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Das große Leben des kleinen Mannes

Stefan Teplan porträtiert  Heinz Rühmann zu dessen 90. Geburtstag

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 6, 1992)

Lange genug hat Heinz Rühmann der Öffentlichkeit ihren Tribut gezollt, war – von seinem ersten Spielfilm 1926 bis zu seinem 102. (!) 1976 – für Millionen, für drei Generationen, ein Wegbegleiter, ein Tröster, Mahner und glänzender Unterhalter. Wenn er sich zu seinem 90. Geburtstag von den zahllosen Fans, die ihn verehren, und den Journalisten, die ihn bedrängen, noch etwas wünscht, dann, dass sie beherzigen, was der chinesische Dichter Meng Hsiä so schön schrieb: „Wenn einer alt geworden ist und das seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie niemandes Wohnung.“

Seit elf Jahren lebt Rühmann zurückgezogen in seinem Haus am Starnberger See, um dessentwillen er seine Villa im lauten München verließ, gibt kaum noch Interviews, verlässt nur gelegentlich seine Zuflucht, um in Kirchen Weihnachtsgeschichten des flämischen Dichters Felix Timmermanns oder aus dem Lukas-Evangelium zu lesen.

Ganz still, in kleinem Rahmen, beging der Star auch seine letzten Geburtstage. „Nur der 90. Wird wieder gefeiert“, kündigte er vor Jahren an. Und er hält Wort. Für seine Verehrer steht er am 7. März noch einmal dort, wohin es ihn schon lange nicht mehr zieht: im Rampenlicht. Sein Freund, Filmproduzent Prof. Gyula Trebitsch, organisiert für das DF in den Münchner Kammerspielen eine große Geburtstagsgala. Freunde und Bekannte aus dem Show-Business kommen, um einen Mann zu ehren, der zu Lebzeiten zur Filmlegende geworden ist. „Das war’s“, betitelte er seine vor zehn Jahren erschienenen Memoiren. As war’s freilich nur für den öffentlichen Rühmann. Der Privatmann genießt es seitdem, sich seinen Hobbys, dem Golf, der Jagd, der Literatur und der Musik zu widmen oder einfach sinnierend am Seerosenteich in seinem Garten zu sitzen. Sein liebstes Steckenpferd, das Fliegen, gab er erst vor wenigen Jahren auf. Noch mit 80 saß er selbst am Steuerknüppel seiner Sportmaschine.

Vor drei Jahren wagte er sich für die „Showgeschichten“ von TV-Moderator Gerhard Schmitt-Thiel wieder einmal vor eine Kamera, eröffnete das Gespräch aber gleich: „Ich stand 60 Jahre auf der Bühne, habe 50 Jahre lang Filme gemacht und zwei Bücher geschrieben – was kann ich da noch erzählen?“

Über ihn gäbe es natürlich einen ganzen Roman zu erzählen. Der große Schauspieler hätte eigentlich, wie sein Vater und Großvater, Hotelier werden sollen. Ihn aber zieht es zum Theater. Dass er Talent für die Bühne hat, zeigt sich schon zu seinen Schulzeiten. Mehr als 20 Jahre, bevor er in er „Feuerzangenbowle“ (1944) Lehrer veräppelt, gibt er als junger Pennäler eine Kostprobe seines Könnens und imitiert vor johlenden Klassenkameraden täuschend echt einen seiner „Pauker“.

Ein Jahr vor den Abiturprüfungen verlässt er das Gymnasium, meldet sich bei Regisseur Fritz Basil als Schauspielschüler an. Für 80 Mark Tagesgage spielt er erstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ernste Rollen, klassische Rollen. 1926 steht er für seinen ersten, ebenfalls ernsten, Film vor der Kamera: „Das deutsche Mutterherz“. Dass sein Talent in der Komik liegt, erkennt er erst Jahre später. Mit „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) beginnt der kometenhafte Aufstieg des größten Komikers der deutschen Filmgeschichte.

Rühmann selbst kann es nicht hören, dass man über seine Filme nur lacht. „Komik“, sagt er, „braucht Tragik als Hintergrund.“ Seine Komik ist eine tiefsinnige, entspringt einer weisen, heiteren Überlegenheit über die Härten des Lebens, einer Schlitzohrigkeit, die man sich oft erst durch bittere Lebenserfahrung erkämpfen muss. Der melancholische Clown, der Pfiffikus, der mit Witz Schicksalschläge meistert, der kleine Mann, er allen Widrigkeiten trotzt, werden zu typischen „Rühmann-Rollen“.

Nach den „Drei von der Tankstelle“ (mit Willy Fritsch) geht es steil aufwärts. „Bomben auf Monte Carlo“ (mit Hans Albers), „13 Stühle“ (mit Hans Moser), „Quax der Bruchpilot“ und „Die Feuerzangenbowle“ (beide mit Karin Himboldt) werden zu Klassikern.

Trotz allen Erfolgs –es geht Rühmann im Leben nicht anders als in seinen Filmen. Die Sonnenseiten werden immer wieder von düsteren Ereignissen überschattet. Er heiratet die Jüdin Maria Bernheim. Bald besteht die Ehe nur mehr auf dem Papier. Die Nationalsozialisten drängen ihn zur Scheidung. Auf Rühmanns Intervention bei Göring gelingt seiner Frau die Aussiedlung nach Schweden. Rühmann heiratet wieder. Am 1. Juli 1939 tritt er mit seiner Filmpartnerin Hertha Feiler vor den Traualtar. Zwei Monate später bricht der Weltkrieg aus. Dann muss er um Hertha bangen: Die Nationalsozialisten haben herausgefunden, dass sie Vierteljüdin ist. Einflussreiche setzen sich schließlich mit Erfolg bei Goebbels für sie ein.

Angepasst hat Rühmann, trotz aller Beziehungen, während des Dritten Reichs nie gelebt; er weigerte sich hartnäckig, der NSDAP beizutreten, mit „Heil Hitler“ zu grüßen und kämpfte wie ein Löwe gegen das vom Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung verhängte Verbot der „Feuerzangenbowle“. Dass er während Hitlers Diktatur trotzdem zum großen Star wurde, hat er allein seinem schauspielerischen Genie zu verdanken – und der Tatsache, dass die Nationalsozialisten seine heiteren Filme als willkommene Ablenkung des Volkes vom Grauen ringsum betrachteten.

Nach Kriegsende kommen harte Zeiten auf Rühmann zu. Er steht zunächst nicht für Rollen zur Verfügung, sondern gründet, zusammen mit Produzent Alf Teich, eine eigene Filmfirma. Das Unternehmen geht pleite. Der große Star ist hochverschuldet. Bis heute hat er nicht vergessen, wie Leute, die ihn einst hofiert hatten, fallen ließen: „Vorbei die Zeit der Starpostkarten. Der Gerichtsvollzieher kam fast täglich. So genannte Freunde sahen über mich hinweg wie über den letzten Dreck.“ Sieben magere Jahre muss er durchstehen, bis seine Schulden getilgt sind. Er verdient sein Geld mit neuen Rollen – und feiert ein Riesen-Comeback. „Charleys Tante“, „Der Hauptmann von Köpenick“ (beide 1956), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) lassen ihn in neuem Glanz erstrahlen. Der Filmheld er 30er und 40er Jahre begeistert die Generation der 50er und 60er Jahre. Rühmann ist zeitlos, weil das, was er darstellt, zeitlos und absolut ehrlich gespielt ist. „Je älter ich wurde“, erinnert er sich, „desto lieber habe ich die Menschen am Rande unserer Gesellschaftsordnung dargestellt. Wahrscheinlich, weil ich mit deren Schicksal meine bitteren, aber auch guten Erfahrungen besser ausdrücken kann.“

Es gab noch viele bittere und viele gute Erfahrungen in Rühmanns Leben – bis heute. Tief getroffen hat ihn der Tod seiner Frau 1970 und der zeitweise Bruch mit seinem Sohn Peter, der die dritte Frau seines Vaters (1974 heiratete Heinz Rühmann die Ex-Verlegersgattin Hertha Droemer) lange nicht akzeptieren wollte. Trotz aller Schicksalsschläge und Missstimmungen – heute bekennt Heinz Rühmann: „Ich bin dem leben dankbar.“ Und zeiht, ganz de Meister der leisen Töne, Bilanz: „Ich glaube, ein Schauspielerleben ist das immerwährende Ringen um Einfachheit. Wahrscheinlich ist es das, was man unter dem Wort ,Demut‘ zu verstehen hat.“

© Stefan Teplan Media