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Das große Leben des kleinen Mannes

Stefan Teplan porträtiert  Heinz Rühmann zu dessen 90. Geburtstag

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 6, 1992)

Lange genug hat Heinz Rühmann der Öffentlichkeit ihren Tribut gezollt, war – von seinem ersten Spielfilm 1926 bis zu seinem 102. (!) 1976 – für Millionen, für drei Generationen, ein Wegbegleiter, ein Tröster, Mahner und glänzender Unterhalter. Wenn er sich zu seinem 90. Geburtstag von den zahllosen Fans, die ihn verehren, und den Journalisten, die ihn bedrängen, noch etwas wünscht, dann, dass sie beherzigen, was der chinesische Dichter Meng Hsiä so schön schrieb: „Wenn einer alt geworden ist und das seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie niemandes Wohnung.“

Seit elf Jahren lebt Rühmann zurückgezogen in seinem Haus am Starnberger See, um dessentwillen er seine Villa im lauten München verließ, gibt kaum noch Interviews, verlässt nur gelegentlich seine Zuflucht, um in Kirchen Weihnachtsgeschichten des flämischen Dichters Felix Timmermanns oder aus dem Lukas-Evangelium zu lesen.

Ganz still, in kleinem Rahmen, beging der Star auch seine letzten Geburtstage. „Nur der 90. Wird wieder gefeiert“, kündigte er vor Jahren an. Und er hält Wort. Für seine Verehrer steht er am 7. März noch einmal dort, wohin es ihn schon lange nicht mehr zieht: im Rampenlicht. Sein Freund, Filmproduzent Prof. Gyula Trebitsch, organisiert für das DF in den Münchner Kammerspielen eine große Geburtstagsgala. Freunde und Bekannte aus dem Show-Business kommen, um einen Mann zu ehren, der zu Lebzeiten zur Filmlegende geworden ist. „Das war’s“, betitelte er seine vor zehn Jahren erschienenen Memoiren. As war’s freilich nur für den öffentlichen Rühmann. Der Privatmann genießt es seitdem, sich seinen Hobbys, dem Golf, der Jagd, der Literatur und der Musik zu widmen oder einfach sinnierend am Seerosenteich in seinem Garten zu sitzen. Sein liebstes Steckenpferd, das Fliegen, gab er erst vor wenigen Jahren auf. Noch mit 80 saß er selbst am Steuerknüppel seiner Sportmaschine.

Vor drei Jahren wagte er sich für die „Showgeschichten“ von TV-Moderator Gerhard Schmitt-Thiel wieder einmal vor eine Kamera, eröffnete das Gespräch aber gleich: „Ich stand 60 Jahre auf der Bühne, habe 50 Jahre lang Filme gemacht und zwei Bücher geschrieben – was kann ich da noch erzählen?“

Über ihn gäbe es natürlich einen ganzen Roman zu erzählen. Der große Schauspieler hätte eigentlich, wie sein Vater und Großvater, Hotelier werden sollen. Ihn aber zieht es zum Theater. Dass er Talent für die Bühne hat, zeigt sich schon zu seinen Schulzeiten. Mehr als 20 Jahre, bevor er in er „Feuerzangenbowle“ (1944) Lehrer veräppelt, gibt er als junger Pennäler eine Kostprobe seines Könnens und imitiert vor johlenden Klassenkameraden täuschend echt einen seiner „Pauker“.

Ein Jahr vor den Abiturprüfungen verlässt er das Gymnasium, meldet sich bei Regisseur Fritz Basil als Schauspielschüler an. Für 80 Mark Tagesgage spielt er erstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ernste Rollen, klassische Rollen. 1926 steht er für seinen ersten, ebenfalls ernsten, Film vor der Kamera: „Das deutsche Mutterherz“. Dass sein Talent in der Komik liegt, erkennt er erst Jahre später. Mit „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) beginnt der kometenhafte Aufstieg des größten Komikers der deutschen Filmgeschichte.

Rühmann selbst kann es nicht hören, dass man über seine Filme nur lacht. „Komik“, sagt er, „braucht Tragik als Hintergrund.“ Seine Komik ist eine tiefsinnige, entspringt einer weisen, heiteren Überlegenheit über die Härten des Lebens, einer Schlitzohrigkeit, die man sich oft erst durch bittere Lebenserfahrung erkämpfen muss. Der melancholische Clown, der Pfiffikus, der mit Witz Schicksalschläge meistert, der kleine Mann, er allen Widrigkeiten trotzt, werden zu typischen „Rühmann-Rollen“.

Nach den „Drei von der Tankstelle“ (mit Willy Fritsch) geht es steil aufwärts. „Bomben auf Monte Carlo“ (mit Hans Albers), „13 Stühle“ (mit Hans Moser), „Quax der Bruchpilot“ und „Die Feuerzangenbowle“ (beide mit Karin Himboldt) werden zu Klassikern.

Trotz allen Erfolgs –es geht Rühmann im Leben nicht anders als in seinen Filmen. Die Sonnenseiten werden immer wieder von düsteren Ereignissen überschattet. Er heiratet die Jüdin Maria Bernheim. Bald besteht die Ehe nur mehr auf dem Papier. Die Nationalsozialisten drängen ihn zur Scheidung. Auf Rühmanns Intervention bei Göring gelingt seiner Frau die Aussiedlung nach Schweden. Rühmann heiratet wieder. Am 1. Juli 1939 tritt er mit seiner Filmpartnerin Hertha Feiler vor den Traualtar. Zwei Monate später bricht der Weltkrieg aus. Dann muss er um Hertha bangen: Die Nationalsozialisten haben herausgefunden, dass sie Vierteljüdin ist. Einflussreiche setzen sich schließlich mit Erfolg bei Goebbels für sie ein.

Angepasst hat Rühmann, trotz aller Beziehungen, während des Dritten Reichs nie gelebt; er weigerte sich hartnäckig, der NSDAP beizutreten, mit „Heil Hitler“ zu grüßen und kämpfte wie ein Löwe gegen das vom Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung verhängte Verbot der „Feuerzangenbowle“. Dass er während Hitlers Diktatur trotzdem zum großen Star wurde, hat er allein seinem schauspielerischen Genie zu verdanken – und der Tatsache, dass die Nationalsozialisten seine heiteren Filme als willkommene Ablenkung des Volkes vom Grauen ringsum betrachteten.

Nach Kriegsende kommen harte Zeiten auf Rühmann zu. Er steht zunächst nicht für Rollen zur Verfügung, sondern gründet, zusammen mit Produzent Alf Teich, eine eigene Filmfirma. Das Unternehmen geht pleite. Der große Star ist hochverschuldet. Bis heute hat er nicht vergessen, wie Leute, die ihn einst hofiert hatten, fallen ließen: „Vorbei die Zeit der Starpostkarten. Der Gerichtsvollzieher kam fast täglich. So genannte Freunde sahen über mich hinweg wie über den letzten Dreck.“ Sieben magere Jahre muss er durchstehen, bis seine Schulden getilgt sind. Er verdient sein Geld mit neuen Rollen – und feiert ein Riesen-Comeback. „Charleys Tante“, „Der Hauptmann von Köpenick“ (beide 1956), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) lassen ihn in neuem Glanz erstrahlen. Der Filmheld er 30er und 40er Jahre begeistert die Generation der 50er und 60er Jahre. Rühmann ist zeitlos, weil das, was er darstellt, zeitlos und absolut ehrlich gespielt ist. „Je älter ich wurde“, erinnert er sich, „desto lieber habe ich die Menschen am Rande unserer Gesellschaftsordnung dargestellt. Wahrscheinlich, weil ich mit deren Schicksal meine bitteren, aber auch guten Erfahrungen besser ausdrücken kann.“

Es gab noch viele bittere und viele gute Erfahrungen in Rühmanns Leben – bis heute. Tief getroffen hat ihn der Tod seiner Frau 1970 und der zeitweise Bruch mit seinem Sohn Peter, der die dritte Frau seines Vaters (1974 heiratete Heinz Rühmann die Ex-Verlegersgattin Hertha Droemer) lange nicht akzeptieren wollte. Trotz aller Schicksalsschläge und Missstimmungen – heute bekennt Heinz Rühmann: „Ich bin dem leben dankbar.“ Und zeiht, ganz de Meister der leisen Töne, Bilanz: „Ich glaube, ein Schauspielerleben ist das immerwährende Ringen um Einfachheit. Wahrscheinlich ist es das, was man unter dem Wort ,Demut‘ zu verstehen hat.“

© Stefan Teplan Media

Abraham Superstar

 

Stefan Teplan über die „Filmbibel“ von Leo Kirch und Ettore Bernabei:

Das Alte Testament ganz neu. Als gigantisches Fernseh-Epos kommt die Heilige Schrift ins Bild. Auftakt der Millionenschöpfung: die Geschichte von „Abraham“

(Erstveröffentlichung als Titelgeschichte des Magazins WELTBILD Nr. 26, 1994)

 

Am Anfang waren zwei Medienriesen. Mit einer Idee: das Buch der Bücher sollte zum Film der Filme werden. Zwei Männer und das Wort: Leo Kirch – deutscher Film- und Fernseh-Tycoon – und Ettore Bernabei – Filmproduzent und Ex-Generaldirektor des italienischen Fernsehens RAI – taten sich zusammen, um die Heilige Schrift in laufende Bilder zu übersetzen. Aus Bernabeis Filmfirma „Lux“ und Kirchs „BetaFilm“ wurde „LUBE“ – einzig dazu geründet, um (erstmals in der Filmgeschichte) das gesamte Alte Testament von Adam bis Zephanja auf Zelluloid zu bannen. Anspruchsvoller und authentischer als dies je zuvor geschehen war. Und trotzdem unterhaltsam.

Biblische Gestalten als Fernseh-Helden. David Serien- und Adam Einschaltkönig. Abraham Superstar. So etwas braucht viel Geld. Das haben Kirch und Bernabei. So etwas braucht viel Zeit. Die nahmen sie sich. Nach fast 15 (!) Jahren Arbeit ist nun endlich der erste Teil der Filmbibel fertiggestellt, in die 200 Millionen Mark investiert werden. Die TV-Fassung des Buchs Genesis soll nun, aufgeteilt in sechs 45-Minuten-Happen, über die Bildschirme flimmern.

„Die Studien für das Drehbuch glichen einem Bibelseminar“

Den Auftakt des Fernseh-Bibelkurses in 30 Stunden bildet die Geschichte Abrahams. Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Holland und dien USA strahlten sie bereits aus. Das deutsche Fernsehen hinkt hinterher. Grund: LUBE konnte hierzulande noch mit keinem Sender handelseinig werden. Nach derzeitigem Verhandlungsstand deutet alles darauf hin, dass die ARD das ganze Bibelpaket (geplant sind 21 Folgen) abnehmen und „Abraham“ voraussichtlich zu Ostern 1995 senden wird.

Von der Idee bis zur Umsetzung nimmt das BibelEpos allmählich selbst biblische Dimensionen an. Allein ein Blick auf die Produktion von „Abraham“ zeigt warum. Da man größten Wert auf en spirituellen Aspekt legt, haben Theologen das erste Wort. Ein internationales Team aus katholischen, evangelischen und jüdischen Bibelexperten erarbeitete Vorlagen für die Drehbuchautoren. Dann, so der beteiligte Max Küchler, Theologieprofessor im schweizerischen Fribourg, wurden „Generationen von Drehbuchautoren durchgetestet. Das hat natürlich sine Zweit gebraucht.“ Der US-Autor Bill Durham berichtet: „Die Studien für das Drehbuch glichen einem Seminar für Bibelforschung.“

Beim Drehen selbst wirkte der Ex-Jesuit Heinrich Krauss, den Leo Kirch von Anfang an mit dem Projekt betraute, als Berater mit. Krauss‘ Job: sicherzustellen, dass das Buch der Bücher immer noch wichtiger ist als das Drehbuch.

Abraham-Darsteller Richard Harris etwa hat sich, wie Kirchs Pressebetreuerin Michaela Niemeyer erzählt, mit Krauss‘ Hilfe „theologisch sehr mit seiner Rolle auseinandergesetzt, führte abends mit ihm lange Gespräche und diskutierte mit ihm, warum dies nun so oder so ist.“ Krauss ergänzt: „Harris lebte den Abraham Tag und Nacht.“ Gedreht wurde ausnahmslos in Marokko. „Weil“, so Krauss, „wir dort eher eine biblische Landschaft haben als in Israel.“

„Der ungewöhnlichste Segen, den je ein Papst erteilte: Toi toi toi“

„Ein herrlicher Monumentalfilm“ („Il Messagero“), „eines der gewaltigsten Fernseh-Projekte“ („Hollywood-Reporter Los Angeles“) – „Abraham“ stieß bei den Kritiken im Ausland überwiegend auf helle Begeisterung. Und Papst Johannes Paul II., der im Dezember 1993 die Produzenten zu einer Audienz empfing, rühmte den „vielversprechenden Anfang dank der von Ihnen in Anspruch genommenen Beratung.“

Der österreichische Programm-Intendant Wolfgang Marboe war es, der – vor der ORF-Ausstrahlung von „Abraham“ – im Vatikan die für den Anlass fast respektlos-saloppe Bitte äußerte: „Heiliger Vater, wünschen Sie uns doch für dieses Projekt toi toi toi.“ Johannes Paul II. reagierte prompt und erteilte der Millionen-Schöpfung den wohl ungewöhnlichsten Segen, den je ein Papst gespendet hat: „Toi toi toi“.

© Stefan Teplan Media

Ben Kingsley als „Held wider Willen“

Interview von Stefan Teplan mit Oscar-Preisträger Ben Kingsley

WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan sprach mit dem Weltstar über desen Rolle als Moses in der Mammut-Verfilmung der Bibel durch die Leo-Kirch-Gruppe

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 27/1996


Ausriss aus Weltbild Nr. 27/1996 - Stefan Teplan mit Ben Kingsley bei der Premiere des Films "Moses"

Stefan Teplan: Sie haben den Ruf, sich wie kein anderer Schauspieler in Ihre Rollen einzuleben und sich damit zu identifizieren. Wie ist es Ihnen da mit Moses gegangen?

Ben Kingsley: Das ist eine der bekanntesten Fehleinschätzungen überhaupt. Ich kann Ihnen das auch nachsehen. Aber die Schauspielerei ist etwas, was ich tue, um mein Geld zu verdienen, um meine vier Kinder und meine Frau zu ernähren – mehr ist es nicht. Dass ich mich in einen Rolle versetzen muss, ist eine reine Vorgabe. Ich stelle einfach etwas dar. Das ist ein Handwerk, das man erlernen kann und in dem man vorgibt, jemand anderer zu sein. Es ist etwas, wo man einen bestimmten Charakter darstellt…

Stefan Teplan: … der einen aber, wenn man sich in ihn vollständig einfühlt, vielleicht auch selbst verändern kann.

Ben Kingsley: Das ist eigentlich eine ganz einfache Aufgabe, diese Handlung umzusetzen, die einem vorgegeben wird. Und das führt nicht unbedingt zu einer Veränderung. Das ist nur Energie, eine Kraft, die ich sehr stark in einen bestimmten Charakter konzentriere, so dass dieser Charakter durch mich lebt. Aber auf die Psyche hat das überhaupt keine Auswirkungen. Ich sitze hier als Ben und werde auch weiterhin als Ben hier sitzen. Sie können das vergleichen mit einem Maler, der ein Porträt malt. Er hat eine gewisse Distanz; er muss ja nicht die Person werden, die er auf dem Bild darstellt. Genauso ist die Distanz auch zwischen mir und dem Charakter. Diese Distanz ist immer gegeben.

Stefan Teplan: Wollen Sie jetzt Ihren Ruf zerstören?

Ben Kingsley: Ich möchte den Mythos meiner minutiösen Vorbereitung auf eine Rolle nicht allzu sehr zerstören; das schmeichelt mir ja auch irgendwie. Aber ich muss so ehrlich sein und Ihnen sagen, meine Hauptaufgabe als Schauspieler ist es, voll da zu sein, mich auf die Situation einzustellen. Ich muss am Drehort selbst ein Bewusstsein für die Situation haben, die gerade gedreht wird. Ich muss auf meine Kollegen eingehen können, ich muss auf die Kamera eingehen können, auf die Tausende von Marokkanern (der Film „Moses“ wurde in Marokko gedreht – Anm. d. Red.), die an dem Film mitgewirkt haben, von denen die meisten meinen Namen kennen und mir guten Morgen wünschten – es sind übrigens ganz phantastische Leute – , und es ist dieser Druck, den ich verspüre, wenn Aufnahmen gemacht werden. Das alles führt dann dazu, dass ich mich an die Situation anpassen kann.

Stefan Teplan: Also Spontanität vor Rollenpauken?

Ben Kingsley: Ich kann natürlich auch zu Hause in meinem Haus in England sitzen und in Büchern mir eine Vorstellung davon anlesen, wie es wohl ist, wenn man bei brütender Hitze in einer Wüste ist und Tausende von Leuten um sich herum hat. Aber das ist natürlich nicht das Gleiche, als wenn ich in der Wüste selbst da bin und dann fühle, wie die Sonne auf mich einbrennt. Dann bin ich da, da bin ich ich selbst und das ist die beste Vorbereitung.

Stefan Teplan: Hatte die Verfilmung des Moses zumindest einen Einfluss auf Ihre Lebensphilosophie?

Ben Kingsley: Es ist eigentlich eine Minimierung von Handlungen, die man für einen Film vornimmt. Denn man versucht, eine gewisse Realität zu projizieren. Ich habe 15 Jahre lang Shakespeare gespielt, und ich bin dabei in Theatern aufgetreten, die nicht größer waren als dieser Raum hier. Und ich musste in diesen Theatern die Personen, die ich dargestellt hatte, bis in die hinterste Ecke des Raumes projizieren. Das hat auch eine gewisse Energie vorausgesetzt. Beim Film ist das ganz anders. Dort ist es die Kamera, die mich sucht, mich findet und dann das aufnimmt, was ich in einen Charakter investiere.

Stefan Teplan: Also ist Moses für sie eine Rolle wie jede andere? Oder gibt es etwas, was Sie daran besonders fasziniert?

Ben Kingsley: Das Moses ist gewissermaßen ein Held wider Willen, er will eigentlich gar kein Held sein. Außerdem hat er Probleme beim Sprechen, richtige Kommunikationsprobleme. Und dieser Held wider Willen mit Kommunikationsproblemen ist die große Herausforderung für den Schauspieler, eine Herausforderung, die ich auch jetzt noch verspüre, wenn ich Ihnen das erläutere. Es ist diese Tatsache, dass da ein Mensch ist, der zu Gott sagt: „Du hast den falschen erwählt. Ich bin nicht der richtige Mann, um diese Aufgabe wahrzunehmen.“ Und der es dann doch schafft, zum Führer und Sprecher eines Volkes zu werden. Gerade diese Dynamik, die sich aus dem Charakter ergibt, ist auch für den Schauspieler etwas ganz Besonderes, weil er merkt, dass er auch das Bewusstsein der Zuschauer entsprechend beeinflussen kann. Moses ist die Geschichte eines verlassenen, ausgestoßenen Kindes, das als Mann zum Führer eines Volkes wird und im Blickpunkt aller Handlungen seines Volkes steht. Und diese Entwicklung verleiht diesem Film seine ganz besondere Dynamik. Es ist wirklich einfach außerordentlich, diese Entwicklung zu sehen.

Stefan Teplan: Sie haben jetzt mit „Joseph“ und „Moses“ in zwei Bibelfilmen mitgespielt. Sind Sie selbst religiös?

Ben Kingsley: Darauf möchte ich nicht öffentlich eingehen. Das ist eine sehr persönliche Sache, die nur mich allein betrifft. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

Stefan Teplan: Gehören Sie denn einer Kirche oder einer religiösen Gemeinschaft an?

Ben Kingsley: Nein.

Stefan Teplan: Immerhin aber mussten Sie sich schon rein beruflich mit der Bibel beschäftigen. Was für ein Verhältnis haben Sie zu ihr?

Ben Kingsley: Wahrscheinlich habe ich zu ihr dasselbe Verhältnis wie Sie. Vielleicht habe ich inzwischen nur etwas mehr Einblick, wie sich dieser Exodus der Israeliten aus Ägyptenabgespielt haben muss. So eine Reise, die 40 Jahre lang dauert, ist natürlich, besonders für uns heute, unfassbar – noch dazu eine Reise, die man mit äußerst ungeduldigen Menschen unternimmt, die jeden Tag meckern und an einem etwas auszusetzen haben. Ich denke, ich habe jetzt eine Beziehung zu dieser Geschichte. Es ist einfach so, dass ich jetzt Gesichter sehe. Ich weiß jetzt, wie die Charaktere sind, ich weiß jetzt, wer Miriam ist, ich kenne Aaron oder den Pharao. Das sind Leute, die mussten ganz schreckliche Entscheidungen treffen, und ich hatte einfach in zwei Monaten das nachgestellt, was diese Leute in 40 Jahren erlebt haben. Ich habe inzwischen ein persönliches Verhältnis zu diesem Teil der Bibel, und ich halte die Bibel für ein ganz besonderes Buch.

© Stefan Teplan Media

Christopher Lee – der Dracula als Pharao

Bei der Weltpremiere des Bibelfilms „Josef“ – Teil der Mammut-Verfilmung des gesamten Alten Testaments durch die Kirch-Gruppe – sprach Stefan Teplan mit Hollywood-Star Christopher Lee, der in einem anderen Bibelfilm („Moses“) mitspielt.

Christopher Lee mit Stefan Teplan beim Interview. Foto: Marian Günther

Christopher Lee im Gespräch mit Stefan Teplan. Foto: Marian Günther


Stefan Teplan: Was hat Sie bewogen, in einem Bibelfilm mitzuspielen?

Christopher Lee: Ich würde mich nicht als sonderlich religiös bezeichnen; mich fasziniert vor alle der historische Stoff. Ich spiele in „Moses“ den Pharao Ramses II. – eine faszinierende Gestalt. Er war der berühmteste Pharao, herrschte 67 Jahre lang über Ägypten und wurde 92 Jahre alt. Fasziniert hat mich aber auch, dass die ganze Bibel überhaupt ein großer Stoff ist. Und sie ist ein Buch, das fast jeder kennt, ob Jude, Christ oder Moslem. Bevor ich ein Angebot annehme, frage ich mich: Wie ist die Rolle? Wie ist das Drehbuch? Wie ist der Regisseur? Bei „Moses“ hat das für mich alles gestimmt.

Stefan Teplan: Was halten Sie von den anderen Bibelfilmen der Kirch-Gruppe, etwa „Josef“, den Sie heute gesehen haben?

Christopher Lee: Ich finde sehr beeindruckend, was bisher produziert wurde. Ich sehe höchstens ein Problem: Die großen Massenszenen sind eigentlich typische Kinoszenen, die eine große Leinwand erfordern. Im Fernsehen werden die Menschen dann klein wie Ameisen –ähnlich, wie wenn „Lawrence von Arabien“ im Fernsehen sehen. Aber die Qualität der Filme ist hoch. Es wären im Grunde alles sehr gute Kinofilme, wenn sie nicht so lang wären (jeder der Bibelfilme dauert rund drei Stunden – Anm. d. Red.). Von den Dreharbeiten zu Moses war ich so angetan, dass ich jederzeit wieder in eine der Kirch-Bibelfilme mitspielen würde.

Stefan Teplan: Regt es Sie eigentlich nicht auf, dass Sie so oft mit Ihren „Dracula“-Filmen identifiziert werden?

Christopher Lee: Ach, wissen Sie, ich finde, dass das mehr eine Erfindung der Journalisten ist. Das Publikum sieht das anders. Das ist ja, als würde man Sean Connery nur mit James Bond oder Peter Sellers nur mit Inspektor Clouseau identifizieren. Ich habe in rund 250 Filmen gespielt, mit den größten Regisseuren gearbeitet, darunter Steven Spielberg, Orson Welles und Billy Wilder. Und ich kann deswegen nicht glauben, dass die Kinogänger mich nur als Dracula sehen.

Copyright Text: Stefan Teplan

Copyright Foto: Marian Günther

Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1996

Michael Walsh – Casablanca mon amour

Mit seinem Roman „Für immer Casablanca“ schreibt US-Autor Michael Walsh die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts fort. Kann die Geschichte um Rick und Ilsa aus dem Hollywood-Melodram „Casablanca“, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, überzeugend weitergehen? „Wie lange dauert eine große Liebe?“ (Slogan des Schneekluth-Verlags für den Buchstart). Stefan Teplan ging der Frage auf den Grund und sprach mit Michael Walsh auf dessen Feriensitz in Irland.

Wie lange dauert eine große Liebe? Sechs Jahre – bis zum verflixten siebten? 50 Jahre – bis zur goldenen Hochzeit? Ein Leben lang – bis der Tod sie scheidet? Natürlich lebt sie ewig. Warum? Weil sie auch nicht einen Tag nur eine Chance erhält. Die größten Liebesgeschichten sind immer noch die, in denen sich die Verliebten nie kriegen. Geschichten, die ein Happy-End verbieten, weil ihre Endstation Sehnsucht und nicht Erfüllung heißt. Eine große Liebe muss tragisch sein. Unmöglich, dass sie in der Banalität einer alltäglichen Beziehung endet. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Julia je von Romeo zur Schnecke gemacht wird, weil sie wieder einmal Marmelade auf den Küchenboden gekleckert hat?

Herz, das wusste schon Shakespeare, reimt sich auf Schmerz. Das wussten auch die Schreiber der größten Love-Story unseres Jahrhunderts, des Evergreen-Melodrams um Rick und Ilsa in dem Leinwandopus, das seit 56 Jahren – trotz Spielberg, trotz Redford, ja Spielberg und Redford zum Trotz – die Hitliste der größten Kinofilme aller Zeiten anführt: Casablanca! Ein Name, der längst für mehr steht als für eine Stadt in Marokko oder einen Film aus Hollywood, ein Begriff, der zu einem Synonym für Sehnsucht und unerfüllte Liebe geworden ist.

Über das Geheimnis seines magischen Charmes wurde schon viel gerätselt. Die plausibelste Lösung kommt von einem, der es wissen muss, schließlich war er dabei: Leonid Kinskey. Kein Begriff? Als Kinskey vielleicht nicht, doch als Sascha kennt ihn jeder: Er spielte den Barkeeper in Casablancas berühmtem „Rick’s Café Americain“ Seine Version des Erfolgsrezepts: Der unwiderstehliche Reiz des Films bestehe darin, dass „Rick und Ilsa genau wissen, dass sie sich am Ende nicht bekommen werden! Schlimmer noch, dass sie sich nie wiedersehen werden!“

Das alles haben wir jahrzehntelang brav geglaubt. Dass eine große Liebe kurz sein muss, um lange zu dauern. Doch Gott sei Dank hat sich Kinskey geirrt. Rick und Ilsa sehen sich wieder! Casablanca geht weiter! Zunächst als Roman, bald aber mit Sicherheit auch als Film. US-Autor Michael Walsh sorgte mit seinem 416-Seiten-Buch „Für immer Casablanca“ (Schneekluth Verlag, 44 Mark) –es erscheint soeben in 15 Ländern mit einer Startauflage von insgesamt einer Million – für die Sensation des Herbstes auf dem Medienmarkt. Walsh ist nicht der erste, der sich an einer Fortsetzung des Traumfabrik-Stoffs versucht hat. Aber er ist der erste, dem dies überzeugend gelungen ist.

Alle Bedenken, einen Mythos zu zerstören, räumt er selbstbewusst aus. „was Kinskey erzählt hat, mag für 1941 (als Casablanca gedreht wurde – Anm. des Autors) gegolten haben“, erzählt er. „Aber jetzt haben wir 1998. Da sieht vieles eben anders aus.“

Wie Wals das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hat, erscheint so simpel und klar, dass man sich wundern muss, wieso nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. „Ich bin diese Geschichte einfach ganz logisch angegangen. Es ist ja im Film schon so vieles fertig vorgegeben, was man nur konsequent weiter entwickeln muss. Ich musste keine Charaktere mehr erfinden, ich wusste, wer und wie Rick und Ilsa und Viktor Laszlo sind, wie sie aussehen, wie sie handeln, in welche Zeit sie gestellt waren. Also musste ich die Handlung nur in die historische Situation einbetten.“

Die historische Situation bildet den Auftakt zum Buch: „7. Dezember 1941… Krieg! Von der Sahara bis zu den Steppen Zentralasiens steht Europa in Flammen! … Das leidende Europa blickt gen Himmel und hat nur eine Frage auf den Lippen: Kann irgendjemand die Deutschen aufhalten?“

Das liest sich zunächst nicht gerade nach der Fortsetzung der Liebesgeschichte des Jahrhunderts. Aber schließlich ist Casablanca noch etwas mehr als das. „Es ist“, so Walsh, „ebenso ein Thriller mit nicht allzu viel Action, ein Kriegsdrama mit Nazis, Spionen, Transitvisa und all dem.“

Die Fortsetzung hält sich auch darin an die Vorlage: Sie ist faszinierende Love-Story und atemberaubender Polit-Thriller in einem. Ilsas Ehemann Viktor Laszlo ist Als tschechischer Widerstandskämpfer eine der meistgesuchten Männer des Dritten Reichs. Er flieht – Schluss-Szene Casablanca – mit Ilsa nach Lissabon. Von dort – Fortsetzung Walsh – hetzt er weiter nach London , um mit Ilsa einen Auftrag zu erfüllen, der „gefährlicher ist als alles, was ich jemals gemacht habe.“ Er wird einer der Drahtzieher in einem entscheidenden Attentat des Dritten Reichs. Gleichzeitig ist auch Ricks Zeit in Casablanca abgelaufen. Seine Flucht ist allerdings weniger politisch motiviert: Er will, er muss Ilsa nachreisen.

Wo wird er ihr wieder in die Augen sehen.? In Lissabon, in London, in Prag? In Paris, wo ihre große Liebe begann? Die Erleuchtung kam Michael Walsh kurioserweise nicht, während er am heimischen Schreibtisch brütete, sondern – auf einem Parkplatz. „Ich wartete dort vor einem Supermarkt auf meine Frau. Plötzlich hatte ich den Geistesblitz, wusste genau, wer Rick war, warum er nicht in dien USA zurück konnte, und wie es mit ihm weitergehen musste. Wie gesagt, gibt es in dem Film genügend Hinweise auf eine mögliche Fortsetzung. Ich musste das alles nur wie ein Puzzle zusammen setzen. Casablanca spielt am Vorabend des Angriffs der Japaner auf Pearl Harbour. Und es symbolisiert auch den Eintritt der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg, dass Rick in meinem Buch in das Kriegsgeschehen verwickelt wird. Er konnte nicht immer in Casablanca sitzen.“

So wie Walsh nicht sein Leben lang in Redaktionsstuben sitzen wollte. Der Journalist – er schreibt seit 1981 für das US-Magazin TIME – fasste vor drei Jahren einen Entschluss: „Ich wollte als Schriftsteller leben. Als ich 45 wurde, dachte ich mir: Wenn du jetzt nicht damit anfängst, wird das nie etwas. Ich schrieb dann meinen ersten Roman, den Spionage-Thriller ‚Exchange Alley‘. „ Der fand zwar beim Publikum nicht allzu große Aufmerksamkeit, dafür aber bei Lektoren des Verlags Warner Books. Das Tochterunternehmen des Filmimperiums Warner Bros. Suchte gerade einen Autor für eine Fortsetzung von Casablanca. Walsh konnte ihnen genau das liefern, was sie wollten.

Warner Books und Warner Bros. Haben schon vor sieben Jahren einen modernen Klassiker recycelt: „Scarlett“, die Fortsetzung des Bestsellers „Vom Winde verweht“., geht auf ihr Konto. Der Film wurde ein Flop, die Kritik nicht müde, über das Sakrileg zu wettern, sich an einem Klassiker zu vergreifen. Packt da Walsh nicht die Angst, es könnte ihm ähnlich gehen? Er bleib t gelassen: „Der Film wurde ein Flop, das Buch ein Verkaufsschlager. Die Autorin Alexandra Ripley verdiente damit fünf Millionen Dollar. Einen solchen ‚Flop‘ würde ich auch gerne landen.“

Die Zeichen stehen auf Erfolg. Während das Geschäft mit dem Buch in den USA relativ bescheiden anläuft, meldet der Schneekluth Verlag, der für die deutschen rechte rund eine Million Mark bezahlte, einen neuen Rekord: Schon vor dem Buchstart (Erstauflage 150.000) gingen 170.000 Vorbestellungen ein. Eine Resonanz, wie man sie selten in der Geschichte des deutschen Buchmarkts erlebt hat – nicht zuletzt danke einer ausgetüftelten Werbekampagne des Verlags, der seit Monaten Appetit auf eine Fortsetzung gemacht hatte, unter anderem mit dem Plakat-Slogan „Wie lange dauert eine große Liebe?“

Schon schreibt Walsh an seinem dritten Roman, über einen berühmten Gangster der Unterwelt-Geschichte. Wie auch immer sie ausgeht, ein Happy-End steht bombensicher fest: die große Liebe zwischen Walsh und seinen Verlegern.

Copyright ©: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung: Magazin WELTBILD Nr. 21, 1998