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Carmen Rohrbach – Eine Frau für jedes Abenteuer

Carmen Rohrbach kennt die  halbe Welt. Doch sie ist nie als Touristin unterwegs. Viele Länder durchquert sie zu Fuß und ganz allein. Und immer ist sie auf der Suche nach Herausforderungen. Stefan Teplan, selbst begeisterter Abenteurer und Trekking-Reisender, besuchte die Globetrotterin bei einem ihrer raren Aufenthalte in ihrer Wohnung im bayerischen Hofstetten – dort wo sie ausnahmsweise mal nicht unter freiem Himmel nächtigt.

(Erstveröffentlichung: Magazin WELTBILD Nr. 15/2000)

Mit 15 Jahren büxte sie eines Abends aus. Als Carmen Rohrbach erst zum Frühstück wieder zu Hause auftauchte, hatten ihre Eltern bereits wildeste Spekulationen angestellt, wo das pubertäre Gör wohl die Nacht verbracht haben könnte. Die Beichte des Mädchens trug auch nicht gerade zur Beruhigung der Eltern bei, eher fühlten sie sich auf den Arm genommen. „Ich habe“, bekannte Carmen, „allein im Wald geschlafen.“

So unglaubwürdig es für Mutter und Vater Rohrbach auch klingen musste – die 15-Jährige hatte tatsächlich keine heiße Nacht mit einem ersten Liebhaber verbracht, sondern allein im Dickicht einem kalten Morgen entgegengefröstelt, an dem der Tag feucht durch die Kleidung drang. Carmen selbst freilich fand das ganz heiß.

Abgekühlt hat sie sich immer noch nicht. 35 Jahre sind seit ihrem ersten Abenteuer vergangen, doch mit 50 wie mit 15 zieht Carmen ein Bett im Kornfeld, im Wüstensand oder auf Felsgestein jeder Luxusliege vor und ist in der Natur lieber mutterseelenallein als „selbst mit dem nettesten sympathischsten Menschen“ zusammen. Bis heute hat sie mehr freie Nächte unter freiem Himmel verbracht als in den vier Wänden einer Wohnung oder eines Hotels.

Der erste nächtliche Ausflug zu Jugendzeiten war der Auftakt zu einem Leben, bei dem ungewöhnliche Abenteuer die Regel und gewöhnlicher Alltag die Ausnahme sind. Zu Fuß und, in den meisten Fällen, allein durchquerte Carmen Rohrbach mittlerweile die halbe Welt. Von den Anden bis Zimbabwe, von den Philippinen bis Feuerland, von den Tiefen des Atlantik bis zu den Gipfeln des Himalaya und des Kilimandscharo – wo immer das Abenteuer lockt, ist Carmen Rohrbach nicht mehr zu halten.

Zu halten war sie noch nie, obwohl (oder weil?) sie in einem Staat aufwuchs, der genau dies versuchte und die denkbar ungünstigsten Bedingungen für ihren Freiheitsdrang bot: in der ehemaligen DDR. „Ich musste da raus. Denn seit meinem elften Lebensjahr war ich wie elektrisiert. Damals war dieser Film im Kino unserer Kleinstadt gelaufen; schwarze Reptilien, weißgischtige Brandungswellen, eine bizarre Lavaküste, rot glühende Vulkane: Galapagos. Mir war, als würde ich dorthin gerufen. Auf so etwas wie die Wiedervereinigung konnte ich nicht warten“, erzählt sie mir in ihrer Wohnung im bayerischen Hofstetten bei Landsberg, dem Ruhepunkt zwischen den 1000 Welten, in denen sie sich bewegt. „Nachdem alle Versuche, auf normalem Weg von der DDR aus exotische Länder und Völker kennen zu lernen, scheiterten, gab es für mich nur mehr eine Lösung: die Flucht.“

Ausriss aus dem Original-Artikel im Magazin WELTBILD, Nr. 15/2000.

Vorher hatte sie durchaus nach anderen Möglichkeiten gesucht. Carmen Rohrbach studierte Biologie und hoffte, im „sozialistischen Bruderland“ Kuba einen Forschungsauftrag zu bekommen. Als es weder damit klappte noch später mit einem Projekt-Auftrag für die Mongolei, für den sie sich ebenso beworben hatte, machte die inzwischen 25-Jährige, was sie schon mit 15 gemacht hatte: Sie büxte aus.

Diesmal nicht nur für eine Nacht. 36 Stunden schwamm sie sich in der Ostsee von Rostock aus in Richtung Schweden frei. Eine sportliche Rekordleistung. Die Hoheitsgewässer der DDR hatte sie bereits verlassen, als sie, am Ende ihrer Kräfte, von einem Schiff aufgelesen wurde. Unglücklicherweise war es ein ostdeutsches. Die Frau, die alle Grenzen der Erde überschreiten wollte, scheiterte an der ersten, der eigenen Landesgrenze: Carmen Rohrbach kam in der DDR ins Gefängnis. Zwei Jahre später durfte sie dann doch die Grenzen übertreten, diesmal ganz legal: Sie wurde von der Bundesrepublik freigekauft. Ihre erste Anlaufstation in der freien Welt war das bayerische Seewiesen. Noch nicht gerade die Galapagos-Inseln. Aber immerhin das Tor dazu. „In Seewiesen sitzt das Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung. Dort durfte ich zunächst meine Studien fortsetzen – und dann meinen Lebenstraum wahrmachen: Ich konnte für ein Jahr Forschungen auf Galapagos anstellen, der Inselwelt, für die mein Herz entbrannt war, seit ich als Elfjährige diesen Film darüber gesehen hatte. Mehrere Monate lang lebte ich wie Robinson Crusoe ganz allein auf einer Insel, zeitweise wurden mir Assistenten für die Beobachtung der Meerechsen zugeteilt. Einsam gefühlt habe ich mich dabei nie. In der Natur fühle ich mich nie allein. Eigentlich stört mich dort jeder andere Mensch.“

Das hat nichts mit Menschenhass zu tun. Carmen Rohrbach möchte vielmehr Natur  ganz pur erleben, staunen über unberührte Landschaften, Tier- und Pflanzenwelten. „Schon der Kommentar eines Mitreisenden, selbst wenn er durchaus qualifiziert ist, würde mich da stören. Nur wenn ich alleine bin, kann ich in die Natur richtig eintauchen, mich ihr ausgesetzt fühlen.“ Außerdem, so die Abenteuerin, sei ihre Art zu reisen so schnell niemandem zuzumuten. Wer könne schon über Monate in abgelegenster Wildnis das Zusammensein mit einer Frau ertragen, die Gefahren und Mühsalen nicht aus dem Weg geht,  sondern sie geradezu sucht? Carmen Rohrbach ist dafür allerdings auch bestens „ausgerüstet“: Sie kann tauchen, jagen, bergsteigen, felsklettern und hat Überlebenstrainings gemacht. „Beschwerlichkeit und Ungewissheit“, gibt sie zu, „genieße ich regelrecht. Alles, was andere bei einer Reise negativ empfinden, verschafft mir Wohlbehagen. Auch darum kann ich niemanden mitnehmen. Dann kann es auch kein Gemeckere geben. Es fällt mir zum Beispiel nicht schwer, das Essen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, wenn die Vorräte knapp werden. Anderen schon. Allein kann ich es eben besser.“ Das weiß Carmen spätestens seit 1978. Damals nämlich zog sie allein fünf Wochen lang durch die Highlands von Schottland, bewusst sparsam ausgerüstet. Die Schottlandreise sieht sie für sich als den Durchbruch, denn danach war ihr endgültig klar: „Ich komme mit primitivster Ausrüstung, wenig Nahrungsvorräten und mit der Einsamkeit bestens zurecht.“

Dennoch besteht Carmen Rohrbachs Reisegesellschaft nicht nur aus Seelöwen – wie auf Galapagos, als die zahm gewordenen Meerestiere sich mit ihr den Platz unter der Sonnenplane teilten – oder Wesen wie Al Wasim, dem Dromedar, mit dem sie durch das zerklüftete Bergland Jemens zog. Sie interessiert sich unterwegs durchaus auch für Menschen. Naturvölkern bringt sie das gleiche Forscherinteresse entgegen wie der Flora und Fauna. Wenn die Biologin bei solchen Begegnungen zur Anthropologin wird, nimmt sie die Gewohnheiten und den Rhythmus der ursprünglich lebenden Menschen an, so wie sich dem Rhythmus und den Bedingungen der Natur fügt. Als sie auf einer Insel im Südpazifik vor Eingeborenen gewarnt wurde, die noch bis vor kurzem als Kopfjäger galten, reizte sie das erst recht. Sie suchte die „Wilden“ und lebte mit ihnen wochenlang zusammen, als würde sie seit Jahren zum Stamm gehören. „Mit den barfuß durch den Dschungel laufenden Männern ging ich auf die Jagd, mit den Frauen verrichtete ich schwere Feldarbeit.“

Nach so viel Exotik machte sie sich vor einiger Zeit auf eine Safari in ihrer Heimat: Sie wanderte entlang der Isar von der Quelle bis zur Mündung, schlief dabei selbstverständlich im Freien und lebte auch sonst wie in der Wildnis.

Kennt Carmen Rohrbach überhaupt Angst? „Angst ja, Panik nein. Aber ich habe, so unglaublich es klingt, trotz meiner vielen Reisen noch nie richtig Angst machende, negative Situationen erlebt.“ Einmal, ja, in den Anden, da war etwas. In einem Eukalyptuswald in Ecuador stürmten plötzlich zwei maskierte Männer mit langen Messern auf sie zu. Geistesgegenwärtig tut Carmen Rohrbach so, als wären Freunde von ihr nicht weit. „Alfredo, Ricardo, ayudame – helft mir!“, schreit sie laut. Einer der Männer entreißt ihr schnell die Fototasche und verschwindet mit seinem Komplizen im Wald. „Das war ärgerlich. Aber es hätte schlimmer kommen können“, meint Carmen lakonisch. Abgeschreckt hat sie dieses Erlebnis nicht. Doch was sie immer wieder antreibt, kann sie selbst nicht genau sagen: „Ich kann mich in diese Vorstellungen von anderen Leuten hier schlecht hineinversetzen, weil ich nie wie sie gelebt habe. So lange allein zu sein, der Natur ausgesetzt zu sein, mag für andere Menschen beängstigend wirken, für mich ist es normal. Ich weiß nur, dass diese abenteuerliche Veranlagung schon als Kind in mir gesteckt hat und ich mir nie ein anderes Leben hätte vorstellen können. Wenn ich nicht aus der DDR rausgekommen wäre, hätte ich das nicht überlebt. Deswegen konnte ich ruhig auch mein Leben riskieren, um die Flucht zu wagen. Ich dachte mir: Entweder stirbst du – oder du gewinnst ein neues Leben.“

Das Leben, das sie gewonnen hat, lässt vielleicht viele neidisch werden, die tagaus, tagein hinter Bürowänden ihren allenfalls 30 Urlaubstagen entgegenarbeiten. Allerdings hat auch der Lebensstil Carmen Rohrbachs einen Preis, den nicht jeder zahlen würde. „UM meine Träume leben zu können, habe ich es von Anfang an in Kauf genommen, auf das zu verzichten, was für viele Menschen oberstes Lebensziel ist: finanzielle Sicherheit und eine Familie. Dazu war und bin ich bereit und habe es noch nie auch nur eine Sekunde bereut. Unterwegs auf meinem Lebensweg möchte ich Menschen begegnen, aber ich kann niemandem folgen und will keinem erlauben, mir zu folgen. Auf meinen Reisen komme ich immer mehr auch mir selbst auf die Spur. Entdecke meine tiefe Geborgenheit im Leben, jenseits von Versicherungen und so genannten finanziellen Sicherheiten. Das ist wirkliche Freiheit.“

Ein paar Monate im Jahr muss freilich auch die Frau, die das Abenteuer in der Ferne sucht, zu Hause arbeiten. Jede neue Tour nämlich finanziert sie mit der vorhergehenden. Dann sitzt sie in ihrem Arbeitszimmer in Hofstetten, um Reisebücher und Reportagen zu schreiben. Außerdem präsentiert sie öffentlich ihre Dias und Filme und hält Vorträge, zuletzt über ihre Jemen-Reise, bei der sie auf Karawanenwegen das Reich der Königin von Saba durchquerte. Wenn Carmen zu Hause wohnt und arbeitet, wird ihr bewusst, dass sie sich „als Grenzgängerin in beiden Welten“ eigentlich ganz wohl fühlt. „Ich mag den Kontrast, genieße die vielen Vorteile wie etwa den Luxus, plötzlich warmes Wasser zu haben, aus Büchern und Zeitschriften unheimlich viele Informationen zu bekommen, beim Kochen nicht erst umständlich Holz zu sammeln und ein Feuer entzünden zu müssen.“

Länger als ein paar Monate hält die Freude an solchem Luxus allerdings nie an: „Trotz allem nicht. Mir fällt es einfach leichter wegzufahren als wieder anzukommen.“

© Stefan Teplan

Das große Leben des kleinen Mannes

Stefan Teplan porträtiert  Heinz Rühmann zu dessen 90. Geburtstag

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 6, 1992)

Lange genug hat Heinz Rühmann der Öffentlichkeit ihren Tribut gezollt, war – von seinem ersten Spielfilm 1926 bis zu seinem 102. (!) 1976 – für Millionen, für drei Generationen, ein Wegbegleiter, ein Tröster, Mahner und glänzender Unterhalter. Wenn er sich zu seinem 90. Geburtstag von den zahllosen Fans, die ihn verehren, und den Journalisten, die ihn bedrängen, noch etwas wünscht, dann, dass sie beherzigen, was der chinesische Dichter Meng Hsiä so schön schrieb: „Wenn einer alt geworden ist und das seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie niemandes Wohnung.“

Seit elf Jahren lebt Rühmann zurückgezogen in seinem Haus am Starnberger See, um dessentwillen er seine Villa im lauten München verließ, gibt kaum noch Interviews, verlässt nur gelegentlich seine Zuflucht, um in Kirchen Weihnachtsgeschichten des flämischen Dichters Felix Timmermanns oder aus dem Lukas-Evangelium zu lesen.

Ganz still, in kleinem Rahmen, beging der Star auch seine letzten Geburtstage. „Nur der 90. Wird wieder gefeiert“, kündigte er vor Jahren an. Und er hält Wort. Für seine Verehrer steht er am 7. März noch einmal dort, wohin es ihn schon lange nicht mehr zieht: im Rampenlicht. Sein Freund, Filmproduzent Prof. Gyula Trebitsch, organisiert für das DF in den Münchner Kammerspielen eine große Geburtstagsgala. Freunde und Bekannte aus dem Show-Business kommen, um einen Mann zu ehren, der zu Lebzeiten zur Filmlegende geworden ist. „Das war’s“, betitelte er seine vor zehn Jahren erschienenen Memoiren. As war’s freilich nur für den öffentlichen Rühmann. Der Privatmann genießt es seitdem, sich seinen Hobbys, dem Golf, der Jagd, der Literatur und der Musik zu widmen oder einfach sinnierend am Seerosenteich in seinem Garten zu sitzen. Sein liebstes Steckenpferd, das Fliegen, gab er erst vor wenigen Jahren auf. Noch mit 80 saß er selbst am Steuerknüppel seiner Sportmaschine.

Vor drei Jahren wagte er sich für die „Showgeschichten“ von TV-Moderator Gerhard Schmitt-Thiel wieder einmal vor eine Kamera, eröffnete das Gespräch aber gleich: „Ich stand 60 Jahre auf der Bühne, habe 50 Jahre lang Filme gemacht und zwei Bücher geschrieben – was kann ich da noch erzählen?“

Über ihn gäbe es natürlich einen ganzen Roman zu erzählen. Der große Schauspieler hätte eigentlich, wie sein Vater und Großvater, Hotelier werden sollen. Ihn aber zieht es zum Theater. Dass er Talent für die Bühne hat, zeigt sich schon zu seinen Schulzeiten. Mehr als 20 Jahre, bevor er in er „Feuerzangenbowle“ (1944) Lehrer veräppelt, gibt er als junger Pennäler eine Kostprobe seines Könnens und imitiert vor johlenden Klassenkameraden täuschend echt einen seiner „Pauker“.

Ein Jahr vor den Abiturprüfungen verlässt er das Gymnasium, meldet sich bei Regisseur Fritz Basil als Schauspielschüler an. Für 80 Mark Tagesgage spielt er erstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ernste Rollen, klassische Rollen. 1926 steht er für seinen ersten, ebenfalls ernsten, Film vor der Kamera: „Das deutsche Mutterherz“. Dass sein Talent in der Komik liegt, erkennt er erst Jahre später. Mit „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) beginnt der kometenhafte Aufstieg des größten Komikers der deutschen Filmgeschichte.

Rühmann selbst kann es nicht hören, dass man über seine Filme nur lacht. „Komik“, sagt er, „braucht Tragik als Hintergrund.“ Seine Komik ist eine tiefsinnige, entspringt einer weisen, heiteren Überlegenheit über die Härten des Lebens, einer Schlitzohrigkeit, die man sich oft erst durch bittere Lebenserfahrung erkämpfen muss. Der melancholische Clown, der Pfiffikus, der mit Witz Schicksalschläge meistert, der kleine Mann, er allen Widrigkeiten trotzt, werden zu typischen „Rühmann-Rollen“.

Nach den „Drei von der Tankstelle“ (mit Willy Fritsch) geht es steil aufwärts. „Bomben auf Monte Carlo“ (mit Hans Albers), „13 Stühle“ (mit Hans Moser), „Quax der Bruchpilot“ und „Die Feuerzangenbowle“ (beide mit Karin Himboldt) werden zu Klassikern.

Trotz allen Erfolgs –es geht Rühmann im Leben nicht anders als in seinen Filmen. Die Sonnenseiten werden immer wieder von düsteren Ereignissen überschattet. Er heiratet die Jüdin Maria Bernheim. Bald besteht die Ehe nur mehr auf dem Papier. Die Nationalsozialisten drängen ihn zur Scheidung. Auf Rühmanns Intervention bei Göring gelingt seiner Frau die Aussiedlung nach Schweden. Rühmann heiratet wieder. Am 1. Juli 1939 tritt er mit seiner Filmpartnerin Hertha Feiler vor den Traualtar. Zwei Monate später bricht der Weltkrieg aus. Dann muss er um Hertha bangen: Die Nationalsozialisten haben herausgefunden, dass sie Vierteljüdin ist. Einflussreiche setzen sich schließlich mit Erfolg bei Goebbels für sie ein.

Angepasst hat Rühmann, trotz aller Beziehungen, während des Dritten Reichs nie gelebt; er weigerte sich hartnäckig, der NSDAP beizutreten, mit „Heil Hitler“ zu grüßen und kämpfte wie ein Löwe gegen das vom Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung verhängte Verbot der „Feuerzangenbowle“. Dass er während Hitlers Diktatur trotzdem zum großen Star wurde, hat er allein seinem schauspielerischen Genie zu verdanken – und der Tatsache, dass die Nationalsozialisten seine heiteren Filme als willkommene Ablenkung des Volkes vom Grauen ringsum betrachteten.

Nach Kriegsende kommen harte Zeiten auf Rühmann zu. Er steht zunächst nicht für Rollen zur Verfügung, sondern gründet, zusammen mit Produzent Alf Teich, eine eigene Filmfirma. Das Unternehmen geht pleite. Der große Star ist hochverschuldet. Bis heute hat er nicht vergessen, wie Leute, die ihn einst hofiert hatten, fallen ließen: „Vorbei die Zeit der Starpostkarten. Der Gerichtsvollzieher kam fast täglich. So genannte Freunde sahen über mich hinweg wie über den letzten Dreck.“ Sieben magere Jahre muss er durchstehen, bis seine Schulden getilgt sind. Er verdient sein Geld mit neuen Rollen – und feiert ein Riesen-Comeback. „Charleys Tante“, „Der Hauptmann von Köpenick“ (beide 1956), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) lassen ihn in neuem Glanz erstrahlen. Der Filmheld er 30er und 40er Jahre begeistert die Generation der 50er und 60er Jahre. Rühmann ist zeitlos, weil das, was er darstellt, zeitlos und absolut ehrlich gespielt ist. „Je älter ich wurde“, erinnert er sich, „desto lieber habe ich die Menschen am Rande unserer Gesellschaftsordnung dargestellt. Wahrscheinlich, weil ich mit deren Schicksal meine bitteren, aber auch guten Erfahrungen besser ausdrücken kann.“

Es gab noch viele bittere und viele gute Erfahrungen in Rühmanns Leben – bis heute. Tief getroffen hat ihn der Tod seiner Frau 1970 und der zeitweise Bruch mit seinem Sohn Peter, der die dritte Frau seines Vaters (1974 heiratete Heinz Rühmann die Ex-Verlegersgattin Hertha Droemer) lange nicht akzeptieren wollte. Trotz aller Schicksalsschläge und Missstimmungen – heute bekennt Heinz Rühmann: „Ich bin dem leben dankbar.“ Und zeiht, ganz de Meister der leisen Töne, Bilanz: „Ich glaube, ein Schauspielerleben ist das immerwährende Ringen um Einfachheit. Wahrscheinlich ist es das, was man unter dem Wort ,Demut‘ zu verstehen hat.“

© Stefan Teplan Media

Nordlicht

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998)

Aufmacher-Seite zur Home-Story von Stefan Teplan über Leena Lander - Ausriss aus Weltbild Nr. 23, 1998

Die finnische Star-Autorin Leena Lander zieht mehr und mehr Leser in ihren Bann. Spätestens seit ihren Romanen „Mag der Sturm kommen und „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Gegenwartsliteratur. Stefan Teplan besuchte Leena Lander in ihrem Landhaus in Finnland und sprach mit ihr über Licht und Dunkel, Leiden und Schreiben.

Leena Lander - Titelbild-Entwurf zu Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

„Ein aufgehender Stern am Literaturhimmel“, rühmte der Norddeutsche Rundfunk. Eine Schriftstellerin mit erstaunlichem Geschick, „von einer Erzählebene auf die andere zu wechseln“, bewunderte die Süddeutsche Zeitung. Eine Dichterin, deren Werk „wunderbar komponiert“ ist, schwärmte die italienische Lire. Lobeshymnen überall für Leena Lander, vielfach preisgekrönte, in 13 Sprachen übersetzte Star-Autorin aus Finnland.

Spätestens seit ihrem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenem Roman „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ ist sie auch hierzulande vom Geheimtipp zur festen Größe der europäischen Gegenwartsliteratur avanciert. Hollywood hat die filmrechte für diesen Roman gekauft, ein weiterer („Mag der Sturm kommen“) soll demnächst in Skandinavien für das Kino produziert werden.

Leena Lander ist der neueste Shooting-Star innerhalb des seit Jahren anhaltenden Skandinavien-Booms in der Bücherwelt. Ob der Norweger Jostein Gåarder mit „Sofies Welt“, der Däne Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Schwedin Marianne Fredriksson mit „Hannas Töchter“ – all diese Nordlichter zeigten, was heute gute Belletristik ausmacht: Sie ist unterhaltsam, ohne in Kitsch abzugleiten, spannend, ohne in einer Flut von Action-Szenen zu ertrinken, niveauvoll, ohne belehrend zu wirken, und sinnlich, ohne peinlich zu werden. Und noch ein Skandinavier, der Norweger Lars Saabye Christensen, der in seinem Roman „Yesterday“ den Mythos der 60er Jahre beschwört, nötigte der Zeit die höhnische Frage ab, „warum noch kein deutscher Autor solch einen hervorragenden Roman über diese Zeit geschrieben naht.“

Die Antwort weiß nur der Wind. Einfacher ist da die Erklärung bei Leena Lander. Romane wie die ihren könnte ein deutscher Autor überhaupt nicht schreiben. Ihr Werk ist durch und durch finnisch, schöpft aus der Tradition und den Symbolen der alten finnischen Mythen, arbeitet die Geschichte des Landes – vor allem deren dunkle und bislang tabuisierte Seiten – auf und spiegelt, neben ihrer eigenen düsteren Kindheit, unvergleichlich treffend das Wesen der finnischen Seele wider. Jene unerträgliche Schwere des Seins, die die Menschen im Land der Lander überfällt, wenn das Licht schwindet und der nordische Winter hereinbricht wie eine lange, nicht endenwollende Nacht. Was die hohe Selbstmordrate – Finnland hält den traurigen Rekord in Europa – erklären mag. Dann andererseits jene exzessive Lebenslust, der sich die Menschen dort hingeben, wenn nach Monaten die Sonne wieder kommt, mit der sie sich in den kurzen Sommer stürzen wie in einen Rausch. Was wiederum ganz andere, nicht minder makabre „Rekorde“ erklärt. „Darin halten wir den Europarekord, im Morden aus Eifersucht“, schreibt Lander in ihrem Roman Mag der Sturm kommen“. In ihrem Landhaus, am Ortsrand eines Dorfes bei Turku, erzählt sie mir: „Besonders unter Alkoholeinfluss lassen viele Männer hier ihrer Eifersucht freien Lauf und verprügeln ihre Frauen. Oder töten sie gleich. Oder den Nebenbuhler.“ Oder auch nur den vermeintlichen.

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 22, 1998

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan

Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wie leicht so etwas gehen kann, hat sie im eigenen Verwandtenkreis bitter erfahren. „Mein Schwager wurde auf dem Heimweg in einem Park von einer Frau angesprochen. Sie wollte nur eine Auskunft. Ihrem stark angetrunkenen Begleiter ging das schon zu weit. Er schlug meinen Schwager zusammen, dann strangulierte er ihn mit einem Gürtel, bis er tot war.“

Ein weiterer Schock im Leben der Lander, das durch eine traumatische Kindheit ohnehin genug belastet ist. Eine Kindheit, die, wie sie überzeugt ist, sie erst zur Dichterin gemacht hat: „Sie werden keinen Schriftsteller mit einer normalen Kindheit finden.“ Nicht normal, das heißt im Fall von Leena Lander aufzuwachsen in einem Heim für kriminelle Jugendliche: Sie ist die zweite Tochter des strengen und übermächtigen Heimleiters. Unter der emotionalen Kälte ihres Vaters leidet sie ebenso wie unter dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören und immer Außenseiterin zu sein. Und die Erlebnisse ihrer Kindheit graben sich traumatisch in ihre Seele: mit anzusehen, wie zwei Jungen einen Neuling mit einem heißen Eisen malträtieren. Nachts die Schreie zu hören, wenn ungehorsame Zöglinge geschlagen werden. Zu erfahren, dass Jungs ausgebrochen sind und ein Mädchen vergewaltigt oder jemanden totgeschlagen haben. „Der Ort, an dem ich aufwuchs“, fasst Leena Lander zusammen, „War ein Ort des Schreckens. Es war ein sehr isolierter Platz. Wir erhielten keinen Besuch von der Außenwelt, und wir konnten nie raus.“

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem ehemaligen Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WLTBILD Nr. 23, 1998

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wer ihr persönlich begegnet, kann es nicht glauben, dieselbe Person vor sich zu haben, die eine so traurige Kindheit hinter sich hat und deren Bücher derart tiefe seelische Abgründe ausloten. Leena Lander ist charmant, schlagfertig, witzig, lebenslustig, unkompliziert. Alles andere als eine weltfremde Künstlerin, die vergeistigt in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Obwohl sie sich jeden Tag eisern in ihrer Arbeitsklause verbirgt und regelmäßig von 9.30 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags schreibt.  Aber anschließend zeigt sich ihre praktische Seite: Sie arbeitet im Garten (das sei, wie sie mir schelmisch mit einem englischen Wortspiel erklärt, ihr Wechsel vom „Avantgardener“ zum „gardener“). Die geht mit ihren Hunden Amanda und Santtu joggen. Sie macht Handwerksarbeiten (ihr Wohnhaus hat sie selbst getüncht, eine Garage für die Mopeds ihrer Söhne alleine gezimmert). Ja, und natürlich ist sie dann vor allem für ihre Familie da, ihren Mann, den Fernsehjournalisten Esa und ihre drei Söhne Joaa, Jirka und Jael, die am Spätnachmittag aus der Schule zurückkommen.

Woher sie die Kraft nimmt, die langen finnischen Winter hindurch die Einsamkeit zu ertragen? Sich in ihrer, wie sie es nennt, „Einzelhaft“ zu verbarrikadieren und Selbstgespräche mit ihren Romanfiguren zu führen? Die „Angst, manchmal wirklich verrückt zu werden“, auszuhalten? Zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben? Ganz einfach: Leena Lander kann gar nicht anders. „Ich bin vom Schreiben besessen. Das war ich schon als junges Mädchen. Lesen und Schreiben – das war meine Flucht aus der traurigen Situation, in der ich aufwuchs.“

Während der Zeit im Heim war ihr nur der nahe gelegene Friedhof als Zufluchtsstätte vor dem ganz alltäglichen Horror geblieben. Die Grabinschriften regten sie dazu an, Geschichten über die Toten zu erfinden. „Ich konnte schließlich nicht mehr davon lassen, Geschichten zu erfinden, die ich in meine Tagebücher schrieb. Bis ich 15 war.“ Da warf sie ihre Tagebücher nach einem Streit mit dem Vater weg. Der hatte keinen Sinn für ihre „Träumereien“ und forderte sie auf, „etwas Sinnvolles“ zu machen.

Das „unerzogene“ Mädchen „pflegt Umgang mit Toten und Steinen und Büchern, erlernt das Leben gleichsam vom falschen Ende her, vom Ende zum Anfang“, porträtierte die Lander Jahre später sich selbst (im Roman „Mag der Sturm kommen“). Nach dem Streit mit dem Vater schlug sie zunächst eine „sinnvolle“ Bahn ein, studierte Geschichte, jobbte dazwischen auf dem Friedhof ihrer Kindheit als Gärtnerin, heiratete.

Aber so einfach wird man eine Besessenheit nicht los. Oft sind es die eigenartigsten Auslöser, die eine Sucht wieder in Gang setzen. Ein Ehestreit etwa. Eigentlich wollte Landers Mann immer Schriftsteller werden. Als er wiederholt davon sprach, einen großen Roman zu schreiben, fuhr Leena ihn einmal an: „Wenn ich du wäre, würde ich weniger davon reden und mehr schreiben.“ Esas Antwort: „Dann mach’s doch du.“ Sie nahm ihn beim Wort.

Leena Lander - zweiter Titelbild-Entwurf für Magazin Weltbild Nr. 23, 1998

Nach sechs Romanen, die in früheren Jahrhunderten spielen, fand sie zur Gegenwart und zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Ihre Mutter überreichte ihr plötzlich die verloren geglaubten, aus dem Müll geretteten Tagebücher. Lander setzte sich noch einmal mit dem Alptraum ihrer Kindheit auseinander und verarbeitete ihn zu einem Roman: „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“., Auftakt einer Trilogie, die sie mit „Mag der Sturm kommen fortsetzte – der dritte Teil wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen.

Diese Romane freilich nur als autobiographische Vergangenheitsbewältigung zu sehen, hieße ihr ungeheuer breites Themenspektrum zu verleugnen. Dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte verknüpft Lander geschickt mit dunklen Kapiteln der Geschichte Finnlands – so den Kampf der halbfaschistischen Lapua-Bewegung gegen die Kommunisten oder die weithin geleugnete Existenz von Konzentrationslagern im Finnland der 30er Jahre. Von aktuellen Fragen wie der Atommüll-Lagerung oder dem hinter der schönen Fassade gar nicht so tollen Lebensgefühl der Finnen unter dem Ex-Präsident Kekkonen holt sie aus zu uralten Mythen und kreist dabei gleichzeitig um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Mann-Frau-Beziehungen, Schuld, Sühne und Tod. Das größte Kunststück innerhalb all dieser Komplexität: ihre stilistisch brillanten, durch inneren Monolog und ständige Perspektiven- und Zeitwechsel geprägten Romane, die durch die Aufklärung rätselhafter Mordfälle den Leser an einer detektivischen Recherche teilnehmen lassen, bleiben vom Anfang bis zum Ende spannende Thriller. „Ich möchte den Leser verführen“, nimmt sie sich bei jedem Buch vor. Und das ist ihr noch jedes Mal gelungen.

Enttäuscht werden höchstens die, die eine allzu simple Verführung erwarten. Leichte Kost schätzen. Eine deutsche Journalistin etwa, erzählt Lander schmunzelnd, habe sie kürzlich gefragt, warum es in ihren Büchern eigentlich kein Happy-End gebe. Womöglich hat sie die Lander mit einer jener Unterhaltungsautorinnen verwechselt, die Bestseller produzieren, aber keine Dichtung. Landers Romane jedenfalls sind ohne Zweifel Literatur in dem Sinne, in dem Franz Kafka – der wie Leena Lander zeitlebens an einem übermächtigen Vaterbild litt – Literatur definiert hat: „Ein gutes Buch“, schrieb er in seinen Tagebüchern, „muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Leena Landers Romane schlagen wie eine Axt ein in das Geflecht aus Bosheit, verrat, Lügen und überbordender Triebhaftigkeit, aber nicht im Sinn einer kafkaesken Ausweglosigkeit, sondern einer reinigenden Katharsis. Denn erst, wenn dieses Eis bricht, sind wir wieder fähig, das Licht nach dem langen Dunkel zu sehen. Und das ist doch irgendwie auch ein Happy-End.

© Stefan Teplan Media

BEKENNTNISSE – Nina Hagen mit Ernst-Faktor

Von Stefan Teplan

Nina Hagen 2010. Foto Stefan Teplan

Nina Hagen - bekennende Christin, Musikerin mit Spaß- , Autorin mit "Ernst"-Faktor. Foto Stefan Teplan

Ein Klassiker der christlichen Literatur findet einen Nachfolger unter gleichem Titel. Nach den „Bekenntnissen“ von Augustinus musste die Christenheit rund eineinhalb Jahrtausende warten, bis neue „Bekenntnisse“ den – wie bei Augustinus – langen, von zahlreichen Umwegen und Dornen gezeichneten Weg einer Seele zu Gott beschreiben: Die berühmte – wegen spektakulärer Auftritte in manchen TV-Shows ebenso berüchtigte – Sängerin Nina Hagen beschreibt ihren Weg von Ost nach West, vom DDR-Show-Sternchen zur BRD-  und US-Rock- und Punkröhre, zur Ufologin, Drogenkonsumentin, Sinnsuchenden in indischen Ashrams und anderswo zum christlichen dreifaltigen Gott, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist, in dessen Namen sie sich vor einem Jahr taufen ließ. „Unruhig ist das Herz, bis es ruhet in Gott“, schrieb Augustinus und dieser Satz könnte als Motto ebenso über Nina Hagens spirituellem Weg stehen.

Wer sich hier – wie von Nina Hagen gewohnt – Schrilles und Spektakuläres erwartet, wird, je nach Interpretation, bitter enttäuscht oder freudig überrascht. Nina Hagens „Bekenntnisse“ (Pattloch Verlag, 280 Seiten, 18.- Euro) sind ein Wort für Wort ehrliches, durch und durch authentisches, ernst zu nehmendes Buch, das jedem Christen empfohlen werden kann ebenso wie jedem, der Sinn suchend durch den Dschungel der Angebote der Religionen und esoterischen Richtungen irrt und nach der wirklichen Wahrheit sucht. Die ist eben nur in Gott zu finden und nur in dem einen und einzigen, der existiert. Nina Hagen räumt denn auch mit der polytheistischen Vielgötterei des Hinduismus auf, die sie in Indien erlebt hat.

Das Buch ist so geschrieben wie Nina Hagen spricht (da kann auch nur das von ihr selbst gesprochene Hörbuch ebenso nur wärmstens empfohlen werden), nichts anderes war zu erwarten: Nina Hagen ist immer echt und man spürt bei jedem Satz, dass sie stets hundertprozentig meint, was sie sagt.

Nina Hagen im Gespräch mit Stefan Teplan. Ausriss aus TELE-Welt Nr. 1, 1997, Verlag Weltbild

Der Autor, der zahlreiche Interviews mit Prominenten zu ihrem religiösen Weltbild und inneren Werte-System geführt hat (u.a. Cliff Richard, Paul Anka, Norman Mailer, Waris Dirie, Michael York), erinnert sich an ein Interview, das ihm auch Nina Hagen vor vierzehn Jahren zum Thema Religion und Ufos gab. Sie spielte damals eine Rolle im ARD-Krimi „Tatort“ mit dem Serientitel „Tod im All“, in dem TV-Kommissarin Ulrike Folkerts rätselt, ob ein Vermisster von Ufos entführt wurde. Damals schrieb der Autor – dem sie, ganz Missionarin, mit persönlicher Widmung ein Buch über Ufos schenkte mit der Bedingung, er müsse es „unbedingt lesen“ (was er brav tat) – für das (im Verlag WELTBILD herausgegebene) Magazin TELE-WELT:

Sie hat, erzählt sie Stefan Teplan von der TELE-WELT, „am Strand von Malibu schon selbst ein Ufo gesehen.“ Und weiß, dass es „gute und böse Außerirdische“ gibt. Da kann sie „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts bei der Täterjagd im All gleich zur Seite stehen. Nina Hagens Ufo, weiß sie, „war sicher kein böses, denn ich war unbeschreiblich glücklich bei der ganzen Sache.“ So einfach ist das zu unterscheiden. Die schrille Nina hat aber auch keine Angst vor den bösen: „Denn ich bin gläubige Christin, Buddhistin und Jüdin.“ Wie das alles zusammenpasst? „Gott ist überinternational.“ Und will, dass wir den Krieg unter uns abschaffen und uns auf die intergalaktische Reise vorbereiten.“ Alles klar, Frau Kommissar?  (Auszug aus Artikel des Magazins TELE-WELT Nr. 1, 1997).

Alles klar ist aber erst jetzt. Von den anderen Religionen distanziert sich Nina Hagen in ihren „Bekenntnissen“ und erkennt allein in Jesus Christus das allein seligmachende Heil. Eben: „Unruhig ist das Herz bis es ruhet in Gott.“

© Stefan Teplan Media

Christopher Reeve – Immer noch ich

Stefan Teplan über Christopher Reeves zweites Leben nach dessen tragischem Unfall

(Erstveröffentlichung als Titelstory des Magazins WELTBILD Nr. 2/1999)

Weltbild-Titel Nr. 2, 1999. Ausriss

Superman war er nicht nur im Film. Stand er nicht vor Kameras, so flog er als Held der Lüfte in alten Doppeldeckern aus dem Ersten Weltkrieg, unternahm Soloflüge über den Atlantik und Nordamerika, konnte drachenfliegen, segeln, sportreiten, tauchen – seiner Abenteuerlust und seinem sportlichen Ehrgeiz schienen keine Grenzen gesetzt. Und als hätte er geahnt, was ihm bevorsteht, schärfte er seiner Mutter Barbara ein: „Wenn ich einmal nicht mehr reiten, schwimmen oder segeln kann, dann ist das Leben für mich nicht mehr lebenswert. Wenn mir je so etwas passiert, dann lass mich abschalten und nicht an Schläuchen hängen.“

Am 27. Mai 1995 war es soweit. Superman Christopher Reeve brach sich das Genick. Bei einem Reitturnier in Culpeper im US-Staat Virginia stürzte er kopfüber von seinem Hengst Buck. Drei Minuten konnte er nicht mehr atmen. Nach vier Minuten wären ernsthafte Hirnschäden eingetreten. Doch von Glück im Unglück zu sprechen, wäre hier makaber, als zu schwer erwiesen sich die Verletzungen, die Reeve bei seinem Unfall erlitt.

Der erste und zweite Halswirbel waren gebrochen. Das hieß: Vom Hals an würde der Schauspieler lebenslang gelähmt bleiben, wahrscheinlich auch nie mehr ohne künstliche Geräte atmen können. Nie mehr reiten, nie mehr schwimmen oder segeln. Für Barbara Reeve war der Fall damit klar. Sie stürmte in das Krankenhaus und forderte, ihren Sohn augenblicklich von den ihn am Leben erhaltenden Schläuchen abzutrennen. Natürlich hörte niemand auf sie. Nach drei Tagen erwachte Reeve aus dem Koma – und wollte Selbstmord begehen. „Vielleicht“, sagte er zu seiner Frau Dana, „wäre es besser, mich gehen zu lassen?“ Unter Dänen brachte Dana hervor: „Ich werde dir zur Seite stehen, egal, was du tun willst, weil es dein Leben und deine Entscheidung ist. Aber  ich möchte, dass du weißt, dass ich bereit bin, den ganzen langen Weg mit dir zu gehen, komme, was wolle.“ Und sie fügte ihren Worten hinzu: „Du bist immer noch du und ich liebe dich.“ „Das war der Satz“, sollte Reeve später schreiben, „der mir das Leben rettete.“

Reeve erinnert sich an diese Szene in seiner Autobiographie „Immer noch ich“, die am 10. Februar in Deutschland erschien. Die Doppelbedeutung des Titels „Still Me“ kommt nur im englischen Original zum Tragen. Er greift, wie die deutsche Übersetzung, die Worte von Reeves Frau auf, heißt aber gleichzeitig auch: „Ich Bewegungsloser“. Als solcher führt Reeve seit jenem Unfall im Mai 1995 das, was er sein zweites Leben nennt. Fünfeinhalb Stunden vergehen jeden Tag allein damit, dass er für den Tag hergerichtet und abends wieder zu Bett gebracht werden kann. Zwei Pfleger müssen ihm beim Aufstehen helfen, zwei beim Zubettgehen. Ein Beatmungsschlauch führt zu einem künstlichen Schlitz in der Luftröhre. Sein Bett ist zugleich seine Toilette, der Stuhlgang muss künstlich eingeleitet werden. Dreimal pro Woche heben ihn Krankenschwestern mit Hilfe eines Tragriemens auf einen Spezialtisch, der von der Horizontalen bis fast zur Vertikalen gekippt werden kann. Ein Gurt über seiner Brust, auf der einst das scharlachrote „S“ für Superman prangte, hält ihn fest, ein weiterer Riemen ist über seine Hüfte gebunden, ein dritter umschließt seine leblosen Knie. Dann geht im Zeitlupentempo sein Kopf leicht nach oben, seine Füße berühren allmählich den Boden. Der Tisch neigt sich um zehn Grad, dann machen die Schwestern eine Pause. 20 Grad, nächste Pause. Den wachsenden Druck seiner 11o Kilo Körpergewicht auf seine zusammengebundenen Beine spürt der gelähmte Reeve nicht. Aber er spürt, je mehr er Tisch sich neigt, verstärkt den Sauerstoffmangel und Druck auf seine Lungen. Trotz des Beatmungsschlauchs schwitzt und keucht er, als der Tisch um 80 Grad gekippt wird. Querschnittsgelähmte müssen diese Prozedur nicht unbedingt auf sich nehmen; aber Reeve besteht darauf. Sie soll in Fällen wie dem seinen vor drohendem Muskelschwund und Osteoporose schützen.

Die Geschichte efolgte zum Buchstart von Reeves Buch "Still Me - Immer noch ich", das in WELTBILD vorabgedruckt wurde. Ausriss aus Weltbild Nr. 2, 1999

Dass er in solchen Momenten ein Bild tiefsten Elends abgibt, weiß Reeve selbst. Aber das ist es sicher nicht, was er mit „zweitem Leben“ meint. Das begann mit der Liebeserklärung seiner Frau an dem Krankenbett, das er bereits für sein Totenlager hielt. Der Erklärung, die ihm so viel Kraft verlieh, dass er – sämtlichen medizinischen Erkenntnissen zum Trotz – felsenfest behauptet: „Ich kann in ein paar Jahren wieder gehen.“ So in drei vielleicht, meint er. Spätestens aber in fünf. Mittlerweile hält ihn niemand mehr deswegen für verrückt. Denn Reeves unglaublicher Überlebenswille hat jetzt schon Berge versetzt.

Lähmungen durch ein gebrochenes Rückgrat galten bislang als irreparabel. Dass hier innerhalb weniger Jahre die Wissenschaft umdenkt, hat Reeve fast im Alleingang geschafft. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem nichts unmöglich ist“, verkündet er. Auch nicht das, was man bisher für unmöglich hielt. Dann hatte eben die Wissenschaft nur noch nicht die richtigen Mittel entdeckt. Vielleicht, weil ihr selbst Mittel fehlten? Reeve beschloss, ihr auf die Sprünge zu helfen.

Er sammelte Geld. „Wenn Sie viel für die Erforschung einer Krankheit ausgeben“, erklärt er, „werden Sie auch die Möglichkeit zu ihrer Heilung finden. Wissenschaftler wollen nicht im Verborgenen arbeiten und nicht unterbezahlt werden. Sie wollen Geld verdienen, sie wollen beachtet werden, vielleicht den Nobelpreis gewinnen.“ Mit einer schier unglaublichen Vitalität und unerschütterlichem Optimismus ging Reeve auf Missionsreisen, sammelte, seine Popularität nutzend, Spendengelder in Millionenhöhe, gründete das Reeve-Irvine-Forschungszentrum. An MEDIZINER UND Biologen in aller Welt appelliert er: „Dies ist eine Herausforderung, die ich mit der vergleiche, die John F. Kennedy an die Wissenschaftler gestellt hat, als er sie aufforderte, es möglich zu machen, dass bald ein Mensch auf dem Mond gehen kann.“

Weltbild-Artikel über Christopher Reeve. Ausriss aus Weltbild Nr. 2, 1999

Erster erfolg der Reeve-Mission: Im September 1996 fand der Schweizer Martin Schwab von der Universität Zürich einen Weg, Moleküle zu stoppen, die das Zentralnervensystem hemmen. Ihm wurde die Christopher-Reeve-Forschungsmedaille verliehen – dotiert mit einem Preisgeld von 50.000 Dollar. Dann gelang es schwedischen Wissenschaftlern bei Tierversuchen, durchtrennte Rückenmarkteile mit neuen Nervenbrücken zumindest teilweise zu regenerieren. In wenigen Jahren, hoffen sie, könne man diese Methode auch bei Menschen anwenden. Harlan Weinberg, einer der Ärzte, die Reeve behandeln, zeigt sich bereits vom Optimismus seines prominenten Patienten angesteckt: „Reeves Hoffnungen“, glaubt er, „sind nicht übertrieben. Die Rückenmark-Forschung ist einen großen Schritt weitergekommen.“

Prompt witzelte Schauspielerkollege Paul Newman bei einem Besuch Reeves: „Weißt di was? 1906 bekam ein Wissenschaftler den Nobelpreis für seinen ,Beweis‘, dass Rückenmarkgewebe sich nicht regenerieren kann. Wenn der noch am Leben wäre, müssten wir ihn finden und ihm den Preis wieder abnehmen.“

Leute wie Newman trifft Reeve noch laufend. Hollywood hat „Superman“ nicht abgeschrieben. Obwohl er mit nichts als seinem Gesicht spielen kann, war er in einer Neuverfilmung des Hitchcock-Thrillers „Das Fenster zum Hof“ im letzten Jahr wieder vor der Kamera – mit glänzenden Kritiken nach der TV-Erstausstrahlung im November 1998. Ein Jahr vorher gab er für den Fernsehfilm „In The Gloaming“ sein Debüt als Filmchef hinter der Kamera. Unter der Leitung des Regisseurs im Rollstuhl „arbeitetet jeder in der Crew übereifrig. Und nie kam jemand zu spät“, staunte Reeve. Seitdem gibt er Unternehmern einen entscheidenden Rat: „Setzt einen Menschen mit einer Behinderung ein in den Mittelpunkt eurer Belegschaft. Und eure Arbeiter werden sich weniger beschweren und noch viel produktiver sein. Stellt Menschen mit einer Behinderung ein! Sie motivieren den Rest eures Personals zu Höchstleistungen.“

Seit Christopher Reeve im Rollstuhl sitzt, verleiht der bekannte Mensch mit einer Behinderung den vielen unbekannten Leidensgenossen, denen er auch sein Buch gewidmet hat, eine Stimme: „Ich kämpfe unter anderem dafür, dass Krankenversicherungen di Deckungssumme bei Behinderungen erhöhen.“ Dass das Limit von einer Million Dollar zu niedrig ist weiß er aus eigener Erfahrung: Allein seine Behandlung kostet 350.000 Dollar pro Jahr. Außerdem wirbt er unermüdlich dafür, dass Menschen mit einer Behinderung realistisch in Filmrollen dargestellt werden. „Meistens sind sie im Fernsehen nur Kranke oder Böswichte“, klagte er kürzlich bei einem Vortrag in Toronto vor 6000 TV-Chefs aus aller Welt. „Wir brauchen ein paar Menschen mit einer Behinderung, die im Film eine Vorbildfunktion übernehmen.“ Er selbst sei nur einer von „49 Millionen Menschen mit einer Behinderung und einer Viertelmillion Querschnittsgelähmten auf der Welt. Wenn mein Unfall zu etwas gut war, dann dazu, dass ich mit den Wissenschaftlern in aller Welt an einer äußerst wichtigen Sache arbeite. Und das tue ich nicht für mich allein. Ich tue es für alle Menschen mit einer Behinderung auf der ganzen Erde.“

Aber er hat noch andere Gründe. Befragt nach seinem größten Wunsch äußert er spontan: „Ich möchte meine Frau Dana umarmen. Und meinen jüngsten Sohn Will Ich finde, darauf hat er ein Recht.“

Von Stefan Teplan alias Daniel Dopplan (s. dazu Erklärung im Kommentar)

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John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

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Saint-Exupéry – Victor Hugo der Lüfte

Stefan Teplan über Antoine Saint-Exupéry

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 25/1998)

Von zwei großen Leidenschaften war er besessen. Die eine kostete ihn das Leben. Die andere machte ihn unsterblich. Fliegen und Schreiben füllten das kurze, nur 44jährige und doch so unermesslich reiche Leben Antoine Saint-Exupérys vollkommen aus. Wobei wie Umberto Eco rätselt, es ungewiss ist, „ob Saint-Exupéry flog, um zu schreiben, oder schrieb, um zu fliegen.“ Eco löst das Rätsel nicht auf. Vielleicht hätte er den Schlüssel bei „Saint-Ex“, wie dessen Freunde ihn nannten, selbst suchen sollen. Der fliegende Dichter und dichtende Flieger ermahnte seine Leser immer wieder eindringlich, nicht auf das Äußere zu sehen, sondern hinter die Dinge – eine Sicht, die nicht zuletzt bei der Betrachtung seines eigenen Lebens und Werks angebracht ist. Das zeigt, von außen, Saint-Exupéry „nur“ als Schriftsteller und Piloten. Doch betrieb er weder das eine noch das andere als Selbstzweck. „Mir geht es nicht um die Sache der Fliegerei“, bekannte er einmal. „Für mich ist das Flugzeug kein Zweck, es ist ein Mittel. Mit dem Flugzeug verlässt man die Städte und ihre seelenlose Rechnerei und findet auf anderem Wege die bäuerliche Wahrheit wieder. Man lebt mit Winden, Sternen, Nacht und Sand, arbeitet als Mensch und sorgt sich als Mensch. Man misst sich mit den Kräften der Natur und wartet auf den neuen Tag wie der Gärtner aufs Frühjahr. Man ersehnt den Flughafen wie ein  gelobtes Land und sucht seine Wahrheit in den Sternen.“

Saint-Exupéry blieb zeitlebens ein Suchender. Fliegen war seine Form der Meditation, das Flugzeug sein Mittel auf dem Weg des Strebens nach Wahrheit. Das Schreiben war seine Form, die über den Wolken gewonnene Erkenntnis zu verbreiten – mit dem Ziel, das einzige Problem zu lösen, das er in der Welt sah: in einem seelenlosen, materiell orientierten Zeitalter „dem menschlichen Leben wieder einen geistigen Sinn zu geben.“

Während seiner Kindheit und Jugend wurde er früh dazu angetrieben, nach solchen Werten zu suchen. Saint-Exupéry – im Jahr 1900 in Lyon geboren – wuchs als drittes von fünf Kindern einer Adelsfamilie zunächst auf zwei Schlössern seiner Familie auf, ab seinem 14. Lebensjahr besuchte er diverse Jesuitenschulen und Internate. Sein Vater starb 1904, seine künstlerisch talentierte Mutter Marie, die malte und dichtete, erzog ihn ohne strenge Regeln, mit – wie sämtliche Biographien betonen – Herzenswärme. Auch weckte sie in ihm die Liebe zu Literatur und Musik. Eine andere, lebensentscheidende Liebe entdeckte Saint-Exupéry mit zwölf Jahren: Ein Pilot nahm ihn auf einen kurzen Flug mit; von da an fühlte sich der Junge als „Victor Hugo der Lüfte“ berufen. Gleich nach der Landung begann der Zwölfjährige zu dichten: „Die Flügel erbebten unter dem Atem des Abends/Die schlummernde Seele wiegte des Motors Gesang/Erblassend strich die Sonne an uns entlang.“

Dabei stellten die, die damals über sein Sprachtalent urteilten, den angehenden Schriftsteller nicht das beste Zeugnis aus: Saint-Exupéry galt als undisziplinierter Schüler und fiel 1919 bei der Aufnahmeprüfung zur Ècole Navale durch. Seine Stunde schlug, als er 1921 der französischen Luftwaffe beitrat, bei der er ab 1926 als Pilot die Linien Toulouse-Casablanca und Dakar-Casablanca übernahm. 1927 wurde er Postenchef des Flugplatzes Cap Juby in der spanischen Sahara, mitten im marokkanischen Aufstandsgebiet. Saint-Exupéry lernte Arabisch und gewann das Vertrauen der Beduinen, die ihm gestatteten, mit seinem Flugzeug in bis dahin unentdeckte Gebiete vorzudringen. „Nach und nach“, schreibt sein Biograph Frédéric d’Agay über diese Zeit, „verfällt der Saint-Exupéry der Wüste und ihrer Mystik. In seiner Klause und in den Zelten des Scheichs entwickelt er seinen Hang zur Ruhe, seine Neigung zum Schweigen, seine Fähigkeit zum Träumen.“ All diese Erfahrungen fließen in seinen ersten Roman ein (er rang sich die Stunden des Schreibens nachts vom Schlaf ab): „Südkurier“ erschien im Juli 1929 und wurde von der Kritik und von Schriftstellerkollegen wie André Gide begeistert aufgenommen. Sein zweites Buch „Nachtflug“ (1930) machte ihn berühmt: Saint-Exupéry verarbeitet darin seine Erlebnisse als Pilot und Luftpost-Direktor in Buenos Aires, wozu er 1928 berufen worden war. Das Buch, das Fragen nach Sinn des Lebens, Verantwortung und Pflicht thematisiert, erreichte innerhalb weniger Monate eine sechsstellige Auflage und wurde 1932 mit Clark Gable in der Hauptrolle verfilmt. 1935 stürzte Saint-Exupéry mit seinem Mechaniker Prévot über der lybischen Wüste ab. Wie durch ein Wunder überlebten die beiden, kämpften tagelang gegen Hunger, Hitze und Durst, entzündeten Signalfeuer, bis sie schließlich ein Araber fand und rettete. In dem Werk „Wind, Sand und Sterne“ (1939) kehrt diese Episode wieder, ein Buch, für das Saint-Exupéry mit dem Großen Preis der Académie Francaise geehrt und das in den USA zum „Book Of The Month“ gekürt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs emigrierte Saint-Exupéry in die USA. Dort entstanden sein Buch „Flug nach Arras“ und das weise Märchen für Erwachsene, dessen Erfolg noch heute seinen Weltruhm begründet: die mittlerweile in 50 Sprachen übersetzte Parabel „Der kleine Prinz.“

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Dennis Hope – der Mann, der den Mond verkauft

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Dennis Hope, dem Besitzer des ganzen Sonnensystems


Schon mal jemandem das Blaue vom Himmel versprochen? Der Freundin bei Vollmond ins Ohr gehaucht, ihr die Sterne vom Himmel zu holen? Und jetzt Probleme damit, die leichtfertig gegebenen Versprechen einzulösen? Für solche Fälle gibt es Hoffnung. Die Hoffnung heißt Hope. Dennis Hope. Denn Dennis, 49jähriger Geschäftsmann aus Kalifornien, verkauft das, laut Eigenwerbung, „Romantischste und Symbolhafteste, das man einem Menschen, den man liebt, nur schenken kann“: den Mond. Hope ist rechtmäßiger Besitzer nicht nur des Monds, der um unsere Erde kreist, sondern auch aller weiterer 60 Monde um die übrigen acht Planeten unseres Sonnensystems. Diese Planeten gehören Hope übrigens auch. Und weil Hope ein guter Mann und geschäftstüchtiger Amerikaner ist, lässt er andere an seinem Glück teilhaben. Zu himmlischen Preisen. Lächerliche 16 Dollar verlangt er – in den USA – für sieben Millionen Quadratmeter. Teurer ist’s im deutschen Verrieb „Mondland“: Da kosten 700.00 Quadratmeter 39,90 Mark. Immer noch Ramschpreise, die auch für den Mars, die Venus und den Jupitermond Io gelten. Das All kostet wirklich nicht die Welt. Und Hope kommt bei aller Bescheidenheit immer noch auf seine Kosten. Für den, zugegeben, recht schleppenden Anfang (erst 0,5 Prozent der Mondoberfläche sind verkauft) hat er doch schon eine passable Gewinnspanne erzielt: fünf Millionen Prozent des investierten Kapitals. „So an die 30 Dollar“, erzählt er Weltbild-Redakteur Stefan Teplan, „hat mich das ganze Unternehmen gekostet – mehr oder weniger Portogebühren. Verdient habe ich bisher damit 1,5 Millionen Dollar.“ Das Geschäft blüht; sechs festangestellte Mitarbeiter verkaufen für ihn außerirdische Besitztümer, Hope hat sich inzwischen noch eine Flugzeugverkaufsfirma und ein Chemieunternehmen auf der Erde zugelegt.

Vor seinen zunehmenden Mondeinnahmen freilich hatte der größte Grundstücksbesitzer auf Erden eher Grund zum Heulen: „Vor 19 Jahren ließ ich mich scheiden und hatte so gut wie kein Geld. Ich dachte: Wenn ich viel Grundbesitz hätte, könnte ich von der Bank Geld bekommen.“ Der Mond brachte die Erleuchtung um zwei Uhr nachts. „Ich war spät unterwegs und sah aus dem Autofenster auf den Mond. Und da dachte ich mir: Das ist echt viel Grundbesitz.“

Viel Land, kein Eigentümer? Grund genug, das zu ändern. Hope erinnerte sich an ein altes amerikanisches Gesetz, den Homestead Act von 1862. Es regelt die Inbesitznahme von Land, das offensichtlich niemandem gehört. Solches Land, besagt das Gesetz, fällt dem zu, der als erster Ansprüche anmeldet – wenn nicht nach einer Widerspruchsfrist von acht Jahren jemand Einspruch erhebt. Da musste Hope nicht viel fürchten. Zumindest irdische Vorbesitzer waren ausgeschlossen. Nach Ablauf der achtjährigen Frist konnte ihm auch keiner mehr seine Monde und Planeten streitig machen. Dass nochmal acht Jahre später der Deutsche Martin Jürgens behauptete, König Friedrich der Große habe seinen Urahnen bereits den Mond geschenkt, verdross Hope nicht: Er begann zu verkaufen.

Die Weltraum-Nationen würden ihn möglicherweise am liebsten auf den Mond schießen, aber sie wissen nicht, was sie tun können gegen Hope. Der bewies, dass er nicht hinter dem Mond lebt, um vom Mond zu leben. Hope nutzte nicht nur den Homestead Act, sondern zudem eine juristische Lücke. In einem gemeinsam verabschiedeten Weltraumabkommen, dem „Outer Space Treaty“ von 1967, legten die USA, die damalige Sowjet-Union und eine Reihe weiterer Staaten fest, dass kein Land Territorialansprüche außerhalb der Erde geltend machen dürfe. „Von Privatpersonen aber“, lacht sich Hope ins Fäustchen, „ist nicht die Rede.“ Entnervt muss ihm Walter Thiebaut, Anwalt für Weltraumrecht bei der Europäischen Weltraumbehörde Esa in Paris, Recht geben: „Es gibt keinen Weg, Mr. Hope zu verbieten, was er tut.“

Statt zu verbieten, müssen die Weltraumstaaten noch kostenlos für Hope arbeiten. „Ich bin froh, dass sie ihr Geld ausgeben und ihre Technologien nutzen, um mein Sonnensystem zu erforschen. Das macht es mir auch möglich, die Landkarten zu kriegen, die ich brauche.“ Für so viel Einsatz revanchiert sich Hope: Großzügig verlangt der Mondmann vorerst keine Landerechte und Mieten für Forschungen auf seinen Gestirnen. 1500 miteinander verbundene Grundstücke hat er sogar für wissenschaftliche Zwecke gespendet. Und kalkuliert mit der Gegenleistung: „In zehn bis 15 Jahren sollte man so weit sein, Mondstationen aufzubauen und Mondreisen durchführen zu können. Für den Mars dauert es noch etwas länger. Doch existieren bereits 25 Weltraumreise-Veranstalter.

Schon verkauft Hope – in gehobenerer Preisklasse – Stadtgrundstücke (4.500 Dollar), ja sogar ganze Staaten (42.500 Dollar) auf dem Mond. Einen davon wollen die „Mondianer“, eine Stammtischrunde von Münchner Mond-Grundstücksbesitzern, besiedeln. Helmut Kohl, so ihr Wunsch, soll Mondkanzler werden. Dort oben kann er leben wie der Sonnenkönig, wenn schon sein Stern auf der Erde im Sinken ist. Eine Besitzurkunde mit genauer Angabe seines künftigen Regierungssitzes wurde dem Alt-Bundeskanzler bereits zugeschickt. Geäußert hat sich der Wunschkandidat noch nicht. Mit politischen Perspektiven ist er kaum zu locken. Aber vielleicht reizt ihn ja das Gefühl der Schwerelosigkeit bei Dienstflügen oder das Erlebnis von fünf Sechstel Gewichtsverlust in der Mondsphäre.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 13, 1999

Interview mit Waris Dirie – Der Kampf der Wüstenblume

 

Stefan Teplan mit Waris Dirie - Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Stefan Teplan mit Waris Dirie - von Dirie signierter Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Waris Dirie – internationales Top-Model, UNO-Sonderbotschafterin und Bestseller-Autorin – sprach in New York mit Redakteur Stefan Teplan – mehrere Monate vor dem Erscheinen ihrer Auto-Biographie „Wüstenblume“. „Das wird ein Bestseller“, prophezeite ihr Teplan. „Niemals“, lachte Dirie. „Die deutsche Übersetzung erscheint in unserer Verlagsgruppe – und ich mache PR dafür“, versprach ihr Teplan. „Wüstenblume“  wurde zum meistverkauften Buch des kommenden Jahres. Da kam Dirie nach Deutschland, schlug bei einem öffentlichen Promotion-Termin den Weltbild-Artikel auf, den Teplan über ihr Gespräch gemacht hatte und überreichte ihm eine Dankesnote: „Thank you, Stefan. Waris Dirie“ (s. Bild oben).

 

Stefan Teplan: Eigentlich müssten Sie ja Männer hassen?

Waris Dirie: Warum?

Stefan Teplan: Als Kind wurden Sie missbraucht. Ala Jugendliche vergewaltigt. Mit fünf Jahren wurden Sie brutal beschnitten und Ihrer Weiblichkeit beraubt – alles Auswüchse sexueller Tyrannei der Männerwelt in Ihrer Heimat Somalia. Reicht das nicht?

Waris Dirie: Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich die Männer hasse. Das wäre nicht fair. Nicht alle Männer sind gleich. Ich hatte eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Man muss so etwas hinter sich lassen, denn man kann nicht ein ganzes Leben von Zorn oder Hass erfüllt sein. Und ich will nicht hassen, das ist das alles nicht wert. Nein, wirklich, ich hasse die Männer nicht.

Stefan Teplan: Zumindest lassen Sie in Ihrem Buch den Verdacht aufkommen, dass mit der Männerwelt etwas nicht stimmen kann. Gewaltakte bis zu den Kriegen gehen für Sie auf das Konto der Männer. „Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron“, schreiben Sie in Ihrem Buch, „gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen.“

Waris Dirie: Natürlich kamen, als ich das Buch schrieb, diese Dinge voller Zorn in mir hoch. Ich bedaure auch nichts von dem, was ich geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür. Es ist schließlich nichts als die Wahrheit. Wenn Sie zum Beispiel nur mal in den Fernseher schauen und Sie kriegen diese ganzen Vergewaltigungen mit, dieses ganze Töten – wer macht das alles? Man sieht nie, dass Frauen in den Straßen herumlaufen und von der Polizei gefasst werden, weil sie gerade drei Kinder umgelegt oder ein Gebäude mit Hunderten von Menschen in die Luft gesprengt haben. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was in euch Männern tickt.

Stefan Teplan: Die Männerwelt ist auch schuld daran, dass Sie wie Millionen andere Frauen beschnitten worden sind.

Waris Dirie: Ja, diese ganze Sache mit der Beschneidung ist nur ein reines Männerproblem…

Stefan Teplan: …weil Männer in vielen afrikanischen Ländern Frauen keine sexuelle Lust zugestehen und sicherstellen wollen, dass Mädchen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben.

Waris Dirie: Ja. Es ist alles nur eine Machtdemonstration; die Männer dort wollen zeigen, dass sie in jeder Hinsicht der Boss sind. Die Frauen müssen alles machen, was der Mann will, und wenn sie nicht wollen, dann eben mit Zwang. Sie haben keine freie Wahl. Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus. Nur weil ihr Männer stärker seid als wir, gibt euch das noch kein Recht, brutal zu sein. Das ist schwach, wirklich das Schwächste, was man sich vorstellen kann. Wir haben doch so viel Gutes in der Welt, Gott gab uns so viel. Warum tun so viele Menschen das Verkehrte und entscheiden sich dafür zu hassen anstatt sich an dem Schönen im Leben zu erfreuen?

Waris Dirie und Stefan Teplan in New York.

Top-Model und UNO-Botschafterin Waris Dirie mit Stefan Teplan in New York. Ausschnittt aus dem Magazin WELTBILD

Stefan Teplan: Sie haben Ihr ganzes Leben unter dieser Beschneidung gelitten. Warum haben Sie eigentlich so lange geschwiegen und warum outen Sie sich jetzt?

Waris Dirie: Es ging mir nicht darum, mich zu outen, weil es jetzt vielleicht in ist, sich mit irgendetwas zu outen. Ich hatte die Möglichkeit, dieses Buch zu machen und nutzte sie, über diese Sache mit der Beschneidung zu sprechen – ohne zu wissen, was herauskommen würde oder wie die Menschen darauf reagieren. Ich dachte mir schon, dass ich damit auch ein ziemliches Risiko eingehen würde, be- und verurteilt zu werden, wenn ich öffentlich erzähle, wie schlimm so eine Beschneidung ist, wie ich damit lebe, wenn ich erzähle, was in Afrika – besonders in Somalia, woher ich komm – in dieser Beziehung abläuft. Aber dann habe ich es einfach gewagt und dacht e mir: mal sehen, was passiert.

Stefan Teplan: Es ist sehr viel passiert. Das Medienecho ist schon vor dem Buchstart überwältigend. Hat Sie das überrascht.

Waris Dirie: Oh ja, absolut. Dieses Presseecho hat mich regelrecht schockiert. Nachdem ich mit meiner Geschichte in einem Interview mit der Zeitschrift Marie Claire auspackte, spazierte ich so die Straßen entlang und hatte wirklich Angst, umgebracht zu werden.

Stefan Teplan: Wer sollte Sie umbringen wollen?

 

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Das Interview mit Waris Dirie erschien als Titel-Interview für das erste Weltbild-Magazin in neuem Outfit, mit dem sich Weltbild in einem Relaunch ganz neu auf dem Markt präsentierte (s. Titelbild unten). Als zusätzliche PR-Maßnahme organisierte Stefan Teplan für die PR noch Prominenten-Zitate und einen Meinungsbeitrag von Maria von Welser, Leiterin des TV-Frauenjournals Mona Lisa“. Jener Beitrag von Maria von Welser kann aus Copyright-Gründen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden.

 

Waris Dirie: Wissen Sie, weil diese Beschneidung von Mädchen ein solch brisantes Tabuthema ist, überlegte ich mir plötzlich: Oh Gott, was habe ich da nur gesagt und getan? Aber jetzt bin ich absolut zufrieden mit dem, was herausgekommen ist.

Stefan Teplan: Was ist denn außer den Pressereaktionen noch passiert? Sie wollten doch für eine Kampagne gegen die Beschneidung auch nach Afrika gehen?

Waris Dirie: Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ich gehe zunächst einmal nach Somalia.

Stefan Teplan: Was muss am wirkungsvollsten geschehen, um die Barbarei der Beschneidung von Mädchen zu beenden?

Waris Dirie: Ich weiß selbst noch nicht genau, was man alles tun sollte, um gegen die Beschneidung anzukämpfen. Ich weiß nur, dass es leichter wäre, einen Krieg irgendwo zu beenden als das. Eben weil es so kulturell verwurzelt ist und als Tabu behandelt wird. Wenn Sie jetzt nach Somalia gehen und etwas darüber wissen wollen, wird Ihnen keiner Informationen geben. Sie müssen versteckt arbeiten. Ich belehre die Menschen jetzt auch nicht, indem ich sage: Tut das und das nicht! Aber ich kann sie vielleicht durch mein Beispiel betroffen machen, wenn ich erzähle, was ich mitgemacht habe, was ich fühle. Und ihnen vermittle, wie falsch das ist, was sie Frauen antun, weil auch so viele Frauen, so viele Kinder dabei sterben.

Stefan Teplan: Und dieses Verbrechen an den Frauen, so würde ich es nennen…

Waris Dirie: … ja, da haben Sie völlig recht, es ist ein Verbrechen…

Stefan Teplan: … geschieht rund 6000mal an jedem Tag?

Waris Dirie: Ja. Über zwei Millionen Beschneidungen werden weltweit pro Jahr durchgeführt. Man kann es eigentlich gar nicht richtig zählen, all die Leute im Busch, in der Wüste, die ohne Arzt und ohne jede Hilfe Beschneidungen machen – wie viele dabei sterben. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir uns in der Welt um anderes kümmern sollten als darum, ob ich meine Tochter noch verheiraten kann, weil sie beschnitten ist oder nicht. Wir müssen das Bewusstsein dieser Menschen verändern. Das, was man einem Mädchen bei der Beschneidung antut, ist ein solcher Gewaltakt, auf der anderen Seite ist da ein solches Gefühl von Ohnmacht. Als mir das passierte, wollte ich lieber sterben als so verstümmelt und unter diesen unsagbaren Schmerzen zurückgelassen zu werden. Ich wäre ja beinahe gestorben. Aber dann kommt deine Mutter und sagt dir: Das ist schon alles richtig so, das wirst du alles überstehen. Und du denkst: Wenn Mama das sagt, wird es schon stimmen. Aber viele überstehen es eben nicht. Und die Mütter werden einem auch nicht gerade sagen, wie schlimm es danach weitergeht.

Stefan Teplan: Die Frage ist, ob Ihre Mutter das wirklich für richtig hält.

Waris Dirie: Das glaube ich nicht einmal. Ich weiß, wie schlimm es mir damit geht und sie muss doch dasselbe fühlen. Ich spreche also für jede Frau, mit der das gemacht wurde oder der das noch droht.

Stefan Teplan: Nun haben Sie als Sonderbotschafterin der UNO die besten Möglichkeiten dazu.

Waris Dirie: Und für diese Möglichkeiten bin ich auch sehr dankbar. Auf diese Weise kann ich meine Botschaft am wirkungsvollsten vermitteln. Ich habe die UNO hinter mir.

Stefan Teplan: Ist das für Sie befriedigender als das Leben eines Models?

Waris Dirie: Absolut. Das macht mich vollkommen glücklich. Als ich, nachdem ich über mein Schicksal öffentlich erzählt hatte, von der UNO gefragt wurde, ob ich für sie arbeiten wolle, war das für mich gar keine Frage. Es ist viel besser und schöner, als ein Fotomodell zu sein. Was soll dieses ganze Model-Getue?

Stefan Teplan: Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es verrückt, so viel Geld dafür zu kriegen, dass man nur seinen Körper vor einer Kamera zur Schau stellt.

Waris Dirie: Es ist auch verrückt. Besonders, wenn man, wie ich, von Afrika kommt. Die Leute müssen dort schwer für ihren Lebensunterhalt kämpfen, es ist ein armes Land, auch ich musste sehr schwer dort arbeiten. Besonders bei uns in der Wüste lebte man Tag für Tag nur von der Hand in den Mund. Es ist aber gleichzeitig das schönste, das einfachste und natürlichste Leben, das man führen kann. Wenn dann Leute mit einer Kamera kommen und einen bitten „Stell dich einfach nur da hin, ich mache ein Foto von dir und gebe dir Geld dafür“, muss man das doch für verrückt halten.

Stefan Teplan: Ihr Leben in Afrika und Ihr Leben jetzt könnten nicht gegensätzlicher sein. Sie wuchsen in der Wildnis auf, jetzt leben Sie in diesem verrückten New York mitten in der Glamour-Welt. Sehnen Sie sich oft zurück?

Waris Dirie: Oh, und wie. Wenn ich irgendwo eine Avenue hinunter spaziere, schließe ich oft nur die Augen und tue so, als wäre ich woanders, in der freien Natur. Wenn ich mir bewusst machte, wo ich wirklich bin, und das jeden Tag, dann würde ich verrückt. New York ist kein Platz, an dem ich für immer leben möchte. Ich muss eben jetzt hier sein, um meine Arbeit zu tun und so lange ist es o.k.

Stefan Teplan: Und was für ein anderes Leben schwebt Ihnen vor, wen Sie einmal nicht mehr als Model arbeiten?

Waris Dirie: Ich möchte gerne etwas Humanitäres machen. Das wollte ich schon immer, ich will anderen Menschen helfen. Besonders Kindern. Ich möchte ein Heim oder eine Schule für missbrauchte Kinder aufbauen. Ich möchte auch für die Natur etwas tun, ich gehöre Greenpeace an und will im Umweltschutz aktiver werden. Natürlich werde ich weiter gegen Beschneidungen kämpfen und denke daran, in Afrika eine Art Frauenhaus zu errichten als Zuflucht für Mütter, die mit ihren Töchtern vor dieser unerträglichen Situation fliehen wollen.

Stefan Teplan: Sie kommen demnächst ja auch nach Europa, um Ihr Buch vorzustellen und um gegen Beschneidung zu sprechen.

Waris Dirie: Ich komme unter anderem nach Frankreich, Italien, Holland und nach Deutschland. Ich sage manchmal, die Deutschen sind mir das liebste Volk, weil sie so hinter einer Sache stehen.

Stefan Teplan: Ich denke, es werden dort viele geschockt sein, wenn Sie schildern, welches unsagbare Leid es ist, an den Geschlechtsorganen verstümmelt zu sein. Das kann sich sonst wohl kein Mensch vorstellen.

Waris Dirie: Oh, glauben Sie mir, jede Frau kann sich das vorstellen. Ich muss deswegen nicht Details aus meinem Liebesleben schildern.

Stefan Teplan: Eins würde mich aber schon noch interessieren: Bevor Sie sich geoutet haben, haben sich sicher auch schon viele Männer für Sie interessiert. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Waris Dirie: Ich habe alle abgeblockt. Die meisten dachten von mir mit der Zeit, dass ich lesbisch sei, weil man mich nie mit einem Mann sah und ich über alles andere, nur nicht über Liebe und Sex redete. Ich wies viele Männer ab und gab ihnen einfach keine Chance.

Stefan Teplan: Inzwischen Leben Sie fest mit Ihrem Partner Dana zusammen und haben ein Kind von ihm.

Waris Dirie: Ja, ich bin heute anders als noch vor einem Jahr. Vor allem, weil ich jetzt ein Kind habe. Einem Menschen das Leben zu geben ist unbeschreiblich und wiegt viel Leid auf. Das können Sie als Mann natürlich nicht wissen und werden es nie erfahren. Gott strafe euch Männer! Ha! Aber Scherz beiseite. Ich sehe jetzt einfach im Leben alles ganz anders; ich bin so glücklich.

Stefan Teplan: War es ein Wunschkind?

Waris Dirie: Ja, das war es. Ich habe so viel Liebe in mir, dass ich die ganze Welt damit versorgen könnte. Das Baby ist so etwas, mit dem ich diese Liebe, wie soll ich sagen …

Stefan Teplan: … in etwas kanalisieren kann?

Waris Dirie: Genau, das meine ich. Ich genieße es, morgens aufzustehen und Verantwortung für dieses Kind zu haben. Ich kann wirklich aus Erfahrung sagen: Das Leben wird durch ein eigenes Kind so viel schöner und angenehmer.

Stefan Teplan: Zu Ihrem Glücksgefühlt trägt es jetzt sicher zusätzlich noch bei, dass Sie sich Ihren Schmerz endlich von der Seele geschrieben haben.

Waris Dirie: Stimmt, das kommt auch noch dazu. Es war für mich wirklich hart, dieses Buch zu machen. Es war sehr schmerzlich, es war sehr stressig, es wühlte mich emotional sehr auf. Als ich es abgeschlossen hatte, atmete ich innerlich zuerst einmal tief durch und fühlte mich von so vielem gereinigt. Ich war befreit von etwas, was ich mein Leben lang streng als ein Geheimnis gehütet habe. Dieses Buch war für mich eine Art Therapie. Es hat mir selbst sehr geholfen, und ich hoffe, es hilft auch vielen anderen.

© Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 21, 1998

Adieu Audrey – Über Audrey Hepburn

Stefan Teplan zum Fotoband „Adieu Audrey“ (136 Seiten, 14,80 Euro; Schirmer/Mosel Verlag) mit 76 Schwarzweiß- und 13 Farbfotos von AudreyHepburn

Audrey Hepburn, Ausriss aus Weltbild Nr.12, 1997

Audrey Hepburn, Ausriss aus Weltbild Nr.12, 1997

 

Sie steht keck vor der Kamera, sportlich-knabenhaft mit schmalen Hosen, flachen Schuhen und Bubikopf. Sie schreitet, elegant, feminin, ganz die Lady von Welt, in einem Nachmittagskleid von Givenchy über den Laufsteg. Sie ist plötzlich eine kindhafte Cinderella, ein Girlie der 50er Jahre mit unschuldig-naiven Rehaugen. Dann wirkt sie, ein Symbol der rebellischen „Swinging Sixties“, locker verrucht als Holly Golightly – die Idealbesetzung für die Verfilmung von „Frühstück bei Tiffany“. Unglaublich, dass dies alles dieselbe Frau ist. Und schwer zu fassen, was das Besondere an Audrey Hepburn ist, die in den fünfziger und sechziger Jahren den Look und das Lebensgefühl einer Generation prägte. Aber gerade dieses Unfassbare macht das Besondere aus. Die Hepburn ließ sich in ihrem Facettenreichtum nicht festlegen. Sie verkörperte in einer Welt der schnell wechselnden Modetrends und Schönheitsideale den Gegentyp zu dem, womit Trendschwätzer in der Nachkriegsära Weiblichkeit definieren wollten: Sie bildete den Kontrast zu den Pinup-Girls und Donnerbusen-Vamps á la Marilyn Monroe und Sophia Loren, mit denen sie in de erste Reihe der Filmdivas aufrückte. Dass zu Schönheit mehr als Maße gehören, ist eine Binsenweisheit. Deren Inkarnation heißt Audrey Hepburn. Sie besaß, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung es einmal formulierte, das, was „sie allen in ihren Trieben schläfrig brütenden Frauen überlegen macht: eine wache Intelligenz.“ Und das ist vielleicht das Schönste, was man über eine ohnehin schöne Frau sagen kann.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 12, 1997