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BEKENNTNISSE – Nina Hagen mit Ernst-Faktor

Von Stefan Teplan

Nina Hagen 2010. Foto Stefan Teplan

Nina Hagen - bekennende Christin, Musikerin mit Spaß- , Autorin mit "Ernst"-Faktor. Foto Stefan Teplan

Ein Klassiker der christlichen Literatur findet einen Nachfolger unter gleichem Titel. Nach den „Bekenntnissen“ von Augustinus musste die Christenheit rund eineinhalb Jahrtausende warten, bis neue „Bekenntnisse“ den – wie bei Augustinus – langen, von zahlreichen Umwegen und Dornen gezeichneten Weg einer Seele zu Gott beschreiben: Die berühmte – wegen spektakulärer Auftritte in manchen TV-Shows ebenso berüchtigte – Sängerin Nina Hagen beschreibt ihren Weg von Ost nach West, vom DDR-Show-Sternchen zur BRD-  und US-Rock- und Punkröhre, zur Ufologin, Drogenkonsumentin, Sinnsuchenden in indischen Ashrams und anderswo zum christlichen dreifaltigen Gott, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist, in dessen Namen sie sich vor einem Jahr taufen ließ. „Unruhig ist das Herz, bis es ruhet in Gott“, schrieb Augustinus und dieser Satz könnte als Motto ebenso über Nina Hagens spirituellem Weg stehen.

Wer sich hier – wie von Nina Hagen gewohnt – Schrilles und Spektakuläres erwartet, wird, je nach Interpretation, bitter enttäuscht oder freudig überrascht. Nina Hagens „Bekenntnisse“ (Pattloch Verlag, 280 Seiten, 18.- Euro) sind ein Wort für Wort ehrliches, durch und durch authentisches, ernst zu nehmendes Buch, das jedem Christen empfohlen werden kann ebenso wie jedem, der Sinn suchend durch den Dschungel der Angebote der Religionen und esoterischen Richtungen irrt und nach der wirklichen Wahrheit sucht. Die ist eben nur in Gott zu finden und nur in dem einen und einzigen, der existiert. Nina Hagen räumt denn auch mit der polytheistischen Vielgötterei des Hinduismus auf, die sie in Indien erlebt hat.

Das Buch ist so geschrieben wie Nina Hagen spricht (da kann auch nur das von ihr selbst gesprochene Hörbuch ebenso nur wärmstens empfohlen werden), nichts anderes war zu erwarten: Nina Hagen ist immer echt und man spürt bei jedem Satz, dass sie stets hundertprozentig meint, was sie sagt.

Nina Hagen im Gespräch mit Stefan Teplan. Ausriss aus TELE-Welt Nr. 1, 1997, Verlag Weltbild

Der Autor, der zahlreiche Interviews mit Prominenten zu ihrem religiösen Weltbild und inneren Werte-System geführt hat (u.a. Cliff Richard, Paul Anka, Norman Mailer, Waris Dirie, Michael York), erinnert sich an ein Interview, das ihm auch Nina Hagen vor vierzehn Jahren zum Thema Religion und Ufos gab. Sie spielte damals eine Rolle im ARD-Krimi „Tatort“ mit dem Serientitel „Tod im All“, in dem TV-Kommissarin Ulrike Folkerts rätselt, ob ein Vermisster von Ufos entführt wurde. Damals schrieb der Autor – dem sie, ganz Missionarin, mit persönlicher Widmung ein Buch über Ufos schenkte mit der Bedingung, er müsse es „unbedingt lesen“ (was er brav tat) – für das (im Verlag WELTBILD herausgegebene) Magazin TELE-WELT:

Sie hat, erzählt sie Stefan Teplan von der TELE-WELT, „am Strand von Malibu schon selbst ein Ufo gesehen.“ Und weiß, dass es „gute und böse Außerirdische“ gibt. Da kann sie „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts bei der Täterjagd im All gleich zur Seite stehen. Nina Hagens Ufo, weiß sie, „war sicher kein böses, denn ich war unbeschreiblich glücklich bei der ganzen Sache.“ So einfach ist das zu unterscheiden. Die schrille Nina hat aber auch keine Angst vor den bösen: „Denn ich bin gläubige Christin, Buddhistin und Jüdin.“ Wie das alles zusammenpasst? „Gott ist überinternational.“ Und will, dass wir den Krieg unter uns abschaffen und uns auf die intergalaktische Reise vorbereiten.“ Alles klar, Frau Kommissar?  (Auszug aus Artikel des Magazins TELE-WELT Nr. 1, 1997).

Alles klar ist aber erst jetzt. Von den anderen Religionen distanziert sich Nina Hagen in ihren „Bekenntnissen“ und erkennt allein in Jesus Christus das allein seligmachende Heil. Eben: „Unruhig ist das Herz bis es ruhet in Gott.“

© Stefan Teplan Media

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Paulo Coelho – „Ich will kein Magier sein“

Paulo Coelho sprach mit Stefan Teplan über Sinnsuche und Lebensträume

Paul Coelho - Ausschnitt aus Weltbild Nr. 5, 1998

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung der Geschichte in Weltbild Nr. 5, 1998. „Weltbild-Redakteur Stefan Teplan führte in der Schweiz mit Paulo Coelho ein Gespräch, von dem der Star-Autor so angetan war, dass er zur Fortsetzung Teplan spontan in sein Haus nach Brasilien einlud und ihm (s. Bild unten) – handschriftlich in einige mitgeführte Rezensionsexemplare – vorab schon mal dem gemeinsamen Gespräch entlehnte Sinnsprüche mit auf die Reise gab.“ (aus der Weltbild-Hausmitteilung „Aus der Redaktion“).

Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan
Paulo-Coelho-Widmungen für Stefan Teplan: „Stefan – Glaube an Wunder!“ „Stefan – Zahle den Preis für deine Träume!“

Er war Hippie. Er war Songschreiber. Er war Musikredakteur, katholischer Ordensbruder, Globetrotter. Dabei wollte er immer nur eines sein: Schriftsteller. Vielleicht aber brauchte der Brasilianer Paulo Coelho erst die Erfahrungen als Hippie, Mönch und Journalist, um zu dem zu werden, was er heute ist: weltweit gefeierter Kultautor, dessen Bücher mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt und 16millionenfach verkauft wurden, der von Australien bis Zimbabwe Literaturkritiker für sich begeistert und den der englische Economist als meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller neben Gabriel Garcia Márquez und der deutsche Focus als „Guru vieler Sinnsuchender“ rühmen. „Ich glaube wirklich“, erzählt er, während er in einem noblen Züricher Hotel entspannt an seiner brasilianischen Zigarette zieht und Espresso schlürft, „das ich all diese Umwege gehen musste, obwohl ich immer schreiben wollte. Sie fragen mich, warum ich erst 40 Jahre werden musste, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe. Nun, ich hatte, wie die meisten Menschen, Angst, meinen Traum wahrzumachen und meine Bestimmung zu erfüllen. Dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir sagte: Ab jetzt gehe ich meinen Weg und bezahle den Preis für meine Träume.“ Dieser Wendepunkt kam während seines Europa-Aufenthalts auf einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Coelho legte den alten Pilgerweg zu Fuß zurück, wanderte 800 Kilometer in 56 Tagen. Auf dieser Reise wurde ihm vieles bewusst: „Ich erkannte, dass man auf die Stimme seines Herzens hören muss, offen sein muss für andere Menschen; ich konnte mich plötzlich auf ein Ziel konzentrieren. Und ich konnte beten. Santiago de Compostela war vor allem eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Jeder Mensch, glaubt Coelho, hat eine Bestimmung, die er erfüllen muss. „Aber die meisten haben Angst. Und gehen den bequemsten Weg.“ Coelho spricht von den Menschen, die ihre Ziele und Träume verraten, weil sie sich mit einem angepassten Leben abgefunden haben. „Aber man muss auch für seine Träume kämpfen. Deswegen sagte ich: Ich bin jetzt bereit, den Preis für meine Träume zu bezahlen.“

Und er ging hin und schrieb genau darüber eine Geschichte: „Der Alchimist“, ein modernes Märchen über einen Hirten, der alle Brücken hinter sich abbricht, um seiner Bestimmung zu folgen. Die heißt für ihn: aufzubrechen ins ferne Ägypten, um dort nach einem Schatz zu suchen. Unterwegs findet er zum Einklang mit Gott und sich selbst. Und darauf kommt es Coelho an. Es geht nicht um den Schatz. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem Märchen, das wegen seiner einfachen, von spirituellen Einsichten und Lebensweisheiten durchtränkten Sprache häufig mit Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ verglichen wird, wurde auch für Coelho ein Märchen wahr. Der Mann, der von sich sagt, er hätte „verschiedenes im Leben ausprobiert, aber ohne Erfolg“, wurde über Nacht zum vielfachen Millionär. Wobei es ihm auch hier nicht auf den (materiellen) Schatz ankommt. Vielmehr darauf, sich von Bequemlichkeit und Feigheit losgerissen und seinen Traum erfüllt zu haben: als Schriftsteller leben zu können.

Wenn es etwas gibt, was Coelho lehren will, dann lautet seine Botschaft: „Habe Mut! Mut zum Risiko, Mut, deinen eigenen Weg zu gehen. Man muss das Leben als einen Segen und eine Herausforderung sehen. Indem man seinen eigenen Weg findet, entwickelt man seine inneren Energien und seine Beziehung zu Gott. Aber im Grunde will ich in meinen Büchern nicht belehren. Ich sage nicht: Tut dies, tut das! Ich will nur meine Erfahrungen weitergeben und die Menschen anregen, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihm zu folgen.“

Deswegen auch sagt er, der in seiner Heimat Brasilien als „mago“ – als Magier – verehrt wird und den Millionen von Sinnsuchenden als ihren Guru sehen: „Ich will kein Magier sein.“

Das Ringen des Menschen mit seiner Bestimmung durchzieht auch alle anderen Bücher Coelhos. In seinem neuen Roman „Der fünfte Berg“ kämpft der Prophet Elia lange gegen Gott und die ihm auferlegte Mission, bis er zu seiner Erfüllung findet. Am Ende wird er mit Weisheit gesegnet und erkennt, worauf es ankommt: auf den „Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkommt – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass wieder alles so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren.“

Das jedenfalls wollte Coelho nie mehr. „Es ist besser, auf der Straße zu sterben, sich zu Tode zu frieren, als etwas zu tun, das einen nicht erfüllt“, sagt er. „Geh zurück zu deinen Kindheits- und Jugendträumen“, rät er. „Man muss das Kind in sich wieder stimulieren.“

Genau dies hat er vor kurzem sprichwörtlich getan, als er nach seinem Wunsch für ein Geschenk gefragt wurde. Coelho erinnerte sich an einen weiteren unerfüllten Kindheitstraum: „Kauf mir eine elektrische Eisenbahn. Damit wollte ich schon immer spielen.“

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 5, 1998

 

Sir Cliff Richard – Ritter auf Kreuzzug für Jesus

Stefan Teplan sprach mit Cliff Richard über Gott und die Welt. Cliff Richard ist einer der erfolgreichsten Pop-Stars aller Zeiten, von der Queen geadelter Ritter und bekennender Christ. Im Interview erzählt er, was ihm Gott, Geld und seine Mission bedeuten.

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Cliff Richard imGespräch mit Stefan Teplan – Ausschnitt aus Weltbild Nr. 20, 1995. Das Interview-Bild machte Bernd Harder

Stefan Teplan: Was bedeutet es für Sie, von der Königin von England zum „Sir Cliff“ geadelt worden zu sein?

Cliff Richard: Für mich ist das eine sehr große Ehre. Ich bin sehr stolz darauf, weil das etwas ist, was ich nicht erwartet habe. Wenn ich eine Platte aufnehme, ist es immer möglich, damit einen großen Erfolg zu haben, eine Gold- oder Platinplatte dafür zu bekommen. Aber man kann im Leben nicht so einfach damit rechnen, zum Ritter geschlagen zu werden.

Stefan Teplan: Sie wurden wegen Ihres starken sozialen Engagements zum Ritter geschlagen. Welche Hilfswerke unterstützen Sie?

Cliff Richard: Vor allem engagiere ich mich seit langem für die Organisation „Tear Fund“ – das ist die Abkürzung für „The Evangelical Alliance Relief Fund“ – , die sehr viele Hilfsprojekte in der Dritten Welt betreibt.

Stefan Teplan: Was tun Sie speziell für diese Organisation?

Cliff Richard: Ich besuche persönlich die einzelnen Missionsstationen in der dritten Welt, ich helfe, Geld zu sammeln, ich gebe Gospel-Konzerte, deren Erlös dem „Tear-Fund“ zukommt. Ich unterstütze aber auch noch viele andere Organisationen. Aber ich hätte nie gedacht, deswegen zum Ritter geschlagen zu werden.

Stefan Teplan: Sie sind gläubiger Christ. Und Sie sind ein Pop-Star. Trennen Sie diese Bereiche voneinander oder kann man das nicht?

Cliff Richard: Ja und nein. Ich trenne es, weil ich die Öffentlichkeit nicht verwirren will. Ich hiete es für falsch, vor mein Publikum zu treten, das Pop-Songs erwartet und dann religiöse Lieder zu singen und das Evangelium zu verkünden.. ich kündige immer vorher an: Das ist jetzt eine Gospel-Show, und wenn Sie dafür keine Karten kaufen wollen, ist das in Ordnung. Aber natürlich kann ich persönlich diese Bereiche nicht voneinander trennen. Wenn Sie einmal überzeugter Christ sind, dann beeinflusst Jesus alles in ihrem Leben. Ich achte deswegen auch auf die Texte in meinen Liedern und denke, dass sie so sind, dass Jesus mit Ihnen einverstanden sein kann.

Stefan Teplan: Aber die Texte in Ihren Pop-Songs sind nicht religiös.

Cliff Richard: Nein, das müssen Sie gar nicht sein. Auch ein christlicher Maler muss nicht unbedingt Jesus oder ein Kreuz darstellen. Es kommt darauf an, wie er die Dinge sieht. Er kann eine Szene aus dem Blickwinkel der Liebe und des Mitleids darstellen. Ein nicht-christlicher Maler würde die gleiche Szene völlig anders malen. Und so muss ich eigentlich auch nicht direkt über Jesus singen.

Stefan Teplan: Sie haben aber auch spezielle religiöse Lieder gemacht und Bücher über das Christsein geschrieben.

Cliff Richard: Ich habe eine ganze Reihe religiöser Alben aufgenommen und Bücher geschrieben wie zum Beispiel „You, Me And Jesus“, „Jesus, Me And You“ und „Questions“.

Stefan Teplan: Sie nutzen also Musik und Bücher durchaus für eine Art Mission?

Cliff Richard: Ja, denn die Rock’n’Roll-Welt hat mir die Möglichkeit eröffnet, viele Menschen zu erreichen. Es ist die Pflicht eines Christen, die Botschaft von Gott zu verkünden, wo er nur kann. Und so nutze ich Platten, Konzerte, Bücher, Fernsehen.

Stefan Teplan: Was bedeutet Ihnen eigentlich das Christentum im Vergleich zu anderen Religionen?

Cliff Richard: In allen anderen Religionen versucht der Mensch, zu Gott zu kommen. Im Christentum ist es so, dass Gott zum Menschen kommt und seine Hand nach ihm ausstreckt. Wir müssen nur einen halben Schritt auf ihn zugehen und er nimmt uns schon an. Ich denke. Das ist ein sehr großer Unterschied. Und wir haben im Mittelpunkt unseres Glaubens einen Menschen, der für uns gelebt hat und gestorben ist. Und der unser Leben verändern kann.

Stefan Teplan: Ihr Vermögen wird auf rund 120 Millionen Mark geschätzt. Wie halten Sie es da mit dem Spruch: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein reicher in das Himmelreich“?

Cliff Richard: Ja, das steht in der Bibel. Die Bibel sagt aber nicht, dass ein reicher Mensch überhaupt nicht in das Himmelreich kommen könnte. Es ist für ihn nur viel schwerer. Es kommt immer darauf an, wie wir leben und denken. Wenn wir unser Leben kontrollieren und mit Gott gehen, wird er uns auch zeigen, wie wir unser Geld verdienen und es benützen sollen. Die Gefahr ist, dass das Geld selbst für einen Christen eine große Versuchung werden kann. Und sein wichtigstes Lebensziel wird. Und das darf es nie werden.

Stefan Teplan: Sie spielen demnächst auch in einem Musical?

Cliff Richard: Ja, das Musical basiert auf dem weltberühmten englischen Roman „Wuthering Heights“ („Stürmische Höhen“) von Emily Bronte. Es ist ein musikalisches Porträt von dessen Hauptfigur Sir Heathcliff. Und das ist meine Rolle. Meine neue Single „Misunderstood“ ist bereits ein Auszug aus diesem Musical, das Ende nächsten Jahres in England aufgeführt werden wird. Vorher aber spiele ich es womöglich schon in New York am Broadway.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild Nr. 20, 1995

Die Wandlung der Karin Struck

Die deutsche Schriftstellerin Karin Struck (1947-2006) wurde 1973 mit ihrem Debütroman „Klassenliebe“ schlagartig berühmt. Für viel Aufsehen undAnsehen sorgten weitere Bücher wie unter anderem „Die Mutter“ (1975), „lieben“ (1977) oder „“Blaubarts Schatten“ (1991). Für noch mehr Aufsehen freilich sorgte ihre Wandlung von der Atheistin und dem Aushängeschild der linken Szene zu einer überzeugten Katholikin, die plötzlich traditionelle Werte verteidigte. Stefan Teplan hat sie 1996 in ihrem Haus in Westfalen besucht und mit ihr über diese Wandlung gesprochen.

Stefan Teplan: Wie wird man von einer Galionsfigur der alternativen und links-intellektuellen Szene zu einer Vertreterin konservativer werte, zu einer Christin und schließlich überzeugten konvertierten Katholikin?

Karin Struck: Darüber müsste ich ein ganzes Buch aschreiben, weil diese Entwicklung sehr komplex ist. Es ist fast wie die Geschichte des verlorenen Sohns. Die war auch das Motto bei meiner Konversion – bis hin zu den Säuen; dass jemand wirklich im Dreck wühlt, auch moralisch. Ich war ja bei Gott nicht nur ein Engel in den letzten 30 Jahren – da muss man nicht nur an meine Abtreibung denken.

Stefan Teplan: Führt Ihr neuer Status dazu, dass Sie bedingungslos die katholische Sexualmoral vertreten? Selbst viele Katholiken haben ja Probleme damit.

Karin Struck: Ich habe keine Probleme damit. Ich habe es gut, weil ich die Dinge schon so lange durchdacht habe, dass ich sie nicht mehr nur aus dem Bauch heraus, mit irgendwelchen Aggressionen angereichert oder mit irgendwelchen chaotischen Emotionen beladen beurteile. Ich habe in meinen Romanen und Erzählungen ja auch sehr ausführlich über Sexualität geschrieben – nicht nur in Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung. Jetzt ist für mich ein Punkt eingetreten, wo ich das alles neu ordnen muss. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft noch sehr viel verantwortungsvoller, bewusster zum Beispiel mit Themen wie Sexualität in der Literatur, die ich selber sachreibe, umzugehen.

Stefan Teplan: Sind Sie auch allem, was vom Papst kommt, einverstanden?

Karin Struck: Den Papst schätze ich seit vielen Jahren. Den habe ich schon überall verteidigt, vor Stern-Redakteuren – die sind unter den Tisch gefallen vor Entsetzen. Dass es für diese Leute eine solche Provokation ist, das war wirklich ein Erlebnis. Ich denke, der Papst hat einfach eine so grandiose Unabhängigkeit. Er ist von niemand abhängig außer von Gott.

Stefan Teplan: Er hat Mut, gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

Karin Struck: Ich denke, es ist auch ein Opfer von ihm. Das ist für mich auch ein Leiden, dass er sich dem so aussetzt, das hat schon etwas Märtyrerhaftes. Dass er nicht einknickt bei diesen ganzen Angriffen. Man muss ja auch sagen, dass seine Kritiker meistens gar nicht informiert sind. Ich habe noch keinen von diesen ganzen Verhöhnern getroffen, der eine Schrift des Papstes wörtlich von vorne bis hinten gelesen hat. Ihm wird seine Fixierung auf die Sexualität vorgeworfen. Aber wenn ich die Enzykliken lese, finde ich das nicht bestätigt. Mir kommt es im Gegenteil so vor, als sei seine Kritikerschar auf diese Themen unglaublich fixiert. Wenn ich lese, was der Papst zu diesen Themen schreibt, sehe ich, dass er das immer mit den Bereichen Familie, Wert der Frau, Wert des Mannes verbindet – und da ist immer eine Gleichwertigkeit angesprochen.

Stefan Teplan: Widerspricht dem nicht sein Widerstad gegen das Frauenpriestertum?

Karin Struck: Mir kommt die Stellung der Kirche, des Papstes dazu sehr plausibel vor. Unter anderem auch aus Gründen der Herleitung aus dem, was Christus gemacht hat, als er seine zwölf Jünger um sich geschart hat und ihnen das Amt übergeben hat.

Stefan Teplan: Die Pflicht zum Zölibat lässt sich schon weniger biblisch ableiten.

Karin Struck: Das ist richtig. Mir leuchtet aber ein, dass vertreten wird, dass in der Tradition der katholischen Kirche – die ja weit beeindruckender ist als sde der kurzlebigen evangelischen – viels für den Zölibat spricht. Wesentlich für den Zölibat spricht, dass ich mehr Vertrauen zu einem geweihten Priester habe, der für Christus und seelsorgerisch ganz für mich als Gläubigen da sein kann, ohne Abhängigkeit von einer Familie, ohne zum dritten Mal geschieden zu sein. Außerdem kann ein zölibatärer Priester unbestechlich sein, zum Beispiel in totalitären Staaten oder in Zeitgeiststaaten.

Stefan Teplan: Mir ist jetzt immer noch nicht klar, was Sie zu einer so überzeugten Katholikin gemacht hat.

Karin Struck: Gerade durch mein Engagement gegen die Abtreibung, habe ich erfahren, dass die evangelische Kirche keinen Glaubenshalt mehr bietet. Und ich muss sagen: Ich habe selten so viel Hilfsbereitschaft kennengelernt, wie von Katholiken. Diese Vorbilder waren für mich der letzte Auslöser. Ich kann noch so eine tolle Menschheitsideologie haben, die ganze Welt befreien wollen, aber es kann mir durchaus passieren, dass ich den einzelnen Menschen vergesse. Und diese Sorte von leuten habe ich massenweise kennengelernt.

Stefan Teplan: Es gibt aber auch Gläubige, die sagen: Christus ja, Kirche nein.

Karin Struck: Das Problem ist die Glaubenspraxis. Die kann mir nur vermittelt werden durch die Kirche. Ich brauche eine Kirche, die diese Glaubenspraxis für mich unabhängig von politischen Wirren und Zeitströmungen vermittelt. Das ist bei der evangelischen Kirche nicht mehr gegeben.

Stefan Teplan: Jetzt ziehen Sie sich vollends den Zorn der Protestanten zu, wenn Sie sich noch zur Heiligenverehrung bekennen.

Karin Struck: Ich bekenne mich auch dazu. Die katholische Kirche ist kein Warenhaus, wo ich mir einen Artikel nehmen kann und der andere passt mir nicht. Sie stellt für mich eine Ganzheit dar. Maria ist ja keine Konkurrentin von Christus, ich mache da keinen Götzendienst. Heiligenverehrung, Beziehung zur Muttergottes, Rosenkranz – an diese Dinge nähere ich mich allmählich heran – machen für mich Reichtum und Vielfalt dieser Kirche aus.

Copyright: Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“ (heute „Radio Horeb“), 1996

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, Nr. 11/1996

Gertrud Fussenegger: „Wir waren früher emotional reicher“

Besuch bei der alten Dame: Die Redakteure Stefan Teplan und Michael Ragg sprachen mit der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in  ihrem Haus in Tirol. In ihren Büchern kämpft Fussenegger als Anwältin der Menschlichkeit und christlicher Werte

 

Besonders linke Kreise haben Ihnen Ihre Jugendsünden, unter anderem Ihre NSDAP-Mitgliedschaft, nie verziehen. Greift man aber nicht in Wahrheit eher Sie als Vertreterin christlicher Werte an?

Ich glaube, wenn ich mich in der Nachkriegszeit auf die linke Seite geschlagen hätte, wäre alles vergessen und vergeben worden. Das ist das große Pflaster,  das alles zudeckt. Nun habe ich mich auf dieses Pflaster nicht eingelassen, sondern bin eine bemühte Tochter der Kirche geworden. Ein Intellektueller, der sich zur Kirche bekennt, ist für die Linken einfach ein Ärgernis.

Die Kirche selbst ist heute vielen ein Ärgernis, wie an der Zahl der Austritte unschwer abzulesen ist. Worin sehen Sie die Gründe?

Die Kirchenaustritte kommen daher, dass die Leute nichts mehr anzufangen wissen. Unsere Gehirne werden auf lauter rationale Denkprozesse eingeschliffen. Das mythische, das religiöse Denken ist ein ganz anderes. Das sind andere wahrheitsbegriffe. Die Symbole wollen doch verstanden sein, damit man sie nachvollziehen kann. Was sollen die Flammen des Heiligen Geistes, wenn man sich nur Flammen aus Bunsenbrennern vorstellen kann? Es ist eine solche Banalisierung des Menschenbildes erfolgt, dass der hohe Anspruch der Religion gar nicht mehr nachvollziehbar wird.

Was müsste die Kirche tun, um wieder mehr Menschen anzusprechen?

Sie müsste wieder mehr Mut zu sich selber haben. Aber die Herren Geistliche sind immer alle so weichgesonnen. Diejenigen, dien diese weiche Tour nicht mitmachen, haben einen schweren Stand. Die Kirche sollte auch etwas sein, woran man sich reibt.

Man reibt sich doch an kirchlichen Fragen, zum Beispiel am Papst und am Zölibat. Wie sehen Sie das?

Die  Kirche ist ein großes System. Wenn man mit anderen Systemen da hinein fuhrwerkt, wird sie anders. Wenn dem Priester die Verpflichtung zum Zölibat weggenommen wird, wird er ganz automatisch ein Kirchenbeamter. Wenn wir nun dem Priester einen anderen Status geben als bislang, vielleicht die Frau noch zur Priesterin weihen, wird die Kirche eine andere werden. Man will wirklich Wesentliches verändern und auflösen.

Schwingt da nun Frauenfeindlichkeit in der Kirche mit?

Die Kirche hat niemals geleugnet, dass die frau religiöses Charisma haben kann. Da ist schon einmal die dominante Figur der Gottesmutter. Da sind dann diese vielen heiligen  Frauen. Da hat die Kirche schon ganz anders gehandelt als alle anderen Religionsgemeinschaften, die viel mehr auf den Mann ausgerichtet sind.

Was halten Sie vom obersten Mann der Kirche, dem Papst?

Ich halte Johannes Paul II. für einen großen Glücksfall für die katholische Kirche. Er hat mit einem ungeheuren Charisma begonnen und so viel an Anhängerschaft verloren. Jeder glaubt, an ihm rütteln zu dürfen. Der Mann ist aller Ehren wert.

Sie haben fünf Kinder unter schwierigen Bedingungen zur Welt gebracht. Was denken Sie, wenn Sie heute in der Abtreibungsdebatte von sozialer Notlage und Fristenlösung hören?

Ich denke, dass es eine große Barbarei ist, es dem Menschen freizustellen, dass er das Wesen, das ihm am nächsten sein sollte, töten darf oder nicht. Da ist ein Bruch in unserer Zivilisation. Aber man will eben dem Menschen nicht zumuten, dass er sich auf etwas einlässt, was er nicht von vorneherein geplant hat. Diese Omnipotenz, die sich der Mensch da herausnimmt, führt ihn dazu, dass er diese furchtbare Freiheit bekommt.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, in schwierigen Zeiten mit einer großen Familie zu leben und gleichzeitig Bücher zu schreiben?

Wir waren zu elft in drei kleinen Zimmern, und in der Küche habe ich nachts meine Bücher geschrieben. Ich habe immer einen Tag bis halb zwei oder zwei Uhr nachts geschrieben – morgens um sieben musste ich aufstehen – und bin eine Nacht später um zwei Uhr aufgestanden und habe dann bis gegen drei das Geschriebene korrigiert.

Selbstverwirklichung und eine intakte Familie trotz Belastungen – so etwas erscheint heute oft unmöglich. Warum zerbrechen so viele Ehen?

Ich bewundere ja die Kirche, dass sie immer noch den Mut aufbringt, alle Paare zu trauen, denen schon von weitem anzusehen ist, dass es nur ein Vergnügen auf Zeit sein wird. Viel liegt an dem Anspruch: Du bist dazu da, glücklich zu werden und dich selber zu verwirklichen. Ich weiß überhaupt nicht, was das heißt, sich selber zu verwirklichen. Ich glaube ja, dass ich schon ein Mensch bin, von dem andere Leute meinen, dass er sich selbst verwirklicht hat. Und ich habe das eine oder andere verwirklicht, aber mich selber? Das wäre mir viel zu öde vorgekommen. Das sind pubertäre Vorstellungen. Aber mit diesen Vorstellungen geht der Mensch heute in das Leben hinein: Ich nehme Dich als meinen Ehemann, damit Du mich glücklich machst, nicht damit ich dich glücklich mache. Diese Einstellungen sind keine guten Voraussetzungen für eine Ehe.

Sie sind Zeitzeugin fast des gesamten 20. Jahrhunderts. Ist denn die Menschheit seit 1912 besser geworden?

Sicherlich geht es uns Mitteleuropäern heute sehr viel besser als das jemals vorstellbar war. Ich sage immer: Der deutsche Arbeiter lebt komfortabler und schmerzfreier als der deutsche Kaiser im Mittelalter. Ob die Menschen besser geworden sind, das ist nun eine Frage, da kommt es so sehr auf den Blickpunkt an, für den man sich entscheidet. Emotional waren wir vielleicht reicher. Der Mensch war gebundener in alten Traditionen, die ihm aber doch sehr viel Gefühlswärme vermittelt haben. Heute sind wir mehr oder minder alle Rationalisten, fühlen uns in dieser Haut aber nicht besonders wohl.

Und auch in unserer Umwelt zunehmend weniger.

Wir sind selbst vielfach an der Zerstörung unserer Umwelt schuld. Jeder glaubt, er muss ein Auto haben, in die Ferien auf die Malediven oder noch viel weiter fliegen, jeder glaubt, er sei sich das schuldig, dass er möglichst alles hat – und zwar möglichst sofort. Ein wenig Selbstbesinnung und Demut könnten vieles retten.

Copyright: Michael Ragg und Stefan Teplan

Erstsendung in „Rundfunk Neues Europa“, April 1997; Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 9, 1997

Isabel Allende – die Liebe, der Schmerz und der Tod

Stationen eines Leidenswegs: Am 6. Dezember 1991 erkrankte Paula, 28jährige Tochter der weltbekannten Autorin Isabel Allende, an einer Stoffwechselkrankheit. Zwei Tage später fällt sie ins Koma. Und erwacht daraus nie mehr. Am 6. Dezember 1992 ist Paula tot. Isabel Allende schreibt gegen die Verzweiflung an, lässt ihr Leben Revue passieren, reflektiert über das Schicksal ihrer Tochter. Dem Redakteur Stefan Teplan erzählte Isabel Allende – kurz vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung  ihres Buches „Paula“ – wie sie das Leiden und den Tod ihrer Tochter bewältigt hat.

Stefan Teplan: Ist es für Sie schwer, über Paulas Tod zu sprechen?

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde. Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995 

 

Isabel Allende: Das Schreiben hat mir geholfen. Aber auch meine Familie hat mir sehr geholfen. Ich kann jetzt schon darüber sprechen. Aber es fällt mir noch schwer, mit Fremden der Presse darüber zu reden. Das ist einer der Gründe, warum ich es abgelehnt habe, nach Europa auf eine Promotion-Tour zu gehen. Ich konnte es aber nicht vermeiden, in einigen Interviews Fragen über Paulas Tod zu beantworten.

Stefan Teplan: Sie zeigten in diesen Interviews ihre tiefsten Gefühle erstaunlich offen.

Isabel Allende: Ja, ich gehe damit sehr offen um, weil ich aus einem Kulturkreis komme, in dem der Tod kein Tabu ist wie etwa in den USA. Hier sprechen die Leute nicht über Schmerz, Versagen, Krankheit oder Tod. Ich dagegen komme aus einem Land, wo man sich vor solchen Dingen nicht versteckt.

Stefan Teplan: Sie haben sich vor Fragen nach Leben und Tod nicht versteckt, während Paula im Koma lag. Waren das auch Fragen nach Gott?

Isabel Allende: Mein Leben war schon immer sehr spirituell bestimmt. Doch zu der Zeit, als Paula im Koma lag und auch in der Zeit nach ihrem Tod habe ich noch mehr zu meiner eigenen persönlichen Spiritualität gefunden. Ich bin eigentlich kein religiöser Mensch. Ich gehe nicht in die Kirche. Ich fühle mich keiner religiösen Organisation zugehörig. Doch ich fühle mich dem Heiligen sehr nahe… und ich wurde auch sehr katholisch erzogen. Ich komme aus einer katholischen Familie und wurde mit der Bibel groß.

Stefan Teplan: Was bedeutet Ihnen die Bibel?

Isabel Allende: Ich habe die Bibel sehr gründlich gelesen und finde, dass sie ein faszinierendes Buch ist. Ich nehme sie des Öfteren auch wieder zur Hand, weil ich finde, dass sie wunderbare Geschichten enthält. Man kann immer wieder etwas aus ihnen lernen. Während der Zeit, zu der Paula im Krankenhaus lag, suchte ich Hoffnung aus meiner Religion zu finden  das heißt, aus der katholischen Religion, aus der ich komme. Aber ich fand diese Hoffnung darin nicht. Ich begleitete meine Mutter in die Kirche, doch ich fühlte mich dabei nicht wohl. Wenn ich die Bibel aufschlug, konnte ich darin keinen Trist finden. Ich fand aber viel mehr Hoffnung und Stärke in meiner Liebe zu Paula und in meiner engen Bindung an die Familie.

Stefan Teplan: Sie schreiben, Sie haben damals öfter gebetet. Zu welchem Gott?

Isabel Allende: Ich stelle mir einen spirituellen Ozean vor, einen gemeinsamen Geist, ein gemeinsames Bewusstsein. Und wir alle sind tropfen in diesem einzigartigen Meer. Auf dieser erde sollen wir alle durch unsere Sinne, Sehnsüchte und durch Leid etwas lernen. Dieser Tropfen, der wir sind, kehrt dann zur Ganzheit des gemeinsamen Ozeans zurück. Und das, denke ich, tat Paula. Und das werde ich tun, wenn ich sterbe. Ich werde in ein Ganzes integriert werden. Wenn ich bete, versuche ich, ganz still zu sein und mich mit dieser Ganzheit, von der ich ein Teil bin, zu verbinden.

Stefan Teplan: Sie schreiben über Paula: „Sie fragte nach einem Sinn im Leben und ließ mich mit der Aufgabe allein, die Antwort zu finden.“ Welche Antwort haben Sie gefunden?

Isabel Allende: Ich fand mehrere Antworten, aber die wichtigste ist vielleicht diese: Das einzige, was ich habe, ist die Liebe, die ich gebe. Nicht die Liebe, die ich erhalte. Als Paula im Koma lag, konnte sie gar nichts zurückgeben. Doch ich schenkte ihr meine ganze Liebe, bedingungslose Liebe ohne irgendwelche Erwartungen oder Wünsche, Liebe um der Liebe willen. Als sie starb, dachte ich, ich hätte alles verloren. Ich verlor ihre Gesellschaft, ihre Gegenwart, ihren Körper, ihre Seele, ihre Intelligenz. Dann erkannte ich, dass ich all die Liebe, , die ich ihr gab und für sie empfinde, immer noch habe. Das war für mich die wichtigste Lektion: Ich habe nichts als die Liebe, die ich anderen gebe. Das hält mich am Leben und das macht mich reich.

Stefan Teplan: Ihr Leid macht Sie nicht verbittert?

Isabel Allende: Aus Leid kann man lernen. Wie kann ich verbittert sein? Leid lehrt mich eine Lektion, die ich lernen muss.

Stefan Teplan: Sie sind in Ihrem Buch so schonungslos ehrlich, dass ich Ihren Mut, es zu veröffentlichen, bewundere.

Isabel Allende: Ich war mir in der Tat lange unklar, ob ich es veröffentlichen sollte. Nicht weil ich Angst davor hatte, mich zu entblößen, sondern wegen anderer Menschen; die ich darin ebenfalls entblöße: meinen früheren Mann, meine Eltern und viele andere. Ich sprach mit ihnen, und sie alle rieten mir, das Buch zu veröffentlichen. Und ich tat es, um mein Leid mit anderen zu teilen. Die Briefe, die ich seit dem Erscheinen der spanischen Originalausgabe erhalten habe, bestätigen mich. Viele, die ebenfalls gelitten haben, fühlen sich mit mir verbunden. Die Botschaft, dass man das Leid annehmen und für wertvoll halten kann, ist für viele Menschen wichtig. Aber dieses Buch geht nicht nur um Leid. Es geht um Freundschaft, es ist ein Buch über die Liebe, über das Leben.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin Weltbild, April 1995

 

Eine glückliche Bezeiehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Eine glückliche Beziehung, die jäh zerrissen wurde: Isabel und Paula Allende. Ausschnitt aus Weltbild Nr. 8, 1995

Michael York: „Medjugorje holt mich immer wieder ein“

 Hollywood-Star Michael York (u.a. berühmt aus “Cabaret” mit Filmpartnerin Liza Minelli) spielt neben Martin Sheen die Hauptrolle in einem Film um die Marienerscheinungen von Medjugorje: „Gospa“ (kroatischer Ausdruck für die Muttergottes) handelt von dem Kampf des ehemaligen kommunistischen serbischen Regimes, die jene mystischen Phänomene verbieten wollte und den Medjugorje-Priester Jozo Zovko unschuldig ins Gefängnis warf. Vor der Weltpremiere des Films sprach Stefan Teplan mit Michael York über seine Rolle und über Religion. Das Interview fand am 7. April 1995 in New York – auf dem Höhepunkt des damals tobenden Bürgerkrieges in Ex-Jugoslawien – statt und wurde als Titelgeschichte im Magazin Weltbild Nr. 10/1995 erstmals veröffentlicht.

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan mit Michael York (r.) im Hotel Grand Hyatt in  New York

Weltbild-Redakteur Stefan Teplan mit Michael York (r.) im Hotel Grand Hyatt in New York

 

 

 

 

Stefan Teplan: Sie haben nicht nur im Film „Gospa“ gespielt. Sie waren auch selbst in Medjugorje und äußerten sich sehr beeindruckt.

Michael York: Das ist wahr. Es war nicht so wie bei Leuten, deren Leben durch ein gewaltiges Ereignis schlagartig verändert wurde. Nicht wie bei Paulus auf dem Weg nach Damaskus. Vielleicht ist aber doch etwas in dieser Richtung geschehen und ein Prozess in Gang gesetzt worden, dessen ich mir noch gar nicht bewusst bin. Ich wurde anglikanisch erzogen, aber ich bin für alles offen. Und ich fühle dort eine bestimmte Energie. Wissen Sie, dieses Medjugorje holt mich irgendwie immer wieder ein. Zum Beispiel war ich erst kürzlich bei einer Bekannten in Palm Beach. Und sie schlug mir vor, abends einen Film anzusehen. Ich sah auf ihre Videokassetten-Sammlung und mein Blick fiel als erstes auf eine zweistündige Dokumentation über Medjugorje – eine alte Dokumentation aus dem Jahr 1984, die also entstand, bevor das Ganze so groß wurde. Wir mussten uns das einfach ansehen. Das war einfach unvermeidlich. Dann erfuhr ich von einem deutschen Mädchen, das in Medjugorje in jenen raum kam, in dem Erscheinungen stattfanden. Dieses Mädchen war äußerst zynisch und skeptisch. Doch als sie eintrat, fiel sie augenblicklich auf die Knie. Und ein Freund von mir aus Los Angeles erzählte, er hätte ein echtes Hippie-Punkmädchen als Sekretärin gehabt. Sie kam auf einer Reise – keiner Pilgerfahrt – nach Medjugorje. Heute ist sie noch immer dort – als Nonne. Solche Dinge passieren also offensichtlich. Bevor ich selbst hinging, traf ich immer wieder Leute, die nach Medjugorje gegangen waren. Ich reiste etwa nach Hartford in England zu einem Vortrag und traf eine Frau, die von Medjugorje kam und mir Fotos vom Erscheinungshügel zeigte. Die Wollen auf diesem Bild sahen wie eine Darstellung der Jungfrau Maria aus. Und mir wurde erzählt, dass solche Phänomene dort oft zu sehen seien.

Stefan Teplan: Würden Sie sich als religiösen Menschen bezeichnen?

Michael York: Ich denke schon, dass ich religiös bin. Aber ich trage kein bestimmtes Etikett als Katholik oder Methodist oder was auch immer mit mir herum. Sicher bin ich ein Christ. Ich bewundere die Lehren Jesu, die ich für lebenswichtig halte. Sie geben dem Leben einen Sinn. Er gab uns ein außerordentliches Beispiel. Momentan aber halte ich alle Türen und Fenster offen. Ein Agnostiker oder Atheist bin ich auf keinen Fall.

 

Weltbild-Cover Nr. 10, 1995

Weltbild-Cover Nr. 10, 1995

Stefan Teplan: Es heißt, Sie hätten sich auch näher mit der Bibel beschäftigt.

Michael York: Ich wurde erst vor kurzem gebeten, eine Tonaufnahme aus der Bibel zu lesen. Ich habe sofort zugestimmt, denn sie ist ein lebenswichtiges Buch, das ich gerne noch besser kennenlernen möchte.

Stefan Teplan: Haben Sie sich auch mit den Botschaften von Medjugorje auseinandergesetzt?

Michael York: Ja. Es ist eine Botschaft vom Frieden. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass sich das dort ereignet, mit allem, was in den letzten Jahren da passiert ist. Angesichts des Wechsels von einem System zum anderen und mit all den schrecklichen Dingen, die dies auch entfesselt hat, ist das eine Botschaft, die immer noch sehr gegenwärtig ist. Aber ich glaube, diese Botschaft ist nicht nur an Katholiken oder sonst irgendeine bestimmte Gruppe gerichtet. Sie gilt für die ganze Welt. Und wir alle haben eine spirituelle Mutter, ob wir sie als solche annehmen oder nicht.

Stefan Teplan: Sie halten es also für wahrscheinlich, dass es so etwas wie Marienerscheinungen tatsächlich geben könnte?

Michael York: Ich glaube an die Kräfte des Guten, wie immer sie sich auch manifestieren mögen. An alles, was uns unsere guten Seiten ins Bewusstsein bringt. An alles, was uns daran erinnert, wie wir den Engeln gleich sind. Hier in Amerika sind zurzeit sehr viele negative Kräfte am Werk. Wir haben eine auf Sensationen ausgerichtete Presse- und Fernsehwelt, die uns unentwegt nur vor Augenführt, wie schrecklich die Menschen sind. Auf diese Weise wird eine Art Zynismus herangezüchtet. Deshalb war es wunderbar, an einem Film mitzuarbeiten, der so eine positive Botschaft transportiert.

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung des Interviews, Magazin WELTBILD Nr. 10, 1995. Fotos: Barbara Maurer und IPI

Ausschnitt aus der Erstveröffentlichung des Interviews, Magazin WELTBILD Nr. 10, 1995. Fotos: Barbara Maurer und IPI

Stefan Teplan: Welche positiven Auswirkungen erwarten Sie von diesem Film?

Michael York: Ich würde ihn gerne so sehen wie zum Beispiel denn Film „Gandhi“. Richard Attenborough (Regisseur von Gandhi – Anm. d. Red.) hatte ja diese Idee, allen widrigen Umständen zum Trotz die Geschichte Gandhis zu verfilmen. Und man ließ ihn den Film drehen und war sich wahrscheinlich gar nicht im Klaren darüber, wie viele Leute dieser Film wirklich berühren würde. Es ist die Geschichte einer einzigartigen geistigen Kraft, die eine Botschaft nicht nur für Indien, sondern für die ganze Welt bereithielt. Es werden ja so viele schwachsinnige Filme produziert und es passiert nicht oft, dass man mit einem Film in Verbindung gebracht wird, der das Bewusstsein der Menschen verändern kann wie etwa ein bedeutender Roman.

Stefan Teplan: Wie sind Sie überhaupt zu diesem Film gekommen, der ja auf authentische Vorfällen beruht?

Michael York: Diesem Film haftete von Anfang an etwas Besonderes an. Man schien von einem höheren Schicksal dazu bestimmt, ihn zu machen. Es begann eigentlich alles hier in New York. Martin Sheen (der Darsteller des Priesters Jozo Zovko in „Gospa“ – Anm. d. Red.) und ich spielten in einem Stück am Broadway zusammen. Sheen erzählte mir, dass er bereits in Medjugorje gewesen sei. Wir kamen dann in Kontakt mit einem kroatischen Rockstar, der uns mitteilte, dass der kroatische Regisseur Jakov Sedlar einen Spielfilm über Medjugorje drehen wollte. Wir trafen uns mit Sedlar, und ich wollte nach dieser Begegnung gerne im Film mitwirken. Da ich bereits zu Filmaufnahmen im früheren Jugoslawien war, identifizierte ich mich auch mit den Menschen dort – anders als wenn ich etwas über die Mongolei oder ein Land gehört hätte, in dem ich noch nie war. Wie dann schließlich alles zusammenkam, damit dieser Film ermöglicht werden konnte, ist ein Wunder angesichts der schwierigen Bedingungen , die mit dem Projekt verbunden waren.

Stefan Teplan: Unter anderem Finanzierungsprobleme. Ihr Produzent erzählte mir, Sie hätten für eine relativ bescheidene Gage gespielt.

Michael York: Manche Jobs nimmt man nicht des Geldes wegen an, sondern aus Überzeugung. Weil man etwas Bedeutendes und künstlerisch Wertvolles machen will. Wissen Sie, wie wenig Geld für diesen Film überhaupt bereitstand?

Stefan Teplan: …4,7 Millionen Dollar.

Michael York: Genau. Das geben anderallein für die Reklame aus.

Stefan Teplan: Sie haben also sofort ohne großes Zögern zugesagt?

Michael York: Ich erkannte auf den ersten Blick, dass Vukovic (Yorks Rolle als Anwalt, der den Priester Zovko gegen das diktatorische Regime Ex-Jugoslawiens verteidigt – Anm. d. Red.) ein großer Charakter ist. Aber ich wusste noch nicht, welche Größe er als Mensch hatte, bis ich ihn persönlich traf. Einen Tag, bevor wir mit den Dreharbeiten begannen, lud er uns zum Essen ein. Seine Kinder erzählten, dass sie nie wussten, ob sie ihren Vater je wiedersehen würden, wenn er vor Gericht ging. Nachdem ich mit Vukovic gesprochen hatte, sah ich, dass ich einem echten Helden gegenüberstand. Ich sagte dann Jakov Sedlar, wir hätten zwar ein wunderbares Drehbuch, aber wir sollten den Schwerpunkt etwas anders setzen, um diesem Mann gerecht zu werden.

Stefan Teplan: Sie reisen in diesem April wieder nach Kroatien und Bosnien. Warum?

Michael York: Ich komme zu den Uraufführungen des Films nach Zagreb und nach Medjugorje. Dann fahre ich weiter nach Dubrovnik. Denn ich wurde gebeten, das Amt des Ehrenvorsitzenden für einen Dubrovnik-Fonds zu übernehmen, den die Filmgesellschaft gegründet hat. Ich habe dieses Amt mit Freuden Angenommen: Ein Teil der Erlöse des Films fließt in diesen Fonds. Mit diesem Geld werden wir die Bibliothek des Franziskanerklosters in Dubrovnik wiederaufbauen. Und wir drehen in dieser Stadt einen Dokumentarfilm zugunsten des Fonds. Das wird ein Film, der nichts mit Politik zu tun hat. Er handelt von einer Stadt, die eigentlich der Welt gehört. Eines unserer Hauptanliegen aber ist, den Leuten dort zu helfen. Denn 80 Prozent von ihnen haben nur vom Tourismus gelebt. Darum müssen wir wieder Menschen dort hinbringen.

Stefan Teplan: Könnte der Film „Gospa“ auf die politischen Umstände in Ex-Jugoslawien irgendeinen Einfluss haben?

Michael York: Warum wollte er das nicht? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Kunstwerk positive Kräfte in Gang setzt.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD, Nr. 10, 1995

Paul Anka und die Gretchenfrage

Als Show-Star kennen ihn Millionen. Als Christ nur wenige. Paul Anka „outete“ sich in einem Gespräch mit WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan während Filmaufnahmen in Österreich. Dieses Gespräch  wurde erklärtermaßen zum Lieblings-Interview des Welt-Stars. Es war ihm unverkennbar ein Anliegen, über seine innersten Überzeugungen zu sprechen; nur hatte ihm noch keiner die richtigen Fragen gestellt. „Noch kein Journalist hat ein so gutes  Interview mit mir geführt“, bekannte er denn auch nach dem Treffen – das er vor Begeisterung zum Ärger einer ganzen Film-Crew maßlos zeitlich überzog.

Paul Anka mit Stefan Teplan

Paul Anka mit Stefan Teplan. Handschriftliche spontane Anka-Widmung: „To Teplan. It was a great talk. Thank you till next time. Paul Anka“

(Ausriss aus WELTBILD Nr. 10/1996. Das Foto machte S.e.t.)


„Ort des Geschehens: Schloss Prielau bei Zell am See. Domizil des amerikanischen Weltstars und Multimillionärs Paul Anka während zweitägiger Dreharbeiten für eine TV-Show. Fünf Minuten waren für das Interview unseres Kollegen Teplan eingeplant, kurze Fragen, die knappe Antworten hinterlassen. Zweimal kam der Regisseur ins Zimmer, um den Star auf Drehplan und Kamerateam aufmerksam zu machen. Doch das störte den Meister nicht. So wurden aus den fünf Minuten 40; und danach bedankte sich nicht nur Teplan, sondern auch der Interviewte ausdrücklich für das „wundervolle“ Gespräch.“

(WELTBILD-Chefredakteur Peter Goldmann in der Haus-Mitteilung „Aus der Redaktion“, Magazin WELTBILD, Nr. 10/ 1996 (s. folgenden Foto-Ausriss; das Foto machte S.e.t.

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Stefan Teplan: Unter den Superstars sind Sie fast ein Unikum: Man hat nie etwas von Skandalen, Affären, Drogen oder Allüren bei Ihnen gehört. Was für eine Lebensphilosophie haben Sie?

Paul Anka: Diese Welt ist nicht perfekt. Und man muss sich entscheiden, was man will. Ich habe mich dafür entschieden, dass ich die Menschen, die mir in meinem Leben wichtig sind, behalten will. Ich habe sehr jung im Show-Geschäft angefangen. Ich war 16. Und ich habe ein starkes Verantwortungsgefühl. Wenn ich eine Verpflichtung eingehe, dann halte ich sie auch ein. Das habe ich gelernt. Ich habe viele Werte zu schätzen gelernt in den Jahren, in denen ich in diesem Geschäft bin – als ich begann, steckte der Rock’n’Roll ja noch in seinen Kinderschuhen. Diese Werte geb ich nicht auf. Darin bin ich konsequent.

Stefan Teplan: Von welchen Werten sprechen Sie?

Paul Anka: Es kommt darauf an, richtig zu leben. Das ist in diesem Geschäft sehr schwer. Aber mir war es über alles wichtig, eine Familie zu haben, ihr immer nahe zu sein. Ohne sie wäre vieles von dem, was ich mit meinen Talenten erreicht habe, bedeutungslos. Dafür will ich immer dankbar sein. Denn als ich in Show-Business angefangen habe, hatte ich nichts außer einem Zugticket nach New York und 100 Dollar in der Tasche. Doch ich habe mich vor langer Zeit entschlossen, hart zu arbeiten und erfolgreich in dieser Branche zu sein.

Stefan Teplan: Andere Erfolgreiche heben oft ab und haben selten gut funktionierende Beziehungen. Aber Sie wirken so völlig normal und einfach.

Paul Anka: Ich weiß, es gibt sehr wenige, die so leben. Ob das jetzt Leute im Show-Business oder Banker oder was immer sind. Aber ich kann nur wiederholen: Die Familie hat für mich den höchsten Wert. Absolut.

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Ausschnitt aus Paul-Anka-Interview in WELTBILD Nr. 10 / 1996

Stefan Teplan: Da wir von Werten sprechen: Sind Sie eigentlich religiös?

Paul Anka: Ja; ich glaube an Gott. Und je älter ich werde, umso mehr befasse ich mich damit, will mehr hinter die Dinge sehen, warum ich hier bin und was es außer dieser Welt noch gibt.

Stefan Teplan: Welcher Religion hängen Sie an?

Paul Anka: Ich bin gläubiger Christ. Meine Frau ist römisch-katholisch und wir erziehen unsere Kinder auch römisch-katholisch. Ich habe fünf Töchter. Eine lebt hier in Europa. Sie hat einen Deutsch-Schweizer geheiratet.

Stefan Teplan: Dann hat also der katholische Glaube einen großen Einfluss auf Ihr leben, besonders auf Ihr Familienleben?

Paul Anka: Man muss etwas haben, an das man glauben, worauf man vertrauen kann. Und man muss etwas haben, was seinem Leben ein Gerüst verleiht, das einen Moral und andere Dinge lehrt. Und das tut die Religion. Das kann für den einen hilfreicher und wichtiger sein als für den anderen. Aber ich denke, Religion und Familie gehören zu den wenigen Dingen, die wir haben, wenn wir in den Wirrnissen des Lebens einen Halt haben wollen.

Stefan Teplan: Dann ist es sicher auf Ihre religiöse Haltung zurück zu führen, dass Sie mit Ihrem Nummer-1-Hit „You’re Having A Baby“ gegen Abtreibung Stellung bezogen?

Paul Anka: „You’re Having A Baby” war ein sehr persönliches Lied. Und in diesem Lied überlasse ich der Frau die Wahl. Was Abtreibung betrifft, so glaube ich, dass man die Menschen mehr erziehen muss. Dazu erziehen, ihre Verantwortung überhaupt zu sehen und zu begreifen, was es heißt, ein Kind zur Welt zu bringen.

Stefan Teplan: Empfinden Sie als Idol eine besondere Verantwortung?

Paul Anka: Ich denke schon, dass ich da eine besondere Verantwortung habe. Sänger, Fernseh-, Kinostars erreichen schließlich sehr viele Menschen. Ich mag zwar keine Beschränkungen, ich will meine Meinung frei sagen können. Aber irgendwie müssen wir im Show-Geschäft auch Verantwortung empfinden, weil wir einen großen Einfluss haben. Und ich glaube, wenn man Talente bekommen hat, muss man sich Gedanken machen, was man damit bewirkt. Man kann ja sehr viel Gutes damit erreichen. Und man lebt nun einmal in einer besonderen Stellung. Dessen muss man sich bewusst sein. Wenn man das aus dem Auge verleirt, wie das viele Künstler tun, zerstört man sich selbst. Viele, die Sie und ich heute kennen, haben Probleme bekommen, die letztlich auch ihre Karriere kaputt gemacht haben.

Stefan Teplan: Sie gelten als einer der reichsten Show-Stars überhaupt. Wie gehen Sie als Christ mit Geld um?

Paul Anka: Ich habe andere Begriffe von Reichtum. Mein Reichtum sind die Leute in meinem Leben. Zum Geld: Ich bin sicher, dass jeder im Show-Business sehr viel verdient. Aber das liegt in der Natur dieser Branche. Man wird damit eben sehr leicht reich. Wenn man das ist, muss man damit aber auch richtig leben können. Was mir Probleme bereitet, ist die Tatsache, dass wirklich sehr viele überbezahlt sind und nicht damit umgehen können, dass sie keinen Respekt mehr vor ihren Machern und Managern haben. Ich habe gesehen, wie schlecht sie ihre Fans behandeln. Ich glaube, sie kriegen einfsach zu viel Geld. Aber manche von ihnen haben ja auch kein Problem mit dem Erfolg.

Stefan Teplan: Spenden Sie auch für wohltätige Zwecke?

Paul Anka: Ich tue das seit vielen Jahren. Ich tue viele Dinge, von denen Sie nie lesen. Ich unterstütze Einzelpersonen, Organisationen, ich spende viel. Das gehört für mich dazu, wenn man viel Geld verdient. Ich finde, man muss auch zurückzahlen. Und das habe ich immer getan.

Stefan Teplan: Wie sieht eigentlich Ihr ganz normales Alltagsleben aus?

Paul Anka: Es ist ein anderes Leben als das vieler Menschen – von außen betrachtet. Von innen betrachtet ist es aber nichts anders als das Ihre – was die Hingabe an den Beruf betrifft. Ich mache das schon so lange, dass es mir zur zweiten Natur geworden ist. Ich habe einen sehr vollen Terminkalender. Ich toure mit meinem Team rund 35 Wochen im Jahr rund um die Welt. Ich trete in las Vegas auf, gebe Konzerte in Casinos, in anderen US-Städten, in Asien, in Südamerika. Die letzten Monate hatte ich sehr viel Arbeit mit einem amerikanisch-spanischen Album, in dem ich viele verschiedene Leute zusammengebracht habe, unter anderem die BeeGees, Julio Iglesias und Tom Jones. Es war eine Riesenarbeit, meine Songs für diese Leute zu bearbeiten. Außerdem habe ich gerade einen Film mit Richard Dreyfuss gemacht, der im Herbst in die Kinos kommt. Ich glaube, dass viele Leute gar nicht ahnen, wie viel Arbeit in unserem Geschäft geleistet werden muss und dass nicht alles nur Glamour ist. Die meisten würden wahrscheinlich Todesängste ausstehen, wenn sie selbst einmal auf einer großen Bühne stehen müssten. Wer das aber kann, sollte sein Talent auch dazu nutzen, den Menschen etwas Gutes zu vermitteln. Ein Star zu sein hat für mich auch immer eins bedeutet: mich als Mensch zu präsentieren. So dass die Leute fühlen: An dir ist etwas Echtes dran.

Stefan Teplan: Vielleicht erklärt das ihren Erfolg, sich über vier Jahrzehnte hindurch an der Spitze zu halten.

Paul Anka: Ja, ich denke, es ist wichtig, mit sich selbst ehrlich zu sein. Denn wenn man das nicht ist, wird einem auch sonst niemand glauben. De Leute erkennen sehr wohl, wer echt und professionell ist und wer nicht. Sie wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Der Wichtigste für den Künstler ist immer der, der ihn im Radio hört, seine Platten kauft, über ihn in der Zeitung liest, der ihn letztlich bezahlt. Ich habe jetzt 39 Jahre lang große Erfolge gehabt und mische immer noch ganz gut mit. Ich empfinde es als große Ehre, dass ich das so lange tun darf. Denn viele, mit denen ich zusammen groß wurde, Elvis Presley und die ganzen Rock’n’Roll-Stars leben nicht mehr oder sind weg vom Fenster, haben sich teilweise selbst zerstört. Aber man hat eine Verantwortung für sein Leben.

Copyright: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1996