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Nordlicht

Von Stefan Teplan

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998)

Aufmacher-Seite zur Home-Story von Stefan Teplan über Leena Lander - Ausriss aus Weltbild Nr. 23, 1998

Die finnische Star-Autorin Leena Lander zieht mehr und mehr Leser in ihren Bann. Spätestens seit ihren Romanen „Mag der Sturm kommen und „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Gegenwartsliteratur. Stefan Teplan besuchte Leena Lander in ihrem Landhaus in Finnland und sprach mit ihr über Licht und Dunkel, Leiden und Schreiben.

Leena Lander - Titelbild-Entwurf zu Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

„Ein aufgehender Stern am Literaturhimmel“, rühmte der Norddeutsche Rundfunk. Eine Schriftstellerin mit erstaunlichem Geschick, „von einer Erzählebene auf die andere zu wechseln“, bewunderte die Süddeutsche Zeitung. Eine Dichterin, deren Werk „wunderbar komponiert“ ist, schwärmte die italienische Lire. Lobeshymnen überall für Leena Lander, vielfach preisgekrönte, in 13 Sprachen übersetzte Star-Autorin aus Finnland.

Spätestens seit ihrem jetzt in deutscher Übersetzung erschienenem Roman „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“ ist sie auch hierzulande vom Geheimtipp zur festen Größe der europäischen Gegenwartsliteratur avanciert. Hollywood hat die filmrechte für diesen Roman gekauft, ein weiterer („Mag der Sturm kommen“) soll demnächst in Skandinavien für das Kino produziert werden.

Leena Lander ist der neueste Shooting-Star innerhalb des seit Jahren anhaltenden Skandinavien-Booms in der Bücherwelt. Ob der Norweger Jostein Gåarder mit „Sofies Welt“, der Däne Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Schwedin Marianne Fredriksson mit „Hannas Töchter“ – all diese Nordlichter zeigten, was heute gute Belletristik ausmacht: Sie ist unterhaltsam, ohne in Kitsch abzugleiten, spannend, ohne in einer Flut von Action-Szenen zu ertrinken, niveauvoll, ohne belehrend zu wirken, und sinnlich, ohne peinlich zu werden. Und noch ein Skandinavier, der Norweger Lars Saabye Christensen, der in seinem Roman „Yesterday“ den Mythos der 60er Jahre beschwört, nötigte der Zeit die höhnische Frage ab, „warum noch kein deutscher Autor solch einen hervorragenden Roman über diese Zeit geschrieben naht.“

Die Antwort weiß nur der Wind. Einfacher ist da die Erklärung bei Leena Lander. Romane wie die ihren könnte ein deutscher Autor überhaupt nicht schreiben. Ihr Werk ist durch und durch finnisch, schöpft aus der Tradition und den Symbolen der alten finnischen Mythen, arbeitet die Geschichte des Landes – vor allem deren dunkle und bislang tabuisierte Seiten – auf und spiegelt, neben ihrer eigenen düsteren Kindheit, unvergleichlich treffend das Wesen der finnischen Seele wider. Jene unerträgliche Schwere des Seins, die die Menschen im Land der Lander überfällt, wenn das Licht schwindet und der nordische Winter hereinbricht wie eine lange, nicht endenwollende Nacht. Was die hohe Selbstmordrate – Finnland hält den traurigen Rekord in Europa – erklären mag. Dann andererseits jene exzessive Lebenslust, der sich die Menschen dort hingeben, wenn nach Monaten die Sonne wieder kommt, mit der sie sich in den kurzen Sommer stürzen wie in einen Rausch. Was wiederum ganz andere, nicht minder makabre „Rekorde“ erklärt. „Darin halten wir den Europarekord, im Morden aus Eifersucht“, schreibt Lander in ihrem Roman Mag der Sturm kommen“. In ihrem Landhaus, am Ortsrand eines Dorfes bei Turku, erzählt sie mir: „Besonders unter Alkoholeinfluss lassen viele Männer hier ihrer Eifersucht freien Lauf und verprügeln ihre Frauen. Oder töten sie gleich. Oder den Nebenbuhler.“ Oder auch nur den vermeintlichen.

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 22, 1998

Reden über das Schreiben: Leena Lander und Stefan Teplan

Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wie leicht so etwas gehen kann, hat sie im eigenen Verwandtenkreis bitter erfahren. „Mein Schwager wurde auf dem Heimweg in einem Park von einer Frau angesprochen. Sie wollte nur eine Auskunft. Ihrem stark angetrunkenen Begleiter ging das schon zu weit. Er schlug meinen Schwager zusammen, dann strangulierte er ihn mit einem Gürtel, bis er tot war.“

Ein weiterer Schock im Leben der Lander, das durch eine traumatische Kindheit ohnehin genug belastet ist. Eine Kindheit, die, wie sie überzeugt ist, sie erst zur Dichterin gemacht hat: „Sie werden keinen Schriftsteller mit einer normalen Kindheit finden.“ Nicht normal, das heißt im Fall von Leena Lander aufzuwachsen in einem Heim für kriminelle Jugendliche: Sie ist die zweite Tochter des strengen und übermächtigen Heimleiters. Unter der emotionalen Kälte ihres Vaters leidet sie ebenso wie unter dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören und immer Außenseiterin zu sein. Und die Erlebnisse ihrer Kindheit graben sich traumatisch in ihre Seele: mit anzusehen, wie zwei Jungen einen Neuling mit einem heißen Eisen malträtieren. Nachts die Schreie zu hören, wenn ungehorsame Zöglinge geschlagen werden. Zu erfahren, dass Jungs ausgebrochen sind und ein Mädchen vergewaltigt oder jemanden totgeschlagen haben. „Der Ort, an dem ich aufwuchs“, fasst Leena Lander zusammen, „War ein Ort des Schreckens. Es war ein sehr isolierter Platz. Wir erhielten keinen Besuch von der Außenwelt, und wir konnten nie raus.“

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem ehemaligen Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WLTBILD Nr. 23, 1998

Leena Lander auf dem Friedhof, auf dem sie begann, Geschichten zu erfinden und vor dem Heim, in dem sie aufwuchs. Ausriss aus Magazin WELTBILD Nr. 23, 1998

Wer ihr persönlich begegnet, kann es nicht glauben, dieselbe Person vor sich zu haben, die eine so traurige Kindheit hinter sich hat und deren Bücher derart tiefe seelische Abgründe ausloten. Leena Lander ist charmant, schlagfertig, witzig, lebenslustig, unkompliziert. Alles andere als eine weltfremde Künstlerin, die vergeistigt in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Obwohl sie sich jeden Tag eisern in ihrer Arbeitsklause verbirgt und regelmäßig von 9.30 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags schreibt.  Aber anschließend zeigt sich ihre praktische Seite: Sie arbeitet im Garten (das sei, wie sie mir schelmisch mit einem englischen Wortspiel erklärt, ihr Wechsel vom „Avantgardener“ zum „gardener“). Die geht mit ihren Hunden Amanda und Santtu joggen. Sie macht Handwerksarbeiten (ihr Wohnhaus hat sie selbst getüncht, eine Garage für die Mopeds ihrer Söhne alleine gezimmert). Ja, und natürlich ist sie dann vor allem für ihre Familie da, ihren Mann, den Fernsehjournalisten Esa und ihre drei Söhne Joaa, Jirka und Jael, die am Spätnachmittag aus der Schule zurückkommen.

Woher sie die Kraft nimmt, die langen finnischen Winter hindurch die Einsamkeit zu ertragen? Sich in ihrer, wie sie es nennt, „Einzelhaft“ zu verbarrikadieren und Selbstgespräche mit ihren Romanfiguren zu führen? Die „Angst, manchmal wirklich verrückt zu werden“, auszuhalten? Zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben? Ganz einfach: Leena Lander kann gar nicht anders. „Ich bin vom Schreiben besessen. Das war ich schon als junges Mädchen. Lesen und Schreiben – das war meine Flucht aus der traurigen Situation, in der ich aufwuchs.“

Während der Zeit im Heim war ihr nur der nahe gelegene Friedhof als Zufluchtsstätte vor dem ganz alltäglichen Horror geblieben. Die Grabinschriften regten sie dazu an, Geschichten über die Toten zu erfinden. „Ich konnte schließlich nicht mehr davon lassen, Geschichten zu erfinden, die ich in meine Tagebücher schrieb. Bis ich 15 war.“ Da warf sie ihre Tagebücher nach einem Streit mit dem Vater weg. Der hatte keinen Sinn für ihre „Träumereien“ und forderte sie auf, „etwas Sinnvolles“ zu machen.

Das „unerzogene“ Mädchen „pflegt Umgang mit Toten und Steinen und Büchern, erlernt das Leben gleichsam vom falschen Ende her, vom Ende zum Anfang“, porträtierte die Lander Jahre später sich selbst (im Roman „Mag der Sturm kommen“). Nach dem Streit mit dem Vater schlug sie zunächst eine „sinnvolle“ Bahn ein, studierte Geschichte, jobbte dazwischen auf dem Friedhof ihrer Kindheit als Gärtnerin, heiratete.

Aber so einfach wird man eine Besessenheit nicht los. Oft sind es die eigenartigsten Auslöser, die eine Sucht wieder in Gang setzen. Ein Ehestreit etwa. Eigentlich wollte Landers Mann immer Schriftsteller werden. Als er wiederholt davon sprach, einen großen Roman zu schreiben, fuhr Leena ihn einmal an: „Wenn ich du wäre, würde ich weniger davon reden und mehr schreiben.“ Esas Antwort: „Dann mach’s doch du.“ Sie nahm ihn beim Wort.

Leena Lander - zweiter Titelbild-Entwurf für Magazin Weltbild Nr. 23, 1998

Nach sechs Romanen, die in früheren Jahrhunderten spielen, fand sie zur Gegenwart und zu ihrer eigenen Geschichte zurück. Ihre Mutter überreichte ihr plötzlich die verloren geglaubten, aus dem Müll geretteten Tagebücher. Lander setzte sich noch einmal mit dem Alptraum ihrer Kindheit auseinander und verarbeitete ihn zu einem Roman: „Die Insel der schwarzen Schmetterlinge“., Auftakt einer Trilogie, die sie mit „Mag der Sturm kommen fortsetzte – der dritte Teil wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen.

Diese Romane freilich nur als autobiographische Vergangenheitsbewältigung zu sehen, hieße ihr ungeheuer breites Themenspektrum zu verleugnen. Dunkle Kapitel der eigenen Familiengeschichte verknüpft Lander geschickt mit dunklen Kapiteln der Geschichte Finnlands – so den Kampf der halbfaschistischen Lapua-Bewegung gegen die Kommunisten oder die weithin geleugnete Existenz von Konzentrationslagern im Finnland der 30er Jahre. Von aktuellen Fragen wie der Atommüll-Lagerung oder dem hinter der schönen Fassade gar nicht so tollen Lebensgefühl der Finnen unter dem Ex-Präsident Kekkonen holt sie aus zu uralten Mythen und kreist dabei gleichzeitig um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Mann-Frau-Beziehungen, Schuld, Sühne und Tod. Das größte Kunststück innerhalb all dieser Komplexität: ihre stilistisch brillanten, durch inneren Monolog und ständige Perspektiven- und Zeitwechsel geprägten Romane, die durch die Aufklärung rätselhafter Mordfälle den Leser an einer detektivischen Recherche teilnehmen lassen, bleiben vom Anfang bis zum Ende spannende Thriller. „Ich möchte den Leser verführen“, nimmt sie sich bei jedem Buch vor. Und das ist ihr noch jedes Mal gelungen.

Enttäuscht werden höchstens die, die eine allzu simple Verführung erwarten. Leichte Kost schätzen. Eine deutsche Journalistin etwa, erzählt Lander schmunzelnd, habe sie kürzlich gefragt, warum es in ihren Büchern eigentlich kein Happy-End gebe. Womöglich hat sie die Lander mit einer jener Unterhaltungsautorinnen verwechselt, die Bestseller produzieren, aber keine Dichtung. Landers Romane jedenfalls sind ohne Zweifel Literatur in dem Sinne, in dem Franz Kafka – der wie Leena Lander zeitlebens an einem übermächtigen Vaterbild litt – Literatur definiert hat: „Ein gutes Buch“, schrieb er in seinen Tagebüchern, „muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Leena Landers Romane schlagen wie eine Axt ein in das Geflecht aus Bosheit, verrat, Lügen und überbordender Triebhaftigkeit, aber nicht im Sinn einer kafkaesken Ausweglosigkeit, sondern einer reinigenden Katharsis. Denn erst, wenn dieses Eis bricht, sind wir wieder fähig, das Licht nach dem langen Dunkel zu sehen. Und das ist doch irgendwie auch ein Happy-End.

© Stefan Teplan Media

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John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

© Stefan Teplan

Saint-Exupéry – Victor Hugo der Lüfte

Stefan Teplan über Antoine Saint-Exupéry

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 25/1998)

Von zwei großen Leidenschaften war er besessen. Die eine kostete ihn das Leben. Die andere machte ihn unsterblich. Fliegen und Schreiben füllten das kurze, nur 44jährige und doch so unermesslich reiche Leben Antoine Saint-Exupérys vollkommen aus. Wobei wie Umberto Eco rätselt, es ungewiss ist, „ob Saint-Exupéry flog, um zu schreiben, oder schrieb, um zu fliegen.“ Eco löst das Rätsel nicht auf. Vielleicht hätte er den Schlüssel bei „Saint-Ex“, wie dessen Freunde ihn nannten, selbst suchen sollen. Der fliegende Dichter und dichtende Flieger ermahnte seine Leser immer wieder eindringlich, nicht auf das Äußere zu sehen, sondern hinter die Dinge – eine Sicht, die nicht zuletzt bei der Betrachtung seines eigenen Lebens und Werks angebracht ist. Das zeigt, von außen, Saint-Exupéry „nur“ als Schriftsteller und Piloten. Doch betrieb er weder das eine noch das andere als Selbstzweck. „Mir geht es nicht um die Sache der Fliegerei“, bekannte er einmal. „Für mich ist das Flugzeug kein Zweck, es ist ein Mittel. Mit dem Flugzeug verlässt man die Städte und ihre seelenlose Rechnerei und findet auf anderem Wege die bäuerliche Wahrheit wieder. Man lebt mit Winden, Sternen, Nacht und Sand, arbeitet als Mensch und sorgt sich als Mensch. Man misst sich mit den Kräften der Natur und wartet auf den neuen Tag wie der Gärtner aufs Frühjahr. Man ersehnt den Flughafen wie ein  gelobtes Land und sucht seine Wahrheit in den Sternen.“

Saint-Exupéry blieb zeitlebens ein Suchender. Fliegen war seine Form der Meditation, das Flugzeug sein Mittel auf dem Weg des Strebens nach Wahrheit. Das Schreiben war seine Form, die über den Wolken gewonnene Erkenntnis zu verbreiten – mit dem Ziel, das einzige Problem zu lösen, das er in der Welt sah: in einem seelenlosen, materiell orientierten Zeitalter „dem menschlichen Leben wieder einen geistigen Sinn zu geben.“

Während seiner Kindheit und Jugend wurde er früh dazu angetrieben, nach solchen Werten zu suchen. Saint-Exupéry – im Jahr 1900 in Lyon geboren – wuchs als drittes von fünf Kindern einer Adelsfamilie zunächst auf zwei Schlössern seiner Familie auf, ab seinem 14. Lebensjahr besuchte er diverse Jesuitenschulen und Internate. Sein Vater starb 1904, seine künstlerisch talentierte Mutter Marie, die malte und dichtete, erzog ihn ohne strenge Regeln, mit – wie sämtliche Biographien betonen – Herzenswärme. Auch weckte sie in ihm die Liebe zu Literatur und Musik. Eine andere, lebensentscheidende Liebe entdeckte Saint-Exupéry mit zwölf Jahren: Ein Pilot nahm ihn auf einen kurzen Flug mit; von da an fühlte sich der Junge als „Victor Hugo der Lüfte“ berufen. Gleich nach der Landung begann der Zwölfjährige zu dichten: „Die Flügel erbebten unter dem Atem des Abends/Die schlummernde Seele wiegte des Motors Gesang/Erblassend strich die Sonne an uns entlang.“

Dabei stellten die, die damals über sein Sprachtalent urteilten, den angehenden Schriftsteller nicht das beste Zeugnis aus: Saint-Exupéry galt als undisziplinierter Schüler und fiel 1919 bei der Aufnahmeprüfung zur Ècole Navale durch. Seine Stunde schlug, als er 1921 der französischen Luftwaffe beitrat, bei der er ab 1926 als Pilot die Linien Toulouse-Casablanca und Dakar-Casablanca übernahm. 1927 wurde er Postenchef des Flugplatzes Cap Juby in der spanischen Sahara, mitten im marokkanischen Aufstandsgebiet. Saint-Exupéry lernte Arabisch und gewann das Vertrauen der Beduinen, die ihm gestatteten, mit seinem Flugzeug in bis dahin unentdeckte Gebiete vorzudringen. „Nach und nach“, schreibt sein Biograph Frédéric d’Agay über diese Zeit, „verfällt der Saint-Exupéry der Wüste und ihrer Mystik. In seiner Klause und in den Zelten des Scheichs entwickelt er seinen Hang zur Ruhe, seine Neigung zum Schweigen, seine Fähigkeit zum Träumen.“ All diese Erfahrungen fließen in seinen ersten Roman ein (er rang sich die Stunden des Schreibens nachts vom Schlaf ab): „Südkurier“ erschien im Juli 1929 und wurde von der Kritik und von Schriftstellerkollegen wie André Gide begeistert aufgenommen. Sein zweites Buch „Nachtflug“ (1930) machte ihn berühmt: Saint-Exupéry verarbeitet darin seine Erlebnisse als Pilot und Luftpost-Direktor in Buenos Aires, wozu er 1928 berufen worden war. Das Buch, das Fragen nach Sinn des Lebens, Verantwortung und Pflicht thematisiert, erreichte innerhalb weniger Monate eine sechsstellige Auflage und wurde 1932 mit Clark Gable in der Hauptrolle verfilmt. 1935 stürzte Saint-Exupéry mit seinem Mechaniker Prévot über der lybischen Wüste ab. Wie durch ein Wunder überlebten die beiden, kämpften tagelang gegen Hunger, Hitze und Durst, entzündeten Signalfeuer, bis sie schließlich ein Araber fand und rettete. In dem Werk „Wind, Sand und Sterne“ (1939) kehrt diese Episode wieder, ein Buch, für das Saint-Exupéry mit dem Großen Preis der Académie Francaise geehrt und das in den USA zum „Book Of The Month“ gekürt wurde. Während des Zweiten Weltkriegs emigrierte Saint-Exupéry in die USA. Dort entstanden sein Buch „Flug nach Arras“ und das weise Märchen für Erwachsene, dessen Erfolg noch heute seinen Weltruhm begründet: die mittlerweile in 50 Sprachen übersetzte Parabel „Der kleine Prinz.“

© Stefan Teplan

Minette Walters und die Abgründe der Seele

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan sprach mit Minette Walters, die in wenigen Jahren zu einer der weltweit erfolgreichsten Krimi-Autorinnen wurde

Stefan Teplan: Sie gelten international als die „Lady des Verbrechens“. Für mich sind Sie eher die „Lady der Psycholgie“: Ihre Krimis führen in die Abgründe der Seele.

Minette Walters: Ja, notwendigerweise. Wenn ich mich an einen neuen Kriminalroman setze, interessiert mich dabei weniger: Wer war der Täter? Mich bewegt die Frage: Warum hat er es getan? Und das führt natürlich immer in psychologische Tiefen.

Stefan Teplan: Wo und wie studieren Sie diese Psychologie?

Minette Walters: Ich besuche regelmäßig Schwerverbrecher in Gefängnissen. Dabei habe ich ein gutes Bild von Menschen, die getötet haben.

Stefan Teplan: Ich vergleiche einige Ihrer Romanfiguren mit Kriegsverbrechern in Bosnien. Man fragt sich dabei: Wie kann ein jahrelang normal funktionierender Mensch plötzlich zum Mörder und Vergewaltiger werden?

Minette Walters: Ein sehr guter Vergleich. Was hier passiert, ist, denke ich, folgendes: Sobald man die für eine Demokratie unerlässlichen Prinzipen von Gerechtigkeit abschafft und es erlaubt, Menschen zu töten oder zu vergewaltigen, tritt ein Zustand der Anarchie ein. In diesem Zustand verliert der Mensch sein ganzes Wertesystem. Dasselbe passiert nicht nur kollektiv im Krieg, sondern unter besonderen Umständen auch dem Individuum.

Stefan Teplan: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit solchen Psychofragen?

Minette Walters: Diese Materie hat mich schon immer interessiert. Und ich wollte auch schon immer Krimi-Schriftstellerin werden.

Stefan Teplan: Warum haben Sie dann erst vor fünf Jahren damit angefangen?

Minette Walters: Als ich 22 war, wollte ich zuerst ein Haus haben. Dafür habe ich viel gearbeitet; habe dann eine Familie gegründet und war als Journalistin und Hausfrau vielbeschäftigt. Mit 43 setzte ich endlich ein Jahr vom Job aus, um ein Buch zu schreiben …

Stefan Teplan: … das auf Anhieb ein Bestseller wurde.

Minette Walters: Der Erfolg kam für mich völlig unerwartet, mit allem, was er mit sich bringt, monatelange Promotion-Reisen und so etwas.

Stefan Teplan: Und was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie als millionenschwere Erfolgsautorin kaum mehr Zeit für Sie haben?

Minette Walters: Ach, ich denke, Ihnen gefällt das viele Geld.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 4, 1998

 

Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998

 

Die Wandlung der Karin Struck

Die deutsche Schriftstellerin Karin Struck (1947-2006) wurde 1973 mit ihrem Debütroman „Klassenliebe“ schlagartig berühmt. Für viel Aufsehen undAnsehen sorgten weitere Bücher wie unter anderem „Die Mutter“ (1975), „lieben“ (1977) oder „“Blaubarts Schatten“ (1991). Für noch mehr Aufsehen freilich sorgte ihre Wandlung von der Atheistin und dem Aushängeschild der linken Szene zu einer überzeugten Katholikin, die plötzlich traditionelle Werte verteidigte. Stefan Teplan hat sie 1996 in ihrem Haus in Westfalen besucht und mit ihr über diese Wandlung gesprochen.

Stefan Teplan: Wie wird man von einer Galionsfigur der alternativen und links-intellektuellen Szene zu einer Vertreterin konservativer werte, zu einer Christin und schließlich überzeugten konvertierten Katholikin?

Karin Struck: Darüber müsste ich ein ganzes Buch aschreiben, weil diese Entwicklung sehr komplex ist. Es ist fast wie die Geschichte des verlorenen Sohns. Die war auch das Motto bei meiner Konversion – bis hin zu den Säuen; dass jemand wirklich im Dreck wühlt, auch moralisch. Ich war ja bei Gott nicht nur ein Engel in den letzten 30 Jahren – da muss man nicht nur an meine Abtreibung denken.

Stefan Teplan: Führt Ihr neuer Status dazu, dass Sie bedingungslos die katholische Sexualmoral vertreten? Selbst viele Katholiken haben ja Probleme damit.

Karin Struck: Ich habe keine Probleme damit. Ich habe es gut, weil ich die Dinge schon so lange durchdacht habe, dass ich sie nicht mehr nur aus dem Bauch heraus, mit irgendwelchen Aggressionen angereichert oder mit irgendwelchen chaotischen Emotionen beladen beurteile. Ich habe in meinen Romanen und Erzählungen ja auch sehr ausführlich über Sexualität geschrieben – nicht nur in Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung. Jetzt ist für mich ein Punkt eingetreten, wo ich das alles neu ordnen muss. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft noch sehr viel verantwortungsvoller, bewusster zum Beispiel mit Themen wie Sexualität in der Literatur, die ich selber sachreibe, umzugehen.

Stefan Teplan: Sind Sie auch allem, was vom Papst kommt, einverstanden?

Karin Struck: Den Papst schätze ich seit vielen Jahren. Den habe ich schon überall verteidigt, vor Stern-Redakteuren – die sind unter den Tisch gefallen vor Entsetzen. Dass es für diese Leute eine solche Provokation ist, das war wirklich ein Erlebnis. Ich denke, der Papst hat einfach eine so grandiose Unabhängigkeit. Er ist von niemand abhängig außer von Gott.

Stefan Teplan: Er hat Mut, gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

Karin Struck: Ich denke, es ist auch ein Opfer von ihm. Das ist für mich auch ein Leiden, dass er sich dem so aussetzt, das hat schon etwas Märtyrerhaftes. Dass er nicht einknickt bei diesen ganzen Angriffen. Man muss ja auch sagen, dass seine Kritiker meistens gar nicht informiert sind. Ich habe noch keinen von diesen ganzen Verhöhnern getroffen, der eine Schrift des Papstes wörtlich von vorne bis hinten gelesen hat. Ihm wird seine Fixierung auf die Sexualität vorgeworfen. Aber wenn ich die Enzykliken lese, finde ich das nicht bestätigt. Mir kommt es im Gegenteil so vor, als sei seine Kritikerschar auf diese Themen unglaublich fixiert. Wenn ich lese, was der Papst zu diesen Themen schreibt, sehe ich, dass er das immer mit den Bereichen Familie, Wert der Frau, Wert des Mannes verbindet – und da ist immer eine Gleichwertigkeit angesprochen.

Stefan Teplan: Widerspricht dem nicht sein Widerstad gegen das Frauenpriestertum?

Karin Struck: Mir kommt die Stellung der Kirche, des Papstes dazu sehr plausibel vor. Unter anderem auch aus Gründen der Herleitung aus dem, was Christus gemacht hat, als er seine zwölf Jünger um sich geschart hat und ihnen das Amt übergeben hat.

Stefan Teplan: Die Pflicht zum Zölibat lässt sich schon weniger biblisch ableiten.

Karin Struck: Das ist richtig. Mir leuchtet aber ein, dass vertreten wird, dass in der Tradition der katholischen Kirche – die ja weit beeindruckender ist als sde der kurzlebigen evangelischen – viels für den Zölibat spricht. Wesentlich für den Zölibat spricht, dass ich mehr Vertrauen zu einem geweihten Priester habe, der für Christus und seelsorgerisch ganz für mich als Gläubigen da sein kann, ohne Abhängigkeit von einer Familie, ohne zum dritten Mal geschieden zu sein. Außerdem kann ein zölibatärer Priester unbestechlich sein, zum Beispiel in totalitären Staaten oder in Zeitgeiststaaten.

Stefan Teplan: Mir ist jetzt immer noch nicht klar, was Sie zu einer so überzeugten Katholikin gemacht hat.

Karin Struck: Gerade durch mein Engagement gegen die Abtreibung, habe ich erfahren, dass die evangelische Kirche keinen Glaubenshalt mehr bietet. Und ich muss sagen: Ich habe selten so viel Hilfsbereitschaft kennengelernt, wie von Katholiken. Diese Vorbilder waren für mich der letzte Auslöser. Ich kann noch so eine tolle Menschheitsideologie haben, die ganze Welt befreien wollen, aber es kann mir durchaus passieren, dass ich den einzelnen Menschen vergesse. Und diese Sorte von leuten habe ich massenweise kennengelernt.

Stefan Teplan: Es gibt aber auch Gläubige, die sagen: Christus ja, Kirche nein.

Karin Struck: Das Problem ist die Glaubenspraxis. Die kann mir nur vermittelt werden durch die Kirche. Ich brauche eine Kirche, die diese Glaubenspraxis für mich unabhängig von politischen Wirren und Zeitströmungen vermittelt. Das ist bei der evangelischen Kirche nicht mehr gegeben.

Stefan Teplan: Jetzt ziehen Sie sich vollends den Zorn der Protestanten zu, wenn Sie sich noch zur Heiligenverehrung bekennen.

Karin Struck: Ich bekenne mich auch dazu. Die katholische Kirche ist kein Warenhaus, wo ich mir einen Artikel nehmen kann und der andere passt mir nicht. Sie stellt für mich eine Ganzheit dar. Maria ist ja keine Konkurrentin von Christus, ich mache da keinen Götzendienst. Heiligenverehrung, Beziehung zur Muttergottes, Rosenkranz – an diese Dinge nähere ich mich allmählich heran – machen für mich Reichtum und Vielfalt dieser Kirche aus.

Copyright: Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“ (heute „Radio Horeb“), 1996

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, Nr. 11/1996

Gertrud Fussenegger: „Wir waren früher emotional reicher“

Besuch bei der alten Dame: Die Redakteure Stefan Teplan und Michael Ragg sprachen mit der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in  ihrem Haus in Tirol. In ihren Büchern kämpft Fussenegger als Anwältin der Menschlichkeit und christlicher Werte

 

Besonders linke Kreise haben Ihnen Ihre Jugendsünden, unter anderem Ihre NSDAP-Mitgliedschaft, nie verziehen. Greift man aber nicht in Wahrheit eher Sie als Vertreterin christlicher Werte an?

Ich glaube, wenn ich mich in der Nachkriegszeit auf die linke Seite geschlagen hätte, wäre alles vergessen und vergeben worden. Das ist das große Pflaster,  das alles zudeckt. Nun habe ich mich auf dieses Pflaster nicht eingelassen, sondern bin eine bemühte Tochter der Kirche geworden. Ein Intellektueller, der sich zur Kirche bekennt, ist für die Linken einfach ein Ärgernis.

Die Kirche selbst ist heute vielen ein Ärgernis, wie an der Zahl der Austritte unschwer abzulesen ist. Worin sehen Sie die Gründe?

Die Kirchenaustritte kommen daher, dass die Leute nichts mehr anzufangen wissen. Unsere Gehirne werden auf lauter rationale Denkprozesse eingeschliffen. Das mythische, das religiöse Denken ist ein ganz anderes. Das sind andere wahrheitsbegriffe. Die Symbole wollen doch verstanden sein, damit man sie nachvollziehen kann. Was sollen die Flammen des Heiligen Geistes, wenn man sich nur Flammen aus Bunsenbrennern vorstellen kann? Es ist eine solche Banalisierung des Menschenbildes erfolgt, dass der hohe Anspruch der Religion gar nicht mehr nachvollziehbar wird.

Was müsste die Kirche tun, um wieder mehr Menschen anzusprechen?

Sie müsste wieder mehr Mut zu sich selber haben. Aber die Herren Geistliche sind immer alle so weichgesonnen. Diejenigen, dien diese weiche Tour nicht mitmachen, haben einen schweren Stand. Die Kirche sollte auch etwas sein, woran man sich reibt.

Man reibt sich doch an kirchlichen Fragen, zum Beispiel am Papst und am Zölibat. Wie sehen Sie das?

Die  Kirche ist ein großes System. Wenn man mit anderen Systemen da hinein fuhrwerkt, wird sie anders. Wenn dem Priester die Verpflichtung zum Zölibat weggenommen wird, wird er ganz automatisch ein Kirchenbeamter. Wenn wir nun dem Priester einen anderen Status geben als bislang, vielleicht die Frau noch zur Priesterin weihen, wird die Kirche eine andere werden. Man will wirklich Wesentliches verändern und auflösen.

Schwingt da nun Frauenfeindlichkeit in der Kirche mit?

Die Kirche hat niemals geleugnet, dass die frau religiöses Charisma haben kann. Da ist schon einmal die dominante Figur der Gottesmutter. Da sind dann diese vielen heiligen  Frauen. Da hat die Kirche schon ganz anders gehandelt als alle anderen Religionsgemeinschaften, die viel mehr auf den Mann ausgerichtet sind.

Was halten Sie vom obersten Mann der Kirche, dem Papst?

Ich halte Johannes Paul II. für einen großen Glücksfall für die katholische Kirche. Er hat mit einem ungeheuren Charisma begonnen und so viel an Anhängerschaft verloren. Jeder glaubt, an ihm rütteln zu dürfen. Der Mann ist aller Ehren wert.

Sie haben fünf Kinder unter schwierigen Bedingungen zur Welt gebracht. Was denken Sie, wenn Sie heute in der Abtreibungsdebatte von sozialer Notlage und Fristenlösung hören?

Ich denke, dass es eine große Barbarei ist, es dem Menschen freizustellen, dass er das Wesen, das ihm am nächsten sein sollte, töten darf oder nicht. Da ist ein Bruch in unserer Zivilisation. Aber man will eben dem Menschen nicht zumuten, dass er sich auf etwas einlässt, was er nicht von vorneherein geplant hat. Diese Omnipotenz, die sich der Mensch da herausnimmt, führt ihn dazu, dass er diese furchtbare Freiheit bekommt.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, in schwierigen Zeiten mit einer großen Familie zu leben und gleichzeitig Bücher zu schreiben?

Wir waren zu elft in drei kleinen Zimmern, und in der Küche habe ich nachts meine Bücher geschrieben. Ich habe immer einen Tag bis halb zwei oder zwei Uhr nachts geschrieben – morgens um sieben musste ich aufstehen – und bin eine Nacht später um zwei Uhr aufgestanden und habe dann bis gegen drei das Geschriebene korrigiert.

Selbstverwirklichung und eine intakte Familie trotz Belastungen – so etwas erscheint heute oft unmöglich. Warum zerbrechen so viele Ehen?

Ich bewundere ja die Kirche, dass sie immer noch den Mut aufbringt, alle Paare zu trauen, denen schon von weitem anzusehen ist, dass es nur ein Vergnügen auf Zeit sein wird. Viel liegt an dem Anspruch: Du bist dazu da, glücklich zu werden und dich selber zu verwirklichen. Ich weiß überhaupt nicht, was das heißt, sich selber zu verwirklichen. Ich glaube ja, dass ich schon ein Mensch bin, von dem andere Leute meinen, dass er sich selbst verwirklicht hat. Und ich habe das eine oder andere verwirklicht, aber mich selber? Das wäre mir viel zu öde vorgekommen. Das sind pubertäre Vorstellungen. Aber mit diesen Vorstellungen geht der Mensch heute in das Leben hinein: Ich nehme Dich als meinen Ehemann, damit Du mich glücklich machst, nicht damit ich dich glücklich mache. Diese Einstellungen sind keine guten Voraussetzungen für eine Ehe.

Sie sind Zeitzeugin fast des gesamten 20. Jahrhunderts. Ist denn die Menschheit seit 1912 besser geworden?

Sicherlich geht es uns Mitteleuropäern heute sehr viel besser als das jemals vorstellbar war. Ich sage immer: Der deutsche Arbeiter lebt komfortabler und schmerzfreier als der deutsche Kaiser im Mittelalter. Ob die Menschen besser geworden sind, das ist nun eine Frage, da kommt es so sehr auf den Blickpunkt an, für den man sich entscheidet. Emotional waren wir vielleicht reicher. Der Mensch war gebundener in alten Traditionen, die ihm aber doch sehr viel Gefühlswärme vermittelt haben. Heute sind wir mehr oder minder alle Rationalisten, fühlen uns in dieser Haut aber nicht besonders wohl.

Und auch in unserer Umwelt zunehmend weniger.

Wir sind selbst vielfach an der Zerstörung unserer Umwelt schuld. Jeder glaubt, er muss ein Auto haben, in die Ferien auf die Malediven oder noch viel weiter fliegen, jeder glaubt, er sei sich das schuldig, dass er möglichst alles hat – und zwar möglichst sofort. Ein wenig Selbstbesinnung und Demut könnten vieles retten.

Copyright: Michael Ragg und Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“, April 1997; Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 9, 1997

Isabel Allende – die Liebe, der Schmerz und der Tod

Stationen eines Leidenswegs: Am 6. Dezember 1991 erkrankte Paula, 28jährige Tochter der weltbekannten Autorin Isabel Allende, an einer Stoffwechselkrankheit. Zwei Tage später fällt sie ins Koma. Und erwacht daraus nie mehr. Am 6. Dezember 1992 ist Paula tot. Isabel Allende schreibt gegen die Verzweiflung an, lässt ihr Leben Revue passieren, reflektiert über das Schicksal ihrer Tochter. Dem Redakteur Stefan Teplan erzählte Isabel Allende – kurz vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung  ihres Buches „Paula“ – wie sie das Leiden und den Tod ihrer Tochter bewältigt hat.

Stefan Teplan: Ist es für Sie schwer, über Paulas Tod zu sprechen?

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde. Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995 

 

Isabel Allende: Das Schreiben hat mir geholfen. Aber auch meine Familie hat mir sehr geholfen. Ich kann jetzt schon darüber sprechen. Aber es fällt mir noch schwer, mit Fremden der Presse darüber zu reden. Das ist einer der Gründe, warum ich es abgelehnt habe, nach Europa auf eine Promotion-Tour zu gehen. Ich konnte es aber nicht vermeiden, in einigen Interviews Fragen über Paulas Tod zu beantworten.

Stefan Teplan: Sie zeigten in diesen Interviews ihre tiefsten Gefühle erstaunlich offen.

Isabel Allende: Ja, ich gehe damit sehr offen um, weil ich aus einem Kulturkreis komme, in dem der Tod kein Tabu ist wie etwa in den USA. Hier sprechen die Leute nicht über Schmerz, Versagen, Krankheit oder Tod. Ich dagegen komme aus einem Land, wo man sich vor solchen Dingen nicht versteckt.

Stefan Teplan: Sie haben sich vor Fragen nach Leben und Tod nicht versteckt, während Paula im Koma lag. Waren das auch Fragen nach Gott?

Isabel Allende: Mein Leben war schon immer sehr spirituell bestimmt. Doch zu der Zeit, als Paula im Koma lag und auch in der Zeit nach ihrem Tod habe ich noch mehr zu meiner eigenen persönlichen Spiritualität gefunden. Ich bin eigentlich kein religiöser Mensch. Ich gehe nicht in die Kirche. Ich fühle mich keiner religiösen Organisation zugehörig. Doch ich fühle mich dem Heiligen sehr nahe… und ich wurde auch sehr katholisch erzogen. Ich komme aus einer katholischen Familie und wurde mit der Bibel groß.

Stefan Teplan: Was bedeutet Ihnen die Bibel?

Isabel Allende: Ich habe die Bibel sehr gründlich gelesen und finde, dass sie ein faszinierendes Buch ist. Ich nehme sie des Öfteren auch wieder zur Hand, weil ich finde, dass sie wunderbare Geschichten enthält. Man kann immer wieder etwas aus ihnen lernen. Während der Zeit, zu der Paula im Krankenhaus lag, suchte ich Hoffnung aus meiner Religion zu finden  das heißt, aus der katholischen Religion, aus der ich komme. Aber ich fand diese Hoffnung darin nicht. Ich begleitete meine Mutter in die Kirche, doch ich fühlte mich dabei nicht wohl. Wenn ich die Bibel aufschlug, konnte ich darin keinen Trist finden. Ich fand aber viel mehr Hoffnung und Stärke in meiner Liebe zu Paula und in meiner engen Bindung an die Familie.

Stefan Teplan: Sie schreiben, Sie haben damals öfter gebetet. Zu welchem Gott?

Isabel Allende: Ich stelle mir einen spirituellen Ozean vor, einen gemeinsamen Geist, ein gemeinsames Bewusstsein. Und wir alle sind tropfen in diesem einzigartigen Meer. Auf dieser erde sollen wir alle durch unsere Sinne, Sehnsüchte und durch Leid etwas lernen. Dieser Tropfen, der wir sind, kehrt dann zur Ganzheit des gemeinsamen Ozeans zurück. Und das, denke ich, tat Paula. Und das werde ich tun, wenn ich sterbe. Ich werde in ein Ganzes integriert werden. Wenn ich bete, versuche ich, ganz still zu sein und mich mit dieser Ganzheit, von der ich ein Teil bin, zu verbinden.

Stefan Teplan: Sie schreiben über Paula: „Sie fragte nach einem Sinn im Leben und ließ mich mit der Aufgabe allein, die Antwort zu finden.“ Welche Antwort haben Sie gefunden?

Isabel Allende: Ich fand mehrere Antworten, aber die wichtigste ist vielleicht diese: Das einzige, was ich habe, ist die Liebe, die ich gebe. Nicht die Liebe, die ich erhalte. Als Paula im Koma lag, konnte sie gar nichts zurückgeben. Doch ich schenkte ihr meine ganze Liebe, bedingungslose Liebe ohne irgendwelche Erwartungen oder Wünsche, Liebe um der Liebe willen. Als sie starb, dachte ich, ich hätte alles verloren. Ich verlor ihre Gesellschaft, ihre Gegenwart, ihren Körper, ihre Seele, ihre Intelligenz. Dann erkannte ich, dass ich all die Liebe, , die ich ihr gab und für sie empfinde, immer noch habe. Das war für mich die wichtigste Lektion: Ich habe nichts als die Liebe, die ich anderen gebe. Das hält mich am Leben und das macht mich reich.

Stefan Teplan: Ihr Leid macht Sie nicht verbittert?

Isabel Allende: Aus Leid kann man lernen. Wie kann ich verbittert sein? Leid lehrt mich eine Lektion, die ich lernen muss.

Stefan Teplan: Sie sind in Ihrem Buch so schonungslos ehrlich, dass ich Ihren Mut, es zu veröffentlichen, bewundere.

Isabel Allende: Ich war mir in der Tat lange unklar, ob ich es veröffentlichen sollte. Nicht weil ich Angst davor hatte, mich zu entblößen, sondern wegen anderer Menschen; die ich darin ebenfalls entblöße: meinen früheren Mann, meine Eltern und viele andere. Ich sprach mit ihnen, und sie alle rieten mir, das Buch zu veröffentlichen. Und ich tat es, um mein Leid mit anderen zu teilen. Die Briefe, die ich seit dem Erscheinen der spanischen Originalausgabe erhalten habe, bestätigen mich. Viele, die ebenfalls gelitten haben, fühlen sich mit mir verbunden. Die Botschaft, dass man das Leid annehmen und für wertvoll halten kann, ist für viele Menschen wichtig. Aber dieses Buch geht nicht nur um Leid. Es geht um Freundschaft, es ist ein Buch über die Liebe, über das Leben.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, April 1995

 

Eine glückliche Bezeiehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995