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Barbara Wussow: „Jetzt habe ich meine Traumrolle“

Aufmacher des Wussow-Fortell-Interviews, Ausschnitt aus WELTBILD Nr. 20, 1997

Barbara Wussow wird Mutter. WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan besuchte sie und ihren Mann, den Schauspieler Albert Fortell, in Wien und sprach mit ihnen über die Schwangerschaft, über Kirche und Papst, über Moral und Beziehungen.

 (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr: 20/1997)

 

Stefan Teplan: Sie sagten einmal: Meine Traumrolle ist, Mutter zu sein. Jetzt erwarten Sie ein Kind. Wie fühlen Sie sich bei den Vorbereitungen auf die Traumrolle?

Barbara Wussow: Ich fühle mich wunderbar und bereite mich so gründlich darauf vor, wie ich mich immer auf meine Rollen vorbereite. Und auf diese Traumrolle ganz besonders.

Stefan Teplan: Nur dass Sie mit dieser Rolle nicht im Rampenlicht stehen wollen.

Barbara Wussow: Ich bitte darum, es zu respektieren, dass ich mich in den nächsten Wochen etwas mehr von den Medien und der Presse distanzieren möchte. Ich will mich zurückziehen, was nicht böse gemeint ist, sondern ich tue das, um diese Ruhe, die ich jetzt brauche, und das Auf-mich-selbst-Besinnen in dieser besonderen Zeit mehr genießen zu können. Und ich möchte meine Schwangerschaft nicht zer- und bereden.

Stefan Teplan: Haben Sie jetzt auch Ihre Lebenspläne als Schauspielerin geändert?

Barbara Wussow: Nein, das nicht. Ich will in der ersten zeit etwas zurückstecken und gar nichts machen. Wie ich mich nachher fühle, werde ich sehen,. Ich weiß von so vielen Kolleginnen, die in dieser Situation sehr wohl gearbeitet haben. Meine Mutter stand bis zum siebten Monat auf der Bühne.

Stefan Teplan: Sie empfinden das Kind nicht als Karrierebremse? Es gibt ja Frauen, die behaupten, ein Kind stünde ihrer Selbstverwirklichung im Wege.

Albert Fortell: Es ist wirklich unglaublich, was man da mitbekommt. Ich weiß von einem Fall, dass eine Frau abgetrieben hat, nur weil sie in Urlaub gehen wollte.

Barbara Wussow: In der heutigen Zeit kann ein mündiger erwachsener Mensch, wenn er so reif ist, dass er mit einem Partner ins Bett geht, auch so verantwortungsbewusst sein, dass er weiß, was daraus entstehen kann. Das hat er verantwortungsvoll zu respektieren. 

Interview mit Wussow und Fortell, Ausschnitt aus Weltbild 20, 1997

Stefan Teplan: Sie sind beide populär, vertreten aber unpopuläre Ansichten. Ihr Eintreten gegen Abtreibung und Ihre Papsttreue lassen Sie in den Augen mancher als altmodisch erscheinen.

Albert Fortell: Ich glaube allerdings gar nicht, dass wir unpopuläre Ansichten vertreten, sondern nur Ansichten, die eine laute Minderheit nicht mag.

Stefan Teplan: Dann wird das Bild von den Medien verzerrt?

Barbara Wussow: Ich glaube ja. Es ist nur eine laute Minorität, die in den Zeitungen und in den Talkshows zu Wort kommt und die wir alle hören. Wir hören aber nicht die vielen Millionen Menschen, die mit dem Papst und der Kirche einverstanden sind. 99 Prozent der Post, die wir bekommen, bestärkt uns in unserer Haltung. Was die Abtreibung betrifft, so bin ich völlig einer Meinung mit unserer sehr verehrten und geliebten Mutter Teresa: Abtreibung ist Mord. Wenn es möglich ist, dass eine Mutter ihr Kind umbringen lässt, steuert die Menschheit einem Abgrund entgegen. Und ich stehe zu meinem Satz: Mein bauch gehört mir, aber nicht der Inhalt. In dem Moment, in dem neues Leben in mir entsteht, ist es für mich undenkbar zu sagen, in den ersten Wochen oder drei Monaten ist es noch nichts. Was ist es dann? Das ist von der ersten Sekunde an, in der es entsteht, ein eigenständiges Leben, dem ich die Chance nicht verwehren darf, auf die Welt zu kommen.

Stefan Teplan: Gerade solche Sätze und Ihr Bekenntnis, Sie seien mit dem Papst in allem einig, machen Sie in bestimmten Kreisen unbeliebt, weil sie gegen den Zeitgeist gerichtet sind.

Barbara Wussow: Aber war Mutter Teresa unbeliebt? Und sie war mit dem Papst in allem einig. Wer hätte es gewagt, sie anzugreifen? Wenn man sie angegriffen hat, waren das Irre, die ihr zu wenig politische Haltung vorgeworfen haben.

Barbara Fortell: Das ist ja jetzt auch vereinzelt passiert. Weil man gar nichts mehr findet, hat man gesagt, sie hat nicht dazu beigetragen, die indische Gesellschaft zu verändern. Und da hat sie völlig richtig gesagt: Das haben auch die indischen Politiker nicht geschafft, und in der Zeit habe ich aber Hunderttausenden von Menschen das Leben gerettet.

Stefan Teplan: Erkennen Sie denn die Autorität des Papstes wirklich in allen Fragen an?

Barbara Wussow: ich finde, dass der Papst Richtlinien vorgeben und die moralische Höchstlatte in bestimmten Fragen ansetzen muss: zum Beispiel vor der Ehe keinen Verkehr zu haben, die Pille nicht zu nehmen, keine Kondome zu nehmen. Obwohl letzteres ein Punkt ist, gegen den ich mich in Zeiten von Aids sträube. Ich würde absolut Kondome empfehlen, bevor Menschen sterben. Ich kann mir vorstellen, dass die Kirche ihren Standpunkt dazu ändern wird – auch wenn es nicht im Sinne unserer Religion ist, weil es auch Leben verhindert.

Stefan Teplan: Sie können diese moralischen Richtlinien aber nicht aus der Bibel ableiten. Die sind von der Kirche gemacht.

Albert Fortell: Ich kann ableiten, dass die Kirche aus der Bibel ableitbar ist. Man sollte eines nicht vergessen: Die Kirche und besonders unser Papst machen es sich nicht so einfach. Es ist sicher schwieriger, seine Position zu halten als sich dem Zeitgeist anzupassen. Er könnte es sich leichter machen.

Barbara Wussow: Es gab Päpste, die haben es sich angenehmer gemacht im Leben und sind weniger angeeckt. Dieser Papst hat vieles erlebt, körperlich und seelisch, und musste durch viele Mühen gehen. Nicht umsonst ist er derart gebeugt unter der Last, die er getragen hat.

Stefan Teplan: Frau Wussow, haben Sie eigentlich wegen ihrer religiösen Einstellung schon einmal eine Rolle abgelehnt?

Barbara Wussow: Ich würde keine Rolle spielen, die gegen meinen Glauben gehen würde. Aber so ein Angebot hat es noch nicht gegeben. Ich habe mich auch schon für den Film ausgezogen. Wenn es dramaturgisch richtig ist und diese Szene nicht anders machbar und keine Effekthascherei ist, gehört das dazu. Der Körper ist auch nur ein Kostüm.

Stefan Teplan:  Ihre Rolle in der aktuellen ZDF-Serie „Singles“ entspricht nicht gerade Ihrem Image.

Barbara Wussow: Image ist so eine subjektive Geschichte. Das kriegt man von der letzten Rolle weg verpasst. Ich hatte ein zeitlang ein liebes, braves Mäderl-Image. Da bin ich nun wirklich schon etwas darüber hinweg.

Stefan Teplan:  Sie sagten ja schon vor Jahren, jede seelische Falte würde Ihrem Schauspiel mehr Tiefe verleihen.

Barbara Wussow: Ich bin froh über jedes Jahr, das ich älter werde. Ich war selig, als ich 30 wurde. Ich will ja nicht eine seelische Maske, eine schöne Larve bleiben. Ich möchte Knitter und Narben und Falten haben, denn von ihnen  profitiert mein beruf, aber auch mein Leben und mein Charakter und mein Weiterkommen als Mensch. Man braucht Probleme, um wachsen zu können.

Stefan Teplan:  Wieder unpopuläre Ansichten. Heute soll alles schön und glatt sein. Wer aus dem Jugendalter herauskommt, dem wird eine Krise unterstellt.

Barbara Wussow: Alles Quatsch. Ich war diesbezüglich noch nie in einer Krise.

Stefan Teplan: Sie sind auch noch nicht alt genug.

Barbara Wussow: Aber Kolleginnen von mir hatten mit 30 eine Krise. Ich sagte nur: Seid ihr wahnsinnig? Ich kriege sie vielleicht, aber auch nicht sicher mit 90. Das ist auch ein Zeichen unserer leichtlebigen und schnelllebigen Zeit, dass man nicht altern darf, in einer Gesellschaft, die nicht zugibt, dass ein Mann ein reifer Mann werden darf und eine Frau eine weise reife Frau. Nein, sie muss jugendlich sein und Miniröcke anhaben. Wenn sie es machen möchte, dann soll sie es machen. Wenn nicht, dann soll man sie bitte doch lassen und sie nicht scheel anschauen, dass sie 60, 70, 80 wird, Falten kriegt und sich nicht mehr anzieht wie ein Girlie.

Stefan Teplan: Die Kurzlebigkeit unserer Zeit spiegelt sich auch in den Beziehungen. Warum zerbrechen heute so viele Partnerschaften und Ehen?

Barbara Wussow: Wir sind zu einer Wegwerfgesellschaft geworden. Auch in Bezug auf den Menschen, auf Beziehungen, auf Gefühle. Wenn es zu schwierig und zu problematisch wird, steht man nichts mehr durch. Man hat auch nicht einmal mehr den Anstand, wenigstens den Schein zu wahren und einen Partner in einer Beziehung zu schützen. Es hat zu Zeiten meiner Groß- und Urgroßeltern ebenfalls Seitensprünge und Nebeneinanderbeziehungen gegeben. Nur hat man es dezenter, diskreter und feiner abgehandelt. Heute ist man ja stolz darauf, wenn man das macht.

© Stefan Teplan 1997

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Carmen Rohrbach – Eine Frau für jedes Abenteuer

Carmen Rohrbach kennt die  halbe Welt. Doch sie ist nie als Touristin unterwegs. Viele Länder durchquert sie zu Fuß und ganz allein. Und immer ist sie auf der Suche nach Herausforderungen. Stefan Teplan, selbst begeisterter Abenteurer und Trekking-Reisender, besuchte die Globetrotterin bei einem ihrer raren Aufenthalte in ihrer Wohnung im bayerischen Hofstetten – dort wo sie ausnahmsweise mal nicht unter freiem Himmel nächtigt.

(Erstveröffentlichung: Magazin WELTBILD Nr. 15/2000)

Mit 15 Jahren büxte sie eines Abends aus. Als Carmen Rohrbach erst zum Frühstück wieder zu Hause auftauchte, hatten ihre Eltern bereits wildeste Spekulationen angestellt, wo das pubertäre Gör wohl die Nacht verbracht haben könnte. Die Beichte des Mädchens trug auch nicht gerade zur Beruhigung der Eltern bei, eher fühlten sie sich auf den Arm genommen. „Ich habe“, bekannte Carmen, „allein im Wald geschlafen.“

So unglaubwürdig es für Mutter und Vater Rohrbach auch klingen musste – die 15-Jährige hatte tatsächlich keine heiße Nacht mit einem ersten Liebhaber verbracht, sondern allein im Dickicht einem kalten Morgen entgegengefröstelt, an dem der Tag feucht durch die Kleidung drang. Carmen selbst freilich fand das ganz heiß.

Abgekühlt hat sie sich immer noch nicht. 35 Jahre sind seit ihrem ersten Abenteuer vergangen, doch mit 50 wie mit 15 zieht Carmen ein Bett im Kornfeld, im Wüstensand oder auf Felsgestein jeder Luxusliege vor und ist in der Natur lieber mutterseelenallein als „selbst mit dem nettesten sympathischsten Menschen“ zusammen. Bis heute hat sie mehr freie Nächte unter freiem Himmel verbracht als in den vier Wänden einer Wohnung oder eines Hotels.

Der erste nächtliche Ausflug zu Jugendzeiten war der Auftakt zu einem Leben, bei dem ungewöhnliche Abenteuer die Regel und gewöhnlicher Alltag die Ausnahme sind. Zu Fuß und, in den meisten Fällen, allein durchquerte Carmen Rohrbach mittlerweile die halbe Welt. Von den Anden bis Zimbabwe, von den Philippinen bis Feuerland, von den Tiefen des Atlantik bis zu den Gipfeln des Himalaya und des Kilimandscharo – wo immer das Abenteuer lockt, ist Carmen Rohrbach nicht mehr zu halten.

Zu halten war sie noch nie, obwohl (oder weil?) sie in einem Staat aufwuchs, der genau dies versuchte und die denkbar ungünstigsten Bedingungen für ihren Freiheitsdrang bot: in der ehemaligen DDR. „Ich musste da raus. Denn seit meinem elften Lebensjahr war ich wie elektrisiert. Damals war dieser Film im Kino unserer Kleinstadt gelaufen; schwarze Reptilien, weißgischtige Brandungswellen, eine bizarre Lavaküste, rot glühende Vulkane: Galapagos. Mir war, als würde ich dorthin gerufen. Auf so etwas wie die Wiedervereinigung konnte ich nicht warten“, erzählt sie mir in ihrer Wohnung im bayerischen Hofstetten bei Landsberg, dem Ruhepunkt zwischen den 1000 Welten, in denen sie sich bewegt. „Nachdem alle Versuche, auf normalem Weg von der DDR aus exotische Länder und Völker kennen zu lernen, scheiterten, gab es für mich nur mehr eine Lösung: die Flucht.“

Ausriss aus dem Original-Artikel im Magazin WELTBILD, Nr. 15/2000.

Vorher hatte sie durchaus nach anderen Möglichkeiten gesucht. Carmen Rohrbach studierte Biologie und hoffte, im „sozialistischen Bruderland“ Kuba einen Forschungsauftrag zu bekommen. Als es weder damit klappte noch später mit einem Projekt-Auftrag für die Mongolei, für den sie sich ebenso beworben hatte, machte die inzwischen 25-Jährige, was sie schon mit 15 gemacht hatte: Sie büxte aus.

Diesmal nicht nur für eine Nacht. 36 Stunden schwamm sie sich in der Ostsee von Rostock aus in Richtung Schweden frei. Eine sportliche Rekordleistung. Die Hoheitsgewässer der DDR hatte sie bereits verlassen, als sie, am Ende ihrer Kräfte, von einem Schiff aufgelesen wurde. Unglücklicherweise war es ein ostdeutsches. Die Frau, die alle Grenzen der Erde überschreiten wollte, scheiterte an der ersten, der eigenen Landesgrenze: Carmen Rohrbach kam in der DDR ins Gefängnis. Zwei Jahre später durfte sie dann doch die Grenzen übertreten, diesmal ganz legal: Sie wurde von der Bundesrepublik freigekauft. Ihre erste Anlaufstation in der freien Welt war das bayerische Seewiesen. Noch nicht gerade die Galapagos-Inseln. Aber immerhin das Tor dazu. „In Seewiesen sitzt das Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung. Dort durfte ich zunächst meine Studien fortsetzen – und dann meinen Lebenstraum wahrmachen: Ich konnte für ein Jahr Forschungen auf Galapagos anstellen, der Inselwelt, für die mein Herz entbrannt war, seit ich als Elfjährige diesen Film darüber gesehen hatte. Mehrere Monate lang lebte ich wie Robinson Crusoe ganz allein auf einer Insel, zeitweise wurden mir Assistenten für die Beobachtung der Meerechsen zugeteilt. Einsam gefühlt habe ich mich dabei nie. In der Natur fühle ich mich nie allein. Eigentlich stört mich dort jeder andere Mensch.“

Das hat nichts mit Menschenhass zu tun. Carmen Rohrbach möchte vielmehr Natur  ganz pur erleben, staunen über unberührte Landschaften, Tier- und Pflanzenwelten. „Schon der Kommentar eines Mitreisenden, selbst wenn er durchaus qualifiziert ist, würde mich da stören. Nur wenn ich alleine bin, kann ich in die Natur richtig eintauchen, mich ihr ausgesetzt fühlen.“ Außerdem, so die Abenteuerin, sei ihre Art zu reisen so schnell niemandem zuzumuten. Wer könne schon über Monate in abgelegenster Wildnis das Zusammensein mit einer Frau ertragen, die Gefahren und Mühsalen nicht aus dem Weg geht,  sondern sie geradezu sucht? Carmen Rohrbach ist dafür allerdings auch bestens „ausgerüstet“: Sie kann tauchen, jagen, bergsteigen, felsklettern und hat Überlebenstrainings gemacht. „Beschwerlichkeit und Ungewissheit“, gibt sie zu, „genieße ich regelrecht. Alles, was andere bei einer Reise negativ empfinden, verschafft mir Wohlbehagen. Auch darum kann ich niemanden mitnehmen. Dann kann es auch kein Gemeckere geben. Es fällt mir zum Beispiel nicht schwer, das Essen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, wenn die Vorräte knapp werden. Anderen schon. Allein kann ich es eben besser.“ Das weiß Carmen spätestens seit 1978. Damals nämlich zog sie allein fünf Wochen lang durch die Highlands von Schottland, bewusst sparsam ausgerüstet. Die Schottlandreise sieht sie für sich als den Durchbruch, denn danach war ihr endgültig klar: „Ich komme mit primitivster Ausrüstung, wenig Nahrungsvorräten und mit der Einsamkeit bestens zurecht.“

Dennoch besteht Carmen Rohrbachs Reisegesellschaft nicht nur aus Seelöwen – wie auf Galapagos, als die zahm gewordenen Meerestiere sich mit ihr den Platz unter der Sonnenplane teilten – oder Wesen wie Al Wasim, dem Dromedar, mit dem sie durch das zerklüftete Bergland Jemens zog. Sie interessiert sich unterwegs durchaus auch für Menschen. Naturvölkern bringt sie das gleiche Forscherinteresse entgegen wie der Flora und Fauna. Wenn die Biologin bei solchen Begegnungen zur Anthropologin wird, nimmt sie die Gewohnheiten und den Rhythmus der ursprünglich lebenden Menschen an, so wie sich dem Rhythmus und den Bedingungen der Natur fügt. Als sie auf einer Insel im Südpazifik vor Eingeborenen gewarnt wurde, die noch bis vor kurzem als Kopfjäger galten, reizte sie das erst recht. Sie suchte die „Wilden“ und lebte mit ihnen wochenlang zusammen, als würde sie seit Jahren zum Stamm gehören. „Mit den barfuß durch den Dschungel laufenden Männern ging ich auf die Jagd, mit den Frauen verrichtete ich schwere Feldarbeit.“

Nach so viel Exotik machte sie sich vor einiger Zeit auf eine Safari in ihrer Heimat: Sie wanderte entlang der Isar von der Quelle bis zur Mündung, schlief dabei selbstverständlich im Freien und lebte auch sonst wie in der Wildnis.

Kennt Carmen Rohrbach überhaupt Angst? „Angst ja, Panik nein. Aber ich habe, so unglaublich es klingt, trotz meiner vielen Reisen noch nie richtig Angst machende, negative Situationen erlebt.“ Einmal, ja, in den Anden, da war etwas. In einem Eukalyptuswald in Ecuador stürmten plötzlich zwei maskierte Männer mit langen Messern auf sie zu. Geistesgegenwärtig tut Carmen Rohrbach so, als wären Freunde von ihr nicht weit. „Alfredo, Ricardo, ayudame – helft mir!“, schreit sie laut. Einer der Männer entreißt ihr schnell die Fototasche und verschwindet mit seinem Komplizen im Wald. „Das war ärgerlich. Aber es hätte schlimmer kommen können“, meint Carmen lakonisch. Abgeschreckt hat sie dieses Erlebnis nicht. Doch was sie immer wieder antreibt, kann sie selbst nicht genau sagen: „Ich kann mich in diese Vorstellungen von anderen Leuten hier schlecht hineinversetzen, weil ich nie wie sie gelebt habe. So lange allein zu sein, der Natur ausgesetzt zu sein, mag für andere Menschen beängstigend wirken, für mich ist es normal. Ich weiß nur, dass diese abenteuerliche Veranlagung schon als Kind in mir gesteckt hat und ich mir nie ein anderes Leben hätte vorstellen können. Wenn ich nicht aus der DDR rausgekommen wäre, hätte ich das nicht überlebt. Deswegen konnte ich ruhig auch mein Leben riskieren, um die Flucht zu wagen. Ich dachte mir: Entweder stirbst du – oder du gewinnst ein neues Leben.“

Das Leben, das sie gewonnen hat, lässt vielleicht viele neidisch werden, die tagaus, tagein hinter Bürowänden ihren allenfalls 30 Urlaubstagen entgegenarbeiten. Allerdings hat auch der Lebensstil Carmen Rohrbachs einen Preis, den nicht jeder zahlen würde. „UM meine Träume leben zu können, habe ich es von Anfang an in Kauf genommen, auf das zu verzichten, was für viele Menschen oberstes Lebensziel ist: finanzielle Sicherheit und eine Familie. Dazu war und bin ich bereit und habe es noch nie auch nur eine Sekunde bereut. Unterwegs auf meinem Lebensweg möchte ich Menschen begegnen, aber ich kann niemandem folgen und will keinem erlauben, mir zu folgen. Auf meinen Reisen komme ich immer mehr auch mir selbst auf die Spur. Entdecke meine tiefe Geborgenheit im Leben, jenseits von Versicherungen und so genannten finanziellen Sicherheiten. Das ist wirkliche Freiheit.“

Ein paar Monate im Jahr muss freilich auch die Frau, die das Abenteuer in der Ferne sucht, zu Hause arbeiten. Jede neue Tour nämlich finanziert sie mit der vorhergehenden. Dann sitzt sie in ihrem Arbeitszimmer in Hofstetten, um Reisebücher und Reportagen zu schreiben. Außerdem präsentiert sie öffentlich ihre Dias und Filme und hält Vorträge, zuletzt über ihre Jemen-Reise, bei der sie auf Karawanenwegen das Reich der Königin von Saba durchquerte. Wenn Carmen zu Hause wohnt und arbeitet, wird ihr bewusst, dass sie sich „als Grenzgängerin in beiden Welten“ eigentlich ganz wohl fühlt. „Ich mag den Kontrast, genieße die vielen Vorteile wie etwa den Luxus, plötzlich warmes Wasser zu haben, aus Büchern und Zeitschriften unheimlich viele Informationen zu bekommen, beim Kochen nicht erst umständlich Holz zu sammeln und ein Feuer entzünden zu müssen.“

Länger als ein paar Monate hält die Freude an solchem Luxus allerdings nie an: „Trotz allem nicht. Mir fällt es einfach leichter wegzufahren als wieder anzukommen.“

© Stefan Teplan

Simone Thomalla alias Kinderärztin Leah

Stefan Teplan sprach mit der Schauspielerin Simone Thomalla über ihre neue Rolle als TV-Ärztin Leah in der ARD-Reihe „Ärzte“

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 23/1997)

Stefan Teplan: Sie spielen jetzt als TV-Ärztin in einem Genre, das gewöhnlich von Klischees trieft.

Simone Thomalla: Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich auch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: Oh nein, bloß keine Arzt-Reihe. Aber dann erinnerte ich mich bei dieser ARD-„Ärzte“-Serie an eine Reihe von Filmen zum Beispiel mit Senta Berger und Friedrich von Thun , die auf sehr hohem Niveau stehen. Daraufhin ließ ich mir doch mal das Drehbuch zuschicken. Und mich hat bei dem Stoff überzeugt, dass eben keine Klischees darin vorkommen und die Ärzte nicht als Götter in Weiß dargestellt werden wie in so vielen schlechten Filmen. Dann wusste ich, dass ein sehr guter Regisseur drehen wird und dass der Südwestfunk seine Projekte sehr sorgfältig betreut. Daher habe ich schließlich zugesagt.

Stefan Teplan: Was macht Arzt-Serien trotz oder wegen der Klischees so populär?

Simone Thomalla: Mit Krankheit und Krankenhaus wurde wohl jeder Mensch schon konfrontiert. Und es tauchen darin auch immer wieder Probleme auf, sie die Menschen bewegen und die zu ihrem Alltag gehören. Arzt-Serien sind sicher deswegen so beliebt, weil die Zuschauer die Ereignisse aus eigener Erfahrung nachvollziehen können, Situationen etwa wie Angst um jemanden anderen zu haben. Bei einem Krimi ist das nicht so, da schaut man halt einfach nur, was passiert.

Stefan Teplan: Was ist an Ihrer Rolle anders als an den Kitschrollen?

Simone Thomalla: Wir haben während der ganzen Dreharbeiten immer einen erfahrenen Arzt als Berater an unserer Seite gehabt. Es wurde wirklich nicht ein Handgriff getan, den dieser Arzt nicht gutgeheißen hätte. Es ist also schon einmal sichergestellt, dass im Film alles korrekt und realistisch dargestellt ist.

Stefan Teplan: Als TV-Ärztin Leah haben Sie mit Sterbehilfe und dem Sektenmilieu zu tun. Wie haben Sie selbst sich mit dieser Problematik auseinandergesetzt?

Simone Thomalla: Was Sterbehilfe betrifft, muss man sicher von Fall zu Fall abwägen. Aber wenn jemand wirklich nur noch an Maschinen hängt und nichts Lebenswürdiges mehr für den Einzelnen da ist, sollte man, denke ich, schon helfen. Zu den Sekten: Solange es noch so einen Schwachsinn gibt, der viele Menschen fesselt – und das sind ja nicht immer nur dumme Menschen, die diesen Sekten zum Opfer fallen -, kann und sollte man viel mehr darüber aufklären.

Stefan Teplan: Sie sagten vor Jahren einmal, Sie wollen kein „Serien-Hasi“ – nur eine Frau als Begleiterin von Männern – werden. Haben Sie jetzt die Rollen, von denen Sie träumten?

Simone Thomalla: Das mit dem Serien-Hasi ist mir gelungen. Das hat sicher auch mit dem Alter zu tun. Vor ein paar Jahren war ich halt nur das Salatblatt, sozusagen als Garnierung. Wünsche nach guten Drehbüchern habe ich natürlich offen. Ich würde gerne etwas spielen, was nicht meinem Naturell entspricht. Vielleicht hat jemand mal den Mut, der mich immer nur sympathisch, positiv und kraftvoll gesehen hat, mir zum Beispiel etwas Zwiespältiges oder Dekadentes anzubieten. Ich würde gerne auch einmal eine Frau spielen, die schwach ist, nicht immer nur Power an den Tag legt. Und die aus der Schwäche heraus etwas schafft.

© Stefan Teplan

Das große Leben des kleinen Mannes

Stefan Teplan porträtiert  Heinz Rühmann zu dessen 90. Geburtstag

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 6, 1992)

Lange genug hat Heinz Rühmann der Öffentlichkeit ihren Tribut gezollt, war – von seinem ersten Spielfilm 1926 bis zu seinem 102. (!) 1976 – für Millionen, für drei Generationen, ein Wegbegleiter, ein Tröster, Mahner und glänzender Unterhalter. Wenn er sich zu seinem 90. Geburtstag von den zahllosen Fans, die ihn verehren, und den Journalisten, die ihn bedrängen, noch etwas wünscht, dann, dass sie beherzigen, was der chinesische Dichter Meng Hsiä so schön schrieb: „Wenn einer alt geworden ist und das seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie niemandes Wohnung.“

Seit elf Jahren lebt Rühmann zurückgezogen in seinem Haus am Starnberger See, um dessentwillen er seine Villa im lauten München verließ, gibt kaum noch Interviews, verlässt nur gelegentlich seine Zuflucht, um in Kirchen Weihnachtsgeschichten des flämischen Dichters Felix Timmermanns oder aus dem Lukas-Evangelium zu lesen.

Ganz still, in kleinem Rahmen, beging der Star auch seine letzten Geburtstage. „Nur der 90. Wird wieder gefeiert“, kündigte er vor Jahren an. Und er hält Wort. Für seine Verehrer steht er am 7. März noch einmal dort, wohin es ihn schon lange nicht mehr zieht: im Rampenlicht. Sein Freund, Filmproduzent Prof. Gyula Trebitsch, organisiert für das DF in den Münchner Kammerspielen eine große Geburtstagsgala. Freunde und Bekannte aus dem Show-Business kommen, um einen Mann zu ehren, der zu Lebzeiten zur Filmlegende geworden ist. „Das war’s“, betitelte er seine vor zehn Jahren erschienenen Memoiren. As war’s freilich nur für den öffentlichen Rühmann. Der Privatmann genießt es seitdem, sich seinen Hobbys, dem Golf, der Jagd, der Literatur und der Musik zu widmen oder einfach sinnierend am Seerosenteich in seinem Garten zu sitzen. Sein liebstes Steckenpferd, das Fliegen, gab er erst vor wenigen Jahren auf. Noch mit 80 saß er selbst am Steuerknüppel seiner Sportmaschine.

Vor drei Jahren wagte er sich für die „Showgeschichten“ von TV-Moderator Gerhard Schmitt-Thiel wieder einmal vor eine Kamera, eröffnete das Gespräch aber gleich: „Ich stand 60 Jahre auf der Bühne, habe 50 Jahre lang Filme gemacht und zwei Bücher geschrieben – was kann ich da noch erzählen?“

Über ihn gäbe es natürlich einen ganzen Roman zu erzählen. Der große Schauspieler hätte eigentlich, wie sein Vater und Großvater, Hotelier werden sollen. Ihn aber zieht es zum Theater. Dass er Talent für die Bühne hat, zeigt sich schon zu seinen Schulzeiten. Mehr als 20 Jahre, bevor er in er „Feuerzangenbowle“ (1944) Lehrer veräppelt, gibt er als junger Pennäler eine Kostprobe seines Könnens und imitiert vor johlenden Klassenkameraden täuschend echt einen seiner „Pauker“.

Ein Jahr vor den Abiturprüfungen verlässt er das Gymnasium, meldet sich bei Regisseur Fritz Basil als Schauspielschüler an. Für 80 Mark Tagesgage spielt er erstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ernste Rollen, klassische Rollen. 1926 steht er für seinen ersten, ebenfalls ernsten, Film vor der Kamera: „Das deutsche Mutterherz“. Dass sein Talent in der Komik liegt, erkennt er erst Jahre später. Mit „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) beginnt der kometenhafte Aufstieg des größten Komikers der deutschen Filmgeschichte.

Rühmann selbst kann es nicht hören, dass man über seine Filme nur lacht. „Komik“, sagt er, „braucht Tragik als Hintergrund.“ Seine Komik ist eine tiefsinnige, entspringt einer weisen, heiteren Überlegenheit über die Härten des Lebens, einer Schlitzohrigkeit, die man sich oft erst durch bittere Lebenserfahrung erkämpfen muss. Der melancholische Clown, der Pfiffikus, der mit Witz Schicksalschläge meistert, der kleine Mann, er allen Widrigkeiten trotzt, werden zu typischen „Rühmann-Rollen“.

Nach den „Drei von der Tankstelle“ (mit Willy Fritsch) geht es steil aufwärts. „Bomben auf Monte Carlo“ (mit Hans Albers), „13 Stühle“ (mit Hans Moser), „Quax der Bruchpilot“ und „Die Feuerzangenbowle“ (beide mit Karin Himboldt) werden zu Klassikern.

Trotz allen Erfolgs –es geht Rühmann im Leben nicht anders als in seinen Filmen. Die Sonnenseiten werden immer wieder von düsteren Ereignissen überschattet. Er heiratet die Jüdin Maria Bernheim. Bald besteht die Ehe nur mehr auf dem Papier. Die Nationalsozialisten drängen ihn zur Scheidung. Auf Rühmanns Intervention bei Göring gelingt seiner Frau die Aussiedlung nach Schweden. Rühmann heiratet wieder. Am 1. Juli 1939 tritt er mit seiner Filmpartnerin Hertha Feiler vor den Traualtar. Zwei Monate später bricht der Weltkrieg aus. Dann muss er um Hertha bangen: Die Nationalsozialisten haben herausgefunden, dass sie Vierteljüdin ist. Einflussreiche setzen sich schließlich mit Erfolg bei Goebbels für sie ein.

Angepasst hat Rühmann, trotz aller Beziehungen, während des Dritten Reichs nie gelebt; er weigerte sich hartnäckig, der NSDAP beizutreten, mit „Heil Hitler“ zu grüßen und kämpfte wie ein Löwe gegen das vom Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung verhängte Verbot der „Feuerzangenbowle“. Dass er während Hitlers Diktatur trotzdem zum großen Star wurde, hat er allein seinem schauspielerischen Genie zu verdanken – und der Tatsache, dass die Nationalsozialisten seine heiteren Filme als willkommene Ablenkung des Volkes vom Grauen ringsum betrachteten.

Nach Kriegsende kommen harte Zeiten auf Rühmann zu. Er steht zunächst nicht für Rollen zur Verfügung, sondern gründet, zusammen mit Produzent Alf Teich, eine eigene Filmfirma. Das Unternehmen geht pleite. Der große Star ist hochverschuldet. Bis heute hat er nicht vergessen, wie Leute, die ihn einst hofiert hatten, fallen ließen: „Vorbei die Zeit der Starpostkarten. Der Gerichtsvollzieher kam fast täglich. So genannte Freunde sahen über mich hinweg wie über den letzten Dreck.“ Sieben magere Jahre muss er durchstehen, bis seine Schulden getilgt sind. Er verdient sein Geld mit neuen Rollen – und feiert ein Riesen-Comeback. „Charleys Tante“, „Der Hauptmann von Köpenick“ (beide 1956), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) lassen ihn in neuem Glanz erstrahlen. Der Filmheld er 30er und 40er Jahre begeistert die Generation der 50er und 60er Jahre. Rühmann ist zeitlos, weil das, was er darstellt, zeitlos und absolut ehrlich gespielt ist. „Je älter ich wurde“, erinnert er sich, „desto lieber habe ich die Menschen am Rande unserer Gesellschaftsordnung dargestellt. Wahrscheinlich, weil ich mit deren Schicksal meine bitteren, aber auch guten Erfahrungen besser ausdrücken kann.“

Es gab noch viele bittere und viele gute Erfahrungen in Rühmanns Leben – bis heute. Tief getroffen hat ihn der Tod seiner Frau 1970 und der zeitweise Bruch mit seinem Sohn Peter, der die dritte Frau seines Vaters (1974 heiratete Heinz Rühmann die Ex-Verlegersgattin Hertha Droemer) lange nicht akzeptieren wollte. Trotz aller Schicksalsschläge und Missstimmungen – heute bekennt Heinz Rühmann: „Ich bin dem leben dankbar.“ Und zeiht, ganz de Meister der leisen Töne, Bilanz: „Ich glaube, ein Schauspielerleben ist das immerwährende Ringen um Einfachheit. Wahrscheinlich ist es das, was man unter dem Wort ,Demut‘ zu verstehen hat.“

© Stefan Teplan Media

BEKENNTNISSE – Nina Hagen mit Ernst-Faktor

Von Stefan Teplan

Nina Hagen 2010. Foto Stefan Teplan

Nina Hagen - bekennende Christin, Musikerin mit Spaß- , Autorin mit "Ernst"-Faktor. Foto Stefan Teplan

Ein Klassiker der christlichen Literatur findet einen Nachfolger unter gleichem Titel. Nach den „Bekenntnissen“ von Augustinus musste die Christenheit rund eineinhalb Jahrtausende warten, bis neue „Bekenntnisse“ den – wie bei Augustinus – langen, von zahlreichen Umwegen und Dornen gezeichneten Weg einer Seele zu Gott beschreiben: Die berühmte – wegen spektakulärer Auftritte in manchen TV-Shows ebenso berüchtigte – Sängerin Nina Hagen beschreibt ihren Weg von Ost nach West, vom DDR-Show-Sternchen zur BRD-  und US-Rock- und Punkröhre, zur Ufologin, Drogenkonsumentin, Sinnsuchenden in indischen Ashrams und anderswo zum christlichen dreifaltigen Gott, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist, in dessen Namen sie sich vor einem Jahr taufen ließ. „Unruhig ist das Herz, bis es ruhet in Gott“, schrieb Augustinus und dieser Satz könnte als Motto ebenso über Nina Hagens spirituellem Weg stehen.

Wer sich hier – wie von Nina Hagen gewohnt – Schrilles und Spektakuläres erwartet, wird, je nach Interpretation, bitter enttäuscht oder freudig überrascht. Nina Hagens „Bekenntnisse“ (Pattloch Verlag, 280 Seiten, 18.- Euro) sind ein Wort für Wort ehrliches, durch und durch authentisches, ernst zu nehmendes Buch, das jedem Christen empfohlen werden kann ebenso wie jedem, der Sinn suchend durch den Dschungel der Angebote der Religionen und esoterischen Richtungen irrt und nach der wirklichen Wahrheit sucht. Die ist eben nur in Gott zu finden und nur in dem einen und einzigen, der existiert. Nina Hagen räumt denn auch mit der polytheistischen Vielgötterei des Hinduismus auf, die sie in Indien erlebt hat.

Das Buch ist so geschrieben wie Nina Hagen spricht (da kann auch nur das von ihr selbst gesprochene Hörbuch ebenso nur wärmstens empfohlen werden), nichts anderes war zu erwarten: Nina Hagen ist immer echt und man spürt bei jedem Satz, dass sie stets hundertprozentig meint, was sie sagt.

Nina Hagen im Gespräch mit Stefan Teplan. Ausriss aus TELE-Welt Nr. 1, 1997, Verlag Weltbild

Der Autor, der zahlreiche Interviews mit Prominenten zu ihrem religiösen Weltbild und inneren Werte-System geführt hat (u.a. Cliff Richard, Paul Anka, Norman Mailer, Waris Dirie, Michael York), erinnert sich an ein Interview, das ihm auch Nina Hagen vor vierzehn Jahren zum Thema Religion und Ufos gab. Sie spielte damals eine Rolle im ARD-Krimi „Tatort“ mit dem Serientitel „Tod im All“, in dem TV-Kommissarin Ulrike Folkerts rätselt, ob ein Vermisster von Ufos entführt wurde. Damals schrieb der Autor – dem sie, ganz Missionarin, mit persönlicher Widmung ein Buch über Ufos schenkte mit der Bedingung, er müsse es „unbedingt lesen“ (was er brav tat) – für das (im Verlag WELTBILD herausgegebene) Magazin TELE-WELT:

Sie hat, erzählt sie Stefan Teplan von der TELE-WELT, „am Strand von Malibu schon selbst ein Ufo gesehen.“ Und weiß, dass es „gute und böse Außerirdische“ gibt. Da kann sie „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts bei der Täterjagd im All gleich zur Seite stehen. Nina Hagens Ufo, weiß sie, „war sicher kein böses, denn ich war unbeschreiblich glücklich bei der ganzen Sache.“ So einfach ist das zu unterscheiden. Die schrille Nina hat aber auch keine Angst vor den bösen: „Denn ich bin gläubige Christin, Buddhistin und Jüdin.“ Wie das alles zusammenpasst? „Gott ist überinternational.“ Und will, dass wir den Krieg unter uns abschaffen und uns auf die intergalaktische Reise vorbereiten.“ Alles klar, Frau Kommissar?  (Auszug aus Artikel des Magazins TELE-WELT Nr. 1, 1997).

Alles klar ist aber erst jetzt. Von den anderen Religionen distanziert sich Nina Hagen in ihren „Bekenntnissen“ und erkennt allein in Jesus Christus das allein seligmachende Heil. Eben: „Unruhig ist das Herz bis es ruhet in Gott.“

© Stefan Teplan Media

Christopher Reeve – Immer noch ich

Stefan Teplan über Christopher Reeves zweites Leben nach dessen tragischem Unfall

(Erstveröffentlichung als Titelstory des Magazins WELTBILD Nr. 2/1999)

Weltbild-Titel Nr. 2, 1999. Ausriss

Superman war er nicht nur im Film. Stand er nicht vor Kameras, so flog er als Held der Lüfte in alten Doppeldeckern aus dem Ersten Weltkrieg, unternahm Soloflüge über den Atlantik und Nordamerika, konnte drachenfliegen, segeln, sportreiten, tauchen – seiner Abenteuerlust und seinem sportlichen Ehrgeiz schienen keine Grenzen gesetzt. Und als hätte er geahnt, was ihm bevorsteht, schärfte er seiner Mutter Barbara ein: „Wenn ich einmal nicht mehr reiten, schwimmen oder segeln kann, dann ist das Leben für mich nicht mehr lebenswert. Wenn mir je so etwas passiert, dann lass mich abschalten und nicht an Schläuchen hängen.“

Am 27. Mai 1995 war es soweit. Superman Christopher Reeve brach sich das Genick. Bei einem Reitturnier in Culpeper im US-Staat Virginia stürzte er kopfüber von seinem Hengst Buck. Drei Minuten konnte er nicht mehr atmen. Nach vier Minuten wären ernsthafte Hirnschäden eingetreten. Doch von Glück im Unglück zu sprechen, wäre hier makaber, als zu schwer erwiesen sich die Verletzungen, die Reeve bei seinem Unfall erlitt.

Der erste und zweite Halswirbel waren gebrochen. Das hieß: Vom Hals an würde der Schauspieler lebenslang gelähmt bleiben, wahrscheinlich auch nie mehr ohne künstliche Geräte atmen können. Nie mehr reiten, nie mehr schwimmen oder segeln. Für Barbara Reeve war der Fall damit klar. Sie stürmte in das Krankenhaus und forderte, ihren Sohn augenblicklich von den ihn am Leben erhaltenden Schläuchen abzutrennen. Natürlich hörte niemand auf sie. Nach drei Tagen erwachte Reeve aus dem Koma – und wollte Selbstmord begehen. „Vielleicht“, sagte er zu seiner Frau Dana, „wäre es besser, mich gehen zu lassen?“ Unter Dänen brachte Dana hervor: „Ich werde dir zur Seite stehen, egal, was du tun willst, weil es dein Leben und deine Entscheidung ist. Aber  ich möchte, dass du weißt, dass ich bereit bin, den ganzen langen Weg mit dir zu gehen, komme, was wolle.“ Und sie fügte ihren Worten hinzu: „Du bist immer noch du und ich liebe dich.“ „Das war der Satz“, sollte Reeve später schreiben, „der mir das Leben rettete.“

Reeve erinnert sich an diese Szene in seiner Autobiographie „Immer noch ich“, die am 10. Februar in Deutschland erschien. Die Doppelbedeutung des Titels „Still Me“ kommt nur im englischen Original zum Tragen. Er greift, wie die deutsche Übersetzung, die Worte von Reeves Frau auf, heißt aber gleichzeitig auch: „Ich Bewegungsloser“. Als solcher führt Reeve seit jenem Unfall im Mai 1995 das, was er sein zweites Leben nennt. Fünfeinhalb Stunden vergehen jeden Tag allein damit, dass er für den Tag hergerichtet und abends wieder zu Bett gebracht werden kann. Zwei Pfleger müssen ihm beim Aufstehen helfen, zwei beim Zubettgehen. Ein Beatmungsschlauch führt zu einem künstlichen Schlitz in der Luftröhre. Sein Bett ist zugleich seine Toilette, der Stuhlgang muss künstlich eingeleitet werden. Dreimal pro Woche heben ihn Krankenschwestern mit Hilfe eines Tragriemens auf einen Spezialtisch, der von der Horizontalen bis fast zur Vertikalen gekippt werden kann. Ein Gurt über seiner Brust, auf der einst das scharlachrote „S“ für Superman prangte, hält ihn fest, ein weiterer Riemen ist über seine Hüfte gebunden, ein dritter umschließt seine leblosen Knie. Dann geht im Zeitlupentempo sein Kopf leicht nach oben, seine Füße berühren allmählich den Boden. Der Tisch neigt sich um zehn Grad, dann machen die Schwestern eine Pause. 20 Grad, nächste Pause. Den wachsenden Druck seiner 11o Kilo Körpergewicht auf seine zusammengebundenen Beine spürt der gelähmte Reeve nicht. Aber er spürt, je mehr er Tisch sich neigt, verstärkt den Sauerstoffmangel und Druck auf seine Lungen. Trotz des Beatmungsschlauchs schwitzt und keucht er, als der Tisch um 80 Grad gekippt wird. Querschnittsgelähmte müssen diese Prozedur nicht unbedingt auf sich nehmen; aber Reeve besteht darauf. Sie soll in Fällen wie dem seinen vor drohendem Muskelschwund und Osteoporose schützen.

Die Geschichte efolgte zum Buchstart von Reeves Buch "Still Me - Immer noch ich", das in WELTBILD vorabgedruckt wurde. Ausriss aus Weltbild Nr. 2, 1999

Dass er in solchen Momenten ein Bild tiefsten Elends abgibt, weiß Reeve selbst. Aber das ist es sicher nicht, was er mit „zweitem Leben“ meint. Das begann mit der Liebeserklärung seiner Frau an dem Krankenbett, das er bereits für sein Totenlager hielt. Der Erklärung, die ihm so viel Kraft verlieh, dass er – sämtlichen medizinischen Erkenntnissen zum Trotz – felsenfest behauptet: „Ich kann in ein paar Jahren wieder gehen.“ So in drei vielleicht, meint er. Spätestens aber in fünf. Mittlerweile hält ihn niemand mehr deswegen für verrückt. Denn Reeves unglaublicher Überlebenswille hat jetzt schon Berge versetzt.

Lähmungen durch ein gebrochenes Rückgrat galten bislang als irreparabel. Dass hier innerhalb weniger Jahre die Wissenschaft umdenkt, hat Reeve fast im Alleingang geschafft. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem nichts unmöglich ist“, verkündet er. Auch nicht das, was man bisher für unmöglich hielt. Dann hatte eben die Wissenschaft nur noch nicht die richtigen Mittel entdeckt. Vielleicht, weil ihr selbst Mittel fehlten? Reeve beschloss, ihr auf die Sprünge zu helfen.

Er sammelte Geld. „Wenn Sie viel für die Erforschung einer Krankheit ausgeben“, erklärt er, „werden Sie auch die Möglichkeit zu ihrer Heilung finden. Wissenschaftler wollen nicht im Verborgenen arbeiten und nicht unterbezahlt werden. Sie wollen Geld verdienen, sie wollen beachtet werden, vielleicht den Nobelpreis gewinnen.“ Mit einer schier unglaublichen Vitalität und unerschütterlichem Optimismus ging Reeve auf Missionsreisen, sammelte, seine Popularität nutzend, Spendengelder in Millionenhöhe, gründete das Reeve-Irvine-Forschungszentrum. An MEDIZINER UND Biologen in aller Welt appelliert er: „Dies ist eine Herausforderung, die ich mit der vergleiche, die John F. Kennedy an die Wissenschaftler gestellt hat, als er sie aufforderte, es möglich zu machen, dass bald ein Mensch auf dem Mond gehen kann.“

Weltbild-Artikel über Christopher Reeve. Ausriss aus Weltbild Nr. 2, 1999

Erster erfolg der Reeve-Mission: Im September 1996 fand der Schweizer Martin Schwab von der Universität Zürich einen Weg, Moleküle zu stoppen, die das Zentralnervensystem hemmen. Ihm wurde die Christopher-Reeve-Forschungsmedaille verliehen – dotiert mit einem Preisgeld von 50.000 Dollar. Dann gelang es schwedischen Wissenschaftlern bei Tierversuchen, durchtrennte Rückenmarkteile mit neuen Nervenbrücken zumindest teilweise zu regenerieren. In wenigen Jahren, hoffen sie, könne man diese Methode auch bei Menschen anwenden. Harlan Weinberg, einer der Ärzte, die Reeve behandeln, zeigt sich bereits vom Optimismus seines prominenten Patienten angesteckt: „Reeves Hoffnungen“, glaubt er, „sind nicht übertrieben. Die Rückenmark-Forschung ist einen großen Schritt weitergekommen.“

Prompt witzelte Schauspielerkollege Paul Newman bei einem Besuch Reeves: „Weißt di was? 1906 bekam ein Wissenschaftler den Nobelpreis für seinen ,Beweis‘, dass Rückenmarkgewebe sich nicht regenerieren kann. Wenn der noch am Leben wäre, müssten wir ihn finden und ihm den Preis wieder abnehmen.“

Leute wie Newman trifft Reeve noch laufend. Hollywood hat „Superman“ nicht abgeschrieben. Obwohl er mit nichts als seinem Gesicht spielen kann, war er in einer Neuverfilmung des Hitchcock-Thrillers „Das Fenster zum Hof“ im letzten Jahr wieder vor der Kamera – mit glänzenden Kritiken nach der TV-Erstausstrahlung im November 1998. Ein Jahr vorher gab er für den Fernsehfilm „In The Gloaming“ sein Debüt als Filmchef hinter der Kamera. Unter der Leitung des Regisseurs im Rollstuhl „arbeitetet jeder in der Crew übereifrig. Und nie kam jemand zu spät“, staunte Reeve. Seitdem gibt er Unternehmern einen entscheidenden Rat: „Setzt einen Menschen mit einer Behinderung ein in den Mittelpunkt eurer Belegschaft. Und eure Arbeiter werden sich weniger beschweren und noch viel produktiver sein. Stellt Menschen mit einer Behinderung ein! Sie motivieren den Rest eures Personals zu Höchstleistungen.“

Seit Christopher Reeve im Rollstuhl sitzt, verleiht der bekannte Mensch mit einer Behinderung den vielen unbekannten Leidensgenossen, denen er auch sein Buch gewidmet hat, eine Stimme: „Ich kämpfe unter anderem dafür, dass Krankenversicherungen di Deckungssumme bei Behinderungen erhöhen.“ Dass das Limit von einer Million Dollar zu niedrig ist weiß er aus eigener Erfahrung: Allein seine Behandlung kostet 350.000 Dollar pro Jahr. Außerdem wirbt er unermüdlich dafür, dass Menschen mit einer Behinderung realistisch in Filmrollen dargestellt werden. „Meistens sind sie im Fernsehen nur Kranke oder Böswichte“, klagte er kürzlich bei einem Vortrag in Toronto vor 6000 TV-Chefs aus aller Welt. „Wir brauchen ein paar Menschen mit einer Behinderung, die im Film eine Vorbildfunktion übernehmen.“ Er selbst sei nur einer von „49 Millionen Menschen mit einer Behinderung und einer Viertelmillion Querschnittsgelähmten auf der Welt. Wenn mein Unfall zu etwas gut war, dann dazu, dass ich mit den Wissenschaftlern in aller Welt an einer äußerst wichtigen Sache arbeite. Und das tue ich nicht für mich allein. Ich tue es für alle Menschen mit einer Behinderung auf der ganzen Erde.“

Aber er hat noch andere Gründe. Befragt nach seinem größten Wunsch äußert er spontan: „Ich möchte meine Frau Dana umarmen. Und meinen jüngsten Sohn Will Ich finde, darauf hat er ein Recht.“

Von Stefan Teplan alias Daniel Dopplan (s. dazu Erklärung im Kommentar)

© Stefan Teplan

 

John Irving: „Arbeiten. Sonst brauche nichts.“

Stefan Teplan sprach mit John Iriving  über dessen größtes Laster: die Schreibsucht   (Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999)

„Ich schreibe das an die Jünglinge, die noch nicht verdorben sind wie ich, der ich morgen wieder schreibe, weil ich diesem Laster verfallen bin, das abgefeimter und blutsaugerischer ist als der Morphinismus…“   (Bertolt Brecht in einem Aufsatz 1920)

„Schreiben ist eine Form von Besessenheit.“   (Leena Lander in einem Interview mit Stefan Teplan 1998)

Ausriss aus der Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 10, 1999

Reich und berühmt. Gutaussehend. Auflagenkönig: Erfolgreichster US-Schriftsteller. Zigfacher Millionär. Was will man mehr? John Irving ist ein, ist das gefundene Fressen nicht nur für Literaturkritiker, die in seltener Einmütigkeit sein sprachliches Genie in die höchsten Höhen des literarischen Himmels heben. Mehr noch vielleicht für Klatschreporter und Biographen, die so gerne eindeutig zweideutig schreiben, wenn sie in die tiefsten Niederungen des Privatlebens von Prominenten hinabstoßen. Wer es sich dann noch angetan hat, seine auch sprichwörtlich großen Romane – unter acht- bis neunhundert Seiten tut’s Irving meist nicht – zu lesen, dem ist wohl endgültig klar: Bei Irving muss man fündig werden. Wimmelt es doch in seinen Büchern von Exzessen und Exzentrikern, Irrungen und Wirrungen, erotischen Eskapaden und exotischen Welten, virtuos in Szene gesetzt innerhalb eines labyrinthartigen Handlungsgeflechts, so prall, so bunt, so komisch, so traurig wie das Leben selbst. Und weiß man doch, dass bei guten Schriftstellern fast alles autobiographisch ist.

Aber da befindet man sich bei John Irving schon auf dem Holzweg. Literaturkritiker stößt er vor den Kopf, weil er offen bekennt, dass er auf das Geschwätz von „Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln“, nichts gibt. Da bezeichnet er schon einmal ganz eindeutig Marcel Reich-Ranicki als „kulturloses Arschloch“. Bei Reportern und Biographen, die gierig die Feder spitzen, um in glühenden Farben das aufregende Leben des Multimillionärs zu schildern, macht er’s kurz: „Mein Leben ist langweilig“. Arroganz? Understatement? Koketterie? Nichts von alledem: die nackte Wahrheit, sieht man seinen Tagesablauf an. Frank und frei enthüllt er sein aufregendes Privatleben: „Ich schreibe sieben Tage die Woche sieben Stunden pro Tag. Wenn Sie das tun, wie interessant kann dann noch der Rest Ihres Lebens sein? Nicht besonders. Wenn ich anschließend zwei Stunden in meinen Fitnessraum gehe, ist der Tag vorbei. Viel kann nicht mehr passieren; ich gehe dann ins Bett. Das tue ich gewöhnlich sehr früh.“ Sehr früh, das heißt: neun Uhr abends. Gewöhnlich, das heißt: immer wenn er nicht auf Lese- oder Promotiontouren ist, wo er häufig auch abends zur Verfügung stehen muss, „Das“, klagt er, „ist das eigentlich Schwere an dieser Arbeit, weil ich normalerweise so früh ins Bett gehe.“ Da schreibt er schon lieber Romane. „Ich habe das große Glück, eine Arbeit zu haben, die ich genieße. Ich liebe meine Arbeit. Ich brauche sonst nichts.“ Kein Wunder, dass ein US-Journalist, der eine Biographie über Irving schreiben wollte, verzweifelt aufgab: „Alle erzählen das gleiche: John Irving steht morgens auf, schreibt, treibt Sport und geht wieder schlafen. Ich habe meinem Verleger den Vorschuss zurückgegeben. Es tut mir leid, Mr. Irving, aber Ihr Leben ist mir zu langweilig.“

Stefan Teplan über John Iriving - Ausriss aus WELTBILD Nr. 10, 1999

Gönnt Irving sich überhaupt Urlaub? Oder wenigstens seiner Frau Janet und ihrem siebenjährigen Sohn Everett (Irving hat noch einen 30- und einen 34jährigen Sohn aus erster Ehe). Das, gesteht er, tut er schon. „Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hasse es. Wir gehen einmal im Jahr zum Skifahren nach Colorado. Gut, ich genieße es dabei zwar, mit meinen Kindern zusammen zu sein. Aber ich würde lieber zu Hause sitzen und schreiben und mich abends mit den Kindern abgeben und morgens mit ihnen frühstücken.“ Eigentlich lebt er nur noch für zwei Dinge: Familie und Literatur. Das Ringen, das er einst – als Aktivkämpfer, später als Trainer und Schiedsrichter – betrieb, hat er vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt ringt er nur noch mit Worten.

Jeden Morgen sitzt er – in seinem Landhaus in Vermont oder seiner Stadtwohnung in Toronto – Punkt halb acht diszipliniert an seinem Schreibtisch, schreibt mit der Hand und tippt seine Texte später auf einer elektrischen Schreibmaschine. Beim Schreiben gilt für ihn dasselbe wie beim Ringen: „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin“

Langweiliges Leben? Die größten Abenteuer finden im Kopf statt

Und mit beiden Leidenschaften hat er als Teenager angefangen, weil „meine Kindheit sehr langweilig war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber das kann auch sehr langweilig sein. Deswegen ging ich nach der Schule heim und schrieb Geschichten in mein Notizheft.“ John Irving war als Kind und Jugendlicher introvertiert, der ewig Unterlegene, ein schlechter Schüler. So selbstkritisch beurteilt er sich selbst in seiner Autobiographie „Die imaginäre Freundin“ – die manche als langweilig empfinden, weil es darin fast nur um Ringen und Schreiben geht. Der spätere Star-Autor war Legastheniker. „Als sich herausstellte, dass mir die wiederholten Sprachtherapie-Kurse auch nicht halfen, den Unterschied zwischen ,Allegorie‘ und ,Allergie‘ zu erkennen, wurde ich dem Schulpsychiater übergeben.“ Der konnte ihm nur wenig helfen. Irving kämpfte sich, mit sieben Achtel eiserner Disziplin, allein nach oben – zum gefürchteten Turnier-Ringer und geachteten Romanautor. Zwischen 1968 und 1974 erschienen seine ersten drei Romane, doch erst mit dem vierten, „Garp und wie er die Welt sah“, gelang ihm 1978 der Durchbruch. Von da an wurde jeder seiner folgenden Romane (unter anderem „Das Hotel New Hampshire“, „Owen Meany“, „Zirkuskind“) ein Welterfolg.

Und dem Schreiben verschrieben hat er sich mit Haut und Haar, seit er davon leben kann. Jetzt schreibt er sogar über das Schreiben: „Witwe für ein Jahr“ ist ein mit zahllosen komplizierten Handlungs- und Nebenhandlungssträngen durchsetzter Roman über Schriftsteller, über Literatur, über die Wirklichkeit und die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn sie miteinander vermischt werden. Natürlich redet Irving am liebsten auch über das Schreiben. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich gerade wieder ein Buch entwerfe“, erzählt er. Eineinhalb bis zwei Jahre arbeitet er allein an der Planung eines Buches, entwirft akribisch die „Architektur eines Romans wie die Architektur eines großen Hauses“, mit allen Handlungsfäden und detailliert ausgearbeiteten Psychogrammen der Romanfiguren und ihrer Beziehungen zueinander. „Erst wenn ich alles im Kopf habe, beginne ich zu schreiben, und zwar zuerst den Schluss. Das dauert mindestens ein Jahr. Dann schreibe ich alles nochmal ein Jahr lang um.“ Schreiben ist für ihn das größte Abenteuer. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt.

© Stefan Teplan

Abraham Superstar

 

Stefan Teplan über die „Filmbibel“ von Leo Kirch und Ettore Bernabei:

Das Alte Testament ganz neu. Als gigantisches Fernseh-Epos kommt die Heilige Schrift ins Bild. Auftakt der Millionenschöpfung: die Geschichte von „Abraham“

(Erstveröffentlichung als Titelgeschichte des Magazins WELTBILD Nr. 26, 1994)

 

Am Anfang waren zwei Medienriesen. Mit einer Idee: das Buch der Bücher sollte zum Film der Filme werden. Zwei Männer und das Wort: Leo Kirch – deutscher Film- und Fernseh-Tycoon – und Ettore Bernabei – Filmproduzent und Ex-Generaldirektor des italienischen Fernsehens RAI – taten sich zusammen, um die Heilige Schrift in laufende Bilder zu übersetzen. Aus Bernabeis Filmfirma „Lux“ und Kirchs „BetaFilm“ wurde „LUBE“ – einzig dazu geründet, um (erstmals in der Filmgeschichte) das gesamte Alte Testament von Adam bis Zephanja auf Zelluloid zu bannen. Anspruchsvoller und authentischer als dies je zuvor geschehen war. Und trotzdem unterhaltsam.

Biblische Gestalten als Fernseh-Helden. David Serien- und Adam Einschaltkönig. Abraham Superstar. So etwas braucht viel Geld. Das haben Kirch und Bernabei. So etwas braucht viel Zeit. Die nahmen sie sich. Nach fast 15 (!) Jahren Arbeit ist nun endlich der erste Teil der Filmbibel fertiggestellt, in die 200 Millionen Mark investiert werden. Die TV-Fassung des Buchs Genesis soll nun, aufgeteilt in sechs 45-Minuten-Happen, über die Bildschirme flimmern.

„Die Studien für das Drehbuch glichen einem Bibelseminar“

Den Auftakt des Fernseh-Bibelkurses in 30 Stunden bildet die Geschichte Abrahams. Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Holland und dien USA strahlten sie bereits aus. Das deutsche Fernsehen hinkt hinterher. Grund: LUBE konnte hierzulande noch mit keinem Sender handelseinig werden. Nach derzeitigem Verhandlungsstand deutet alles darauf hin, dass die ARD das ganze Bibelpaket (geplant sind 21 Folgen) abnehmen und „Abraham“ voraussichtlich zu Ostern 1995 senden wird.

Von der Idee bis zur Umsetzung nimmt das BibelEpos allmählich selbst biblische Dimensionen an. Allein ein Blick auf die Produktion von „Abraham“ zeigt warum. Da man größten Wert auf en spirituellen Aspekt legt, haben Theologen das erste Wort. Ein internationales Team aus katholischen, evangelischen und jüdischen Bibelexperten erarbeitete Vorlagen für die Drehbuchautoren. Dann, so der beteiligte Max Küchler, Theologieprofessor im schweizerischen Fribourg, wurden „Generationen von Drehbuchautoren durchgetestet. Das hat natürlich sine Zweit gebraucht.“ Der US-Autor Bill Durham berichtet: „Die Studien für das Drehbuch glichen einem Seminar für Bibelforschung.“

Beim Drehen selbst wirkte der Ex-Jesuit Heinrich Krauss, den Leo Kirch von Anfang an mit dem Projekt betraute, als Berater mit. Krauss‘ Job: sicherzustellen, dass das Buch der Bücher immer noch wichtiger ist als das Drehbuch.

Abraham-Darsteller Richard Harris etwa hat sich, wie Kirchs Pressebetreuerin Michaela Niemeyer erzählt, mit Krauss‘ Hilfe „theologisch sehr mit seiner Rolle auseinandergesetzt, führte abends mit ihm lange Gespräche und diskutierte mit ihm, warum dies nun so oder so ist.“ Krauss ergänzt: „Harris lebte den Abraham Tag und Nacht.“ Gedreht wurde ausnahmslos in Marokko. „Weil“, so Krauss, „wir dort eher eine biblische Landschaft haben als in Israel.“

„Der ungewöhnlichste Segen, den je ein Papst erteilte: Toi toi toi“

„Ein herrlicher Monumentalfilm“ („Il Messagero“), „eines der gewaltigsten Fernseh-Projekte“ („Hollywood-Reporter Los Angeles“) – „Abraham“ stieß bei den Kritiken im Ausland überwiegend auf helle Begeisterung. Und Papst Johannes Paul II., der im Dezember 1993 die Produzenten zu einer Audienz empfing, rühmte den „vielversprechenden Anfang dank der von Ihnen in Anspruch genommenen Beratung.“

Der österreichische Programm-Intendant Wolfgang Marboe war es, der – vor der ORF-Ausstrahlung von „Abraham“ – im Vatikan die für den Anlass fast respektlos-saloppe Bitte äußerte: „Heiliger Vater, wünschen Sie uns doch für dieses Projekt toi toi toi.“ Johannes Paul II. reagierte prompt und erteilte der Millionen-Schöpfung den wohl ungewöhnlichsten Segen, den je ein Papst gespendet hat: „Toi toi toi“.

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Ben Kingsley als „Held wider Willen“

Interview von Stefan Teplan mit Oscar-Preisträger Ben Kingsley

WELTBILD-Redakteur Stefan Teplan sprach mit dem Weltstar über desen Rolle als Moses in der Mammut-Verfilmung der Bibel durch die Leo-Kirch-Gruppe

(Erstveröffentlichung im Magazin WELTBILD Nr. 27/1996


Ausriss aus Weltbild Nr. 27/1996 - Stefan Teplan mit Ben Kingsley bei der Premiere des Films "Moses"

Stefan Teplan: Sie haben den Ruf, sich wie kein anderer Schauspieler in Ihre Rollen einzuleben und sich damit zu identifizieren. Wie ist es Ihnen da mit Moses gegangen?

Ben Kingsley: Das ist eine der bekanntesten Fehleinschätzungen überhaupt. Ich kann Ihnen das auch nachsehen. Aber die Schauspielerei ist etwas, was ich tue, um mein Geld zu verdienen, um meine vier Kinder und meine Frau zu ernähren – mehr ist es nicht. Dass ich mich in einen Rolle versetzen muss, ist eine reine Vorgabe. Ich stelle einfach etwas dar. Das ist ein Handwerk, das man erlernen kann und in dem man vorgibt, jemand anderer zu sein. Es ist etwas, wo man einen bestimmten Charakter darstellt…

Stefan Teplan: … der einen aber, wenn man sich in ihn vollständig einfühlt, vielleicht auch selbst verändern kann.

Ben Kingsley: Das ist eigentlich eine ganz einfache Aufgabe, diese Handlung umzusetzen, die einem vorgegeben wird. Und das führt nicht unbedingt zu einer Veränderung. Das ist nur Energie, eine Kraft, die ich sehr stark in einen bestimmten Charakter konzentriere, so dass dieser Charakter durch mich lebt. Aber auf die Psyche hat das überhaupt keine Auswirkungen. Ich sitze hier als Ben und werde auch weiterhin als Ben hier sitzen. Sie können das vergleichen mit einem Maler, der ein Porträt malt. Er hat eine gewisse Distanz; er muss ja nicht die Person werden, die er auf dem Bild darstellt. Genauso ist die Distanz auch zwischen mir und dem Charakter. Diese Distanz ist immer gegeben.

Stefan Teplan: Wollen Sie jetzt Ihren Ruf zerstören?

Ben Kingsley: Ich möchte den Mythos meiner minutiösen Vorbereitung auf eine Rolle nicht allzu sehr zerstören; das schmeichelt mir ja auch irgendwie. Aber ich muss so ehrlich sein und Ihnen sagen, meine Hauptaufgabe als Schauspieler ist es, voll da zu sein, mich auf die Situation einzustellen. Ich muss am Drehort selbst ein Bewusstsein für die Situation haben, die gerade gedreht wird. Ich muss auf meine Kollegen eingehen können, ich muss auf die Kamera eingehen können, auf die Tausende von Marokkanern (der Film „Moses“ wurde in Marokko gedreht – Anm. d. Red.), die an dem Film mitgewirkt haben, von denen die meisten meinen Namen kennen und mir guten Morgen wünschten – es sind übrigens ganz phantastische Leute – , und es ist dieser Druck, den ich verspüre, wenn Aufnahmen gemacht werden. Das alles führt dann dazu, dass ich mich an die Situation anpassen kann.

Stefan Teplan: Also Spontanität vor Rollenpauken?

Ben Kingsley: Ich kann natürlich auch zu Hause in meinem Haus in England sitzen und in Büchern mir eine Vorstellung davon anlesen, wie es wohl ist, wenn man bei brütender Hitze in einer Wüste ist und Tausende von Leuten um sich herum hat. Aber das ist natürlich nicht das Gleiche, als wenn ich in der Wüste selbst da bin und dann fühle, wie die Sonne auf mich einbrennt. Dann bin ich da, da bin ich ich selbst und das ist die beste Vorbereitung.

Stefan Teplan: Hatte die Verfilmung des Moses zumindest einen Einfluss auf Ihre Lebensphilosophie?

Ben Kingsley: Es ist eigentlich eine Minimierung von Handlungen, die man für einen Film vornimmt. Denn man versucht, eine gewisse Realität zu projizieren. Ich habe 15 Jahre lang Shakespeare gespielt, und ich bin dabei in Theatern aufgetreten, die nicht größer waren als dieser Raum hier. Und ich musste in diesen Theatern die Personen, die ich dargestellt hatte, bis in die hinterste Ecke des Raumes projizieren. Das hat auch eine gewisse Energie vorausgesetzt. Beim Film ist das ganz anders. Dort ist es die Kamera, die mich sucht, mich findet und dann das aufnimmt, was ich in einen Charakter investiere.

Stefan Teplan: Also ist Moses für sie eine Rolle wie jede andere? Oder gibt es etwas, was Sie daran besonders fasziniert?

Ben Kingsley: Das Moses ist gewissermaßen ein Held wider Willen, er will eigentlich gar kein Held sein. Außerdem hat er Probleme beim Sprechen, richtige Kommunikationsprobleme. Und dieser Held wider Willen mit Kommunikationsproblemen ist die große Herausforderung für den Schauspieler, eine Herausforderung, die ich auch jetzt noch verspüre, wenn ich Ihnen das erläutere. Es ist diese Tatsache, dass da ein Mensch ist, der zu Gott sagt: „Du hast den falschen erwählt. Ich bin nicht der richtige Mann, um diese Aufgabe wahrzunehmen.“ Und der es dann doch schafft, zum Führer und Sprecher eines Volkes zu werden. Gerade diese Dynamik, die sich aus dem Charakter ergibt, ist auch für den Schauspieler etwas ganz Besonderes, weil er merkt, dass er auch das Bewusstsein der Zuschauer entsprechend beeinflussen kann. Moses ist die Geschichte eines verlassenen, ausgestoßenen Kindes, das als Mann zum Führer eines Volkes wird und im Blickpunkt aller Handlungen seines Volkes steht. Und diese Entwicklung verleiht diesem Film seine ganz besondere Dynamik. Es ist wirklich einfach außerordentlich, diese Entwicklung zu sehen.

Stefan Teplan: Sie haben jetzt mit „Joseph“ und „Moses“ in zwei Bibelfilmen mitgespielt. Sind Sie selbst religiös?

Ben Kingsley: Darauf möchte ich nicht öffentlich eingehen. Das ist eine sehr persönliche Sache, die nur mich allein betrifft. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

Stefan Teplan: Gehören Sie denn einer Kirche oder einer religiösen Gemeinschaft an?

Ben Kingsley: Nein.

Stefan Teplan: Immerhin aber mussten Sie sich schon rein beruflich mit der Bibel beschäftigen. Was für ein Verhältnis haben Sie zu ihr?

Ben Kingsley: Wahrscheinlich habe ich zu ihr dasselbe Verhältnis wie Sie. Vielleicht habe ich inzwischen nur etwas mehr Einblick, wie sich dieser Exodus der Israeliten aus Ägyptenabgespielt haben muss. So eine Reise, die 40 Jahre lang dauert, ist natürlich, besonders für uns heute, unfassbar – noch dazu eine Reise, die man mit äußerst ungeduldigen Menschen unternimmt, die jeden Tag meckern und an einem etwas auszusetzen haben. Ich denke, ich habe jetzt eine Beziehung zu dieser Geschichte. Es ist einfach so, dass ich jetzt Gesichter sehe. Ich weiß jetzt, wie die Charaktere sind, ich weiß jetzt, wer Miriam ist, ich kenne Aaron oder den Pharao. Das sind Leute, die mussten ganz schreckliche Entscheidungen treffen, und ich hatte einfach in zwei Monaten das nachgestellt, was diese Leute in 40 Jahren erlebt haben. Ich habe inzwischen ein persönliches Verhältnis zu diesem Teil der Bibel, und ich halte die Bibel für ein ganz besonderes Buch.

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Interview mit Waris Dirie – Der Kampf der Wüstenblume

 

Stefan Teplan mit Waris Dirie - Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Stefan Teplan mit Waris Dirie - von Dirie signierter Ausriss aus Weltbild Nr. 21, 1998

Waris Dirie – internationales Top-Model, UNO-Sonderbotschafterin und Bestseller-Autorin – sprach in New York mit Redakteur Stefan Teplan – mehrere Monate vor dem Erscheinen ihrer Auto-Biographie „Wüstenblume“. „Das wird ein Bestseller“, prophezeite ihr Teplan. „Niemals“, lachte Dirie. „Die deutsche Übersetzung erscheint in unserer Verlagsgruppe – und ich mache PR dafür“, versprach ihr Teplan. „Wüstenblume“  wurde zum meistverkauften Buch des kommenden Jahres. Da kam Dirie nach Deutschland, schlug bei einem öffentlichen Promotion-Termin den Weltbild-Artikel auf, den Teplan über ihr Gespräch gemacht hatte und überreichte ihm eine Dankesnote: „Thank you, Stefan. Waris Dirie“ (s. Bild oben).

 

Stefan Teplan: Eigentlich müssten Sie ja Männer hassen?

Waris Dirie: Warum?

Stefan Teplan: Als Kind wurden Sie missbraucht. Ala Jugendliche vergewaltigt. Mit fünf Jahren wurden Sie brutal beschnitten und Ihrer Weiblichkeit beraubt – alles Auswüchse sexueller Tyrannei der Männerwelt in Ihrer Heimat Somalia. Reicht das nicht?

Waris Dirie: Aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich die Männer hasse. Das wäre nicht fair. Nicht alle Männer sind gleich. Ich hatte eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Man muss so etwas hinter sich lassen, denn man kann nicht ein ganzes Leben von Zorn oder Hass erfüllt sein. Und ich will nicht hassen, das ist das alles nicht wert. Nein, wirklich, ich hasse die Männer nicht.

Stefan Teplan: Zumindest lassen Sie in Ihrem Buch den Verdacht aufkommen, dass mit der Männerwelt etwas nicht stimmen kann. Gewaltakte bis zu den Kriegen gehen für Sie auf das Konto der Männer. „Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron“, schreiben Sie in Ihrem Buch, „gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen.“

Waris Dirie: Natürlich kamen, als ich das Buch schrieb, diese Dinge voller Zorn in mir hoch. Ich bedaure auch nichts von dem, was ich geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür. Es ist schließlich nichts als die Wahrheit. Wenn Sie zum Beispiel nur mal in den Fernseher schauen und Sie kriegen diese ganzen Vergewaltigungen mit, dieses ganze Töten – wer macht das alles? Man sieht nie, dass Frauen in den Straßen herumlaufen und von der Polizei gefasst werden, weil sie gerade drei Kinder umgelegt oder ein Gebäude mit Hunderten von Menschen in die Luft gesprengt haben. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was in euch Männern tickt.

Stefan Teplan: Die Männerwelt ist auch schuld daran, dass Sie wie Millionen andere Frauen beschnitten worden sind.

Waris Dirie: Ja, diese ganze Sache mit der Beschneidung ist nur ein reines Männerproblem…

Stefan Teplan: …weil Männer in vielen afrikanischen Ländern Frauen keine sexuelle Lust zugestehen und sicherstellen wollen, dass Mädchen bis zur Hochzeit Jungfrauen bleiben.

Waris Dirie: Ja. Es ist alles nur eine Machtdemonstration; die Männer dort wollen zeigen, dass sie in jeder Hinsicht der Boss sind. Die Frauen müssen alles machen, was der Mann will, und wenn sie nicht wollen, dann eben mit Zwang. Sie haben keine freie Wahl. Männer nutzen ihre körperliche Überlegenheit aus. Nur weil ihr Männer stärker seid als wir, gibt euch das noch kein Recht, brutal zu sein. Das ist schwach, wirklich das Schwächste, was man sich vorstellen kann. Wir haben doch so viel Gutes in der Welt, Gott gab uns so viel. Warum tun so viele Menschen das Verkehrte und entscheiden sich dafür zu hassen anstatt sich an dem Schönen im Leben zu erfreuen?

Waris Dirie und Stefan Teplan in New York.

Top-Model und UNO-Botschafterin Waris Dirie mit Stefan Teplan in New York. Ausschnittt aus dem Magazin WELTBILD

Stefan Teplan: Sie haben Ihr ganzes Leben unter dieser Beschneidung gelitten. Warum haben Sie eigentlich so lange geschwiegen und warum outen Sie sich jetzt?

Waris Dirie: Es ging mir nicht darum, mich zu outen, weil es jetzt vielleicht in ist, sich mit irgendetwas zu outen. Ich hatte die Möglichkeit, dieses Buch zu machen und nutzte sie, über diese Sache mit der Beschneidung zu sprechen – ohne zu wissen, was herauskommen würde oder wie die Menschen darauf reagieren. Ich dachte mir schon, dass ich damit auch ein ziemliches Risiko eingehen würde, be- und verurteilt zu werden, wenn ich öffentlich erzähle, wie schlimm so eine Beschneidung ist, wie ich damit lebe, wenn ich erzähle, was in Afrika – besonders in Somalia, woher ich komm – in dieser Beziehung abläuft. Aber dann habe ich es einfach gewagt und dacht e mir: mal sehen, was passiert.

Stefan Teplan: Es ist sehr viel passiert. Das Medienecho ist schon vor dem Buchstart überwältigend. Hat Sie das überrascht.

Waris Dirie: Oh ja, absolut. Dieses Presseecho hat mich regelrecht schockiert. Nachdem ich mit meiner Geschichte in einem Interview mit der Zeitschrift Marie Claire auspackte, spazierte ich so die Straßen entlang und hatte wirklich Angst, umgebracht zu werden.

Stefan Teplan: Wer sollte Sie umbringen wollen?

 

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Weltbild-Titel Nr. 21, 1998

Das Interview mit Waris Dirie erschien als Titel-Interview für das erste Weltbild-Magazin in neuem Outfit, mit dem sich Weltbild in einem Relaunch ganz neu auf dem Markt präsentierte (s. Titelbild unten). Als zusätzliche PR-Maßnahme organisierte Stefan Teplan für die PR noch Prominenten-Zitate und einen Meinungsbeitrag von Maria von Welser, Leiterin des TV-Frauenjournals Mona Lisa“. Jener Beitrag von Maria von Welser kann aus Copyright-Gründen an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden.

 

Waris Dirie: Wissen Sie, weil diese Beschneidung von Mädchen ein solch brisantes Tabuthema ist, überlegte ich mir plötzlich: Oh Gott, was habe ich da nur gesagt und getan? Aber jetzt bin ich absolut zufrieden mit dem, was herausgekommen ist.

Stefan Teplan: Was ist denn außer den Pressereaktionen noch passiert? Sie wollten doch für eine Kampagne gegen die Beschneidung auch nach Afrika gehen?

Waris Dirie: Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ich gehe zunächst einmal nach Somalia.

Stefan Teplan: Was muss am wirkungsvollsten geschehen, um die Barbarei der Beschneidung von Mädchen zu beenden?

Waris Dirie: Ich weiß selbst noch nicht genau, was man alles tun sollte, um gegen die Beschneidung anzukämpfen. Ich weiß nur, dass es leichter wäre, einen Krieg irgendwo zu beenden als das. Eben weil es so kulturell verwurzelt ist und als Tabu behandelt wird. Wenn Sie jetzt nach Somalia gehen und etwas darüber wissen wollen, wird Ihnen keiner Informationen geben. Sie müssen versteckt arbeiten. Ich belehre die Menschen jetzt auch nicht, indem ich sage: Tut das und das nicht! Aber ich kann sie vielleicht durch mein Beispiel betroffen machen, wenn ich erzähle, was ich mitgemacht habe, was ich fühle. Und ihnen vermittle, wie falsch das ist, was sie Frauen antun, weil auch so viele Frauen, so viele Kinder dabei sterben.

Stefan Teplan: Und dieses Verbrechen an den Frauen, so würde ich es nennen…

Waris Dirie: … ja, da haben Sie völlig recht, es ist ein Verbrechen…

Stefan Teplan: … geschieht rund 6000mal an jedem Tag?

Waris Dirie: Ja. Über zwei Millionen Beschneidungen werden weltweit pro Jahr durchgeführt. Man kann es eigentlich gar nicht richtig zählen, all die Leute im Busch, in der Wüste, die ohne Arzt und ohne jede Hilfe Beschneidungen machen – wie viele dabei sterben. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass wir uns in der Welt um anderes kümmern sollten als darum, ob ich meine Tochter noch verheiraten kann, weil sie beschnitten ist oder nicht. Wir müssen das Bewusstsein dieser Menschen verändern. Das, was man einem Mädchen bei der Beschneidung antut, ist ein solcher Gewaltakt, auf der anderen Seite ist da ein solches Gefühl von Ohnmacht. Als mir das passierte, wollte ich lieber sterben als so verstümmelt und unter diesen unsagbaren Schmerzen zurückgelassen zu werden. Ich wäre ja beinahe gestorben. Aber dann kommt deine Mutter und sagt dir: Das ist schon alles richtig so, das wirst du alles überstehen. Und du denkst: Wenn Mama das sagt, wird es schon stimmen. Aber viele überstehen es eben nicht. Und die Mütter werden einem auch nicht gerade sagen, wie schlimm es danach weitergeht.

Stefan Teplan: Die Frage ist, ob Ihre Mutter das wirklich für richtig hält.

Waris Dirie: Das glaube ich nicht einmal. Ich weiß, wie schlimm es mir damit geht und sie muss doch dasselbe fühlen. Ich spreche also für jede Frau, mit der das gemacht wurde oder der das noch droht.

Stefan Teplan: Nun haben Sie als Sonderbotschafterin der UNO die besten Möglichkeiten dazu.

Waris Dirie: Und für diese Möglichkeiten bin ich auch sehr dankbar. Auf diese Weise kann ich meine Botschaft am wirkungsvollsten vermitteln. Ich habe die UNO hinter mir.

Stefan Teplan: Ist das für Sie befriedigender als das Leben eines Models?

Waris Dirie: Absolut. Das macht mich vollkommen glücklich. Als ich, nachdem ich über mein Schicksal öffentlich erzählt hatte, von der UNO gefragt wurde, ob ich für sie arbeiten wolle, war das für mich gar keine Frage. Es ist viel besser und schöner, als ein Fotomodell zu sein. Was soll dieses ganze Model-Getue?

Stefan Teplan: Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es verrückt, so viel Geld dafür zu kriegen, dass man nur seinen Körper vor einer Kamera zur Schau stellt.

Waris Dirie: Es ist auch verrückt. Besonders, wenn man, wie ich, von Afrika kommt. Die Leute müssen dort schwer für ihren Lebensunterhalt kämpfen, es ist ein armes Land, auch ich musste sehr schwer dort arbeiten. Besonders bei uns in der Wüste lebte man Tag für Tag nur von der Hand in den Mund. Es ist aber gleichzeitig das schönste, das einfachste und natürlichste Leben, das man führen kann. Wenn dann Leute mit einer Kamera kommen und einen bitten „Stell dich einfach nur da hin, ich mache ein Foto von dir und gebe dir Geld dafür“, muss man das doch für verrückt halten.

Stefan Teplan: Ihr Leben in Afrika und Ihr Leben jetzt könnten nicht gegensätzlicher sein. Sie wuchsen in der Wildnis auf, jetzt leben Sie in diesem verrückten New York mitten in der Glamour-Welt. Sehnen Sie sich oft zurück?

Waris Dirie: Oh, und wie. Wenn ich irgendwo eine Avenue hinunter spaziere, schließe ich oft nur die Augen und tue so, als wäre ich woanders, in der freien Natur. Wenn ich mir bewusst machte, wo ich wirklich bin, und das jeden Tag, dann würde ich verrückt. New York ist kein Platz, an dem ich für immer leben möchte. Ich muss eben jetzt hier sein, um meine Arbeit zu tun und so lange ist es o.k.

Stefan Teplan: Und was für ein anderes Leben schwebt Ihnen vor, wen Sie einmal nicht mehr als Model arbeiten?

Waris Dirie: Ich möchte gerne etwas Humanitäres machen. Das wollte ich schon immer, ich will anderen Menschen helfen. Besonders Kindern. Ich möchte ein Heim oder eine Schule für missbrauchte Kinder aufbauen. Ich möchte auch für die Natur etwas tun, ich gehöre Greenpeace an und will im Umweltschutz aktiver werden. Natürlich werde ich weiter gegen Beschneidungen kämpfen und denke daran, in Afrika eine Art Frauenhaus zu errichten als Zuflucht für Mütter, die mit ihren Töchtern vor dieser unerträglichen Situation fliehen wollen.

Stefan Teplan: Sie kommen demnächst ja auch nach Europa, um Ihr Buch vorzustellen und um gegen Beschneidung zu sprechen.

Waris Dirie: Ich komme unter anderem nach Frankreich, Italien, Holland und nach Deutschland. Ich sage manchmal, die Deutschen sind mir das liebste Volk, weil sie so hinter einer Sache stehen.

Stefan Teplan: Ich denke, es werden dort viele geschockt sein, wenn Sie schildern, welches unsagbare Leid es ist, an den Geschlechtsorganen verstümmelt zu sein. Das kann sich sonst wohl kein Mensch vorstellen.

Waris Dirie: Oh, glauben Sie mir, jede Frau kann sich das vorstellen. Ich muss deswegen nicht Details aus meinem Liebesleben schildern.

Stefan Teplan: Eins würde mich aber schon noch interessieren: Bevor Sie sich geoutet haben, haben sich sicher auch schon viele Männer für Sie interessiert. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Waris Dirie: Ich habe alle abgeblockt. Die meisten dachten von mir mit der Zeit, dass ich lesbisch sei, weil man mich nie mit einem Mann sah und ich über alles andere, nur nicht über Liebe und Sex redete. Ich wies viele Männer ab und gab ihnen einfach keine Chance.

Stefan Teplan: Inzwischen Leben Sie fest mit Ihrem Partner Dana zusammen und haben ein Kind von ihm.

Waris Dirie: Ja, ich bin heute anders als noch vor einem Jahr. Vor allem, weil ich jetzt ein Kind habe. Einem Menschen das Leben zu geben ist unbeschreiblich und wiegt viel Leid auf. Das können Sie als Mann natürlich nicht wissen und werden es nie erfahren. Gott strafe euch Männer! Ha! Aber Scherz beiseite. Ich sehe jetzt einfach im Leben alles ganz anders; ich bin so glücklich.

Stefan Teplan: War es ein Wunschkind?

Waris Dirie: Ja, das war es. Ich habe so viel Liebe in mir, dass ich die ganze Welt damit versorgen könnte. Das Baby ist so etwas, mit dem ich diese Liebe, wie soll ich sagen …

Stefan Teplan: … in etwas kanalisieren kann?

Waris Dirie: Genau, das meine ich. Ich genieße es, morgens aufzustehen und Verantwortung für dieses Kind zu haben. Ich kann wirklich aus Erfahrung sagen: Das Leben wird durch ein eigenes Kind so viel schöner und angenehmer.

Stefan Teplan: Zu Ihrem Glücksgefühlt trägt es jetzt sicher zusätzlich noch bei, dass Sie sich Ihren Schmerz endlich von der Seele geschrieben haben.

Waris Dirie: Stimmt, das kommt auch noch dazu. Es war für mich wirklich hart, dieses Buch zu machen. Es war sehr schmerzlich, es war sehr stressig, es wühlte mich emotional sehr auf. Als ich es abgeschlossen hatte, atmete ich innerlich zuerst einmal tief durch und fühlte mich von so vielem gereinigt. Ich war befreit von etwas, was ich mein Leben lang streng als ein Geheimnis gehütet habe. Dieses Buch war für mich eine Art Therapie. Es hat mir selbst sehr geholfen, und ich hoffe, es hilft auch vielen anderen.

© Stefan Teplan

Erstveröffentlichung in Weltbild Nr. 21, 1998