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Barbara Wussow: „Jetzt habe ich meine Traumrolle“

Aufmacher des Wussow-Fortell-Interviews, Ausschnitt aus WELTBILD Nr. 20, 1997

Barbara Wussow wird Mutter. WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan besuchte sie und ihren Mann, den Schauspieler Albert Fortell, in Wien und sprach mit ihnen über die Schwangerschaft, über Kirche und Papst, über Moral und Beziehungen.

 (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr: 20/1997)

 

Stefan Teplan: Sie sagten einmal: Meine Traumrolle ist, Mutter zu sein. Jetzt erwarten Sie ein Kind. Wie fühlen Sie sich bei den Vorbereitungen auf die Traumrolle?

Barbara Wussow: Ich fühle mich wunderbar und bereite mich so gründlich darauf vor, wie ich mich immer auf meine Rollen vorbereite. Und auf diese Traumrolle ganz besonders.

Stefan Teplan: Nur dass Sie mit dieser Rolle nicht im Rampenlicht stehen wollen.

Barbara Wussow: Ich bitte darum, es zu respektieren, dass ich mich in den nächsten Wochen etwas mehr von den Medien und der Presse distanzieren möchte. Ich will mich zurückziehen, was nicht böse gemeint ist, sondern ich tue das, um diese Ruhe, die ich jetzt brauche, und das Auf-mich-selbst-Besinnen in dieser besonderen Zeit mehr genießen zu können. Und ich möchte meine Schwangerschaft nicht zer- und bereden.

Stefan Teplan: Haben Sie jetzt auch Ihre Lebenspläne als Schauspielerin geändert?

Barbara Wussow: Nein, das nicht. Ich will in der ersten zeit etwas zurückstecken und gar nichts machen. Wie ich mich nachher fühle, werde ich sehen,. Ich weiß von so vielen Kolleginnen, die in dieser Situation sehr wohl gearbeitet haben. Meine Mutter stand bis zum siebten Monat auf der Bühne.

Stefan Teplan: Sie empfinden das Kind nicht als Karrierebremse? Es gibt ja Frauen, die behaupten, ein Kind stünde ihrer Selbstverwirklichung im Wege.

Albert Fortell: Es ist wirklich unglaublich, was man da mitbekommt. Ich weiß von einem Fall, dass eine Frau abgetrieben hat, nur weil sie in Urlaub gehen wollte.

Barbara Wussow: In der heutigen Zeit kann ein mündiger erwachsener Mensch, wenn er so reif ist, dass er mit einem Partner ins Bett geht, auch so verantwortungsbewusst sein, dass er weiß, was daraus entstehen kann. Das hat er verantwortungsvoll zu respektieren. 

Interview mit Wussow und Fortell, Ausschnitt aus Weltbild 20, 1997

Stefan Teplan: Sie sind beide populär, vertreten aber unpopuläre Ansichten. Ihr Eintreten gegen Abtreibung und Ihre Papsttreue lassen Sie in den Augen mancher als altmodisch erscheinen.

Albert Fortell: Ich glaube allerdings gar nicht, dass wir unpopuläre Ansichten vertreten, sondern nur Ansichten, die eine laute Minderheit nicht mag.

Stefan Teplan: Dann wird das Bild von den Medien verzerrt?

Barbara Wussow: Ich glaube ja. Es ist nur eine laute Minorität, die in den Zeitungen und in den Talkshows zu Wort kommt und die wir alle hören. Wir hören aber nicht die vielen Millionen Menschen, die mit dem Papst und der Kirche einverstanden sind. 99 Prozent der Post, die wir bekommen, bestärkt uns in unserer Haltung. Was die Abtreibung betrifft, so bin ich völlig einer Meinung mit unserer sehr verehrten und geliebten Mutter Teresa: Abtreibung ist Mord. Wenn es möglich ist, dass eine Mutter ihr Kind umbringen lässt, steuert die Menschheit einem Abgrund entgegen. Und ich stehe zu meinem Satz: Mein bauch gehört mir, aber nicht der Inhalt. In dem Moment, in dem neues Leben in mir entsteht, ist es für mich undenkbar zu sagen, in den ersten Wochen oder drei Monaten ist es noch nichts. Was ist es dann? Das ist von der ersten Sekunde an, in der es entsteht, ein eigenständiges Leben, dem ich die Chance nicht verwehren darf, auf die Welt zu kommen.

Stefan Teplan: Gerade solche Sätze und Ihr Bekenntnis, Sie seien mit dem Papst in allem einig, machen Sie in bestimmten Kreisen unbeliebt, weil sie gegen den Zeitgeist gerichtet sind.

Barbara Wussow: Aber war Mutter Teresa unbeliebt? Und sie war mit dem Papst in allem einig. Wer hätte es gewagt, sie anzugreifen? Wenn man sie angegriffen hat, waren das Irre, die ihr zu wenig politische Haltung vorgeworfen haben.

Barbara Fortell: Das ist ja jetzt auch vereinzelt passiert. Weil man gar nichts mehr findet, hat man gesagt, sie hat nicht dazu beigetragen, die indische Gesellschaft zu verändern. Und da hat sie völlig richtig gesagt: Das haben auch die indischen Politiker nicht geschafft, und in der Zeit habe ich aber Hunderttausenden von Menschen das Leben gerettet.

Stefan Teplan: Erkennen Sie denn die Autorität des Papstes wirklich in allen Fragen an?

Barbara Wussow: ich finde, dass der Papst Richtlinien vorgeben und die moralische Höchstlatte in bestimmten Fragen ansetzen muss: zum Beispiel vor der Ehe keinen Verkehr zu haben, die Pille nicht zu nehmen, keine Kondome zu nehmen. Obwohl letzteres ein Punkt ist, gegen den ich mich in Zeiten von Aids sträube. Ich würde absolut Kondome empfehlen, bevor Menschen sterben. Ich kann mir vorstellen, dass die Kirche ihren Standpunkt dazu ändern wird – auch wenn es nicht im Sinne unserer Religion ist, weil es auch Leben verhindert.

Stefan Teplan: Sie können diese moralischen Richtlinien aber nicht aus der Bibel ableiten. Die sind von der Kirche gemacht.

Albert Fortell: Ich kann ableiten, dass die Kirche aus der Bibel ableitbar ist. Man sollte eines nicht vergessen: Die Kirche und besonders unser Papst machen es sich nicht so einfach. Es ist sicher schwieriger, seine Position zu halten als sich dem Zeitgeist anzupassen. Er könnte es sich leichter machen.

Barbara Wussow: Es gab Päpste, die haben es sich angenehmer gemacht im Leben und sind weniger angeeckt. Dieser Papst hat vieles erlebt, körperlich und seelisch, und musste durch viele Mühen gehen. Nicht umsonst ist er derart gebeugt unter der Last, die er getragen hat.

Stefan Teplan: Frau Wussow, haben Sie eigentlich wegen ihrer religiösen Einstellung schon einmal eine Rolle abgelehnt?

Barbara Wussow: Ich würde keine Rolle spielen, die gegen meinen Glauben gehen würde. Aber so ein Angebot hat es noch nicht gegeben. Ich habe mich auch schon für den Film ausgezogen. Wenn es dramaturgisch richtig ist und diese Szene nicht anders machbar und keine Effekthascherei ist, gehört das dazu. Der Körper ist auch nur ein Kostüm.

Stefan Teplan:  Ihre Rolle in der aktuellen ZDF-Serie „Singles“ entspricht nicht gerade Ihrem Image.

Barbara Wussow: Image ist so eine subjektive Geschichte. Das kriegt man von der letzten Rolle weg verpasst. Ich hatte ein zeitlang ein liebes, braves Mäderl-Image. Da bin ich nun wirklich schon etwas darüber hinweg.

Stefan Teplan:  Sie sagten ja schon vor Jahren, jede seelische Falte würde Ihrem Schauspiel mehr Tiefe verleihen.

Barbara Wussow: Ich bin froh über jedes Jahr, das ich älter werde. Ich war selig, als ich 30 wurde. Ich will ja nicht eine seelische Maske, eine schöne Larve bleiben. Ich möchte Knitter und Narben und Falten haben, denn von ihnen  profitiert mein beruf, aber auch mein Leben und mein Charakter und mein Weiterkommen als Mensch. Man braucht Probleme, um wachsen zu können.

Stefan Teplan:  Wieder unpopuläre Ansichten. Heute soll alles schön und glatt sein. Wer aus dem Jugendalter herauskommt, dem wird eine Krise unterstellt.

Barbara Wussow: Alles Quatsch. Ich war diesbezüglich noch nie in einer Krise.

Stefan Teplan: Sie sind auch noch nicht alt genug.

Barbara Wussow: Aber Kolleginnen von mir hatten mit 30 eine Krise. Ich sagte nur: Seid ihr wahnsinnig? Ich kriege sie vielleicht, aber auch nicht sicher mit 90. Das ist auch ein Zeichen unserer leichtlebigen und schnelllebigen Zeit, dass man nicht altern darf, in einer Gesellschaft, die nicht zugibt, dass ein Mann ein reifer Mann werden darf und eine Frau eine weise reife Frau. Nein, sie muss jugendlich sein und Miniröcke anhaben. Wenn sie es machen möchte, dann soll sie es machen. Wenn nicht, dann soll man sie bitte doch lassen und sie nicht scheel anschauen, dass sie 60, 70, 80 wird, Falten kriegt und sich nicht mehr anzieht wie ein Girlie.

Stefan Teplan: Die Kurzlebigkeit unserer Zeit spiegelt sich auch in den Beziehungen. Warum zerbrechen heute so viele Partnerschaften und Ehen?

Barbara Wussow: Wir sind zu einer Wegwerfgesellschaft geworden. Auch in Bezug auf den Menschen, auf Beziehungen, auf Gefühle. Wenn es zu schwierig und zu problematisch wird, steht man nichts mehr durch. Man hat auch nicht einmal mehr den Anstand, wenigstens den Schein zu wahren und einen Partner in einer Beziehung zu schützen. Es hat zu Zeiten meiner Groß- und Urgroßeltern ebenfalls Seitensprünge und Nebeneinanderbeziehungen gegeben. Nur hat man es dezenter, diskreter und feiner abgehandelt. Heute ist man ja stolz darauf, wenn man das macht.

© Stefan Teplan 1997

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Die Wandlung der Karin Struck

Die deutsche Schriftstellerin Karin Struck (1947-2006) wurde 1973 mit ihrem Debütroman „Klassenliebe“ schlagartig berühmt. Für viel Aufsehen undAnsehen sorgten weitere Bücher wie unter anderem „Die Mutter“ (1975), „lieben“ (1977) oder „“Blaubarts Schatten“ (1991). Für noch mehr Aufsehen freilich sorgte ihre Wandlung von der Atheistin und dem Aushängeschild der linken Szene zu einer überzeugten Katholikin, die plötzlich traditionelle Werte verteidigte. Stefan Teplan hat sie 1996 in ihrem Haus in Westfalen besucht und mit ihr über diese Wandlung gesprochen.

Stefan Teplan: Wie wird man von einer Galionsfigur der alternativen und links-intellektuellen Szene zu einer Vertreterin konservativer werte, zu einer Christin und schließlich überzeugten konvertierten Katholikin?

Karin Struck: Darüber müsste ich ein ganzes Buch aschreiben, weil diese Entwicklung sehr komplex ist. Es ist fast wie die Geschichte des verlorenen Sohns. Die war auch das Motto bei meiner Konversion – bis hin zu den Säuen; dass jemand wirklich im Dreck wühlt, auch moralisch. Ich war ja bei Gott nicht nur ein Engel in den letzten 30 Jahren – da muss man nicht nur an meine Abtreibung denken.

Stefan Teplan: Führt Ihr neuer Status dazu, dass Sie bedingungslos die katholische Sexualmoral vertreten? Selbst viele Katholiken haben ja Probleme damit.

Karin Struck: Ich habe keine Probleme damit. Ich habe es gut, weil ich die Dinge schon so lange durchdacht habe, dass ich sie nicht mehr nur aus dem Bauch heraus, mit irgendwelchen Aggressionen angereichert oder mit irgendwelchen chaotischen Emotionen beladen beurteile. Ich habe in meinen Romanen und Erzählungen ja auch sehr ausführlich über Sexualität geschrieben – nicht nur in Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung. Jetzt ist für mich ein Punkt eingetreten, wo ich das alles neu ordnen muss. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft noch sehr viel verantwortungsvoller, bewusster zum Beispiel mit Themen wie Sexualität in der Literatur, die ich selber sachreibe, umzugehen.

Stefan Teplan: Sind Sie auch allem, was vom Papst kommt, einverstanden?

Karin Struck: Den Papst schätze ich seit vielen Jahren. Den habe ich schon überall verteidigt, vor Stern-Redakteuren – die sind unter den Tisch gefallen vor Entsetzen. Dass es für diese Leute eine solche Provokation ist, das war wirklich ein Erlebnis. Ich denke, der Papst hat einfach eine so grandiose Unabhängigkeit. Er ist von niemand abhängig außer von Gott.

Stefan Teplan: Er hat Mut, gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

Karin Struck: Ich denke, es ist auch ein Opfer von ihm. Das ist für mich auch ein Leiden, dass er sich dem so aussetzt, das hat schon etwas Märtyrerhaftes. Dass er nicht einknickt bei diesen ganzen Angriffen. Man muss ja auch sagen, dass seine Kritiker meistens gar nicht informiert sind. Ich habe noch keinen von diesen ganzen Verhöhnern getroffen, der eine Schrift des Papstes wörtlich von vorne bis hinten gelesen hat. Ihm wird seine Fixierung auf die Sexualität vorgeworfen. Aber wenn ich die Enzykliken lese, finde ich das nicht bestätigt. Mir kommt es im Gegenteil so vor, als sei seine Kritikerschar auf diese Themen unglaublich fixiert. Wenn ich lese, was der Papst zu diesen Themen schreibt, sehe ich, dass er das immer mit den Bereichen Familie, Wert der Frau, Wert des Mannes verbindet – und da ist immer eine Gleichwertigkeit angesprochen.

Stefan Teplan: Widerspricht dem nicht sein Widerstad gegen das Frauenpriestertum?

Karin Struck: Mir kommt die Stellung der Kirche, des Papstes dazu sehr plausibel vor. Unter anderem auch aus Gründen der Herleitung aus dem, was Christus gemacht hat, als er seine zwölf Jünger um sich geschart hat und ihnen das Amt übergeben hat.

Stefan Teplan: Die Pflicht zum Zölibat lässt sich schon weniger biblisch ableiten.

Karin Struck: Das ist richtig. Mir leuchtet aber ein, dass vertreten wird, dass in der Tradition der katholischen Kirche – die ja weit beeindruckender ist als sde der kurzlebigen evangelischen – viels für den Zölibat spricht. Wesentlich für den Zölibat spricht, dass ich mehr Vertrauen zu einem geweihten Priester habe, der für Christus und seelsorgerisch ganz für mich als Gläubigen da sein kann, ohne Abhängigkeit von einer Familie, ohne zum dritten Mal geschieden zu sein. Außerdem kann ein zölibatärer Priester unbestechlich sein, zum Beispiel in totalitären Staaten oder in Zeitgeiststaaten.

Stefan Teplan: Mir ist jetzt immer noch nicht klar, was Sie zu einer so überzeugten Katholikin gemacht hat.

Karin Struck: Gerade durch mein Engagement gegen die Abtreibung, habe ich erfahren, dass die evangelische Kirche keinen Glaubenshalt mehr bietet. Und ich muss sagen: Ich habe selten so viel Hilfsbereitschaft kennengelernt, wie von Katholiken. Diese Vorbilder waren für mich der letzte Auslöser. Ich kann noch so eine tolle Menschheitsideologie haben, die ganze Welt befreien wollen, aber es kann mir durchaus passieren, dass ich den einzelnen Menschen vergesse. Und diese Sorte von leuten habe ich massenweise kennengelernt.

Stefan Teplan: Es gibt aber auch Gläubige, die sagen: Christus ja, Kirche nein.

Karin Struck: Das Problem ist die Glaubenspraxis. Die kann mir nur vermittelt werden durch die Kirche. Ich brauche eine Kirche, die diese Glaubenspraxis für mich unabhängig von politischen Wirren und Zeitströmungen vermittelt. Das ist bei der evangelischen Kirche nicht mehr gegeben.

Stefan Teplan: Jetzt ziehen Sie sich vollends den Zorn der Protestanten zu, wenn Sie sich noch zur Heiligenverehrung bekennen.

Karin Struck: Ich bekenne mich auch dazu. Die katholische Kirche ist kein Warenhaus, wo ich mir einen Artikel nehmen kann und der andere passt mir nicht. Sie stellt für mich eine Ganzheit dar. Maria ist ja keine Konkurrentin von Christus, ich mache da keinen Götzendienst. Heiligenverehrung, Beziehung zur Muttergottes, Rosenkranz – an diese Dinge nähere ich mich allmählich heran – machen für mich Reichtum und Vielfalt dieser Kirche aus.

Copyright: Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“ (heute „Radio Horeb“), 1996

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, Nr. 11/1996