John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

© Stefan Teplan

Abraham Superstar

 

Stefan Teplan über die „Filmbibel“ von Leo Kirch und Ettore Bernabei:

Das Alte Testament ganz neu. Als gigantisches Fernseh-Epos kommt die Heilige Schrift ins Bild. Auftakt der Millionenschöpfung: die Geschichte von „Abraham“

(Erstveröffentlichung als Titelgeschichte des Magazins WELTBILD Nr. 26, 1994)

 

Am Anfang waren zwei Medienriesen. Mit einer Idee: das Buch der Bücher sollte zum Film der Filme werden. Zwei Männer und das Wort: Leo Kirch – deutscher Film- und Fernseh-Tycoon – und Ettore Bernabei – Filmproduzent und Ex-Generaldirektor des italienischen Fernsehens RAI – taten sich zusammen, um die Heilige Schrift in laufende Bilder zu übersetzen. Aus Bernabeis Filmfirma „Lux“ und Kirchs „BetaFilm“ wurde „LUBE“ – einzig dazu geründet, um (erstmals in der Filmgeschichte) das gesamte Alte Testament von Adam bis Zephanja auf Zelluloid zu bannen. Anspruchsvoller und authentischer als dies je zuvor geschehen war. Und trotzdem unterhaltsam.

Biblische Gestalten als Fernseh-Helden. David Serien- und Adam Einschaltkönig. Abraham Superstar. So etwas braucht viel Geld. Das haben Kirch und Bernabei. So etwas braucht viel Zeit. Die nahmen sie sich. Nach fast 15 (!) Jahren Arbeit ist nun endlich der erste Teil der Filmbibel fertiggestellt, in die 200 Millionen Mark investiert werden. Die TV-Fassung des Buchs Genesis soll nun, aufgeteilt in sechs 45-Minuten-Happen, über die Bildschirme flimmern.

„Die Studien für das Drehbuch glichen einem Bibelseminar“

Den Auftakt des Fernseh-Bibelkurses in 30 Stunden bildet die Geschichte Abrahams. Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Holland und dien USA strahlten sie bereits aus. Das deutsche Fernsehen hinkt hinterher. Grund: LUBE konnte hierzulande noch mit keinem Sender handelseinig werden. Nach derzeitigem Verhandlungsstand deutet alles darauf hin, dass die ARD das ganze Bibelpaket (geplant sind 21 Folgen) abnehmen und „Abraham“ voraussichtlich zu Ostern 1995 senden wird.

Von der Idee bis zur Umsetzung nimmt das BibelEpos allmählich selbst biblische Dimensionen an. Allein ein Blick auf die Produktion von „Abraham“ zeigt warum. Da man größten Wert auf en spirituellen Aspekt legt, haben Theologen das erste Wort. Ein internationales Team aus katholischen, evangelischen und jüdischen Bibelexperten erarbeitete Vorlagen für die Drehbuchautoren. Dann, so der beteiligte Max Küchler, Theologieprofessor im schweizerischen Fribourg, wurden „Generationen von Drehbuchautoren durchgetestet. Das hat natürlich sine Zweit gebraucht.“ Der US-Autor Bill Durham berichtet: „Die Studien für das Drehbuch glichen einem Seminar für Bibelforschung.“

Beim Drehen selbst wirkte der Ex-Jesuit Heinrich Krauss, den Leo Kirch von Anfang an mit dem Projekt betraute, als Berater mit. Krauss‘ Job: sicherzustellen, dass das Buch der Bücher immer noch wichtiger ist als das Drehbuch.

Abraham-Darsteller Richard Harris etwa hat sich, wie Kirchs Pressebetreuerin Michaela Niemeyer erzählt, mit Krauss‘ Hilfe „theologisch sehr mit seiner Rolle auseinandergesetzt, führte abends mit ihm lange Gespräche und diskutierte mit ihm, warum dies nun so oder so ist.“ Krauss ergänzt: „Harris lebte den Abraham Tag und Nacht.“ Gedreht wurde ausnahmslos in Marokko. „Weil“, so Krauss, „wir dort eher eine biblische Landschaft haben als in Israel.“

„Der ungewöhnlichste Segen, den je ein Papst erteilte: Toi toi toi“

„Ein herrlicher Monumentalfilm“ („Il Messagero“), „eines der gewaltigsten Fernseh-Projekte“ („Hollywood-Reporter Los Angeles“) – „Abraham“ stieß bei den Kritiken im Ausland überwiegend auf helle Begeisterung. Und Papst Johannes Paul II., der im Dezember 1993 die Produzenten zu einer Audienz empfing, rühmte den „vielversprechenden Anfang dank der von Ihnen in Anspruch genommenen Beratung.“

Der österreichische Programm-Intendant Wolfgang Marboe war es, der – vor der ORF-Ausstrahlung von „Abraham“ – im Vatikan die für den Anlass fast respektlos-saloppe Bitte äußerte: „Heiliger Vater, wünschen Sie uns doch für dieses Projekt toi toi toi.“ Johannes Paul II. reagierte prompt und erteilte der Millionen-Schöpfung den wohl ungewöhnlichsten Segen, den je ein Papst gespendet hat: „Toi toi toi“.

© Stefan Teplan Media

Ben Kingsley als „Held wider Willen“

Interview von Stefan Teplan mit Oscar-Preisträger Ben Kingsley

WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan sprach mit dem Weltstar über desen Rolle als Moses in der Mammut-Verfilmung der Bibel durch die Leo-Kirch-Gruppe

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 27/1996


Ausriss aus Weltbild Nr. 27/1996 - Stefan Teplan mit Ben Kingsley bei der Premiere des Films "Moses"

Stefan Teplan: Sie haben den Ruf, sich wie kein anderer Schauspieler in Ihre Rollen einzuleben und sich damit zu identifizieren. Wie ist es Ihnen da mit Moses gegangen?

Ben Kingsley: Das ist eine der bekanntesten Fehleinschätzungen überhaupt. Ich kann Ihnen das auch nachsehen. Aber die Schauspielerei ist etwas, was ich tue, um mein Geld zu verdienen, um meine vier Kinder und meine Frau zu ernähren – mehr ist es nicht. Dass ich mich in einen Rolle versetzen muss, ist eine reine Vorgabe. Ich stelle einfach etwas dar. Das ist ein Handwerk, das man erlernen kann und in dem man vorgibt, jemand anderer zu sein. Es ist etwas, wo man einen bestimmten Charakter darstellt…

Stefan Teplan: … der einen aber, wenn man sich in ihn vollständig einfühlt, vielleicht auch selbst verändern kann.

Ben Kingsley: Das ist eigentlich eine ganz einfache Aufgabe, diese Handlung umzusetzen, die einem vorgegeben wird. Und das führt nicht unbedingt zu einer Veränderung. Das ist nur Energie, eine Kraft, die ich sehr stark in einen bestimmten Charakter konzentriere, so dass dieser Charakter durch mich lebt. Aber auf die Psyche hat das überhaupt keine Auswirkungen. Ich sitze hier als Ben und werde auch weiterhin als Ben hier sitzen. Sie können das vergleichen mit einem Maler, der ein Porträt malt. Er hat eine gewisse Distanz; er muss ja nicht die Person werden, die er auf dem Bild darstellt. Genauso ist die Distanz auch zwischen mir und dem Charakter. Diese Distanz ist immer gegeben.

Stefan Teplan: Wollen Sie jetzt Ihren Ruf zerstören?

Ben Kingsley: Ich möchte den Mythos meiner minutiösen Vorbereitung auf eine Rolle nicht allzu sehr zerstören; das schmeichelt mir ja auch irgendwie. Aber ich muss so ehrlich sein und Ihnen sagen, meine Hauptaufgabe als Schauspieler ist es, voll da zu sein, mich auf die Situation einzustellen. Ich muss am Drehort selbst ein Bewusstsein für die Situation haben, die gerade gedreht wird. Ich muss auf meine Kollegen eingehen können, ich muss auf die Kamera eingehen können, auf die Tausende von Marokkanern (der Film „Moses“ wurde in Marokko gedreht – Anm. d. Red.), die an dem Film mitgewirkt haben, von denen die meisten meinen Namen kennen und mir guten Morgen wünschten – es sind übrigens ganz phantastische Leute – , und es ist dieser Druck, den ich verspüre, wenn Aufnahmen gemacht werden. Das alles führt dann dazu, dass ich mich an die Situation anpassen kann.

Stefan Teplan: Also Spontanität vor Rollenpauken?

Ben Kingsley: Ich kann natürlich auch zu Hause in meinem Haus in England sitzen und in Büchern mir eine Vorstellung davon anlesen, wie es wohl ist, wenn man bei brütender Hitze in einer Wüste ist und Tausende von Leuten um sich herum hat. Aber das ist natürlich nicht das Gleiche, als wenn ich in der Wüste selbst da bin und dann fühle, wie die Sonne auf mich einbrennt. Dann bin ich da, da bin ich ich selbst und das ist die beste Vorbereitung.

Stefan Teplan: Hatte die Verfilmung des Moses zumindest einen Einfluss auf Ihre Lebensphilosophie?

Ben Kingsley: Es ist eigentlich eine Minimierung von Handlungen, die man für einen Film vornimmt. Denn man versucht, eine gewisse Realität zu projizieren. Ich habe 15 Jahre lang Shakespeare gespielt, und ich bin dabei in Theatern aufgetreten, die nicht größer waren als dieser Raum hier. Und ich musste in diesen Theatern die Personen, die ich dargestellt hatte, bis in die hinterste Ecke des Raumes projizieren. Das hat auch eine gewisse Energie vorausgesetzt. Beim Film ist das ganz anders. Dort ist es die Kamera, die mich sucht, mich findet und dann das aufnimmt, was ich in einen Charakter investiere.

Stefan Teplan: Also ist Moses für sie eine Rolle wie jede andere? Oder gibt es etwas, was Sie daran besonders fasziniert?

Ben Kingsley: Das Moses ist gewissermaßen ein Held wider Willen, er will eigentlich gar kein Held sein. Außerdem hat er Probleme beim Sprechen, richtige Kommunikationsprobleme. Und dieser Held wider Willen mit Kommunikationsproblemen ist die große Herausforderung für den Schauspieler, eine Herausforderung, die ich auch jetzt noch verspüre, wenn ich Ihnen das erläutere. Es ist diese Tatsache, dass da ein Mensch ist, der zu Gott sagt: „Du hast den falschen erwählt. Ich bin nicht der richtige Mann, um diese Aufgabe wahrzunehmen.“ Und der es dann doch schafft, zum Führer und Sprecher eines Volkes zu werden. Gerade diese Dynamik, die sich aus dem Charakter ergibt, ist auch für den Schauspieler etwas ganz Besonderes, weil er merkt, dass er auch das Bewusstsein der Zuschauer entsprechend beeinflussen kann. Moses ist die Geschichte eines verlassenen, ausgestoßenen Kindes, das als Mann zum Führer eines Volkes wird und im Blickpunkt aller Handlungen seines Volkes steht. Und diese Entwicklung verleiht diesem Film seine ganz besondere Dynamik. Es ist wirklich einfach außerordentlich, diese Entwicklung zu sehen.

Stefan Teplan: Sie haben jetzt mit „Joseph“ und „Moses“ in zwei Bibelfilmen mitgespielt. Sind Sie selbst religiös?

Ben Kingsley: Darauf möchte ich nicht öffentlich eingehen. Das ist eine sehr persönliche Sache, die nur mich allein betrifft. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

Stefan Teplan: Gehören Sie denn einer Kirche oder einer religiösen Gemeinschaft an?

Ben Kingsley: Nein.

Stefan Teplan: Immerhin aber mussten Sie sich schon rein beruflich mit der Bibel beschäftigen. Was für ein Verhältnis haben Sie zu ihr?

Ben Kingsley: Wahrscheinlich habe ich zu ihr dasselbe Verhältnis wie Sie. Vielleicht habe ich inzwischen nur etwas mehr Einblick, wie sich dieser Exodus der Israeliten aus Ägyptenabgespielt haben muss. So eine Reise, die 40 Jahre lang dauert, ist natürlich, besonders für uns heute, unfassbar – noch dazu eine Reise, die man mit äußerst ungeduldigen Menschen unternimmt, die jeden Tag meckern und an einem etwas auszusetzen haben. Ich denke, ich habe jetzt eine Beziehung zu dieser Geschichte. Es ist einfach so, dass ich jetzt Gesichter sehe. Ich weiß jetzt, wie die Charaktere sind, ich weiß jetzt, wer Miriam ist, ich kenne Aaron oder den Pharao. Das sind Leute, die mussten ganz schreckliche Entscheidungen treffen, und ich hatte einfach in zwei Monaten das nachgestellt, was diese Leute in 40 Jahren erlebt haben. Ich habe inzwischen ein persönliches Verhältnis zu diesem Teil der Bibel, und ich halte die Bibel für ein ganz besonderes Buch.

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Saint-Exupéry – Victor Hugo der Lüfte

Stefan Teplan über Antoine Saint-Exupéry

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 25/1998)

Von zwei großen Leidenschaften war er besessen. Die eine kostete ihn das Leben. Die andere machte ihn unsterblich. Fliegen und Schreiben füllten das kurze, nur 44jährige und doch so unermesslich reiche Leben Antoine Saint-Exupérys vollkommen aus. Wobei wie Umberto Eco rätselt, es ungewiss ist, „ob Saint-Exupéry flog, um zu schreiben, oder schrieb, um zu fliegen.“ Eco löst das Rätsel nicht auf. Vielleicht hätte er den Schlüssel bei „Saint-Ex“, wie dessen Freunde ihn nannten, selbst suchen sollen. Der fliegende Dichter und dichtende Flieger ermahnte seine Leser immer wieder eindringlich, nicht auf das Äußere zu sehen, sondern hinter die Dinge – eine Sicht, die nicht zuletzt bei der Betrachtung seines eigenen Lebens und Werks angebracht ist. Das zeigt, von außen, Saint-Exupéry „nur“ als Schriftsteller und Piloten. Doch betrieb er weder das eine noch das andere als Selbstzweck. „Mir geht es nicht um die Sache der Fliegerei“, bekannte er einmal. „Für mich ist das Flugzeug kein Zweck, es ist ein Mittel. Mit dem Flugzeug verlässt man die Städte und ihre seelenlose Rechnerei und findet auf anderem Wege die bäuerliche Wahrheit wieder. Man lebt mit Winden, Sternen, Nacht und Sand, arbeitet als Mensch und sorgt sich als Mensch. Man misst sich mit den Kräften der Natur und wartet auf den neuen Tag wie der Gärtner aufs Frühjahr. Man ersehnt den Flughafen wie ein  gelobtes Land und sucht seine Wahrheit in den Sternen.“

Saint-Exupéry blieb zeitlebens ein Suchender. Fliegen war seine Form der Meditation, das Flugzeug sein Mittel auf dem Weg des Strebens nach Wahrheit. Das Schreiben war seine Form, die über den Wolken gewonnene Erkenntnis zu verbreiten – mit dem Ziel, das einzige Problem zu lösen, das er in der Welt sah: in einem seelenlosen, materiell orientierten Zeitalter „dem menschlichen Leben wieder einen geistigen Sinn zu geben.“

Während seiner Kindheit und Jugend wurde er früh dazu angetrieben, nach solchen Werten zu suchen. Saint-Exupéry – im Jahr 1900 in Lyon geboren – wuchs als drittes von fünf Kindern einer Adelsfamilie zunächst auf zwei Schlössern seiner Familie auf, ab seinem 14. Lebensjahr besuchte er diverse Jesuitenschulen und Internate. Sein Vater starb 1904, seine künstlerisch talentierte Mutter Marie, die malte und dichtete, erzog ihn ohne strenge Regeln, mit – wie sämtliche Biographien betonen – Herzenswärme. Auch weckte sie in ihm die Liebe zu Literatur und Musik. Eine andere, lebensentscheidende Liebe entdeckte Saint-Exupéry mit zwölf Jahren: Ein Pilot nahm ihn auf einen kurzen Flug mit; von da an fühlte sich der Junge als „Victor Hugo der Lüfte“ berufen. Gleich nach der Landung begann der Zwölfjährige zu dichten: „Die Flügel erbebten unter dem Atem des Abends/Die schlummernde Seele wiegte des Motors Gesang/Erblassend strich die Sonne an uns entlang.“

Dabei stellten die, die damals über sein Sprachtalent urteilten, den angehenden Schriftsteller nicht das beste Zeugnis aus: Saint-Exupéry galt als undisziplinierter Schüler und fiel 1919 bei der Aufnahmeprüfung zur Ècole Navale durch. Seine Stunde schlug, als er 1921 der französischen Luftwaffe beitrat, bei der er ab 1926 als Pilot die Linien Toulouse-Casablanca und Dakar-Casablanca übernahm. 1927 wurde er Postenchef des Flugplatzes Cap Juby in der spanischen Sahara, mitten im marokkanischen Aufstandsgebiet. Saint-Exupéry lernte Arabisch und gewann das Vertrauen der Beduinen, die ihm gestatteten, mit seinem Flugzeug in bis dahin unentdeckte Gebiete vorzudringen. „Nach und nach“, schreibt sein Biograph Frédéric d’Agay über diese Zeit, „verfällt der Saint-Exupéry der Wüste und ihrer Mystik. In seiner Klause und in den Zelten des Scheichs entwickelt er seinen Hang zur Ruhe, seine Neigung zum Schweigen, seine Fähigkeit zum Träumen.“ All diese Erfahrungen fließen in seinen ersten Roman ein (er rang sich die Stunden des Schreibens nachts vom Schlaf ab): „Südkurier“ erschien im Juli 1929 und wurde von der Kritik und von Schriftstellerkollegen wie André Gide begeistert aufgenommen. Sein zweites Buch „Nachtflug“ (1930) machte ihn berühmt: Saint-Exupéry verarbeitet darin seine Erlebnisse als Pilot und Luftpost-Direktor in Buenos Aires, wozu er 1928 berufen worden war. Das Buch, das Fragen nach Sinn des Lebens, Verantwortung und Pflicht thematisiert, erreichte innerhalb weniger Monate eine sechsstellige Auflage und wurde 1932 mit Clark Gable in der Hauptrolle verfilmt. 1935 stürzte Saint-Exupéry mit seinem Mechaniker Prévot über der lybischen Wüste ab. Wie durch ein Wunder überlebten die beiden, kämpften tagelang gegen Hunger, Hitze und Durst, entzündeten Signalfeuer, bis sie schließlich ein Araber fand und rettete. In dem Werk „Wind, Sand und Sterne“ (1939) kehrt diese Episode wieder, ein Buch, für das Saint-Exupéry mit dem Großen Preis der Académie Francaise geehrt und das in den USA zum „Book Of The Month“ gekürt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs emigrierte Saint-Exupéry in die USA. Dort entstanden sein Buch „Flug nach Arras“ und das weise Märchen für Erwachsene, dessen Erfolg noch heute seinen Weltruhm begründet: die mittlerweile in 50 Sprachen übersetzte Parabel „Der kleine Prinz.“

© Stefan Teplan

Dennis Hope – der Mann, der den Mond verkauft

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Dennis Hope, dem Besitzer des ganzen Sonnensystems


Schon mal jemandem das Blaue vom Himmel versprochen? Der Freundin bei Vollmond ins Ohr gehaucht, ihr die Sterne vom Himmel zu holen? Und jetzt Probleme damit, die leichtfertig gegebenen Versprechen einzulösen? Für solche Fälle gibt es Hoffnung. Die Hoffnung heißt Hope. Dennis Hope. Denn Dennis, 49jähriger Geschäftsmann aus Kalifornien, verkauft das, laut Eigenwerbung, „Romantischste und Symbolhafteste, das man einem Menschen, den man liebt, nur schenken kann“: den Mond. Hope ist rechtmäßiger Besitzer nicht nur des Monds, der um unsere Erde kreist, sondern auch aller weiterer 60 Monde um die übrigen acht Planeten unseres Sonnensystems. Diese Planeten gehören Hope übrigens auch. Und weil Hope ein guter Mann und geschäftstüchtiger Amerikaner ist, lässt er andere an seinem Glück teilhaben. Zu himmlischen Preisen. Lächerliche 16 Dollar verlangt er – in den USA – für sieben Millionen Quadratmeter. Teurer ist’s im deutschen Verrieb „Mondland“: Da kosten 700.00 Quadratmeter 39,90 Mark. Immer noch Ramschpreise, die auch für den Mars, die Venus und den Jupitermond Io gelten. Das All kostet wirklich nicht die Welt. Und Hope kommt bei aller Bescheidenheit immer noch auf seine Kosten. Für den, zugegeben, recht schleppenden Anfang (erst 0,5 Prozent der Mondoberfläche sind verkauft) hat er doch schon eine passable Gewinnspanne erzielt: fünf Millionen Prozent des investierten Kapitals. „So an die 30 Dollar“, erzählt er Weltbild-Redakteur Stefan Teplan, „hat mich das ganze Unternehmen gekostet – mehr oder weniger Portogebühren. Verdient habe ich bisher damit 1,5 Millionen Dollar.“ Das Geschäft blüht; sechs festangestellte Mitarbeiter verkaufen für ihn außerirdische Besitztümer, Hope hat sich inzwischen noch eine Flugzeugverkaufsfirma und ein Chemieunternehmen auf der Erde zugelegt.

Vor seinen zunehmenden Mondeinnahmen freilich hatte der größte Grundstücksbesitzer auf Erden eher Grund zum Heulen: „Vor 19 Jahren ließ ich mich scheiden und hatte so gut wie kein Geld. Ich dachte: Wenn ich viel Grundbesitz hätte, könnte ich von der Bank Geld bekommen.“ Der Mond brachte die Erleuchtung um zwei Uhr nachts. „Ich war spät unterwegs und sah aus dem Autofenster auf den Mond. Und da dachte ich mir: Das ist echt viel Grundbesitz.“

Viel Land, kein Eigentümer? Grund genug, das zu ändern. Hope erinnerte sich an ein altes amerikanisches Gesetz, den Homestead Act von 1862. Es regelt die Inbesitznahme von Land, das offensichtlich niemandem gehört. Solches Land, besagt das Gesetz, fällt dem zu, der als erster Ansprüche anmeldet – wenn nicht nach einer Widerspruchsfrist von acht Jahren jemand Einspruch erhebt. Da musste Hope nicht viel fürchten. Zumindest irdische Vorbesitzer waren ausgeschlossen. Nach Ablauf der achtjährigen Frist konnte ihm auch keiner mehr seine Monde und Planeten streitig machen. Dass nochmal acht Jahre später der Deutsche Martin Jürgens behauptete, König Friedrich der Große habe seinen Urahnen bereits den Mond geschenkt, verdross Hope nicht: Er begann zu verkaufen.

Die Weltraum-Nationen würden ihn möglicherweise am liebsten auf den Mond schießen, aber sie wissen nicht, was sie tun können gegen Hope. Der bewies, dass er nicht hinter dem Mond lebt, um vom Mond zu leben. Hope nutzte nicht nur den Homestead Act, sondern zudem eine juristische Lücke. In einem gemeinsam verabschiedeten Weltraumabkommen, dem „Outer Space Treaty“ von 1967, legten die USA, die damalige Sowjet-Union und eine Reihe weiterer Staaten fest, dass kein Land Territorialansprüche außerhalb der Erde geltend machen dürfe. „Von Privatpersonen aber“, lacht sich Hope ins Fäustchen, „ist nicht die Rede.“ Entnervt muss ihm Walter Thiebaut, Anwalt für Weltraumrecht bei der Europäischen Weltraumbehörde Esa in Paris, Recht geben: „Es gibt keinen Weg, Mr. Hope zu verbieten, was er tut.“

Statt zu verbieten, müssen die Weltraumstaaten noch kostenlos für Hope arbeiten. „Ich bin froh, dass sie ihr Geld ausgeben und ihre Technologien nutzen, um mein Sonnensystem zu erforschen. Das macht es mir auch möglich, die Landkarten zu kriegen, die ich brauche.“ Für so viel Einsatz revanchiert sich Hope: Großzügig verlangt der Mondmann vorerst keine Landerechte und Mieten für Forschungen auf seinen Gestirnen. 1500 miteinander verbundene Grundstücke hat er sogar für wissenschaftliche Zwecke gespendet. Und kalkuliert mit der Gegenleistung: „In zehn bis 15 Jahren sollte man so weit sein, Mondstationen aufzubauen und Mondreisen durchführen zu können. Für den Mars dauert es noch etwas länger. Doch existieren bereits 25 Weltraumreise-Veranstalter.

Schon verkauft Hope – in gehobenerer Preisklasse – Stadtgrundstücke (4.500 Dollar), ja sogar ganze Staaten (42.500 Dollar) auf dem Mond. Einen davon wollen die „Mondianer“, eine Stammtischrunde von Münchner Mond-Grundstücksbesitzern, besiedeln. Helmut Kohl, so ihr Wunsch, soll Mondkanzler werden. Dort oben kann er leben wie der Sonnenkönig, wenn schon sein Stern auf der Erde im Sinken ist. Eine Besitzurkunde mit genauer Angabe seines künftigen Regierungssitzes wurde dem Alt-Bundeskanzler bereits zugeschickt. Geäußert hat sich der Wunschkandidat noch nicht. Mit politischen Perspektiven ist er kaum zu locken. Aber vielleicht reizt ihn ja das Gefühl der Schwerelosigkeit bei Dienstflügen oder das Erlebnis von fünf Sechstel Gewichtsverlust in der Mondsphäre.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 13, 1999

Interview mit Waris Dirie – Der Kampf der Wüstenblume

 

Stefan Teplan mit Waris Dirie - Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Stefan Teplan mit Waris Dirie - von Dirie signierter Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Waris Dirie – internationales Top-Model, UNO-Sonderbotschafterin und Bestseller-Autorin – sprach in New York mit Redakteur Stefan Teplan – mehrere Monate vor dem Erscheinen ihrer Auto-Biographie „Wüstenblume“. „Das wird ein Bestseller“, prophezeite ihr Teplan. „Niemals“, lachte Dirie. „Die deutsche Übersetzung erscheint in unserer Verlagsgruppe – und ich mache PR dafür“, versprach ihr Teplan. „Wüstenblume“  wurde zum meistverkauften Buch des kommenden Jahres. Da kam Dirie nach Deutschland, schlug bei einem öffentlichen Promotion-Termin den Weltbild-Artikel auf, den Teplan über ihr Gespräch gemacht hatte und überreichte ihm eine Dankesnote: „Thank you, Stefan. Waris Dirie“ (s. Bild oben).

 

Stefan Teplan: Eigentlich müssten Sie ja Männer hassen?

Waris Dirie: Warum?

Stefan Teplan: Als Kind wurden Sie missbraucht. Ala Jugendliche vergewaltigt. Mit fünf Jahren wurden Sie brutal beschnitten und Ihrer Weiblichkeit beraubt – alles Auswüchse sexueller Tyrannei der Männerwelt in Ihrer Heimat Somalia. Reicht das nicht?

Waris Dirie: Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich die Männer hasse. Das wäre nicht fair. Nicht alle Männer sind gleich. Ich hatte eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Man muss so etwas hinter sich lassen, denn man kann nicht ein ganzes Leben von Zorn oder Hass erfüllt sein. Und ich will nicht hassen, das ist das alles nicht wert. Nein, wirklich, ich hasse die Männer nicht.

Stefan Teplan: Zumindest lassen Sie in Ihrem Buch den Verdacht aufkommen, dass mit der Männerwelt etwas nicht stimmen kann. Gewaltakte bis zu den Kriegen gehen für Sie auf das Konto der Männer. „Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron“, schreiben Sie in Ihrem Buch, „gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen.“

Waris Dirie: Natürlich kamen, als ich das Buch schrieb, diese Dinge voller Zorn in mir hoch. Ich bedaure auch nichts von dem, was ich geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür. Es ist schließlich nichts als die Wahrheit. Wenn Sie zum Beispiel nur mal in den Fernseher schauen und Sie kriegen diese ganzen Vergewaltigungen mit, dieses ganze Töten – wer macht das alles? Man sieht nie, dass Frauen in den Straßen herumlaufen und von der Polizei gefasst werden, weil sie gerade drei Kinder umgelegt oder ein Gebäude mit Hunderten von Menschen in die Luft gesprengt haben. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was in euch Männern tickt.

Stefan Teplan: Die Männerwelt ist auch schuld daran, dass Sie wie Millionen andere Frauen beschnitten worden sind.

Waris Dirie: Ja, diese ganze Sache mit der Beschneidung ist nur ein reines Männerproblem…

Stefan Teplan: …weil Männer in vielen afrikanischen Ländern Frauen keine sexuelle Lust zugestehen und sicherstellen wollen, dass Mädchen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben.

Waris Dirie: Ja. Es ist alles nur eine Machtdemonstration; die Männer dort wollen zeigen, dass sie in jeder Hinsicht der Boss sind. Die Frauen müssen alles machen, was der Mann will, und wenn sie nicht wollen, dann eben mit Zwang. Sie haben keine freie Wahl. Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus. Nur weil ihr Männer stärker seid als wir, gibt euch das noch kein Recht, brutal zu sein. Das ist schwach, wirklich das Schwächste, was man sich vorstellen kann. Wir haben doch so viel Gutes in der Welt, Gott gab uns so viel. Warum tun so viele Menschen das Verkehrte und entscheiden sich dafür zu hassen anstatt sich an dem Schönen im Leben zu erfreuen?

Waris Dirie und Stefan Teplan in New York.

Top-Model und UNO-Botschafterin Waris Dirie mit Stefan Teplan in New York. Ausschnittt aus dem Magazin WELTBILD

Stefan Teplan: Sie haben Ihr ganzes Leben unter dieser Beschneidung gelitten. Warum haben Sie eigentlich so lange geschwiegen und warum outen Sie sich jetzt?

Waris Dirie: Es ging mir nicht darum, mich zu outen, weil es jetzt vielleicht in ist, sich mit irgendetwas zu outen. Ich hatte die Möglichkeit, dieses Buch zu machen und nutzte sie, über diese Sache mit der Beschneidung zu sprechen – ohne zu wissen, was herauskommen würde oder wie die Menschen darauf reagieren. Ich dachte mir schon, dass ich damit auch ein ziemliches Risiko eingehen würde, be- und verurteilt zu werden, wenn ich öffentlich erzähle, wie schlimm so eine Beschneidung ist, wie ich damit lebe, wenn ich erzähle, was in Afrika – besonders in Somalia, woher ich komm – in dieser Beziehung abläuft. Aber dann habe ich es einfach gewagt und dacht e mir: mal sehen, was passiert.

Stefan Teplan: Es ist sehr viel passiert. Das Medienecho ist schon vor dem Buchstart überwältigend. Hat Sie das überrascht.

Waris Dirie: Oh ja, absolut. Dieses Presseecho hat mich regelrecht schockiert. Nachdem ich mit meiner Geschichte in einem Interview mit der Zeitschrift Marie Claire auspackte, spazierte ich so die Straßen entlang und hatte wirklich Angst, umgebracht zu werden.

Stefan Teplan: Wer sollte Sie umbringen wollen?

 

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Das Interview mit Waris Dirie erschien als Titel-Interview für das erste Weltbild-Magazin in neuem Outfit, mit dem sich Weltbild in einem Relaunch ganz neu auf dem Markt präsentierte (s. Titelbild unten). Als zusätzliche PR-Maßnahme organisierte Stefan Teplan für die PR noch Prominenten-Zitate und einen Meinungsbeitrag von Maria von Welser, Leiterin des TV-Frauenjournals Mona Lisa“. Jener Beitrag von Maria von Welser kann aus Copyright-Gründen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden.

 

Waris Dirie: Wissen Sie, weil diese Beschneidung von Mädchen ein solch brisantes Tabuthema ist, überlegte ich mir plötzlich: Oh Gott, was habe ich da nur gesagt und getan? Aber jetzt bin ich absolut zufrieden mit dem, was herausgekommen ist.

Stefan Teplan: Was ist denn außer den Pressereaktionen noch passiert? Sie wollten doch für eine Kampagne gegen die Beschneidung auch nach Afrika gehen?

Waris Dirie: Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ich gehe zunächst einmal nach Somalia.

Stefan Teplan: Was muss am wirkungsvollsten geschehen, um die Barbarei der Beschneidung von Mädchen zu beenden?

Waris Dirie: Ich weiß selbst noch nicht genau, was man alles tun sollte, um gegen die Beschneidung anzukämpfen. Ich weiß nur, dass es leichter wäre, einen Krieg irgendwo zu beenden als das. Eben weil es so kulturell verwurzelt ist und als Tabu behandelt wird. Wenn Sie jetzt nach Somalia gehen und etwas darüber wissen wollen, wird Ihnen keiner Informationen geben. Sie müssen versteckt arbeiten. Ich belehre die Menschen jetzt auch nicht, indem ich sage: Tut das und das nicht! Aber ich kann sie vielleicht durch mein Beispiel betroffen machen, wenn ich erzähle, was ich mitgemacht habe, was ich fühle. Und ihnen vermittle, wie falsch das ist, was sie Frauen antun, weil auch so viele Frauen, so viele Kinder dabei sterben.

Stefan Teplan: Und dieses Verbrechen an den Frauen, so würde ich es nennen…

Waris Dirie: … ja, da haben Sie völlig recht, es ist ein Verbrechen…

Stefan Teplan: … geschieht rund 6000mal an jedem Tag?

Waris Dirie: Ja. Über zwei Millionen Beschneidungen werden weltweit pro Jahr durchgeführt. Man kann es eigentlich gar nicht richtig zählen, all die Leute im Busch, in der Wüste, die ohne Arzt und ohne jede Hilfe Beschneidungen machen – wie viele dabei sterben. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir uns in der Welt um anderes kümmern sollten als darum, ob ich meine Tochter noch verheiraten kann, weil sie beschnitten ist oder nicht. Wir müssen das Bewusstsein dieser Menschen verändern. Das, was man einem Mädchen bei der Beschneidung antut, ist ein solcher Gewaltakt, auf der anderen Seite ist da ein solches Gefühl von Ohnmacht. Als mir das passierte, wollte ich lieber sterben als so verstümmelt und unter diesen unsagbaren Schmerzen zurückgelassen zu werden. Ich wäre ja beinahe gestorben. Aber dann kommt deine Mutter und sagt dir: Das ist schon alles richtig so, das wirst du alles überstehen. Und du denkst: Wenn Mama das sagt, wird es schon stimmen. Aber viele überstehen es eben nicht. Und die Mütter werden einem auch nicht gerade sagen, wie schlimm es danach weitergeht.

Stefan Teplan: Die Frage ist, ob Ihre Mutter das wirklich für richtig hält.

Waris Dirie: Das glaube ich nicht einmal. Ich weiß, wie schlimm es mir damit geht und sie muss doch dasselbe fühlen. Ich spreche also für jede Frau, mit der das gemacht wurde oder der das noch droht.

Stefan Teplan: Nun haben Sie als Sonderbotschafterin der UNO die besten Möglichkeiten dazu.

Waris Dirie: Und für diese Möglichkeiten bin ich auch sehr dankbar. Auf diese Weise kann ich meine Botschaft am wirkungsvollsten vermitteln. Ich habe die UNO hinter mir.

Stefan Teplan: Ist das für Sie befriedigender als das Leben eines Models?

Waris Dirie: Absolut. Das macht mich vollkommen glücklich. Als ich, nachdem ich über mein Schicksal öffentlich erzählt hatte, von der UNO gefragt wurde, ob ich für sie arbeiten wolle, war das für mich gar keine Frage. Es ist viel besser und schöner, als ein Fotomodell zu sein. Was soll dieses ganze Model-Getue?

Stefan Teplan: Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es verrückt, so viel Geld dafür zu kriegen, dass man nur seinen Körper vor einer Kamera zur Schau stellt.

Waris Dirie: Es ist auch verrückt. Besonders, wenn man, wie ich, von Afrika kommt. Die Leute müssen dort schwer für ihren Lebensunterhalt kämpfen, es ist ein armes Land, auch ich musste sehr schwer dort arbeiten. Besonders bei uns in der Wüste lebte man Tag für Tag nur von der Hand in den Mund. Es ist aber gleichzeitig das schönste, das einfachste und natürlichste Leben, das man führen kann. Wenn dann Leute mit einer Kamera kommen und einen bitten „Stell dich einfach nur da hin, ich mache ein Foto von dir und gebe dir Geld dafür“, muss man das doch für verrückt halten.

Stefan Teplan: Ihr Leben in Afrika und Ihr Leben jetzt könnten nicht gegensätzlicher sein. Sie wuchsen in der Wildnis auf, jetzt leben Sie in diesem verrückten New York mitten in der Glamour-Welt. Sehnen Sie sich oft zurück?

Waris Dirie: Oh, und wie. Wenn ich irgendwo eine Avenue hinunter spaziere, schließe ich oft nur die Augen und tue so, als wäre ich woanders, in der freien Natur. Wenn ich mir bewusst machte, wo ich wirklich bin, und das jeden Tag, dann würde ich verrückt. New York ist kein Platz, an dem ich für immer leben möchte. Ich muss eben jetzt hier sein, um meine Arbeit zu tun und so lange ist es o.k.

Stefan Teplan: Und was für ein anderes Leben schwebt Ihnen vor, wen Sie einmal nicht mehr als Model arbeiten?

Waris Dirie: Ich möchte gerne etwas Humanitäres machen. Das wollte ich schon immer, ich will anderen Menschen helfen. Besonders Kindern. Ich möchte ein Heim oder eine Schule für missbrauchte Kinder aufbauen. Ich möchte auch für die Natur etwas tun, ich gehöre Greenpeace an und will im Umweltschutz aktiver werden. Natürlich werde ich weiter gegen Beschneidungen kämpfen und denke daran, in Afrika eine Art Frauenhaus zu errichten als Zuflucht für Mütter, die mit ihren Töchtern vor dieser unerträglichen Situation fliehen wollen.

Stefan Teplan: Sie kommen demnächst ja auch nach Europa, um Ihr Buch vorzustellen und um gegen Beschneidung zu sprechen.

Waris Dirie: Ich komme unter anderem nach Frankreich, Italien, Holland und nach Deutschland. Ich sage manchmal, die Deutschen sind mir das liebste Volk, weil sie so hinter einer Sache stehen.

Stefan Teplan: Ich denke, es werden dort viele geschockt sein, wenn Sie schildern, welches unsagbare Leid es ist, an den Geschlechtsorganen verstümmelt zu sein. Das kann sich sonst wohl kein Mensch vorstellen.

Waris Dirie: Oh, glauben Sie mir, jede Frau kann sich das vorstellen. Ich muss deswegen nicht Details aus meinem Liebesleben schildern.

Stefan Teplan: Eins würde mich aber schon noch interessieren: Bevor Sie sich geoutet haben, haben sich sicher auch schon viele Männer für Sie interessiert. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Waris Dirie: Ich habe alle abgeblockt. Die meisten dachten von mir mit der Zeit, dass ich lesbisch sei, weil man mich nie mit einem Mann sah und ich über alles andere, nur nicht über Liebe und Sex redete. Ich wies viele Männer ab und gab ihnen einfach keine Chance.

Stefan Teplan: Inzwischen Leben Sie fest mit Ihrem Partner Dana zusammen und haben ein Kind von ihm.

Waris Dirie: Ja, ich bin heute anders als noch vor einem Jahr. Vor allem, weil ich jetzt ein Kind habe. Einem Menschen das Leben zu geben ist unbeschreiblich und wiegt viel Leid auf. Das können Sie als Mann natürlich nicht wissen und werden es nie erfahren. Gott strafe euch Männer! Ha! Aber Scherz beiseite. Ich sehe jetzt einfach im Leben alles ganz anders; ich bin so glücklich.

Stefan Teplan: War es ein Wunschkind?

Waris Dirie: Ja, das war es. Ich habe so viel Liebe in mir, dass ich die ganze Welt damit versorgen könnte. Das Baby ist so etwas, mit dem ich diese Liebe, wie soll ich sagen …

Stefan Teplan: … in etwas kanalisieren kann?

Waris Dirie: Genau, das meine ich. Ich genieße es, morgens aufzustehen und Verantwortung für dieses Kind zu haben. Ich kann wirklich aus Erfahrung sagen: Das Leben wird durch ein eigenes Kind so viel schöner und angenehmer.

Stefan Teplan: Zu Ihrem Glücksgefühlt trägt es jetzt sicher zusätzlich noch bei, dass Sie sich Ihren Schmerz endlich von der Seele geschrieben haben.

Waris Dirie: Stimmt, das kommt auch noch dazu. Es war für mich wirklich hart, dieses Buch zu machen. Es war sehr schmerzlich, es war sehr stressig, es wühlte mich emotional sehr auf. Als ich es abgeschlossen hatte, atmete ich innerlich zuerst einmal tief durch und fühlte mich von so vielem gereinigt. Ich war befreit von etwas, was ich mein Leben lang streng als ein Geheimnis gehütet habe. Dieses Buch war für mich eine Art Therapie. Es hat mir selbst sehr geholfen, und ich hoffe, es hilft auch vielen anderen.

© Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 21, 1998

Adieu Audrey – Über Audrey Hepburn

Stefan Teplan zum Fotoband „Adieu Audrey“ (136 Seiten, 14,80 Euro; Schirmer/Mosel Verlag) mit 76 Schwarzweiß- und 13 Farbfotos von AudreyHepburn

Audrey Hepburn, Ausriss aus Weltbild Nr.12, 1997

Audrey Hepburn, Ausriss aus Weltbild Nr.12, 1997

 

Sie steht keck vor der Kamera, sportlich-knabenhaft mit schmalen Hosen, flachen Schuhen und Bubikopf. Sie schreitet, elegant, feminin, ganz die Lady von Welt, in einem Nachmittagskleid von Givenchy über den Laufsteg. Sie ist plötzlich eine kindhafte Cinderella, ein Girlie der 50er Jahre mit unschuldig-naiven Rehaugen. Dann wirkt sie, ein Symbol der rebellischen „Swinging Sixties“, locker verrucht als Holly Golightly – die Idealbesetzung für die Verfilmung von „Frühstück bei Tiffany“. Unglaublich, dass dies alles dieselbe Frau ist. Und schwer zu fassen, was das Besondere an Audrey Hepburn ist, die in den fünfziger und sechziger Jahren den Look und das Lebensgefühl einer Generation prägte. Aber gerade dieses Unfassbare macht das Besondere aus. Die Hepburn ließ sich in ihrem Facettenreichtum nicht festlegen. Sie verkörperte in einer Welt der schnell wechselnden Modetrends und Schönheitsideale den Gegentyp zu dem, womit Trendschwätzer in der Nachkriegsära Weiblichkeit definieren wollten: Sie bildete den Kontrast zu den Pinup-Girls und Donnerbusen-Vamps á la Marilyn Monroe und Sophia Loren, mit denen sie in de erste Reihe der Filmdivas aufrückte. Dass zu Schönheit mehr als Maße gehören, ist eine Binsenweisheit. Deren Inkarnation heißt Audrey Hepburn. Sie besaß, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung es einmal formulierte, das, was „sie allen in ihren Trieben schläfrig brütenden Frauen überlegen macht: eine wache Intelligenz.“ Und das ist vielleicht das Schönste, was man über eine ohnehin schöne Frau sagen kann.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 12, 1997

Minette Walters und die Abgründe der Seele

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Minette Walters, die in wenigen Jahren zu einer der weltweit erfolgreichsten Krimi-Autorinnen wurde

Stefan Teplan: Sie gelten international als die „Lady des Verbrechens“. Für mich sind Sie eher die „Lady der Psycholgie“: Ihre Krimis führen in die Abgründe der Seele.

Minette Walters: Ja, notwendigerweise. Wenn ich mich an einen neuen Kriminalroman setze, interessiert mich dabei weniger: Wer war der Täter? Mich bewegt die Frage: Warum hat er es getan? Und das führt natürlich immer in psychologische Tiefen.

Stefan Teplan: Wo und wie studieren Sie diese Psychologie?

Minette Walters: Ich besuche regelmäßig Schwerverbrecher in Gefängnissen. Dabei habe ich ein gutes Bild von Menschen, die getötet haben.

Stefan Teplan: Ich vergleiche einige Ihrer Romanfiguren mit Kriegsverbrechern in Bosnien. Man fragt sich dabei: Wie kann ein jahrelang normal funktionierender Mensch plötzlich zum Mörder und Vergewaltiger werden?

Minette Walters: Ein sehr guter Vergleich. Was hier passiert, ist, denke ich, folgendes: Sobald man die für eine Demokratie unerlässlichen Prinzipen von Gerechtigkeit abschafft und es erlaubt, Menschen zu töten oder zu vergewaltigen, tritt ein Zustand der Anarchie ein. In diesem Zustand verliert der Mensch sein ganzes Wertesystem. Dasselbe passiert nicht nur kollektiv im Krieg, sondern unter besonderen Umständen auch dem Individuum.

Stefan Teplan: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit solchen Psychofragen?

Minette Walters: Diese Materie hat mich schon immer interessiert. Und ich wollte auch schon immer Krimi-Schriftstellerin werden.

Stefan Teplan: Warum haben Sie dann erst vor fünf Jahren damit angefangen?

Minette Walters: Als ich 22 war, wollte ich zuerst ein Haus haben. Dafür habe ich viel gearbeitet; habe dann eine Familie gegründet und war als Journalistin und Hausfrau vielbeschäftigt. Mit 43 setzte ich endlich ein Jahr vom Job aus, um ein Buch zu schreiben …

Stefan Teplan: … das auf Anhieb ein Bestseller wurde.

Minette Walters: Der Erfolg kam für mich völlig unerwartet, mit allem, was er mit sich bringt, monatelange Promotion-Reisen und so etwas.

Stefan Teplan: Und was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie als millionenschwere Erfolgsautorin kaum mehr Zeit für Sie haben?

Minette Walters: Ach, ich denke, Ihnen gefällt das viele Geld.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 4, 1998

 

Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998

 

Die Macht der Schönheit

Aussehen bedeutet Ansehen. Schöne Menschen genießen Vorteile im Beruf, in Beziehungen, selbst vor Gericht. Was aber ist Schönheit? Und wird der Kult um sie zum Terror? Eine Analyse von Stefan Teplan (mit Interviews von Dietmar Kattinger, Marion Vorbeck, Klaus Kreitmeier und Stefan Teplan mit Ottfried Fischer, Petra Schürmann, Nina Ruge, Chris Roberts, Nancy Friday u.a.)

Schönheit“, besagt ein griechisches Sprichwort, „ist mächtig, Geld allmächtig.“ Dass Schönheit einmal so viel mit Geld zu tun hat wie am Ende des 20. Jahrhunderts, konnten die alten Griechen nicht ahnen. Mehr denn je zahlen die einen dafür, mehr denn je verdienen die anderen damit. Topmodels wie Cindy Crawford und Claudia Schiffer tragen ihre Haut für rund 15 Millionen Mark jährlich zu Markte. Mode- und Lifestyle-Magazine wie Vogue oder Vanity Fair blättern für etwas Entblättern schon einmal 20.000 bis 30.000 Dollar pro Fotosession hin.

Dabei setzen die Schönheiten Maßstäbe, denen die Mehrheit nicht entsprechen kann. Und es dennoch für viel Geld versucht. 1,1 Milliarden Mark, so meldete das Statistische Bundesamt Anfang Juni, gaben Bundesbürger im Jahr 1995 für Schönheitspflege aus. Und neben der Kosmetikindustrie haben auch Schönheitschirurgen Hochkonjunktur. 100.000 Deutsche lassen sich jährlich liften, Falten lasern, Busen füllen, Fettbäuche leeren oder Nasen operieren. 80.000 davon sind Frauen, die der gnadenlose Konkurrenzkampf untereinander teuer zu stehen kommt.

Schuld daran sind die Männer, glaubt der Wiener Ethologe Karl Grammer. Untersuchungen für sein Buch „Die Signale der Liebe“ bestätigen, was das „starke Geschlecht“ selbst nur ungerne zugibt: dass es beim „schwachen Geschlecht“ in erster Linie auf das Äußere sieht. Die 20.000 Männer, die sich für mehr Ansehen durch Aussehen den Chirurgen ans Messer liefern, haben da eine ganz andere Motivation: Sie tun das, wie die Süddeutsche Zeitung herausfand, „nicht, um Frauen zu erobern, sondern um ihrem Chef zu gefallen. Das gegenwärtige Erfolgsimage akzeptiert weder Falten noch Doppelkinn oder Tränensäcke.“

Ob die Rechnung aufgeht? Das wiederum werden Personalchefs ungerne zugeben, aber die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Wer schön ist, hat’s schöner. Das amerikanische „Bureau for Economic Research“ hat die Karrieren von 2000 Uni-Absolventen analysiert. Fazit: Äußere Reize sind wichtiger als alle Bewerbungsunterlagen. Die von einer Jury überwiegend als attraktiv eingestuften Juristen verdienten nach fünf Jahren neun Prozent mehr als ihre Kollegen, nach 15 Jahren sogar 13 Prozent. „Die Tendenz, dass Gutaussehende besser verdienen, nimmt dabei von Jahr zu Jahr zu“ weiß die amerikanische Verhaltens- und Sexualforscherin Nancy Friday (s. auch Interview weiter unten).

Dabei zahlt sich ein schöner Leib beileibe nicht nur im Berufsleben aus: Schöne Menschen genießen auch in anderen Bereichen den Vorteil des so genannten „Nimbus-Effekts“. Das heißt:

–  Sie werden von Haus aus als intelligenter, humorvoller, sensibler, aktiver und netter  eingestuft

Gutaussehende Kriminelle werden seltener festgenommen

Attraktive Straftäter werden vor Gericht milder beurteilt

Schöne Schüler wurden von Lehrern bei Foto-Tests positiver, auch im Hinblick auf einen höheren Abschluss, beurteilt.

Bleibt angesichts dieser Demonstration der Macht der Schönheit die Frage, was Schönheit eigentlich ist. Ein rein subjektives Empfinden? Ein von Medien- und Modeleuten diktatorisch verordnetes Idealbild? Oder ein Image, für das es objektive Kriterien gibt? Dem steht entgegen, dass im Wandel der Zeiten das Schönheitsideal unzählige Male gewechselt hat. Galten in der Antike Harmonie und Symmetrie schlanker Körper als das Maß aller Dinge, durfte es in der Barockzeit schon ein wenig mehr sein: Da war, wie auf den berühmten Gemälden von Rubens zu sehen, Leibesfülle angesagt. In unserem Jahrhundert drückten in den 20er Jahren Frauen mit Bubiköpfen und langen Hemdkleidern Selbstbewusstsein aus, in den 30er und 40er Jahren waren in Deutschland Mädels mit roten Backen und kräftigen Beinen in wadenlangen Kleidern gefragt, in den 50er Jahren symbolisierten Wespentaille und runde Hüften den Zier-Charakter der Frau. In den 60er Jahren trieb kurzzeitig der Twiggy-Look Mädchen an den Rand der Magersucht. Seit den 80er Jahren ist alles möglich: Punks und Popper, Grufties und Grunge, Teds und Techno-Look stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Aber es gibt in der Beurteilung von Schönheit zumindest eine Konstante über alle Modeerscheinungen hinweg: Als attraktiv, so Karl Grammer, wird das symmetrische Durchschnittsgesicht angesehen. Ungewöhnlich schön ist das ungewöhnlich Gewöhnliche (siehe Bilderreihe „Aus 16 mach 1“ weiter unten).

Nicht gewöhnen aber will sich Anselm Grün, Abt der Benediktinerabtei Münsterschwarzach,  an den Gedanken, dass Millionen sich heute dem Schönheitsterror unterwerfen. „Wir müssen aufhören, uns zu vergleichen“, warnt er. „Sonst rennen wir einem äußeren Ideal hinterher und lassen uns von anderen das Ideal aufdrängen, das ja nicht der objektiven Schönheit entspricht. Schönheit ist auch der Durchschein des Göttlichen.“ Der Moraltheologe Bernhard Häring sieht es ähnlich: „Bei mir gehören das schöne, das Gute und Wahre zusammen. Gott ist die Schönheit.“ Häring wehrt sich dagegen, Menschen nach ihrer Attraktivität zu beurteilen: „Da bleibt man am Äußeren hängen und verliert die Tiefe.“

Da müssten die Theologen nicht nur in Bodybuilding-Zentren, Beauty-Farmen und Kosmetiksalons missionieren. Der extremste und makaberste Schönheitskult wird auf der Südseeinsel Oloa getrieben: Dort werden hässliche Babys umgebracht. Wer über 40 ist und an Schönheit verliert, verabschiedet sich mit einem rauschenden Fest. Danach nimmt er tödliches Gift.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

Lesen Sie dazu auch die Interviews mit Prominenten und mit der Sexual- und Verhaltensforscherin Nancy Friday weiter unten!

SCHÖNHEIT ALS VORTEIL,

SCHÖNHEIT ALS FLUCH

Stefan Teplan sprach mit der amerikanischen Verhaltens- und Sexualforscherin (bekannte Bücher: „Die sexuellen Phantasien der Frauen, „Die sexuellen Phantasien der Männer“) über ihr neues Werk „Die Macht der Schönheit“.

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Nancy Friday und ihr Buch „Die Macht der Schönheit“ – Ausschnitt aus dem Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

Stefan Teplan: Sie empfehlen Frauen, die Macht der Schönheit mehr zu nutzen. Halten Sie sich eigentlich immer noch für eine Feministin?

Nancy Friday: Natürlich. Ich gehe nur gegen die männer- und schönheitsfeindliche Haltung vor, die die feministische Bewegung in ihren Anfängen einnahm. Damals war die Botschaft: Wir Frauen wollen Gleichberechtigung, wir wollen als Menschen und nicht als Schönheitsobjekte angesehen werden. Das haben wir zum Großteil erreicht. Aber man muss auch die Realitäten sehen. Und die Macht der Schönheit ist eine Realität.

Stefan Teplan: Inwiefern?

Nancy Friday: Man weiß ja inzwischen, dass schöne Menschen mehr Vorteile haben, im Beruf wie im Alltag. Es ist eine Realität, dass wir Menschen auf das Äußere sehen. Und dass auch in diesem Punkt ein ständiger Konkurrenzkampf herrscht. Nur haben die Feministinnen gesagt: Wir Frauen kämpfen nicht gegeneinander, wie es die Männer tun. Das ist kontraproduktiv, lächerlich und dumm. Wir müssen lernen, Konkurrenz untereinander zu akzeptieren und zu führen.

Stefan Teplan: Feministinnen wollen diese Konkurrenz auch, doch auf intellektuellem und nicht auf äußerem Niveau.

Nancy Friday: Das ist völlig unrealistisch. Arbeitgeber ziehen häufig attraktivere Bewerber vor und bezahlen sie auch besser. Schönheit ist immer ein Trumpf.

Stefan Teplan: Sie führen in Ihrem Buch aber auch einige Kehrseiten der Schönheit an.

Nancy Friday: Ja, dazu kann ich Ihnen gleich etwas Neues sagen. In einer neuen Studie erzählten die meisten attraktiven Frauen um Ende 20, sie empfänden ihre chönheit als einen Fluch. Sie sagten sich: „Hier bin ich mit meinen 27 Jahren, und meine Schönheit verblasst langsam. Und weil ich immer so schön war, habe ich keine anderen Fertigkeiten entwickelt wie manche meiner Freunde. Ich bin nicht so intelligent, nicht so sportlich, es gibt nichts, in dem ich absolut überragend bin.

Stefan Teplan: Und was hinderte diese Frauen daran, andere Talente zu entwickeln?

Nancy Friday: Die Tatsache, dass sie Freundinnen wollten. Die hätten im Wettbewerb nicht mithalten können, wenn ihre Freundin zu ihren äußeren Vorzügen noch besondere intellektuelle Fähigkeiten entwickelt hätte. Also haben sie sich, um nicht Neid zu erregen darauf beschränkt, nur schön zu sein.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

WAS IST FÜR SIE SCHÖN?

Prominenten-Umfrage, Ausschnitt aus Weltbild Nr. 13, 1997

Prominenten-Umfrage – Ausschnitt aus dem Magazin Weltbild Nr. 13, 1997

(Die Interviews mit den Prominenten führten die Redakteure Dietmar Kattinger, Marion Vorbeck, Klaus Kreitmeier und Stefan Teplan)

Ottfried Fischer, Schauspieler: „Schönheit ist für mich etwas, das auch nach dem ersten Blick noch hält. Schön ist für mich nicht unbedingt nur der oder die klassich Schöne, sondern diejenige Person, die sich die innere und äußere Schönheit durch sein Verhalten mehr als durch sein Aussehen erworben hat. Denn die ganz Schönen, die nur schönen, sind erfahrungsgemäß die größten Luschen.“

Nina Ruge, Moderatorin: „Schönheit ist unglaublich viel. Schönheit ist menschgewordene Sehnsucht des Menschen nach Harmonie: in den Gesichtszügen, im Bau des Körpers, in der Anmut der Bewgungen und der Kraft des Herzens. Leere schönheit lässt mich kalt. Sprich: Schönheit geht nur zusammen, wenn Körper und Seele harmonisch sind – dann alerdings entsteht Magie, auch Macht, auch Einsamkeit. Wen finde ich schön? Emanuelle Béart, Robert Redford, Christie Turlington. Allerdings: Wie stark kann die Leinwand die Stärk des Herzens transportieren? Zumindest so stark, dass Demi Moore für mich nicht zu den Schönen zählt.

Chris Roberts, Schlagersänger: Ich erinnere mich an eine alte Frau, die an der dalmatinischen Küste am Hafen saß. Sie hatte nur einen Zahn, war voller Falten und Runzeln. Und das war mit das Schönste, was ich je gesehen habe – in der Würde, in der sie da saß, in de Würde, in der sie alt wurde, ohne diesen Druck von Jugend und Schönheit, der in der westlichen Gesellschaft vorherrscht.

Britta Steilmann, Modemacherin: „Schönheit kommt von innen und außen. Der schönste Mensch ist für mich Robert Redford. Er verbindetCharisma mit Begabung, Seele, Herz und Leidenschaft mit gutem Aussehen.“

Rudolf Mooshamer, Modeschöpfer: „Ich finde alle Menschen schön, die eine Ausstrahlung und Charisma haben. Schönheit kommt nach Lebensphilosophie und Erfahrung nur von innen.“

KatrinZimmermann, geborene Krabbe, Athletin: „Ein schöner Mensch ist für mich jemand, dn man total gern mag und der für andere vielleicht vom Optischen überhaupt nicht gut aussieht. Ein beispiel dafür ist mein Mann: der ist vom Äußeren gewiss nicht jedermanns Geschmack, obwohl er groß und schlank ist und interessant ausshieht. Für michb ist er aber von seiner Ausstrahlung her ein richtig schöner Mensch.“

Claus Hipp, Unternehmer und Maler: „Im Vergleich zum Hübschsein ist Schönsein etwas, das von innen herauskommt. Es gibt auch wunderschöne alte Menschen. In uns, in er Literatur und in der Bildenden Kunst steckt die Verbindung von schön und gut; wir sind enttäuscht, wenn das schöne nicht gut ist. Für mich ist der Papst schön als Mensch. Er hat so viel Strahlendes an sich, das die scghönheit ausmacht.“

Petra Schürmann, Moderatorin: „Es gibt viele optisch hübsche Gesichter, die keinen Ausdruck haben. Körper und Geist sollen eins sein. Ein Beispiel hierfür ist die Moderatorin Birgit Schrowange. Sie hat eine angenehme Stimme, ein telegenes Gesicht und Ausdruck. Wenn das nicht übereinstimmt, ist man nur eine Barbiepuppe.“

Helmut Bauer, Würzburger Weihbischof: Nach der klassischen definition, der ich mich anschließe, ist Schönheit alles, was wahr und gut ist. Ich möchte das Wort Jesu gebrauchen: Gott allein ist gut, also im weiteren Sinne auch: Gott allein ist schön. Alles ist schön, was Göttliches in dieser Welt durchlässig macht., weil Er letztlich auch im Wahren, Schönen und Guten seine Liebe zum Lebendigen zeigt.

Thomas Maria Renz, Weihbischof Rottenburg-Stuttgart: „Schönheit ist etwas, was anmutig ist, was anspricht und fasziniert. Schönheit hängt mit der Ausstrahlung, der Anziehungskraft zusammen. Schön ist für mich der, der in sich diese Schönheit hat. Schönheit ist nicht nur etwas Äußeres, es gibt ja auch eine innere Schönheit. Und die Theologie spricht davon, dass zum Beispiel in Gott das wahre und Schöne ist. Wer dies ausstrahlt, der hat diese Schönheit.

AUS 16 MACH 1: IDEALGESICHT AUS DEM COMPUTER

Von Stefan Teplan

Idealgesicht, Ausschnitt aus Weltbild Nr. 13, 1997

Idealgesicht – Ausschnitt aus Weltbild Nr. 13, 1997

Schon der Philosoph Immanuel Kant verkündete: „Das Mittelmaß scheint das Grundmaß und die Basis aller Schönheit selbst zu sein.“ Naturforscher Francis Galton bestätigte ihn. Er fand im letzten Jahrhundert heraus, dass Frauengesichter schöner wirken, wenn man mehrere Fotos aufeinander kopiert. Der Ethologe Karl Grammer verfeinerte die „Durchschnitts-Hypothese“ noch: Er ließ computertechnisch übereinander kopierte Porträtbilder zu einem künstlichen Durchschnittsgesicht vereinigen (siehe Fotoreihe oben), das in allen Test als attraktiver beurteilt wurde. Interessanterweise wirkt das Mittelgesicht nur bei Frauen anziehend. Bei Männern werden Besonderheiten wie ein starkes Kinn eher als attraktiv empfunden.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 13, 1997