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Mythos Indianer

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung als Titelgeschichte des Magazins WELTBILD Nr. 26, 1996)


Cover des Magazins Weltbild Nr. 26, 1996

Mit ihrer jüngsten Weissagung scheinen die Zeugen Jehovas, die bei der Berechnung des Weltuntergangs schon öfters ein unglückliches Händchen bewiesen, endlich einmal ins Schwarze zu treffen: Die Indianer, orakelte die Sekte im September in ihrem Blatt „Erwachet“, „werden wiederkommen.“ Drei Monate später sind sie da – wenn auch nicht im neuen, von den Zeugen Jehovas erwarteten irdischen Paradies, so doch in den Schaufenstern und Katalogen von Buch- und Musikgeschäften, in Kinos und Videotheken, in Mode- und Schmuckläden. Vom Armreif bis zum Zauberamulett – das Geschäft mit den Rothäuten sorgt allerorten für schwarze Zahlen.

Walt Disney vermarktete die Geschichte der Indianerprinzessin „Pocahontas“. Nach dem Kinoerfolg gehen in den Kaufhäusern Pocahontas-Tassen und -T-Shirts weg wie warme Semmeln. Hollywoodstar Kevin Costner, der vor Jahren mit dem Vierstunden-Leinwandepos „Der mit dem Wolf tanzt“ Verständnis für Indianer weckte, präsentiert jetzt in einer Filmreihe „500 Nations – Die Geschichte der Indianer“. Der Titel – nach dem Buch von Alwin M. Josephy – ist Hinweis auf einen der größten Völkermorde der Geschichte: 500 Nationen lebten auf dem amerikanischen Kontinent, bevor „zivilisierte“ Europäer ihr Land stahlen und ihr Leben zerstörten.

Jetzt sehnen sich die Zivilisierten nach dem ursprünglichen Leben zurück, das niemand besser verkörpert als die Indianer. Und diese Sehnsucht schwingt mit in jedem Stück Federschmuck oder Amulett, das gekauft wird. „Der Indianertrend“, urteilt Plattenmanager Peter Gerasch, „hat damit zu tun, dass wir in unserer Gesellschaft, im Werteverfall mehr und mehr unsere eigenen Wurzeln oder überhaupt die Wurzeln der ganzen Menschheit suchen.“ Zum gleichen Ergebnis kommt Ellen Daniel-John, wenn sie erklärt, wieso in ihrem Laden „Silbereck“ im Münchner Stachus-Einkaufszentrum Indianerkleidung, -schmuck und -accessoires die Renner der Saison sind: „Die Leute leben heute sehr oberflächlich und wollen sich damit das Echte und Ursprüngliche wieder holen.“

Daniel-John, die Wert darauf legt, nur Originalschmuck und keinen Kitsch zu verkaufen, will demnächst mit Veranstaltungen indianische Kultur den Menschen näherbringen. Sie wird auf einem Bauernhof in Oberbayern eine Indianergruppe auftreten lassen, die auch in einer Westernstadt bei Nürnberg ihre Musik und Tänze vorführte.

Indes holt ZDF-Unterhaltungschef Claus Beling Indianerlegende Winnetou aus den ewigen Jagdgründen zurück. Für einen neuen Zweiteiler steht Pierre Brice vor der Kamera wieder in der Rolle, die ihm vor drei Jahrzehnten Weltruhm einbrachte: als Apachen-Häuptling Winnetou. Das, glaubt Beling, „wird das TV-Ereignis des Jahres.“ Daran hat auch Brice keine Zweifel. Weil es bei der Indianer-Story um „wahre Werte und Botschaften“ gehe.

Indianische Werte und Spiritualität empfiehlt sogar die Zeitschrift „natur“ in ihrer aktuellen Ausgabe – gegen die Umweltzerstörung. Soviel ist klar: Wir stressgeplagten Bleichgesichter müssen von den Indianern lernen, was es heißt zu leben, nicht sie von uns. So wie Manager Gerasch sich an neue Rhythmen gewöhnen muss, wenn er mit seinem Shooting-Star Jerry Alfred (siehe Interview weiter unten) in Kanada Termine absprechen will. „Ich versuche seit 14 Tagen, dich zu erreichen, Jerry“, klagte er kürzlich am Telefon. „Wo hast du gesteckt?“ Jerry: „Ich war zwei Wochen im Busch. Elche jagen.“

© Stefan Teplan Media

Interview:

„Immer eins mit der Natur“

Stefan Teplan sprach mit dem Indianer Jerry Alfred vom Stamm der Tutchone in Yukon (Kanada), der in der Welt der Bleichgesichter jetzt als Musiker Furore macht

Interview mit Jerry Alfred - Ausriss aus Weltbild Nr. 22, 1996

Interview mit Jerry Alfred - Ausriss aus Weltbild Nr. 22, 1996

Stefan Teplan: Sie wurden 1996 mit Ihrer ersten CD schlagartig populär. Überrascht?

Jerry Alfred: Sicher. Ich habe bisher nur für meinen Stamm Musik gemacht wie schon mein Vater und Großvater. Aber als ich ein Kind war, prophezeite mir ein Medizinmann, meine Musik würde über die ganze Welt gehen.

Stefan Teplan: Und das erfüllt sich jetzt?

Jerry Alfred: Sieht so aus. Für meine CD habe ich zusammen mit der Rocksängerin Alanis Morissette die höchste Musikauszeichnung Kanadas, den Juno Award, erhalten. Ich gehe im nächsten Jahr auf Tournee, komme auch nach Australien und Deutschland. Und die UNO übernahm mein Lied „Generation Hand Down“ als Hymne zu ihrem 50jährigen Jubiläum.

Stefan Teplan: Aber Sie leben trotzdem mehr in der Wildnis als in Tonstudios und Hotles.

Jerry Alfred: Die meiste Zeit verbringe ich in der Natur, fange Lachse, jage, lebe mit meiner Familie in einem Gebiet, das kein Reservat, sondern seit zehntausend Jahren nur Indianerland ist.

Stefan Teplan: Haben Sie deswegen auch ein lukratives Angebot der EMI ausgeschlagen?

Jerry Alfred: Genau. Die EMI (eine der größten Plattenfirmen der Welt – Anm. d. Red.) hätte mich total vermarktet und wollte, dass ich in die Stadt – nach Vancouver – ziehe. Bei „Sattva Music“ bleibt meine Musik ursprünglich.

Stefan Teplan: Die Bewahrung der Tradition ist Ihnen also wichtiger als viel Geld?

Jerry Alfred: Unsere Tradition am Leben zu erhalten ist meine Aufgabe von Kindheit an. Nur deswegen mache ich Musik.

Stefan Teplan: Wie, glauben Sie, kann indianische Kultur in diesem Zeitalter überleben?

Jerry Alfred: Nur durch Weitergeben der Geschichten und Lieder von den Älteren an die Jüngeren. Und durch Erhalt des Wissens, dass wir immer eins mit der Natur sind.

Jerry Alfred and Stefan Teplan during their interview. © Stefan Teplan

© Stefan Teplan Media

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