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Nordlicht

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998)

Aufmacher-Seite zur Home-Story von Stefan Teplan über Leena Lander - Ausriss aus Weltbild Nr. 23, 1998

Die finnische Star-Autorin Leena Lander zieht mehr und mehr Leser in ihren Bann. Spätestens seit ihren Romanen „Mag der Sturm kommen und „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Gegenwartsliteratur. Stefan Teplan besuchte Leena Lander in ihrem Landhaus in Finnland und sprach mit ihr über Licht und Dunkel, Leiden und Schreiben.

Leena Lander - Titelbild-Entwurf zu Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

„Ein aufgehender Stern am Literaturhimmel“, rühmte der Norddeutsche Rundfunk. Eine Schriftstellerin mit erstaunlichem Geschick, „von einer Erzählebene auf die andere zu wechseln“, bewunderte die Süddeutsche Zeitung. Eine Dichterin, deren Werk „wunderbar komponiert“ ist, schwärmte die italienische Lire. Lobeshymnen überall für Leena Lander, vielfach preisgekrönte, in 13 Sprachen übersetzte Star-Autorin aus Finnland.

Spätestens seit ihrem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenem Roman „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ ist sie auch hierzulande vom Geheimtipp zur festen Größe der europäischen Gegenwartsliteratur avanciert. Hollywood hat die filmrechte für diesen Roman gekauft, ein weiterer („Mag der Sturm kommen“) soll demnächst in Skandinavien für das Kino produziert werden.

Leena Lander ist der neueste Shooting-Star innerhalb des seit Jahren anhaltenden Skandinavien-Booms in der Bücherwelt. Ob der Norweger Jostein Gåarder mit „Sofies Welt“, der Däne Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Schwedin Marianne Fredriksson mit „Hannas Töchter“ – all diese Nordlichter zeigten, was heute gute Belletristik ausmacht: Sie ist unterhaltsam, ohne in Kitsch abzugleiten, spannend, ohne in einer Flut von Action-Szenen zu ertrinken, niveauvoll, ohne belehrend zu wirken, und sinnlich, ohne peinlich zu werden. Und noch ein Skandinavier, der Norweger Lars Saabye Christensen, der in seinem Roman „Yesterday“ den Mythos der 60er Jahre beschwört, nötigte der Zeit die höhnische Frage ab, „warum noch kein deutscher Autor solch einen hervorragenden Roman über diese Zeit geschrieben naht.“

Die Antwort weiß nur der Wind. Einfacher ist da die Erklärung bei Leena Lander. Romane wie die ihren könnte ein deutscher Autor überhaupt nicht schreiben. Ihr Werk ist durch und durch finnisch, schöpft aus der Tradition und den Symbolen der alten finnischen Mythen, arbeitet die Geschichte des Landes – vor allem deren dunkle und bislang tabuisierte Seiten – auf und spiegelt, neben ihrer eigenen düsteren Kindheit, unvergleichlich treffend das Wesen der finnischen Seele wider. Jene unerträgliche Schwere des Seins, die die Menschen im Land der Lander überfällt, wenn das Licht schwindet und der nordische Winter hereinbricht wie eine lange, nicht endenwollende Nacht. Was die hohe Selbstmordrate – Finnland hält den traurigen Rekord in Europa – erklären mag. Dann andererseits jene exzessive Lebenslust, der sich die Menschen dort hingeben, wenn nach Monaten die Sonne wieder kommt, mit der sie sich in den kurzen Sommer stürzen wie in einen Rausch. Was wiederum ganz andere, nicht minder makabre „Rekorde“ erklärt. „Darin halten wir den Europarekord, im Morden aus Eifersucht“, schreibt Lander in ihrem Roman Mag der Sturm kommen“. In ihrem Landhaus, am Ortsrand eines Dorfes bei Turku, erzählt sie mir: „Besonders unter Alkoholeinfluss lassen viele Männer hier ihrer Eifersucht freien Lauf und verprügeln ihre Frauen. Oder töten sie gleich. Oder den Nebenbuhler.“ Oder auch nur den vermeintlichen.

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 22, 1998

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan

Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wie leicht so etwas gehen kann, hat sie im eigenen Verwandtenkreis bitter erfahren. „Mein Schwager wurde auf dem Heimweg in einem Park von einer Frau angesprochen. Sie wollte nur eine Auskunft. Ihrem stark angetrunkenen Begleiter ging das schon zu weit. Er schlug meinen Schwager zusammen, dann strangulierte er ihn mit einem Gürtel, bis er tot war.“

Ein weiterer Schock im Leben der Lander, das durch eine traumatische Kindheit ohnehin genug belastet ist. Eine Kindheit, die, wie sie überzeugt ist, sie erst zur Dichterin gemacht hat: „Sie werden keinen Schriftsteller mit einer normalen Kindheit finden.“ Nicht normal, das heißt im Fall von Leena Lander aufzuwachsen in einem Heim für kriminelle Jugendliche: Sie ist die zweite Tochter des strengen und übermächtigen Heimleiters. Unter der emotionalen Kälte ihres Vaters leidet sie ebenso wie unter dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören und immer Außenseiterin zu sein. Und die Erlebnisse ihrer Kindheit graben sich traumatisch in ihre Seele: mit anzusehen, wie zwei Jungen einen Neuling mit einem heißen Eisen malträtieren. Nachts die Schreie zu hören, wenn ungehorsame Zöglinge geschlagen werden. Zu erfahren, dass Jungs ausgebrochen sind und ein Mädchen vergewaltigt oder jemanden totgeschlagen haben. „Der Ort, an dem ich aufwuchs“, fasst Leena Lander zusammen, „War ein Ort des Schreckens. Es war ein sehr isolierter Platz. Wir erhielten keinen Besuch von der Außenwelt, und wir konnten nie raus.“

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem ehemaligen Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WLTBILD Nr. 23, 1998

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wer ihr persönlich begegnet, kann es nicht glauben, dieselbe Person vor sich zu haben, die eine so traurige Kindheit hinter sich hat und deren Bücher derart tiefe seelische Abgründe ausloten. Leena Lander ist charmant, schlagfertig, witzig, lebenslustig, unkompliziert. Alles andere als eine weltfremde Künstlerin, die vergeistigt in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Obwohl sie sich jeden Tag eisern in ihrer Arbeitsklause verbirgt und regelmäßig von 9.30 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags schreibt.  Aber anschließend zeigt sich ihre praktische Seite: Sie arbeitet im Garten (das sei, wie sie mir schelmisch mit einem englischen Wortspiel erklärt, ihr Wechsel vom „Avantgardener“ zum „gardener“). Die geht mit ihren Hunden Amanda und Santtu joggen. Sie macht Handwerksarbeiten (ihr Wohnhaus hat sie selbst getüncht, eine Garage für die Mopeds ihrer Söhne alleine gezimmert). Ja, und natürlich ist sie dann vor allem für ihre Familie da, ihren Mann, den Fernsehjournalisten Esa und ihre drei Söhne Joaa, Jirka und Jael, die am Spätnachmittag aus der Schule zurückkommen.

Woher sie die Kraft nimmt, die langen finnischen Winter hindurch die Einsamkeit zu ertragen? Sich in ihrer, wie sie es nennt, „Einzelhaft“ zu verbarrikadieren und Selbstgespräche mit ihren Romanfiguren zu führen? Die „Angst, manchmal wirklich verrückt zu werden“, auszuhalten? Zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben? Ganz einfach: Leena Lander kann gar nicht anders. „Ich bin vom Schreiben besessen. Das war ich schon als junges Mädchen. Lesen und Schreiben – das war meine Flucht aus der traurigen Situation, in der ich aufwuchs.“

Während der Zeit im Heim war ihr nur der nahe gelegene Friedhof als Zufluchtsstätte vor dem ganz alltäglichen Horror geblieben. Die Grabinschriften regten sie dazu an, Geschichten über die Toten zu erfinden. „Ich konnte schließlich nicht mehr davon lassen, Geschichten zu erfinden, die ich in meine Tagebücher schrieb. Bis ich 15 war.“ Da warf sie ihre Tagebücher nach einem Streit mit dem Vater weg. Der hatte keinen Sinn für ihre „Träumereien“ und forderte sie auf, „etwas Sinnvolles“ zu machen.

Das „unerzogene“ Mädchen „pflegt Umgang mit Toten und Steinen und Büchern, erlernt das Leben gleichsam vom falschen Ende her, vom Ende zum Anfang“, porträtierte die Lander Jahre später sich selbst (im Roman „Mag der Sturm kommen“). Nach dem Streit mit dem Vater schlug sie zunächst eine „sinnvolle“ Bahn ein, studierte Geschichte, jobbte dazwischen auf dem Friedhof ihrer Kindheit als Gärtnerin, heiratete.

Aber so einfach wird man eine Besessenheit nicht los. Oft sind es die eigenartigsten Auslöser, die eine Sucht wieder in Gang setzen. Ein Ehestreit etwa. Eigentlich wollte Landers Mann immer Schriftsteller werden. Als er wiederholt davon sprach, einen großen Roman zu schreiben, fuhr Leena ihn einmal an: „Wenn ich du wäre, würde ich weniger davon reden und mehr schreiben.“ Esas Antwort: „Dann mach’s doch du.“ Sie nahm ihn beim Wort.

Leena Lander - zweiter Titelbild-Entwurf für Magazin Weltbild Nr. 23, 1998

Nach sechs Romanen, die in früheren Jahrhunderten spielen, fand sie zur Gegenwart und zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Ihre Mutter überreichte ihr plötzlich die verloren geglaubten, aus dem Müll geretteten Tagebücher. Lander setzte sich noch einmal mit dem Alptraum ihrer Kindheit auseinander und verarbeitete ihn zu einem Roman: „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“., Auftakt einer Trilogie, die sie mit „Mag der Sturm kommen fortsetzte – der dritte Teil wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen.

Diese Romane freilich nur als autobiographische Vergangenheitsbewältigung zu sehen, hieße ihr ungeheuer breites Themenspektrum zu verleugnen. Dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte verknüpft Lander geschickt mit dunklen Kapiteln der Geschichte Finnlands – so den Kampf der halbfaschistischen Lapua-Bewegung gegen die Kommunisten oder die weithin geleugnete Existenz von Konzentrationslagern im Finnland der 30er Jahre. Von aktuellen Fragen wie der Atommüll-Lagerung oder dem hinter der schönen Fassade gar nicht so tollen Lebensgefühl der Finnen unter dem Ex-Präsident Kekkonen holt sie aus zu uralten Mythen und kreist dabei gleichzeitig um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Mann-Frau-Beziehungen, Schuld, Sühne und Tod. Das größte Kunststück innerhalb all dieser Komplexität: ihre stilistisch brillanten, durch inneren Monolog und ständige Perspektiven- und Zeitwechsel geprägten Romane, die durch die Aufklärung rätselhafter Mordfälle den Leser an einer detektivischen Recherche teilnehmen lassen, bleiben vom Anfang bis zum Ende spannende Thriller. „Ich möchte den Leser verführen“, nimmt sie sich bei jedem Buch vor. Und das ist ihr noch jedes Mal gelungen.

Enttäuscht werden höchstens die, die eine allzu simple Verführung erwarten. Leichte Kost schätzen. Eine deutsche Journalistin etwa, erzählt Lander schmunzelnd, habe sie kürzlich gefragt, warum es in ihren Büchern eigentlich kein Happy-End gebe. Womöglich hat sie die Lander mit einer jener Unterhaltungsautorinnen verwechselt, die Bestseller produzieren, aber keine Dichtung. Landers Romane jedenfalls sind ohne Zweifel Literatur in dem Sinne, in dem Franz Kafka – der wie Leena Lander zeitlebens an einem übermächtigen Vaterbild litt – Literatur definiert hat: „Ein gutes Buch“, schrieb er in seinen Tagebüchern, „muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Leena Landers Romane schlagen wie eine Axt ein in das Geflecht aus Bosheit, verrat, Lügen und überbordender Triebhaftigkeit, aber nicht im Sinn einer kafkaesken Ausweglosigkeit, sondern einer reinigenden Katharsis. Denn erst, wenn dieses Eis bricht, sind wir wieder fähig, das Licht nach dem langen Dunkel zu sehen. Und das ist doch irgendwie auch ein Happy-End.

© Stefan Teplan Media

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Isabel Allende – die Liebe, der Schmerz und der Tod

Stationen eines Leidenswegs: Am 6. Dezember 1991 erkrankte Paula, 28jährige Tochter der weltbekannten Autorin Isabel Allende, an einer Stoffwechselkrankheit. Zwei Tage später fällt sie ins Koma. Und erwacht daraus nie mehr. Am 6. Dezember 1992 ist Paula tot. Isabel Allende schreibt gegen die Verzweiflung an, lässt ihr Leben Revue passieren, reflektiert über das Schicksal ihrer Tochter. Dem Redakteur Stefan Teplan erzählte Isabel Allende – kurz vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung  ihres Buches „Paula“ – wie sie das Leiden und den Tod ihrer Tochter bewältigt hat.

Stefan Teplan: Ist es für Sie schwer, über Paulas Tod zu sprechen?

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde. Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995 

 

Isabel Allende: Das Schreiben hat mir geholfen. Aber auch meine Familie hat mir sehr geholfen. Ich kann jetzt schon darüber sprechen. Aber es fällt mir noch schwer, mit Fremden der Presse darüber zu reden. Das ist einer der Gründe, warum ich es abgelehnt habe, nach Europa auf eine Promotion-Tour zu gehen. Ich konnte es aber nicht vermeiden, in einigen Interviews Fragen über Paulas Tod zu beantworten.

Stefan Teplan: Sie zeigten in diesen Interviews ihre tiefsten Gefühle erstaunlich offen.

Isabel Allende: Ja, ich gehe damit sehr offen um, weil ich aus einem Kulturkreis komme, in dem der Tod kein Tabu ist wie etwa in den USA. Hier sprechen die Leute nicht über Schmerz, Versagen, Krankheit oder Tod. Ich dagegen komme aus einem Land, wo man sich vor solchen Dingen nicht versteckt.

Stefan Teplan: Sie haben sich vor Fragen nach Leben und Tod nicht versteckt, während Paula im Koma lag. Waren das auch Fragen nach Gott?

Isabel Allende: Mein Leben war schon immer sehr spirituell bestimmt. Doch zu der Zeit, als Paula im Koma lag und auch in der Zeit nach ihrem Tod habe ich noch mehr zu meiner eigenen persönlichen Spiritualität gefunden. Ich bin eigentlich kein religiöser Mensch. Ich gehe nicht in die Kirche. Ich fühle mich keiner religiösen Organisation zugehörig. Doch ich fühle mich dem Heiligen sehr nahe… und ich wurde auch sehr katholisch erzogen. Ich komme aus einer katholischen Familie und wurde mit der Bibel groß.

Stefan Teplan: Was bedeutet Ihnen die Bibel?

Isabel Allende: Ich habe die Bibel sehr gründlich gelesen und finde, dass sie ein faszinierendes Buch ist. Ich nehme sie des Öfteren auch wieder zur Hand, weil ich finde, dass sie wunderbare Geschichten enthält. Man kann immer wieder etwas aus ihnen lernen. Während der Zeit, zu der Paula im Krankenhaus lag, suchte ich Hoffnung aus meiner Religion zu finden  das heißt, aus der katholischen Religion, aus der ich komme. Aber ich fand diese Hoffnung darin nicht. Ich begleitete meine Mutter in die Kirche, doch ich fühlte mich dabei nicht wohl. Wenn ich die Bibel aufschlug, konnte ich darin keinen Trist finden. Ich fand aber viel mehr Hoffnung und Stärke in meiner Liebe zu Paula und in meiner engen Bindung an die Familie.

Stefan Teplan: Sie schreiben, Sie haben damals öfter gebetet. Zu welchem Gott?

Isabel Allende: Ich stelle mir einen spirituellen Ozean vor, einen gemeinsamen Geist, ein gemeinsames Bewusstsein. Und wir alle sind tropfen in diesem einzigartigen Meer. Auf dieser erde sollen wir alle durch unsere Sinne, Sehnsüchte und durch Leid etwas lernen. Dieser Tropfen, der wir sind, kehrt dann zur Ganzheit des gemeinsamen Ozeans zurück. Und das, denke ich, tat Paula. Und das werde ich tun, wenn ich sterbe. Ich werde in ein Ganzes integriert werden. Wenn ich bete, versuche ich, ganz still zu sein und mich mit dieser Ganzheit, von der ich ein Teil bin, zu verbinden.

Stefan Teplan: Sie schreiben über Paula: „Sie fragte nach einem Sinn im Leben und ließ mich mit der Aufgabe allein, die Antwort zu finden.“ Welche Antwort haben Sie gefunden?

Isabel Allende: Ich fand mehrere Antworten, aber die wichtigste ist vielleicht diese: Das einzige, was ich habe, ist die Liebe, die ich gebe. Nicht die Liebe, die ich erhalte. Als Paula im Koma lag, konnte sie gar nichts zurückgeben. Doch ich schenkte ihr meine ganze Liebe, bedingungslose Liebe ohne irgendwelche Erwartungen oder Wünsche, Liebe um der Liebe willen. Als sie starb, dachte ich, ich hätte alles verloren. Ich verlor ihre Gesellschaft, ihre Gegenwart, ihren Körper, ihre Seele, ihre Intelligenz. Dann erkannte ich, dass ich all die Liebe, , die ich ihr gab und für sie empfinde, immer noch habe. Das war für mich die wichtigste Lektion: Ich habe nichts als die Liebe, die ich anderen gebe. Das hält mich am Leben und das macht mich reich.

Stefan Teplan: Ihr Leid macht Sie nicht verbittert?

Isabel Allende: Aus Leid kann man lernen. Wie kann ich verbittert sein? Leid lehrt mich eine Lektion, die ich lernen muss.

Stefan Teplan: Sie sind in Ihrem Buch so schonungslos ehrlich, dass ich Ihren Mut, es zu veröffentlichen, bewundere.

Isabel Allende: Ich war mir in der Tat lange unklar, ob ich es veröffentlichen sollte. Nicht weil ich Angst davor hatte, mich zu entblößen, sondern wegen anderer Menschen; die ich darin ebenfalls entblöße: meinen früheren Mann, meine Eltern und viele andere. Ich sprach mit ihnen, und sie alle rieten mir, das Buch zu veröffentlichen. Und ich tat es, um mein Leid mit anderen zu teilen. Die Briefe, die ich seit dem Erscheinen der spanischen Originalausgabe erhalten habe, bestätigen mich. Viele, die ebenfalls gelitten haben, fühlen sich mit mir verbunden. Die Botschaft, dass man das Leid annehmen und für wertvoll halten kann, ist für viele Menschen wichtig. Aber dieses Buch geht nicht nur um Leid. Es geht um Freundschaft, es ist ein Buch über die Liebe, über das Leben.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, April 1995

 

Eine glückliche Bezeiehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995