Walsh auf dessen Feriensitz in Irland.

Wie lange dauert eine große Liebe? Sechs Jahre – bis zum verflixten siebten? 50 Jahre – bis zur goldenen Hochzeit? Ein Leben lang – bis der Tod sie scheidet? Natürlich lebt sie ewig. Warum? Weil sie auch nicht einen Tag nur eine Chance erhält. Die größten Liebesgeschichten sind immer noch die, in denen sich die Verliebten nie kriegen. Geschichten, die ein Happy-End verbieten, weil ihre Endstation Sehnsucht und nicht Erfüllung heißt. Eine große Liebe muss tragisch sein. Unmöglich, dass sie in der Banalität einer alltäglichen Beziehung endet. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Julia je von Romeo zur Schnecke gemacht wird, weil sie wieder einmal Marmelade auf den Küchenboden gekleckert hat?

Herz, das wusste schon Shakespeare, reimt sich auf Schmerz. Das wussten auch die Schreiber der größten Love-Story unseres Jahrhunderts, des Evergreen-Melodrams um Rick und Ilsa in dem Leinwandopus, das seit 56 Jahren – trotz Spielberg, trotz Redford, ja Spielberg und Redford zum Trotz – die Hitliste der größten Kinofilme aller Zeiten anführt: Casablanca! Ein Name, der längst für mehr steht als für eine Stadt in Marokko oder einen Film aus Hollywood, ein Begriff, der zu einem Synonym für Sehnsucht und unerfüllte Liebe geworden ist.

Über das Geheimnis seines magischen Charmes wurde schon viel gerätselt. Die plausibelste Lösung kommt von einem, der es wissen muss, schließlich war er dabei: Leonid Kinskey. Kein Begriff? Als Kinskey vielleicht nicht, doch als Sascha kennt ihn jeder: Er spielte den Barkeeper in Casablancas berühmtem „Rick’s Café Americain“ Seine Version des Erfolgsrezepts: Der unwiderstehliche Reiz des Films bestehe darin, dass „Rick und Ilsa genau wissen, dass sie sich am Ende nicht bekommen werden! Schlimmer noch, dass sie sich nie wiedersehen werden!“

Das alles haben wir jahrzehntelang brav geglaubt. Dass eine große Liebe kurz sein muss, um lange zu dauern. Doch Gott sei Dank hat sich Kinskey geirrt. Rick und Ilsa sehen sich wieder! Casablanca geht weiter! Zunächst als Roman, bald aber mit Sicherheit auch als Film. US-Autor Michael Walsh sorgte mit seinem 416-Seiten-Buch „Für immer Casablanca“ (Schneekluth Verlag, 44 Mark) –es erscheint soeben in 15 Ländern mit einer Startauflage von insgesamt einer Million – für die Sensation des Herbstes auf dem Medienmarkt. Walsh ist nicht der erste, der sich an einer Fortsetzung des Traumfabrik-Stoffs versucht hat. Aber er ist der erste, dem dies überzeugend gelungen ist.

Alle Bedenken, einen Mythos zu zerstören, räumt er selbstbewusst aus. „was Kinskey erzählt hat, mag für 1941 (als Casablanca gedreht wurde – Anm. des Autors) gegolten haben“, erzählt er. „Aber jetzt haben wir 1998. Da sieht vieles eben anders aus.“

Wie Wals das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hat, erscheint so simpel und klar, dass man sich wundern muss, wieso nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. „Ich bin diese Geschichte einfach ganz logisch angegangen. Es ist ja im Film schon so vieles fertig vorgegeben, was man nur konsequent weiter entwickeln muss. Ich musste keine Charaktere mehr erfinden, ich wusste, wer und wie Rick und Ilsa und Viktor Laszlo sind, wie sie aussehen, wie sie handeln, in welche Zeit sie gestellt waren. Also musste ich die Handlung nur in die historische Situation einbetten.“

Die historische Situation bildet den Auftakt zum Buch: „7. Dezember 1941… Krieg! Von der Sahara bis zu den Steppen Zentralasiens steht Europa in Flammen! … Das leidende Europa blickt gen Himmel und hat nur eine Frage auf den Lippen: Kann irgendjemand die Deutschen aufhalten?“

Das liest sich zunächst nicht gerade nach der Fortsetzung der Liebesgeschichte des Jahrhunderts. Aber schließlich ist Casablanca noch etwas mehr als das. „Es ist“, so Walsh, „ebenso ein Thriller mit nicht allzu viel Action, ein Kriegsdrama mit Nazis, Spionen, Transitvisa und all dem.“

Die Fortsetzung hält sich auch darin an die Vorlage: Sie ist faszinierende Love-Story und atemberaubender Polit-Thriller in einem. Ilsas Ehemann Viktor Laszlo ist Als tschechischer Widerstandskämpfer eine der meistgesuchten Männer des Dritten Reichs. Er flieht – Schluss-Szene Casablanca – mit Ilsa nach Lissabon. Von dort – Fortsetzung Walsh – hetzt er weiter nach London , um mit Ilsa einen Auftrag zu erfüllen, der „gefährlicher ist als alles, was ich jemals gemacht habe.“ Er wird einer der Drahtzieher in einem entscheidenden Attentat des Dritten Reichs. Gleichzeitig ist auch Ricks Zeit in Casablanca abgelaufen. Seine Flucht ist allerdings weniger politisch motiviert: Er will, er muss Ilsa nachreisen.

Wo wird er ihr wieder in die Augen sehen.? In Lissabon, in London, in Prag? In Paris, wo ihre große Liebe begann? Die Erleuchtung kam Michael Walsh kurioserweise nicht, während er am heimischen Schreibtisch brütete, sondern – auf einem Parkplatz. „Ich wartete dort vor einem Supermarkt auf meine Frau. Plötzlich hatte ich den Geistesblitz, wusste genau, wer Rick war, warum er nicht in dien USA zurück konnte, und wie es mit ihm weitergehen musste. Wie gesagt, gibt es in dem Film genügend Hinweise auf eine mögliche Fortsetzung. Ich musste das alles nur wie ein Puzzle zusammen setzen. Casablanca spielt am Vorabend des Angriffs der Japaner auf Pearl Harbour. Und es symbolisiert auch den Eintritt der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg, dass Rick in meinem Buch in das Kriegsgeschehen verwickelt wird. Er konnte nicht immer in Casablanca sitzen.“

So wie Walsh nicht sein Leben lang in Redaktionsstuben sitzen wollte. Der Journalist – er schreibt seit 1981 für das US-Magazin TIME – fasste vor drei Jahren einen Entschluss: „Ich wollte als Schriftsteller leben. Als ich 45 wurde, dachte ich mir: Wenn du jetzt nicht damit anfängst, wird das nie etwas. Ich schrieb dann meinen ersten Roman, den Spionage-Thriller ‚Exchange Alley‘. „ Der fand zwar beim Publikum nicht allzu große Aufmerksamkeit, dafür aber bei Lektoren des Verlags Warner Books. Das Tochterunternehmen des Filmimperiums Warner Bros. Suchte gerade einen Autor für eine Fortsetzung von Casablanca. Walsh konnte ihnen genau das liefern, was sie wollten.

Warner Books und Warner Bros. Haben schon vor sieben Jahren einen modernen Klassiker recycelt: „Scarlett“, die Fortsetzung des Bestsellers „Vom Winde verweht“., geht auf ihr Konto. Der Film wurde ein Flop, die Kritik nicht müde, über das Sakrileg zu wettern, sich an einem Klassiker zu vergreifen. Packt da Walsh nicht die Angst, es könnte ihm ähnlich gehen? Er bleib t gelassen: „Der Film wurde ein Flop, das Buch ein Verkaufsschlager. Die Autorin Alexandra Ripley verdiente damit fünf Millionen Dollar. Einen solchen ‚Flop‘ würde ich auch gerne landen.“

Die Zeichen stehen auf Erfolg. Während das Geschäft mit dem Buch in den USA relativ bescheiden anläuft, meldet der Schneekluth Verlag, der für die deutschen rechte rund eine Million Mark bezahlte, einen neuen Rekord: Schon vor dem Buchstart (Erstauflage 150.000) gingen 170.000 Vorbestellungen ein. Eine Resonanz, wie man sie selten in der Geschichte des deutschen Buchmarkts erlebt hat – nicht zuletzt danke einer ausgetüftelten Werbekampagne des Verlags, der seit Monaten Appetit auf eine Fortsetzung gemacht hatte, unter anderem mit dem Plakat-Slogan „Wie lange dauert eine große Liebe?“

Schon schreibt Walsh an seinem dritten Roman, über einen berühmten Gangster der Unterwelt-Geschichte. Wie auch immer sie ausgeht, ein Happy-End steht bombensicher fest: die große Liebe zwischen Walsh und seinen Verlegern.

Copyright ©: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung: Magazin WELTBILD Nr. 21, 1998